Die Stolpersteine in Bad Salzuflen sind besondere Pflastersteine in Gehwegen, die an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur in der ostwestfälischen Stadt Bad Salzuflen im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe in Deutschland erinnern sollen.

Stolpersteine Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die während des Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in die Pflaster der Gehwege eingelassen. Mittlerweile gibt es über 100.000 Steine (Stand: Mai 2023) nicht nur in Deutschland, sondern auch in 18 weiteren europäischen Ländern.In #Turin (Italien) wurde heute der europaweit 50.000ste #Stolperstein verlegt! Er erinnert an Eleonora Levi. #Demnig @_Stolpersteine_ am 11. Januar 2015 auf Twitter. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Entscheidung für Bad Salzuflen Nach diversen Debatten und Diskussionen hat sich der Bad Salzufler StadtratRat stimmt mehrheitlich für die Verlegung der „Stolpersteine“/Auf neue Art die Erinnerung wahren in Lippe aktuell vom 10. Februar 2010 am 3. Februar 2010 mit großer Mehrheit für diese Art des Gedenkens an die Opfer der Nazis ausgesprochen:

„Die Stadt Bad Salzuflen beteiligt sich an dem von dem Künstler Gunter Demnig aus Köln entwickelten Projekt Stolpersteine. Zum individuellen Gedenken an die jüdischen Männer, Frauen und Kinder aus Bad Salzuflen und Schötmar, die während der NS-Zeit Opfer der Verfolgung geworden sind, soll jeweils auf dem Gehweg vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz ein Stolperstein gesetzt werden. Die Durchführung der Aktion wird dem Bad Salzufler Ratschlag übertragen, der hierbei vom Stadtarchiv unterstützt wird. Die Finanzierung des Projekts erfolgt ausschließlich über Paten, die vom Bad Salzufler Ratschlag angeworben werden.“

Der Ratschlag gegen Fremdenfeindlichkeit hatte die Aktion initiiert und in der Folge des Ratsbeschlusses um die Übernahme von Patenschaften geworben, die im Mai beisammen waren. „Erinnerung braucht einen Ort“, sagte Bürgermeister Dr. Wolfgang Honsdorf und stellte die Stolpersteine in eine Reihe mit der Tafel und dem Mahnmal an der Mauerstraße oder dem Gedenken an die Pogromnacht am 9. November.

Gunter Demnig verlegte im November 2010 in Salzuflen und Anfang Dezember 2011 im Ortsteil SchötmarStolpersteine in Schötmar bei der Ev.-ref. Kirchengemeinde Schötmar insgesamt mehr als sechzig Stolpersteine.

Verlegte Stolpersteine in Salzuflen Die heutigen Straßen waren während der NS-Zeit teils anders benannt: Adolf-Hitler-Straße = heute „Am Markt“, „Osterstraße“ und „Steege“

Am Markt 22

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mini|hochkant=1.2|Anzeige des Modehauses Andermann (1929) Kurt Andermann (* 10. Dezember 1919 in Bad Salzuflen) war einer der Söhne der hier seit 1900 ansässigen Kaufmannsfamilie Andermann. Seine Eltern, der aus der galizischen Kleinstadt Buczacz stammende David Andermann (1881–1942) und Sidonie (geborene Hamlet, 1884–1953), waren seit dem 9. Januar 1913 verheiratet und eröffneten zwei Jahre später im Erdgeschoss des Hauses Am Markt 22 ein Geschäft für Damen- und Herrenbekleidung. Das „Modehaus D. Andermann“ lieferte unter anderem exquisite Hüte an den lippischen Fürsten Leopold IV. Das zu einem der führenden Fachgeschäfte aufgestiegene Haus wurde schon am 28. März 1933, vier Tage vor dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, blockiert. Aufgrund der sich dadurch verschlechternden Geschäftslage entschloss sich die Familie Andermann zur Flucht aus Deutschland. Zunächst emigrierte Kurts Bruder Harry (* 1912) am 26. August 1937 in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires. Kurt Andermann flüchtete zwei Wochen später, am 11. September, nach Bodenbach im Sudetenland in der Tschechoslowakei. Er wohnte in Prag, von wo er 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Kurt Andermann kam später mit der Häftlingsnummer 85182 in das KZ-Außenlager SchwarzheideTotenbuch des KZ Sachsenhausen; abgerufen am 20. August 2023. und dann in das KZ Bergen-Belsen, wo er am 20. März 1944 ermordet wurde.

Kurts Eltern, David und Sidonie, waren im August 1938 in das Haus Augustastraße 4 zu Lina und Richard Hamlet (Cousin der Sidonie) gezogen, emigrierten von dort im März 1939 nach Paraguay und wohnten später bei ihrem Sohn Harry in Buenos Aires.

