Das heute als Der Schildkrötenerzieher () bekannte, 1906 fertiggestellte und damals in Paris ausgestellte Gemälde des osmanischen Malers Osman Hamdi Bey gilt als das berühmteste Gemälde der Türkei.Julia Voss: Ein Aufstand ohne Wappentier. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juli 2013, S. 31. Dort auch die von Edhem Eldem in einem Interview geäußerten Kommentare. Bei seiner Erstausstellung in Paris trug es den Namen L’homme aux tortues (Der Mann mit den Schildkröten), seinen heute geläufigen Namen erhielt das Bild erst nach dem Tod des Malers. 1907 fertigte Hamdi Bey eine zweite, kleinere Version des Motivs an, die jedoch bis heute weniger Beachtung gefunden hat. Das Gemälde von 1906 befindet sich seit 2004 im Pera-Museum in Istanbul, nachdem es für rund 3,5 Millionen US-Dollar als teuerstes Gemälde der Türkei ersteigert wurde.
Bildbeschreibung Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild weist eine Höhe von 221,5 cm und eine Breite von 120 cm auf. Im Bildvordergrund steht ein von hinten links zu sehender Mann mit grau meliertem Vollbart in einem einteiligen roten Gewand, mit gelb-violetter Kopfbedeckung und gelben Pantoffeln. Das rote Gewand ist insbesondere an den Rändern am Hals, am unteren Abschluss und vorne mit verschiedenfarbigen Bortenmustern geschmückt, wo es mit einem Gürtel zusammengehalten wird. Die Kopfbedeckung besteht aus verschiedenen Stoffen. Um den Kopf gebunden sind ein vornehmlich gelb gefärbter und mit floralen Mustern verzierter und ein blau-violetter Stoff, der den Abschluss des Turbans bildet und der von einem blassgelbfarbenen, abgerundeten Stoffkegel um eine Kopfhöhe überragt wird. Der Mann steht in einem Innenraum leicht nach vorne gebeugt, den Blick in Richtung Boden gerichtet. Auf dem Fliesenboden sind insgesamt fünf Schildkröten um den Mann zu sehen, drei Schildkröten haben sich links vor dem Mann aufgestellt, zwei sind rechts von ihm am Bildrand zu sehen und scheinen sich auf ihn zuzubewegen. Auf dem gefliesten Fußboden sind bei der Dreiergruppe der Schildkröten Salatblätter als Futter verstreut. Die Hände des Mannes sind auf seinem Rücken, mit der rechten Hand hält er eine sechslöchrige Nay-Flöte hinter seinem Rücken auf Hüfthöhe. Auf dem Rücken liegt eine Trommel, die mit einem Riemen, der dem Mann über die linke Schulter liegt, mit einem Trommelschlägel verbunden ist.
Im Hintergrund ist ein mit aufwendigen Wandmalereien und blauen Kacheln um einen Fenstererker geschmückter Raum zu erkennen. Die Wände an beiden Seiten des Erkers vom Boden bis in eine Höhe, die der Größe des Mannes entspricht, sind mit blauen, sechseckigen, verzierten Kacheln gestaltet, die jeweils mit ihren sechs Ecken an weitere Kacheln angrenzen und in den so entstandenen Zwischenräumen dreieckige Zwischenräume bilden, die mit dunkelblauen, dreieckigen, unverzierten Kacheln gefüllt sind. In der Mitte der Wand, direkt vor dem Mann, wird die gekachelte Wand durch einen hohen, bodentiefen Fenstererker mit aufwendig in blassem goldgelben Muster auf blasser blauer Farbe dekoriertem Kielbogen (Eselsrücken) unterbrochen, in dessen Mittelpunkt sich der lilafarbene Turbanabschluss mit dem Stoffkegel des Mannes befindet und der unterhalb des Kachelabschlusses liegt. Der gemalte Bogenabschluss führt nach oben aus dem Bild hinaus. Der Erker ist undekoriert weiß gestrichen, auf der rechten Seite kommen unter dem zerstörten Putz rotbraune Ziegel zum Vorschein. Durch ein hölzernes, kleines Bodenfenster wird der Raum beleuchtet. Am oberen Bildende, auf einer großen Wandkachel über dem Erker, befindet sich eine arabische Inschrift in goldgelber Farbe auf blauem Hintergrund mit dem Text: Die Heilung der Herzen ist, den Geliebten zu treffen (). Links und rechts der Inschrift und damit über der verkachelten Wand war die Wand ursprünglich verputzt, auf der rechten Seite ist der Putz aber größtenteils nicht mehr vorhanden, sodass orangerote Ziegel zu sehen sind. Auch auf der linken Seite zeigt der Putz kleine Beschädigungen. Auch einige blaue und dunkelblaue Kacheln fehlen und geben den Blick auf die unverputzte Wand frei. Das Bild ist in der rechten unteren Ecke signiert (O. Hamdy Bey) und auf das Jahr 1906 datiert.
