Lettische Literatur bezeichnet die literarischen Werke der Letten in Vergangenheit und Gegenwart, die in lettischer Sprache verfasst wurden.
Geschichte Die Lied- und Spruchdichtung sowie mythische Erzählungen in lettischer Sprache haben.eine lange mündliche Tradition. Eine eigenständige lettische Literatur in Schriftform existiert jedoch erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die deutschsprachige gelehrte Aufklärung in Riga, wo u. a. Johann Christoph Berens und Herder wirkten, traf zunächst auf die ungebildeten „Undeutschen“, d. h. Letten, und erhielt dadurch ein koloniales Element. Die deutschen Siedler, die der Eroberung durch die Schwertbrüder folgten, waren meist Handel treibende Stadtbürger, adlige Großgrundbesitzer auf dem Land sowie Angehörige der kirchlichen Oberschicht. Seit dem Mittelalter bis zum frühen 20. Jahrhundert blieb Deutsch daher die dominante Sprache in Bildung und Wissenschaft und bis zur 1860 einsetzenden, nach 1905 intensivierten Russifizierungspolitik auch in der Verwaltung. Durch die Bemühungen überwiegend deutschstämmiger Pastoren aus dem evangelischen Livland war seit der Reformation jedoch eine die Dialektgrenzen überwindende lettische Schriftsprache geschaffen worden, in der religiöse und erbauliche Werke (Katechismus, Gesang- und Psalmenbücher) übersetzt bzw. abgefasst wurden. Der Umfang dieser Buchproduktion verdeutlichte schon früh, dass Teile der wirtschaftlich erstarkenden lettischen Bevölkerung nicht mehr gewillt waren, deutsche Oberschulen zu besuchen.
Frühe Übersetzungen und Sammlungen in lettischer Sprache Das erste Buch auf Lettisch, eine Übersetzung des katholischen Katechismus des niederländisch-deutschen Jesuiten Petrus Canisius wurde 1585 nicht in Lettland, sondern im katholischen Vilnius, Litauen publiziert. Ein Jahr später erschien in Königsberg der erste evangelische Katechismus (der Kleine Katechismus Martin Luthers) auf Lettisch. Er wurde von Johann Rivius († 1585) übersetzt und von einem Pastorenkollegium aus Kurland und Semgallen veröffentlicht. Dieses Kollegium gab 1587 auch ein lettisches Gesangbuch heraus, das ebenfalls in Königsberg erschien: Undeudsche Psalmen und geistliche Lieder oder Gesenge, welche in den Kirchen des Fürstenthums Churland und Semigallien in Liefflande gesungen werden.Silvija Pāvidis: Undeutsche Psalmen. In: Ilze Krokša, Aina Balaško (Hg.): Vācu kultūra Latvijā. Ieskats vācu-latviešu novadu kultūras un vācu biedrību vēsturē = Deutsche Kultur in Lettland. Einblick in die Geschichte der deutsch-lettischen Regionskulturen und die deutsche Vereinsgeschichte. Latvijas Vācu Savienība, Riga 2009, ISBN 978-9984-39-832-7, S. 135. Die wichtigste Rolle für die Entwicklung der lettischen Schriftsprache in Livland im 17. Jahrhundert spielten der deutsche Theologe Georg Mancelius und der Autor der ersten lettischen Bibelübersetzung (1685–1689) Ernst Glück.Jānis Kresliņš: „DEIN Wort ist die Wahrheit.“ Über die Entstehung und die Auswirkungen der lettischen Bibel im 17. und 18. Jahrhundert. In: Heinrich Wittram (Hrsg.): Kirchliches Leben und Theologie in den baltischen Gebieten vom 16. bis 20. Jahrhundert. (= Baltische Seminare, Bd. 19). Carl-Schirren-Gesellschaft, Lüneburg 2011, ISBN 978-3-923149-63-6, S. 95–107. Die erste lettische Grammatik, verfasst von Georg Mancelius und Johann Georg Rehehusen, wurde 1644 in Riga gedruckt. AHF-Information Nr. 056, 25. Juni 2003. (PDF; 91 kB) Eine verbesserte Grammatik von Gotthard Friedrich Stender erschien 1761 in Braunschweig. Stender publizierte auch Übersetzungen aus der deutschen schöngeistigen Literatur in lettischer Sprache, um die aus Sicht der Aufklärung schädlichen Volksmärchen zu ersetzen.Scholz 1996, S. 362.
