Die Schwedische Israelmission in Wien war der österreichische Zweig einer schwedischen Missionsgesellschaft, die ihre Aufgabe in der Missionierung und Betreuung von Juden sah. Der Name „Israelmission“ (oder „Mission für Israel“) verweist auf das missionarische Grundanliegen: Juden sollten mit dem christlichen Glauben vertraut gemacht werden. Gleichzeitig hatte die Tätigkeit diakonischen Charakter, der zeitweise aufgrund besonderer Nöte der Wiener jüdischen Bevölkerung in den Vordergrund trat. Diese karitative Hilfsbereitschaft diente dann oft als missionarischer Anknüpfungspunkt.
In Wien begann die Schwedische Israelmission ihre Tätigkeit 1920 und beendete sie 1974. Sie verfügte über ein eigenes Haus in Wien-Alsergrund, Seegasse 16. Ihre Tätigkeit erfolgte in enger Verbindung mit der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich.
Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich half die Israelmission den durch die Nationalsozialisten stark bedrängten Juden, insbesondere evangelischen Konvertiten jüdischer Herkunft, bei der Ausreise aus Österreich; meistens wird die – nicht exakt bekannte – Zahl der bei der Ausreise Unterstützten mit ungefähr 3000 angegeben. Wenn historische Darstellungen das Wirken der Schwedischen Israelmission in Wien erwähnen, so stellen sie fast immer diese Unterstützung gefährdeter Juden in den Mittelpunkt.
mini|hochkant=1.5|Seegasse 16 (2013); oberhalb des Eingangs ist noch immer der Schriftzug SCHWEDISCHE MISSION zu lesen
Religiöse und soziale Situation um 1920 Österreich blieb auch nach Reformation und Aufklärung ein weitgehend katholisches Land. Durch die Toleranzpatente von Joseph II. erhielten einige Minderheiten beschränkte Rechte: Die Evangelischen Kirchen sowie die Griechisch-Orthodoxe Kirche 1781 und die Israelitische Religionsgesellschaft 1782. Durch die deutschnationale Los-von-Rom-Bewegung kam es vor dem Ersten Weltkrieg zu zahlreichen politisch motivierten Übertritten von der Katholischen zur Evangelischen Kirche. Hinter vielen Übertritten von Juden zu einer Kirche im Rahmen der Assimilation an die christliche Mehrheitsgesellschaft stand keine speziell religiöse Motivation. Übertritte zur Evangelischen Kirche konnten also auf unterschiedlichen Motiven beruhen.Rudolf Leeb, Maximilian Liebmann, Georg Scheibelreiter, Peter G. Tropper: Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart (Reihe Österreichische Geschichte, hrsg. von Herwig Wolfram). Wien 2003; ab S. 145 über die Reformation; S. 392 über die Los-von-Rom-Bewegung, danach über das 20. Jahrhundert.
Seit dem Friedensvertrag von St. Germain von 1919 gab es in Österreich Religionsfreiheit auch für nicht staatlich anerkannte Kirchen.Franz Graf-Stuhlhofer (Hrsg.): Frisches Wasser auf dürres Land. Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des Bundes der Baptistengemeinden in Österreich (=Baptismus-Studien; Bd. 7). Kassel 2005, S. 207–212 (Kap. Glaubensfreiheit). Dadurch konnten auch freie, nicht an eine bestimmte Kirche gebundene Missionswerke ungehindert agieren, außer in den Jahren 1934 bis 1945 – die autoritären Regierungen setzten Maßnahmen auch im religiösen Bereich.Rudolf Leeb, Maximilian Liebmann, Georg Scheibelreiter, Peter G. Tropper: Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart (Reihe Österreichische Geschichte. Wien 2003, S. 413–422 (Ständestaat), S. 423–439 (NS-Regime). Während des Dollfuß/Schuschnigg-Regimes waren nur einzelne Gemeinschaften davon betroffen; so wurde etwa die Tätigkeit der Zeugen Jehovas und der Pfingstgemeinden 1936 verboten. Die Israelmission war in diesen vier Jahren nicht beeinträchtigt. Die Herrschaft des Nationalsozialismus hatte weit radikalere Auswirkungen auf die christlichen Gemeinschaften – und auf eine Israelmission naheliegenderweise ganz besonders.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges, also ab 1918, kam Hilfe für die notleidende Wiener Bevölkerung von Schweizer Hilfseinrichtungen sowie aus Schweden. Diese Hilfe wurde danach durch die Benennung des Schwedenplatzes sowie der Schwedenbrücke in Wien anerkannt.Fischer u. a.: Österreich – Schweden, 2002, S. 428. Konkret engagierte sich u. a. die schwedische lutherische Kirche.Trinks: Die schwedische Mission, 2001. In Wien lebten neben wohlhabenden auch viele arme Juden; viele emigrierten nach Kriegsende aus ehemals zur Habsburgermonarchie gehörenden mittel- und osteuropäischen Regionen oder flohen aus umkämpften Gebieten.