HIER WOHNTE / KURT ANDERMANN / JG. 1919 / FLUCHT 1937 CSR / DEPORTIERT 1942 / THERESIENSTADT / ERMORDET 20.3.1944 / BERGEN-BELSEN

Augustastraße 4

mini|hochkant=1.2|Anzeige des Hauses Hamlet im Bad Salzufler Wohnungs-Anzeiger von 1929 mini|hochkant=1.2|Werbeanzeige des Reste-Hauses (1931) Die sieben hier verlegten Stolpersteine erinnern an Rebekka Berger (* 22. Februar 1858 in Röhe; geb. Holländer), Richard (* 6. Mai 1891 in Schötmar; Cousin der Sidonie Andermann (siehe oben)) und Lina Hamlet (* 21. April 1889 in Stolberg; geb. Berger), Besitzer des Hauses Hamlet, sowie Günther (* 5. Oktober 1920 in Bad Salzuflen), Herbert (* 12. April 1924 in Bad Salzuflen), Max (* 29. September 1892 in Westheim, Ziegeleibesitzer) und Werner Stamm (* 30. Juli 1922 in Bad Salzuflen).Die Familie Stamm verließ Bad Salzuflen Ende August 1936 und zog nach Berlin-Charlottenburg. Sie alle kamen später nach Auschwitz bzw. Theresienstadt und wurden dort ermordet.Lina und Richard Hamlet wurden am 31. Juli 1942 von Bielefeld aus nach Theresienstadt (Transport XI/1, Nr. 142 ab Münster) und von dort am 29. Januar 1943 nach Auschwitz (Transport Ct, Nr. 355)Lina Hamlet in der Opferdatenbank bei www.holocaust.cz; abgerufen am 4. Dezember 2020. deportiert, wo die Eheleute ermordet wurden.

In Auschwitz wurden die beiden später ermordet. Ihr einziges Kind, Rolf Hamlet, war bereits am 16. Dezember 1938 nach England emigriert.

HIER WOHNTE / REBEKKA BERGER / GEB. HOLLÄNDER / JG. 1858 / DEPORTIERT 1942 / THERESIENSTADT / ERMORDET 10.12.1942 HIER WOHNTE / LINA HAMLET / GEB. BERGER / JG. 1889 / DEPORTIERT 1942 / THERESIENSTADT / 1943 AUSCHWITZ / ERMORDET IN / AUSCHWITZ HIER WOHNTE / RICHARD HAMLET / JG. 1891 / DEPORTIERT 1942 / THERESIENSTADT / 1943 AUSCHWITZ / ERMORDET IN / AUSCHWITZ HIER WOHNTE / GÜNTHER STAMM / JG. 1920 / DEPORTIERT 1943 / ERMORDET IN / AUSCHWITZ HIER WOHNTE / HERBERT STAMM / JG. 1924 / DEPORTIERT 1942 / ERMORDET IN / AUSCHWITZ HIER WOHNTE / MAX STAMM / JG. 1892 / DEPORTIERT 1943 / ERMORDET IN / AUSCHWITZ HIER WOHNTE / WERNER STAMM / JG. 1922 / DEPORTIERT 1943 / AUSCHWITZ / ERMORDET 2.1.1944

Beetstraße 11

Im Haus Nr. 11 wohnte der 1931 von Essen zugezogene Siegfried „Fritz“ Klarbach (* 2. Juni 1872 in Essen). Er wurde am 31. Juli 1942 über Bielefeld nach Theresienstadt deportiert und dort am 2. September desselben Jahres ermordet.