Junglettische Bewegung und nationale Romantik Einen wichtigen Baustein auf der Suche nach einer Nationalkultur bildete auch im damaligen Livland das Auffinden von „Ur“-Texten. Diese waren aber nicht in lettischer Sprache verfasst, sondern in der Sprache der deutschbaltischen Oberschicht. Bis weit ins 19. Jahrhundert wurde das Lettische von den Baltendeutschen als eine bäuerliche Sprache angesehen, die ungeeignet zum Ausdrücken gehobener Gedanken sei. Das änderte sich durch die Bewegung des Junglettentums, die an die reiche Volksdichtung und die nationalromantische Lyrik des frühen 19. Jahrhunderts anknüpfte. Dennoch mussten die Urtexte oft erst aus dem Deutschen übersetzt werden.Julija Boguna: Lettland als übersetzte Nation. (= Ost-West-Express, Kultur und Übersetzung, Bd. 22.) Frank&Timme-Verlag Berlin 2014. ISBN 978-3-7329-0103-6. mini|hochkant|Juris Alunāns (1864) Für das junglettische Geschichtsbewusstsein war die These Johann Gottfried Herders (1744–1803) vom Volksgeist von großer Bedeutung. Herder meinte, dass die lettischen Volkslieder zwar keine epischen Züge aufwiesen, doch müssten diese in der Frühzeit einmal existiert haben, nur seien sie während der deutschen Herrschaft verloren gegangen. Auch die 1824 gegründete Lettisch-Literärische Gesellschaft, die von deutsch-baltischen Geistlichen gegründet wurde, setzte sich bald nicht nur für die Erforschung und Dokumentation, sondern auch für die Förderung der lettischen Sprache ein. mini|hochkant|Die Volksliedsammlung mit etwa 128.000 Liedtexten in der Lettischen Nationalbibliothek Die Versuche von Ansis Līventāls (1803–1878), eine Kunstdichtung auf Basis der lettischen Volkslieder zu begründen, verfehlten deren Charakter allerdings völlig.Scholz 1996, S. 362. Juris Alunāns (1832–1864), der zahlreiche Neologismen kreierte, die sich in der Alltagssprache rasch verbreiteten, veröffentlichte 1856 Lieder in lettischer Sprache. Dieses Datum gilt vielfach als Geburtsstunde der modernen lettischen Literatur, die sich seit den 1860er Jahren unter dem Einfluss der Spätromantik entwickelte. Ein Großereignis bei der „Suche nach dem Heroischen“ in dieser Zeit war die Erschaffung des lettischen „Pseudonationalepos“Scholz 1996, S. 363. Lāčplēsis („Der Bärenreißer“, 1888) auf der Basis alter Mythen (vor allem Heinrichs Livländische Chronik) durch den Dichter Andrejs Pumpurs (1841–1902). Die Figur des kriegerischen Bärenreißers wurde seither in der lettischen Literatur und auf dem Theater häufig wieder aufgegriffen. Da die lettische Folklore tatsächlich arm an epischen Elementen war, wird Lāčplēsis heute von der Wissenschaft eher als Kunstprodukt romantischer Literatur und nicht als echtes Volksepos im Sinne der Kalevala oder des Nibelungenliedes verstanden.K. Klavins (Kļaviņš): Die Interpretationen des Mittelalters in Lettland während des nationalen Erwachens der Letten. Auch Miķelis Krogzemis (1850–1879) publizierte unter dem Pseudonym „Auseklis“ pseudomythologische Gedichte auf beachtlichem literarischen Niveau. Krišjānis Barons (1835–1923) wurde durch seine neunbändige Sammlung lettischer Volkslieder bekannt. Der metrische Aufbau dieser meist wohl vom 13. bis zum 16. Jahrhundert entstandenen Dainas ist meist durch vier Trochäen, seltener durch zwei Daktylen charakterisiert. Die Liedstrophen bestehen meist aus einem Vierzeiler, Alliteration ist ein häufiges Stilmittel, und viele Worte enden mit dem hinzugefügten Vokal „I“. 1873 fand das erste Sängerfest in Riga mit über 1000 Sängern statt.B. Spielhaus: Mythologische Gestalten der lettischen Dainas und die Ursachen ihrer Widerspiegelung in der lettischen Literatur. In: Zeitschrift für Slawistik, 1974. doi.org/10.1524/slaw.1974.19.1.274.
