Das Kampfgeschwader 1 „Hindenburg“ war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Es war nach Paul von Hindenburg benannt, einem Generalfeldmarschall des Ersten Weltkrieges und letztem Reichspräsidenten der Weimarer Republik. Aufgrund dieses Ehrennamens waren die Geschwaderangehörigen berechtigt am rechten Unterarm einen Ärmelstreifen mit der Aufschrift „Geschwader Hindenburg“ zu tragen. Als Kampfgeschwader, ausgestattet mit Bombern, erst vom Typ Heinkel He 111, dann mit der Junkers Ju 88 und zuletzt mit der Heinkel He 177 führte es Luftangriffe mit Bomben auf zugewiesene Ziele durch. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, am Westfeldzug, an der Luftschlacht um England, und am Deutsch-Sowjetischen Krieg. Ab 1943 kam es im Mittelmeerraum gegen die Westalliierten zum Einsatz. Es wurde am 25. August 1944 aufgelöst.

Aufstellung Das Kampfgeschwader 1 entstand am 1. Mai 1939 nach dem neuen Benennungsschema der Luftwaffe aus dem am 1. April 1936 in Greifswald aufgestellten Kampfgeschwader 152 „Hindenburg“. Die Geschwaderangehörigen trugen seit dem 20. April 1936, am rechten Unterarm einen Ärmelstreifen mit der Aufschrift „Geschwader Hindenburg“.Luftwaffen-Verordnungsblatt Jahrgang 1936. S. 226, Nr. 568. Aus dem Geschwaderstab und der IV./KG 157 entstanden am 1. Mai 1939 in Kolberg () der Stab und die I./KG 1. Aus der I. Gruppe des Lehrgeschwaders 3 bildete sich am 18. September 1939 in Pinnow-Plathe () die II./KG 1. Die III./KG 1 entstand am 15. Dezember 1939 in Burg () aus Personalabgaben der beiden anderen Gruppen. Im August 1940 entstand die IV. (Ergänzungs-)Gruppe in Münster-Handorf (). Am 1. Februar 1944 wurde aus der ehemaligen 9. Staffel die dem Geschwaderstab direkt unterstellte 14. (Eis.) Staffel gebildet. Diese war auf die Bekämpfung von Eisenbahngerät und -strecken spezialisiert. Das Geschwader war von 1939 bis August 1942 mit der Heinkel He 111 ausgestattet. Ab Juni 1940 rüstete die I. Gruppe auf die Junkers Ju 88 um. Der Geschwaderstab tauschte im August 1942 als letzte Einheit seine He 111 mit der Ju 88. Im Ab Dezember 1943 erreichten die ersten Heinkel He 177 die I. und II. Gruppe. Die III. Gruppe konnte erst im Juni 1944 ihre He 177 übernehmen. Die Geschwaderkennung war V4.

Gliederung Der Geschwaderstab führte die I. bis IV. Gruppe, die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe, die 7. bis 9. Staffel der III. Gruppe und die 10. bis 12. Staffel der IV. Gruppe an. Die 14. Staffel unterstand dem Geschwaderstab direkt. Jede Staffel, geführt durch ein Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je vier Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Bombergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln und ein Flugzeug für den Gruppenkommandeur. Dies ergab bei vier Bombergruppen eine Sollstärke von 148 Flugzeugen und 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab sowie 12 Flugzeuge für die 14. Staffel. Daraus ergibt sich eine Sollstärke von 164 Flugzeugen. Die IV. Gruppe war eine Ergänzungsgruppe und nahm in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teil. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Darum hatte sie meist ihren Standort in der Heimatbasis des jeweiligen Geschwaders.

Kampfgeschwader 1 Geschwader Stab In. Komp.(mot.) 65px 65px 65px I. Gruppe Gruppe Stab 1. Staffel 2. Staffel 3. Staffel 65px 65px 65px 65px 65px II. Gruppe Gruppe Stab 4. Staffel 5. Staffel 6. Staffel 65px 65px 65px 65px 65px III. Gruppe Gruppe Stab 7. Staffel 8. Staffel 9. Staffel 65px 65px 65px 65px 65px IV. Gruppe Gruppe Stab 10. Staffel 11. Staffel 12. Staffel 13. Staffel 65px 65px 65px 65px 65px 65px