HIER WOHNTE / SIEGFRIED / KLARBACH / JG. 1872 / DEPORTIERT 1942 / THERESIENSTADT / ERMORDET  2.9.1942

Brüderstraße 26

mini|Anzeige im „Fürstlich Lippischen Regierungs- und Anzeigeblatt“ (1876) Siegfried Obermeyer (* 22. Juni 1883 in Salzuflen), Amalia (* 18. Juni 1895 in Münster, geborene Scheiberg) und Ernst (* 30. Juni 1920 in Münster) entstammten einer der bis 1933 angesehensten Familien der Stadt, die seit 1900 ein 1858 von Joseph Obermeyer (1797–1869, Großvater des Siegfried) gegründetes und dessen Sohn Salomon Obermeyer (1844–1927, Vater des Siegfried) weiterbetriebenes Haushalts- und Eisenwarengeschäft im Haus Lange Straße 39/41 führten. Der 1618 errichtete, dreigeschossige Fachwerkbau mit zwei Speicheretagen, vierfacher Vorkragung und reichem Rosettenschmuck prägt neben vielen weiteren Gebäuden dieser Art das Salzufler Stadtbild. Mit der Übernahme des Geschäfts in den frühen 1920er Jahren durch Siegfried Obermeyer entwickelte es sich zu einem der führenden Kaufhäuser in der Stadt. Neben seiner Geschäftstätigkeit war Siegfried letzter Vorsteher der Jüdischen Synagogengemeinde Bad Salzuflens. Die Schließung der Haushaltswarenhandlung Obermeyer wurde am 12. November 1938 zum Ende des Jahres angeordnet. Erst danach entschloss sich die Familie Deutschland zu verlassen. Sohn Ernst emigrierte am 27. August nach Waalwijk in den Niederlanden. Seine Eltern verließen Salzuflen am 10. Oktober 1939 nach Herford und flüchteten von dort am 18. April 1940 nach Luxemburg, wo sie durch die Besetzung Luxemburgs etwa einen Monat nach ihrer Flucht wieder den Nationalsozialisten in die Hände fielen. Die Eheleute kamen am 9. September 1941 in das Sammelghetto „Jüdisches Altersheim Fünfbrunnen“ und von dort am 16. Oktober in das Ghetto von Lodz. Siegfried Obermeyer verstarb dort am 16. September 1942, Amalia Obermeyer am 29. April 1944. Sohn Ernst wurde Ende August 1942 in das Durchgangslager Westerbork gebracht und von dort wenig später nach Auschwitz deportiert. Hier wurde er am 2. Januar 1943 ermordet.Nur Sohn Hans (John) (* 1. Juni 1928) überlebte: Er reiste mit einem der letzten „Kindertransporte“ am 4. Juli 1939 von Bad Salzuflen nach England und später weiter in die Nähe von New York in den Vereinigten Staaten. – Er finanzierte die drei Stolpersteine für seine Eltern und seinen Bruder.Jüdisches Ehepaar 1940 nach Lodz deportiert bei www.hiergeblieben.de

Ida Stern (* 15. Februar 1890 in Hemmerde) lebte vom 26. August 1936 bis zum 30. September 1937 in Bad Salzuflen. Sie war die Hausgehilfin der jüdischen Familie Obermeyer. Von ihrem Heimatort aus wurde sie deportiert und in Sobibor ermordet.

HIER WOHNTE / AMALIA OBERMEYER / JG. 1895 / FLUCHT 1940 LUXEMBURG / INTERNIERT 1941 / SAMMELLAGER / KLOSTER FÜNFBRUNNEN / DEPORTIERT 1941 / LODZ / ERMORDET  29.4.1944

HIER WOHNTE / ERNST OBERMEYER / JG. 1920 / FLUCHT 1938 HOLLAND / INTERNIERT 1942 / WESTERBORK / DEPORTIERT 1942 / AUSCHWITZ / ERMORDET  2.1.1943

HIER WOHNTE / SIEGFRIED / OBERMEYER / JG. 1883 / FLUCHT 1940 LUXEMBURG / INTERNIERT 1941 / SAMMELLAGER / KLOSTER FÜNFBRUNNEN / DEPORTIERT 1941 / LODZ / ERMORDET  16.9.1942

Lange Straße 11

Hier, am südlichen Rande des Salzhofs, stand bis 1980 das 1512 gebaute Haus ‚Tellmann/Reker‘, in dem Jenny Katzenstein (* 24. März 1883 in Salzuflen) einst wohnte. Später wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

HIER WOHNTE / JENNY / KATZENSTEIN / JG. 1883 / DEPORTIERT / AUSCHWITZ / ERMORDET

Obere Mühlenstraße 8

1913 gelangte David Israel Berghausen (* 1. September 1882 in Frille) in Besitz des 1901 vom jüdischen Metzger Nathan Hecht erbauten Hauses Obere Mühlenstraße 8, in dem er eine kleine Fell- und Darmhandlung unterhielt. Er war mit der Tochter des Hauses, Julie S. (* 7. September 1867 in Salzuflen; geb. Hecht), verheiratet. Die beiden gehörten neben der Putzmacherin und Julies jüngerer Schwester Elise Hecht (* 1. April 1869 in Salzuflen; † 24. März 1943 im KZ Theresienstadt) sowie Richard und Lina Hamlet zu den letzten fünf noch in Salzuflen lebenden Juden.

Am 24. Juli wurde David Berghausen aufgrund einer Denunzierung seines Nachbarn in „Schutzhaft“ genommen: Er habe als Rassenschänder die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet. Da die Nürnberger Gesetze aber zu dem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht waren, wurde Berghausen nicht verurteilt. In der Pogromnacht auf den 10. November 1938 wurde auch die Wohnung der Eheleute Berghausen von den Nationalsozialisten zerstört.