Ein von der Folklore und den Märchen waldreichen Memelregion beeinflusster später Vertreter der Nationalromantik war der Lyriker und Schulbuchautor Vilis Plūdons (1874–1940) mit seinen allegorischen, schon vom Symbolismus beeinflussten Gedichten (Divi pasaules, „Zwei Welten“, 1899), mit denen er nach dem Umsturz von 1934 auch dem Diktator Kārlis Ulmanis huldigte. mini|hochkant|links|Der Held Lāčplēsis mit den Bärenohren auf einer lettischen Briefmarke von 1995
Realismus In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine kräftige realistische, teils sozialkritische Strömung. Wichtige Vertreter waren Andrievs Niedra (1871–1942) und Juris Neikens (1826–1868). Unter den Baltendeutschen und heute auch in Deutschland besonders bekannt wurde der wohl durch Gogols beeinflusste Roman Mērnieku laiki (1879; dt. „Landvermesserzeiten“)Deutsche auszugsweise Ausgabe unter dem Titel: „Die Revisorenzeit“, Bearbeitung: Maria Guleke, Rigaer Tageblatt Nr. 26–61, 1883, vollständige Übersetzung und Neuausgabe: Landvermesserzeiten. Herausgeber und Verlag Kaspars Kļaviņš, Salzburg 2012. ISBN 978-3-9503342-0-3. der Brüder Reinis (1839–1920) und Matīss Kaudzīte (1848–1926). Es handelt sich um den ersten realistischen Roman der baltischen Literaturen und zugleich um einen Kriminalroman, der den Niedergang der alten lettischen Bauernmoral in den 1870er Jahren und den Wandel der Mentalitäten in der Phase der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft und der Neuverteilung des Landes behandelt. Psychologische Tiefe erhält das Buch durch die Beschreibung der Spannungen zwischen den Menschen, die an den alten Verhältnissen festhalten wollen, den Neuerern und den zwischen diesen Gruppen stehenden. Die „neuen“ sozialen Sitten, so etwa die Neigung, sich „deutschen“ Verhaltensweisen anzupassen, werden sozialsatorisch geschildert. Berühmt sind die Illustrationen der Ausgabe 1913 von Eduards Brencēns (1885–1929). Der Stoff wurde zweimal verfilmt und gelangte auch auf das Theater, so unter der Regie von Viesturs Kairišs am Lettischen Nationaltheater 2007. Dem Roman wurde im Jahr 2009 die lettische 1-Lats-Münze gewidmet.
Der Prägung durch die in Lettland verbreiteten Herrnhuter Brüdergemeinen und ihre religiös-didaktischen Schriften wird ein melancholisch-depressiver Ton in der realistischen Literatur und vor allem in den Landvermesserzeiten zugeschrieben (die sog. „Bauernklage“).Kaspars Kļaviņš, Einführung zu Landvermesserzeiten, 2012, S. 3 und 23
Die frühe lettische Moderne mini|Hof und Museum Blaumanis in Braki bei Ērgļi (1999) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entfernte sich die lettische Intelligenz von den nationalromantischen Ideen und wandte sich dem Marxismus, aber auch dem Symbolismus zu. Diese Intelligenz wurde als Neue Strömung (Der neue Strom, Jaunā strāva) bezeichnet. Sie war wie z. B. der Dichter Eduard Veidenbaum (1867–1892), vom russischen und westeuropäischen Sozialismus beeinflusst, neigte zur Abwertung des Romantizismus, zur Kritik am bis dahin vorurteilslos gezeichneten Deutschbaltentum und zur Ablehnung der Verklärung des lettischen Mittelalters.K. Klavins (Kļaviņš): Die Idee des Mittelalters als Beispiel des wechselnden Wertesystems in Lettland während des 20. Jahrhunderts. Veidenbaums satirische Gedichte zirkulierten nur in Abschriften, ein Versuch, sie 1908 zu veröffentlichen, führte zur Verhaftung des Herausgebers.Veidenbaum, Eduard Jekabovic. In: Große Sowjetenzyklopädie. 1979. Ebenfalls vom Symbolismus und von Tschechow beeinflusst war der Erzähler und Dramatiker Rūdolfs Blaumanis (1863–1908), dessen Werk aber auch naturalistische Züge aufweist. mini|300px|Rainis und Aspazija (Gedenktafel in Zürich)