Beginn 1875 war in Stockholm die Schwedische Israelmission (schwedisch: „Svenska Israelsmissionen“Zur Svenska Israelsmissionen siehe die schwedische Wikipedia :sv:Svenska Israelsmissionen.) gegründet worden. Dass sie eine Station in Wien begann, hat wohl mit der großen Zahl von Juden in Wien – etwa 200.000 – zu tun. Die Israelmission entsandte 1920 zwei Diakonissen nach Wien:Die gibt für diese Entsendung „November 1920“ an, Trinks: Die schwedische Mission, 2001, „1920“, dagegen Pammer: Barnen, 2012, S. 17 „Anfang 1921“. Anna Karlsson-LindskogKarlsson nahm im April 1921 sowie in den Jahren 1930–34 an Treffen der Wiener Evangelischen Allianz teil. Siehe Graf-Stuhlhofer: Evangelische Allianz, 2010; siehe dort das Personenregister, ebenso für die anderen Namen von Mitarbeitern. 1935 verließ Karlsson Wien. und Martha HellmannHellmann nahm im April 1921 sowie in den Jahren 1927–38 (nach dem Anschluss Österreichs wurde sie ausgewiesen) an Treffen der Wiener Evangelischen Allianz teil. Siehe Graf-Stuhlhofer: Evangelische Allianz, 2010.. Mit der evangelischen Kirche in Wien gab es eine gute Zusammenarbeit, und die Innere Mission stellte Räumlichkeiten im evangelischen Diakonissenheim bereit.Adresse: Wien 18, Canongasse 11. Daneben, an der Ecke Hans Sachs-Gasse, war das Evangelische Krankenhaus.
mini|Das Haus in der Seegasse 16 (2011)
Haus in der Seegasse 16 Im März 1922 erwarb die Schwedische Israelmission das Haus Seegasse Nr. 16. Dieses Haus war vom jüdischen Architekten Ludwig Schmidl errichtet worden. Ein Mädchen-UnterstützungsvereinDazu hatte es als Schule für arme jüdische Mädchen bauen lassen.. In diesem Haus konnten nun Mitarbeiter wohnen und Veranstaltungen für Judenchristen und andere interessierte Juden stattfinden.
Judentum im Bezirksteil Roßau Auf der anderen Straßenseite, dem gekauften Haus gegenüber, befand sich der alte jüdische Friedhof Roßau (Seegasse 9–11). „Roßau“ ist der Name eines Teils des Bezirks Alsergrund, damals „das Zentrum des assimilierten und wohlhabenden jüdischen Großbürgertums“.So Pammer: Barnen, 2012, S. 18. In der Roßau wohnten damals viele Juden, z. T. wohlhabende Ärzte oder Rechtsanwälte;So dieser Bezirksteil liegt in der Nähe der Universität Wien, und er grenzt an den Bezirk Leopoldstadt mit seinem traditionell hohen jüdischen Bevölkerungsanteil; dort wohnten viele arme, jiddisch sprechende, orthodoxe Ostjuden.
In der Seegasse selbst waren neben dem Friedhof noch einige weitere wichtige jüdische Einrichtungen: In der Seegasse 6 befand sich der Krankenunterstützungsverein „Gomle Chessed“, in der Seegasse 7 war der „Jüdische Witwen-Waisen-Hilfs- und Ausspeiseverein“, und in der Seegasse 9 befand sich das „Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde“, bis 1933 „Israelitisches Versorgungs- und Siechenhaus“ genannt; dieses Heim zählte zu den größten und modernsten in Europa., S. 24. Dort werden auch die folgenden jüdischen Einrichtungen aufgelistet.
In der Umgebung gab es noch weitere wichtige Einrichtungen, nur wenige Gehminuten von der Seegasse 16 entfernt: In der Müllnergasse waren eine Synagoge sowie der Verein „Frauenhort“, der sich für die Bekleidung armer jüdischer Schulkinder einsetzte, in der Pramergasse der „Jüdische Schulverein für den 9. Bezirk“ und in der Rotenlöwengasse der Sport- und Turnverein „Hapoel Hachadasch“.