Geschichte Überfall auf Polen Der Stab, die I./Kampfgeschwader 1 und die I./KG 152 (ab 18. September die II./KG 1) nahmen von ihren Heimatbasen Kolberg und Pinnow-Plathe aus am Überfall auf Polen teil. Dazu waren sie der 1. Fliegerdivision der Luftflotte 1 im Nordabschnitt der Front unterstellt.Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 5/1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 718–719. Die beiden Gruppen hatten die Heinkel He 111H-1 und H-2 in ihren Bestand. Dieser Bomber hatte je zwei Jumo 211 A-1 oder Jumo 211 A-3-Motoren, die je 1000 PS leisteten und ihm eine Höchstgeschwindigkeit von 390 km/h und eine Bombenlast von 2000 kg verliehen. mini|Heinkel He 111H-2 der 10. Staffel beim Bombenabwurf über Polen Nach Angriffsbeginn bombardierten die beiden Gruppen die polnischen Flugplätze in Puck, Rumia und Toruń und unterstützten die 4. Armee bei der Überwindung des Polnischen Korridors.H. L. de Zeng, D. G. Stanket, E. J. Creek, S. 14

Am 3. September erfolgte ein Luftangriff, zusammen mit der I. und der II. Gruppe des Sturzkampfgeschwaders 2, der IV. Gruppe des Lehrgeschwaders 1, der 3. Staffel der Küstenfliegergruppe 706 und die 4. Staffel der Trägergruppe 186 auf Schiffe der polnischen Marine. Dabei wurden der Zerstörer Wicher (), das Torpedoboot Mazur, das Taucherboot Nurek sowie der Minenleger Gryf versenkt.E. R. Hooton: Phoenix Triumphant; The Rise and Rise of the Luftwaffe, London: Arms & Armour Press. ISBN 978-1-85409-181-9, S. 182

Am 5. September und an den folgenden Tagen bekämpfte das Geschwader Eisenbahnstrecken und -fahrzeuge im Bereich nordöstlich von Warschau und Kutno. Bei der Einkesselung der polnischen Armee Prusy in der Schlacht bei Radom am 8. und 9. September unterstützte es die Bodentruppen durch Luftangriffe auf Truppenkonzentrationen. Anschließend beteiligte es sich an der Schlacht an der Bzura und bombardierte am 13. September die mit polnischen Truppen belegte Kleinstadt Piątek. Ab dem 14. September beteiligte sich das Geschwader zusammen mit den Kampfgeschwadern 26 und 55 an der Bekämpfung von Eisenbahnverbindungen im Raum Kowel, Krosno und Luzk.E. R. Hooton: Phoenix Triumphant; The Rise and Rise of the Luftwaffe, London: Arms & Armour Press. ISBN 978-1-85409-181-9, S. 186 Am 21. September endeten für das Geschwader die Kampfeinsätze in Polen.

Westfeldzug Ab dem 16. Oktober verlegte der Geschwaderstab die I. und II. Gruppe nach Faßberg () und Lüneburg. () In Vorbereitung auf die Offensive im Westen wurde das Geschwader im Minenauslegen ausgebildet. Ab dem 20. April flog es Propagandaaktionen und warf dabei über Frankreich Flugblätter ab. Es folgten Aufklärungsflüge über feindlichem Gebiet. mini|Heinkel He 111 H-2 der 10. Staffel am 21. Juni 1940 In Vorbereitung auf den Westfeldzug verlegte das Geschwader mit den drei Gruppen nach Gießen (), Kirtorf () und Ettingshausen (). Am 10. Mai 1940, bei Beginn der Offensive im Westen, standen alle drei Gruppen unter dem Kommando des I. Fliegerkorps der Luftflotte 3. In den frühen Morgenstunden griff das Geschwader mit insgesamt 75 einsatzbereiten He 111H-1 und H-2 die nordfranzösischen und belgischen Flugplätze in La Fère, in Amiens-Glisy, in Beaumont-Hamel, in Philippeville, in Cambrai-Niergnies, in Lüttich, in Albert-Picardie und in Valenciennes an und bombardierte das Flugzeugwerk Potez in Albert.H. L. de Zeng, D. G. Stanket, E. J. Creek, S. 19 Dabei bekamen sie es mit der britischen Royal Air Force zu tun, die mit Hawker Hurricanes des No. 85 Squadron und des No. 607 Squadron die Bomber angriff. Nach Aufzeichnungen der Luftwaffe hatte das Geschwader bei diesen Luftangriffen fünf Bomber als Totalverlust und zwei waren ernsthaft beschädigt. Einer der Gefallenen war der Gruppenkommandeur der III. Gruppe, Major Otto Schnelle, der mit seiner He 111H (Geschwaderkennung V4+AD) abgeschossen wurde.Brian Cull, Bruce Lander, Heinrich Weiss: Twelve Days in May. London: Grub Street Publishing. ISBN 978-1-902304-12-0, S. 41–42

