mini|Konzert zum Hochneujahr 1906 in Dresden Hochneujahr bezeichnet traditionell den 6. Januar, vor allem im süddeutschen und alpinen Raum, aber auch im thüringisch-sächsischen Kulturraum, und entspricht einer Neujahrsvorstellung, die sich durch Brauchtum und Volksglauben überliefert hat. Weitere Begriffe sind Hohneujahr, Großes Neujahr, Großneujahr, Oberster oder Öberster.
Der Ursprung dieser Neujahrsvorstellung wurde gemeinhin auf christliche Wurzeln zurückgeführt oder in einem christlichen Zeitraum angesetzt. Dieser christliche Ansatz für die Vorstellung des 6. Januar als Neujahrstag wird mittlerweile angezweifelt, da er durch keine christliche Tradition gestützt wird und zeitlich in keinem Zusammenhang mit den Kalenderumstellungen und Anpassungen des 16. bis 18. Jahrhunderts steht.
Dieser Artikel dient daher sowohl der Gegenüberstellung christlicher und vorchristlicher Deutungen, wie der Darstellung des damit verbundenen Brauchtums.
Christliche Herleitungen des Neujahrscharakters Es gibt verschiedene Ansätze, den Neujahrscharakter des 6. Januar aus einer christlichen Tradition zu erklären, oder ihr Entstehen zumindest in christlicher Zeit anzusetzen.
Im frühchristlichen Rom selbst wurde der 6. Januar zum Neujahr erklärt Diese These gründet sich auf zwei Behauptungen: Mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion (390/394 n. Chr. durch Kaiser Theodosius I.) wäre der Neujahrstag auf Grund des heidnischen Charakters des alten römischen Neujahrs vom 1. Januar auf den christlichen Epiphanias-Tag (Tag der Erscheinung des Herrn) des 6. Januar verlegt worden. Ein Beispiel beschreibt das evangelisch-lutherische Lexikon der Kirchengeschichte: „Im römischen Kalender wurde der 1. Januar im Jahr 46 vor Chr. offiziell zum Jahresbeginn erkoren. An diesem Tag fanden ausschweifende Feierlichkeiten mit Eßgelagen, Trinkgelagen und Opfergaben statt. Von den Christen wurde dieses heidnische Treiben abgelehnt, mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion der Neujahrstag auf den 6. Januar, den Tag der Taufe Jesu, verlegt und der 1. Januar zum Fastentag erklärt.“Ev-Luth. Kirchenkreis Schleswig-Holstein: Lexikon der Kirchengeschichte
Im Verständnis der frühchristlichen Gemeinden innerhalb des Imperium Romanum hätte sich das Datum des 6. Januar – dem Tag der Erscheinung des Herrn – zum christlichen Neujahrstag entwickelt, der als Volksglauben überdauert hat. Als Beispiel führt das Österreichische Kultur Informationssystem an: „Dreikönig (6. Jänner), Fest der Heiligen Drei Könige, auch Fest der Erscheinung des Herrn; galt bis ins 4. Jahrhundert als Tag der Taufe Christi (der eigentlichen Geburt) und wurde als Jahresbeginn angesehen (Hochneujahr)“.AEIOU – Österreichisches Kultur Informationssystem
Tatsächlich wurde das offizielle Römische Neujahrsdatum 1. Januar auch nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Kaiser Theodosius I. und dessen Nachfolger beibehalten, eine Änderung dieses Neujahrsdatum auf Grund christlicher Einflüsse ist in keiner Urkunde der Spätantike erkennbar. Mehr noch wurde dieses Datum – analog zu anderen römischen Traditionen (z. B. Titel Pontifex Maximus) – auch vom römischen Papsttum übernommen, womit der heidnisch-römische Festcharakter dieses Datums für die Kirchenführung evident wurde. Erste deutliche Distanz zu den nach wie vor praktizierten heidnischen Ritualen wird in den Sermones des Augustinus (wahrscheinlich um 418 n. Chr.) deutlich, verbunden mit ersten Versuchen dieses Datum stärker mit christlichen Inhalten zu verbinden.Theologische Realenzyklopädie, Band 29: Religionspsychologie – Samaritaner, S. 325. Augustinus, Sermones: „Jene geben Geschenke, Ihr sollt Almosen geben. Jene werden durch Gesänge des Schwelgens herbeigerufen, Ihr sollt euch durch die Reden der Schriften herbeirufen, Jene rennen zum Theater, ihr zur Kirche, jene schmausen, ihr aber sollt fasten.“
Eine bewusste Verlegung des römischen Neujahrsdatums auf ein christlich besetztes Datum wie Epiphanias lässt sich jedoch weder durch Augustinus noch durch spätere christliche Autoren begründen – im Gegenteil, wird bei aller Verurteilung des heidnischen Hintergrundes offensichtlich nicht an dem Neujahrsdatum gerüttelt.Gerhard Rohlfs: Die Anniculae bei Caesarius von Aries. In: Studia Neophilologica, Band 21. In seinen Aniculae verdammt Caesarius von Arles um etwa 500 n. Chr. jene lärmenden Umzüge, die in der traditionellen römischen Neujahrsnacht abgehalten wurden.