Mission und Diakonie Die jüdische Orthodoxie in Wien beargwöhnte dieses missionarische Engagement. Die Israelmission war unter Kindern und Jugendlichen sehr aktiv; es kam zu Gerüchten, dass im Haus der Israelmission jüdische Kinder versteckt und getauft werden, und im Dezember 1922 gab es vor dem Haus Tumulte wütender Gegner, wovon die Presse berichtete.Pammer: Barnen, 2012, S. 18. Der erste Leiter der Missionsstation, Emil Weinhausen,Ein Missionar Weinhausen wird in den Protokollen der Wiener Evangelischen Allianz 1922 und 1924 erwähnt. Siehe Graf-Stuhlhofer: Evangelische Allianz, 2010. bemühte sich um ein gutes Verhältnis zur Israelitischen Kultusgemeinde.Trinks: Die schwedische Mission, 2001: „... Weinhausen, hat offensichtlich mit kluger Zurückhaltung diesen Antagonismus mildern können“. Auf offensives Missionieren wurde dann verzichtet.Unterköfler: Die Evangelische Kirche, 1991/92, S. 117f. 1923 wurden Räume dieses Hauses der evangelischen Stadtmission zur Verfügung gestellt, die dort eine Zweigstelle für Mutterberatung einrichtete.Hans Jaquemar: Innere Mission. Das Werden und Wirken der organisierten christlichen Liebestätigkeit in der Evangelischen Kirche Österreichs. Wien 1951, S. 154.
1924 übernahm der in ökumenischer Zusammenarbeit erfahrene Wiener Religionslehrer Hans HaberlÜber sein Wirken siehe Franz Graf-Stuhlhofer (Hrsg.): Hans Haberl (1868–1928), Nachdruck einer Gedenkschrift von 1968. In: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich 130 (2014) S. 119–134. nebenberuflich die Leitung der Missionsstation. Nach seinem Tod 1928 leitete interimistisch der Rektor der Inneren Mission, Hans Jaquemar, und ab 1929 der norwegische Israelmissionar Dr. Arne Jonsen, der zuvor in Bethlehem tätig war. Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche in Wien war es möglich, dass Juden, die getauft werden wollten, den Übertrittsunterricht im Haus der Israelmission erhielten. Pro Jahr traten etwa 50 bis 100 Juden und Jüdinnen zur Evangelischen Kirche über.Trinks: Die schwedische Mission, 2001, gibt die Zahl 100 an, gestützt auf die Jahresberichte der Israelmission; Pammer: Barnen, 2012, S. 19, gibt für die Jahre 1932 bis 1937 etwa 50 an, gestützt auf ein Buch von Lars Edvardsson: Kyrka och judendom. Svensk judemission med särskild hänsyn till Svenska Israelsmissionens verksamhet 1875-1975. Lund 1976, S. 172. Mehrere wohlhabende Juden ließen sich in Urlaubsorten Oberösterreichs evangelisch taufen.Unterköfler: Die Evangelische Kirche, 1991/92, S. 118f.
Diakonissen („Schwestern“) der Israelmission nahmen an den Treffen der Evangelischen Allianz in Wien teil, suchten also den Kontakt zu verantwortlichen Mitarbeitern anderer missionarischer und diakonischer Werke im Bereich des Wiener Protestantismus. Oft nahm auch der jeweilige Leiter der Israelmission teil.Das ist zu ersehen aus den Protokollen (mit Teilnehmerlisten) bei Graf-Stuhlhofer: Evangelische Allianz in Wien, 2010.
1936 erwarb die Israelmission nahe Wien ein Sommerheim in Weidling bei Klosterneuburg, Hauptstraße 156:Rolf Aurich et al. (Hrsg.): Fritz Lang. Leben und Werk, Bilder und Dokumente, 1890–1976. Jovis, Berlin 2001, ISBN 3-931321-74-6, S. 258. Den „Schlößlhof“, manchmal „Schwedenheim“ genannt, genützt zur Kinder- und Jugendbetreuung, als Altenheim sowie für Schulungen – dokumentiert ist z. B. eine Himmelfahrts-Tagung 1936 der Wiener Evangelischen Allianz zu den Themen Oxford-Gruppenbewegung sowie Volks-, Heiden- und Judenmission.Am 21. Mai 1936; siehe Graf-Stuhlhofer: Evangelische Allianz in Wien, 2010, S. 110f.
Vorträge und Institutum Judaicum