Entstehungskontext und Veröffentlichung mini|hochkant|Charmeur de tortuesHamdi Bey hat sich beim Bild Der Schildkrötenerzieher möglicherweise von einem auf einer japanischen Gravur basierenden Druck, der 1869 in der französischen Zeitschrift Le tour du monde abgebildet war, inspirieren lassen. Diese Abbildung Charmeur de tortues von L. Crépon stellt einen Mann dar, der Schildkröten mit seiner Trommelmusik „beschwört“.Wendy M. K. Shaw: Ottoman painting. Reflections of western art from the Ottoman Empire to the Turkish Republic. I. B. Tauris, London 2011, S. 72–73.
Hamdi Bey reichte sein Bild, das im Malstil als Hommage an die französische Salonmalerei gilt, beim Salon des artistes français ein, wo es 1906 erstmals ausgestellt wurde. Dort trug es den Titel L’homme aux tortues (= der Mann mit den Schildkröten), im Abbildungsteil des Katalogs wurde dem französischen Titel noch der englische Titel Tortoises (= Schildkröten) hinzugefügt. 1907 wurde das Bild in Berlin ausgestellt.
Erst 1912, zwei Jahre nach Osman Hamdi Beys Tod, fand das Bild den Weg in die osmanische Öffentlichkeit in Form einer Schwarz-Weiß-Abbildung des Gemäldes in der Zeitschrift Osmanli Ressamlar Cemiyeti Gazetisi (Zeitschrift der Gesellschaft osmanischer Maler). Dort erhielt es den türkischen Titel Kaplumbağa Mürebbisi (= Der Schildkrötenfütterer), während es zugleich den früheren französischen Titel L’homme aux tortues beibehielt.1915 erhielt das Bild auf Englisch den Namen Tortoise Trainer, unter dem es bis heute auf Englisch bekannt ist. In einem auf Französisch verfassten Brief des britischen Malers Edward Poyntier schrieb dieser an Hamdi Bey, er habe die Fotografie seines Bildes charmeur de tortues erhalten. Allerdings ist kein Nachweis erhalten, dass das Bild zu diesem Zeitpunkt offiziell so geheißen habe. Der Besitzer des Briefes, der türkische Historiker Edhem Eldem, der zur Familie Osman Hamdy Beys gehört, sich intensiv mit dem Bild und dem Maler beschäftigt hat, vermutet, dass Poyntier das Bild so interpretiert habe oder – was Eldem für unwahrscheinlicher hält – Hamdi Bey das Bild gegenüber Poyntier so genannt habe.
Interpretationen Der dargestellte Ort ist möglicherweise im Obergeschoss der Grünen Moschee in Bursa. Die dargestellte Person, die meist als Derwisch interpretiert wird, basiert nach allgemeiner Annahme auf Hamdi Bey selbst.
Edhem Eldem schreibt, das Bild sei erst durch den Verkauf des Gemäldes 1990 und vor allem seit seinem Verkauf als teuerstes Gemälde der Türkei 2004 in das Interesse der Fachwelt gerückt. Die Kunsthistorikerin Wendy M. K. Shaw interpretierte das Gemälde als eine Metapher für Osman Hamdi Beys Rolle als Intellektueller und Staatsmann des Osmanischen Reiches, der als Verantwortlicher für das archäologische Erbe vergeblich versuchte, der osmanischen Öffentlichkeit und Verwaltung die symbolische Bedeutung des von ihm gegründeten Archäologischen Museums Istanbul für das osmanische Reich deutlich zu machen. Das Pera-Museum zeigte für einige Zeit eine ähnliche Sichtweise auf seiner Webseite und interpretierte die Bildaussage dahingehend, der Derwisch trainiere die dickschaligen, trägen Schildkröten, nicht durch Gewaltanwendung, sondern durch Kunst, namentlich durch das Spiel der Ney und Nakkare. Eine ähnliche Interpretation wurde von Semra Germaner und Zeynep İnankur in ihrer Studie Constantinople and the Orientalists vorgetragen. Nach Germaner und İnankur kann das Bild als eine Metapher für die Hürden gelesen werden, die Hamdi Bey in seiner Arbeit bei der Gründung des Archäologischen Museums Istanbul, der Schule der schönen Künste, bei der Gesetzgebung bezüglich osmanischer Antiquitäten und allgemein durch den Widerstand der osmanischen Gesellschaft gegenüber Veränderung angetroffen habe.