Sehr deutlich wird dieser Umstand durch den Themenbereich des Konzils von Tours im Jahr 567, auf dem neben einem Verbot des heidnisch-römischen Festes zu Ehren des Gottes Janus das Neujahrsdatum des 1. Januar durch das Fest der Beschneidung des Herrn mit einem christlichen Inhalt versehen wurde – auch hier ist keine Rede von einer Verlegung des traditionellen Neujahrstages auf ein anderes Datum. Das Problem blieb jedoch während der kommenden 200 Jahre weiter bestehen – so musste sich das Konzil von Toledo um 636 n. Chr. erneut mit der Frage beschäftigen.Theologische Realenzyklopädie: Religionspsychologie – Samaritaner, Band 29, Seite 325: „Im 6. Jahrhundert wird mit Gallien als Ausgangsregion ein christlicher Inhalt in Anschluss an Lukas 1,21 gesucht, denn der Neujahrstag war die Weihnachtsoktav. So wird der Neujahrstag zum Fest der Beschneidung Jesu, womit auch Jesu Namensgebung neu in ins Blickfeld trat […] Dementsprechend verbot das Konzil von Tours die Teilnahme an Festen zu Ehren des Gottes Janus […] ähnlich äußerte sich die Synode von Toledo (636).“
Noch in den Briefen des Bonifatius an Papst Zacharias im Jahr 742 n. Chr. wird das Problem der nach wie vor praktizierten heidnischen Bräuche deutlich, wobei hier explizit mit Calendae Januarii der 1. Januar genannt wird.Tangel: Die Briefe des hlg. Bonifatius & Lullus. Weidmann, Berlin 1955, 2. Unveränderte Auflage. – Brief 50 / Punkt 6: „Rat bezüglich der heidnischen Umtriebe zum Neujahrsfest.“
Im Weströmischen Reich bzw. in der römisch-katholischen Kirche bildete der 1. Januar, also bis in die Missionszeit des Bonifatius und damit in die Zeit der eigentlichen Christianisierung des Süddeutschen Kulturraumes, die Neujahrsvorstellung der päpstlichen Kirche, und kann somit auch nicht die Quelle des in Süddeutschland verbreiteten Volksglaubens vom 6. Januar als Neujahrstag darstellen.
Unter anderem wird dies noch für den offiziellen kirchlichen Jahreswechsel 999 / 1000 n. Chr. deutlich, für den der amtierende Papst Silvester II. den Weltuntergang verkündet hatte – ein christlicher Weltuntergang zu einem als heidnisch verpönten Datum also.
Auch ein christlicher Volksglaube, der innerhalb des Römischen West-Reiches zwischen dem 3. und 4. Jahrhundert abweichend von der offiziellen kirchlichen Linie ausdrücklich die Vorstellung des 6. Januar als Neujahrstag in sich trug, erscheint in keiner Quelle – seine Übertragung auf Regionen völlig anderer, religiöser, kultureller und geographischer Zusammenhänge, die zudem erst 300 Jahre später überhaupt christianisiert wurden, scheint daher ausgeschlossen.
Die Vorstellung des 6. Januar als Neujahrstag entstand seit dem 9. Jahrhundert Diese These fußt auf der Behauptung, dass der 6. Januar einer jener offiziellen Neujahrsdaten wurde, die sich wohl seit dem 9./10. Jahrhundert in Europa mit unterschiedlichen Begründungen auf einzelne christliche Datierungen verselbständigten.Zu den im Internet am häufigsten kopierten Zitaten dieser Art gehört die Aussage: „Bis zur Festsetzung des Neujahrstages im Jahr 1691 durch Papst Innozenz XII. auf den 1. Januar galt in weiten Teilen Europas der 6. Januar als Jahresbeginn.“ Sie geistert aber auch durch die Vorträge deutscher Universitäten, vgl. Hans Dieter Huber: Die Rede vom Ende und der Begriff der Geschichte. Vortrag im Rahmen des Symposiums Computer als Medium: „Hyperkult 10002. Endzeit/Endspiel“. Universität Lüneburg, 19.–21. Juli 1999. In Deutschland setzte sich der Jahresbeginn am 1. Januar dagegen erst im 16. Jahrhundert durch, vielerorts galt der 6. Januar lange als „Groß- oder Hochneujahr“.