Vom 11. bis zum 16. Mai unterstützte das Geschwader die 4. Armee, indem es feindliche Truppenansammlungen im Raum Gent, Brüssel und Antwerpen in Belgien bombardierte. Nachdem es am 17. und 18. Mai im Bereich Cambrai gegen die Alliierten gewirkt hatte, flog es Luftangriffe auf französische Hafenstädte am Ärmelkanal um die Einschiffung und Flucht der alliierten Truppen zu verhindern. So traf es Boulogne, Calais und Dünkirchen, das ab dem 26. Mai das Hauptziel war, um die Evakuierung der alliierten Truppen in der Operation Dynamo zu verhindern.H. L. de Zeng, D. G. Stanket, E. J. Creek, S. 14, 16, 19 Dabei traf es am 27. Mai beim Luftangriff auf die Ostmole des Dünkirchener Hafen, zusammen mit dem Kampfgeschwader 54, den Frachter Aden (8033 BRT) und versenkte ihn.Robert Jackson: Air War Over France, 1939–1940. London: Ian Allan. ISBN 978-0-7110-0510-5, S. 116

Am 3. Juni nahm das Geschwader am Unternehmen Paula teil, um die letzten noch vorhandenen Flugzeuge der Armée de l’Air und die Flugzeugindustrie zu zerstören.Robert Jackson: Air War Over France, 1939–1940. London: Ian Allan. ISBN 978-0-7110-0510-5, S. 81–83 Da die französische Luftwaffe allerdings vorgewarnt war, gelang es nicht, auf den angegriffenen 13 Flugplätzen nennenswerte Schäden anzurichten. Insgesamt wurden nur 16 Flugzeuge am Boden zerstört und 6 beschädigt. Von den angegriffenen 15 Fabriken wurden nur 3 erwähnenswert beschädigt. Dabei kamen 254 Zivilisten ums Leben und 652 wurden verletzt. Auf deutscher Seite gingen vier Bomber und sechs Jagdflugzeuge verloren.

Anfang Juni belegte das Geschwader Flugplätze im besetzten Nordostfrankreich. Der Stab und die II. Gruppe lagen in Vitry-en-Artois (), die I. Gruppe in Lille-Vendeville () und die III. Gruppe in Amiens-Glisy. () Vom 5. bis 11. Juni, nach Beginn der zweiten Phase des Feldzugs, unterstützte es die 4. Armee bei ihrem Vormarsch durch das Loire-Tal. Am 14. und 15. Juni griff das Geschwader Orléans und die Häfen von Brest und Cherbourg an.H. L. de Zeng, D. G. Stanket, E. J. Creek, S. 14, 17, 19 In der Nacht von 18. zum 19. Juni bombardierte die III. Gruppe, zusammen mit der II. und III. Gruppe des Lehrgeschwaders 1 den Hafen von Bordeaux.E. R. Hooton: Luftwaffe at War; Blitzkrieg in the West. Chevron/Ian Allan. ISBN 978-1-85780-272-6, S. 88 Mit dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 endeten für das Geschwader die Kampfhandlungen in Frankreich.E. R. Hooton: Phoenix Triumphant: The Rise and Rise of the Luftwaffe. Arms & Armour, ISBN 1-85409-181-6, S. 243

Luftschlacht um England In der anschließenden Luftschlacht um England blieb das gesamte Geschwader beim I. Fliegerkorps, nun aber unter dem Kommando der Luftflotte 2. Es flog von den französischen Basen Montdidier () und Rosières-en-Santerre () Luftangriffe.

Die I. Gruppe rüstete im Juni auf die Junkers Ju 88A-1 und A-5 um. Im Vergleich zur bisher verwendeten He 111 hatte sie mit ihren zwei Junkers Jumo 211 Motoren bis zu 400 PS mehr Startleistung. Daraus resultierte eine um 70 km/h höhere Höchstgeschwindigkeit und eine um 400 kg höhere Bombenlast. Die II. Gruppe erhielt die Ju 88 erst Anfang 1941 und die III. Gruppe im September/Oktober 1940. Am 15. Juli hatte der Stab und die drei Gruppen insgesamt 67 He 111 und 27 Ju 88, davon 71 Bomber einsatzbereit, in ihren Reihen. mini|Junkers Ju 88 des KG 1