2009 veröffentlichte Eldem einen Artikel, in dem er seine Vermutung äußerte, Osman Hamdi Bey habe für seine Darstellung des Schildkrötenerziehers Inspiration aus der Darstellung des Charmeur de tortues gefunden, die 1869 in der Reisezeitschrift Le Tour du Monde veröffentlicht worden war. Wendy Shaw akzeptierte die von Eldem vorgeschlagene Inspiration als wahrscheinlichen Einfluss auf das Bild. Jedoch sieht sie in dem Bild weiterhin eine Metapher und sieht im Schildkrötenerzieher eine Übertragung der Kritik des durch den Charmeur de tortues illustrierten Artikels. In diesem kritisiere der Autor des Artikels, der Schweizer Aimé Humbert, den fehlenden Fortschritt in Japan. Hamdi Bey übertrage diese Kritik, die sich auch in der Illustration ausdrücke, in den Kontext des osmanischen Reichs. Schildkröten gehörten nicht in eine Moschee. Sie seien hartnäckig und nicht trainierbar und reagierten nicht auf die Instrumente, die dem Derwisch zur Verfügung stehen. Die dargestellte Figur und der Künstler Hamdi Bey stellen demnach für Shaw eine geduldige Haltung gegenüber der Religion dar. Eldem sieht keine historisch nachweisbare Grundlage für diese weit verbreitete Interpretation des Bildes. Da alle Interpretationen, die in dem Bild eine Metapher auf die Trägheit des osmanischen Reiches sehen, auf dem heute gebräuchlichen aber erst nach dem Tod des Urhebers nachweisbaren Namen Kaplumbağa Terbiyecisi (= Der Schildkrötenerzieher) basieren, schreibt Eldem, dass es keinen historisch validen Hinweis darauf gibt, dass Hamdi Bey das Bild als eine Allegorie über Bildung und Unterricht verstanden wissen wollte.
Einordnung in das Gesamtwerk Hamdi Beys mini|hochkant|Der Schildkrötenerzieher (Zweite Version, 1907), Istanbul, Türkiye İş Bankası Resim Heykel Müzesi 1907 malte Hamdi Bey eine zweite, geringfügig veränderte und kleinere Fassung des Motivs. Auf der linken Seite ist in dieser Version eine zusätzliche Schildkröte zu sehen. Im Fenstererker steht zusätzlich ein Tonkrug, an der Wand ist neben der Kalligraphie auch eine in Gold gefasste Ligatur des Namens des muslimischen Propheten Mohammed. Diese Version trägt eine handschriftliche Widmung des Malers für Ahmed Muhtar Pascha.Hasan Kanbolat: , bei Today’s Zaman, 2. April 2009.
Eldem stellt Hamdi Beys Schildkrötenerzieher in eine Reihe seiner Gemälde im Stil des Orientalismus, die er als Hamdi Beys letzte Phase der künstlerischen Entwicklung beschreibt. Es handelt sich um acht Motive in insgesamt zwölf Bildern, entstanden zwischen 1901 und 1908, die jeweils eine zentrale Figur in orientalischer Kleidung darstellen, umgeben von typischen islamischen Objekten in einem erkennbar islamischen, aber nur teilweise sichtbaren Interieur. In diesen Bildern seiner letzten Schaffensperiode malte Hamdi Bey, wie auch beim Schildkrötenerzieher, immer wieder sich selbst (teilweise auch mehrfach in einem Bild) oder Mitglieder seiner Familie. Weitere sich wiederholende Elemente sind Risse in den Wänden, (zerbrochene oder fehlende) Fliesen und Kalligraphien. Für einige dieser Bilder bestehen fotografische Vorlagen der Figuren in Form von Selbstporträts. Einige Posen erscheinen immer wieder in verschiedenen Versionen. Es ist eine Skizze des Malers von 1908 überliefert, in der er die zentrale Figur des Schildkrötenerziehers mit den beiden Figuren seines 1908 zum ersten Mal ausgestellten Bildes Le tranchant du cimeterre (Die Schärfe des Säbels, heute vor allem bekannt als Arms Dealer oder Weapons Merchant – der Waffenhändler) in eine Komposition stellte.