Gesichert ist, dass seit dem 10. Jahrhundert der Neujahrsgedanke in Europa mit zahlreichen Daten des christlichen Jahreskreises verbunden wurde – weder auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches, noch überhaupt in Europa wird dabei jedoch in einer Quelle der 6. Januar als christlicher Neujahrstag genannt. Auf dem Gebiet des Reiches waren dies dagegen nachweislich vier christliche Jahrestage, die in den einzelnen territorialen Kanzleien Verwendung fanden – 1. Januar – 25. März – Osteranfang – 25. Dezember.Grotefend in Manuscripta-Medievalia (Stichwort Jahresanfang): Es finden sich im Ganzen sechs verschiedene Jahresanfänge: 1. Januar; 1. März; 25. März; Ostern; 1. September; 25. December. Die specielle Darlegung des Gebrauchs des Jahresanfangs mit dem 1. Januar siehe unter Circumcisionsstil, 1. März siehe unter Vorcaesarischer Jahresanfang, 25. März siehe unter Annunciationsstil, Ostern siehe unter Osteranfang, 1. September siehe unter Byzantinischer Jahresanfang, 25. December siehe unter Weihnachtsanfang. Dabei beherrschte seit den Karolingern der 25. Dezember als Weihnachtsbeginn die Neujahrstradition so sehr, dass man von einem „deutschen Neujahr“ im Mittelalter sprechen könnte.Grotefend in Manuscripta-Medievalia (Stichwort Weihnachtsbeginn): „Deutschland ist als der eigentliche Sitz des Weihnachtsanfangs zu betrachten. Ausser Trier, das mit seinen Suffragandiöcesen bei Annunciationsstil behandelt ist, datirte nach dem Vorbilde von Mainz, der alten kirchlichen Metropole, im Mittelalter beinahe ganz Deutschland nach dem 25. December-Anfange. Auch Köln und die Suffragane (ausser Münster, das den 1. Januar annahm) wandten sich im Beginn des 14. Jahrhunderts, anstatt ihres bisherigen Osteranfanges, dem Weihnachtsanfang zu (s. Osteranfang). Minden hatte denselben wohl von jeher gehabt.“
Eine Quelle für die Behauptung, das Neujahrsverständnis des 6. Januar sei in Deutschland aus einem offiziellen früh- oder hochmittelalterlichen, christlichen Neujahrsdatum entstanden, gibt es somit nicht.
Die Vorstellung des 6. Januar als „Neujahr“ verbindet sich mit der Dreikönigsverehrung Die Verehrung der Heiligen Drei Könige in Deutschland beginnt mit der Überführung der Reliquien im Jahr 1164 von Mailand nach Köln durch Kaiser Friedrich Barbarossa, wo seither das Fest dieser Überführung am 23. Juli 1164 gefeiert wurde. Seit dem 13. Jahrhundert verstärkt im 14. Jahrhundert entstand daraus eine Reliquienverehrung, die den Dreikönigenschrein zu Köln zu einem der wichtigsten Pilger- und Wallfahrtsstätten machte. Aufgrund dieser Reliquienverehrung trat in der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit im deutschsprachigen Raum allmählich die Verehrung der Heiligen Drei Könige so stark in den Vordergrund, dass bis heute in den katholischen Gebieten Deutschlands der Begriff „Dreikönigsfest“ oder „Dreikönigstag“ der vorherrschend gebrauchte Name für den 6. Januar ist und als Grund für die Entstehung des mit diesem Tag verbundenen Neujahrsgedankens gedeutet wird.Internetportal der Diözese Linz: http://www.dioezese-linz.at/: „Die Verehrung der Drei Könige war so stark, dass der Dreikönigstag am 6. Jänner zum Großneujahr, zum volkstümlichen Neujahrstag am Beginn der Reise durch das neue Jahr wurde, wenngleich der Kalender einen anderen Neujahrstag nennt. Darum wird am Ende des Festgottesdienstes feierlich der Festkalender des neuen Jahres verkündet.“