Die Demografie Thüringens ist die Gesamtheit demografischer Zustände und Prozesse im deutschen Bundesland Thüringen. Sie ist starken Veränderungen unterworfen, so ging die Bevölkerungszahl insgesamt seit dem Höchststand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg um fast ein Drittel zurück. Auf regionaler Ebene stehen sich im selben Zeitraum wachsende Großstädte und ländliche Gemeinden, die teilweise deutlich über die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren haben, gegenüber. Auch für die Zukunft wird insgesamt mit einer rückläufigen Gesamtbevölkerungszahl gerechnet, wobei sich lokale Entwicklungen stark ausdifferenzieren.
Zwischen dem 1. Januar 1989 und dem 31. Dezember 2012 verließen im Saldo 257.163 Menschen das Land, zum Großteil in die alten Bundesländer (vor allem in die wirtschaftsstarken Nachbarländer Bayern und Hessen), des Weiteren in die ostdeutschen Metropolen Berlin, Leipzig und Dresden sowie zu einem geringeren Teil auch ins Ausland (hier waren die Schweiz, Österreich und Skandinavien die wichtigsten Zielregionen). Seit 2013 ist der Wanderungssaldo positiv und summiert sich zwischen dem 31. Dezember 2012 und dem 31. Dezember 2017 auf insgesamt 31.243 Personen, wobei hierfür ausschließlich die Nettozuwanderung aus dem Ausland verantwortlich ist.TLS: Gesamtwanderungen ab 1985 Das Geburtendefizit summierte sich im Zeitraum vom 1. Januar 1989 bis zum 31. Dezember 2017 auf 297.534 Personen.TLS: Geborene und Gestorbene ab 1965 Daraus ergibt sich ein Bevölkerungsrückgang um 20 % seit der Wende 1989.
Historische Entwicklung Vormoderne Fast alle Siedlungen in Thüringen sind mittelalterlichen Ursprungs, wobei die schriftliche Überlieferung von Ortsgründungen ab 700 einsetzt. Zunächst wurden die klimatischen und topografischen Gunstlagen kultiviert, Hügelgebiete folgten später, während die Gebirgslagen bis ins Spätmittelalter noch weitgehend unbesiedelt blieben. Technologische Fortschritte und ein zunehmender Bevölkerungsdruck in besiedelten Gebieten führten schließlich auch zu Ortsgründungen auf den Höhen von Thüringer Wald und Thüringer Schiefergebirge sowie in trockengelegten Niederungsgebieten. Insgesamt war der Besiedlungsprozess Ende des 15. Jahrhunderts abgeschlossen, sodass im größeren Stil keine neuen Ortsgründungen mehr folgten.
Weite Teile Ostthüringens waren im Mittelalter von slawischen Gruppen besiedelt worden, worauf noch heute viele Ortsnamen diesen Ursprungs hinweisen. Die mittelalterliche Ostsiedlung brachte im 12. und 13. Jahrhundert die Assimilierung der slawischen Bevölkerungsgruppen mit sich, die dadurch ihre ursprüngliche kulturelle Identität nach und nach verloren und in der deutschen Bevölkerung aufgingen.
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren insbesondere das Thüringer Becken und die anderen landwirtschaftlichen Gunstlagen wie das Altenburger Land, die Orlasenke, das Grabfeld und die Goldene Aue sowie verkehrsgünstige Standorte entlang der großen Flusstäler und der Via regia dicht besiedelt. Hier entstanden vergleichsweise wohlhabende Bauerndörfer und Handelsstädte, während die Hochlagen, etwa im Schiefergebirge, am Ende der frühen Neuzeit von Armut und widrigen Lebensverhältnissen geprägt waren.
Das ausgehende 18. und das 19. Jahrhundert brachten insgesamt ein starkes Bevölkerungswachstum hervor. Im Zeichen des demografischen Übergangs wuchs die Bevölkerung besonders im ländlichen Raum stark an und erreichte vor Beginn der Urbanisierung ab etwa 1840 in einigen Orten Werte, die allenfalls durch die Ansiedlung zahlreicher Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig wieder erreicht wurden.
Industrialisierung und Urbanisierung bis zum Zweiten Weltkrieg Ab 1840 begann die Industrialisierung, gleichzeitig wurde das Eisenbahnnetz aufgebaut und der Prozess der Urbanisierung begann: Nun wuchsen vor allem die Städte, die die meisten Zuwanderer in ihrem unmittelbaren regionalen Umland gewinnen konnten, wodurch dort der Bevölkerungsdruck etwas abnahm. Dennoch wanderten im 19. Jahrhundert auch viele Menschen aus, etwa in die Vereinigten Staaten oder nach Brasilien. Vorreiter der Industrialisierung war die ostthüringische Textilindustrie mit Standorten wie Gera, Zeulenroda, Pößneck oder Apolda, sodass hier schon im mittleren 19. Jahrhundert eine starke Migrationsbewegung, verbunden mit einem Urbanisierungsschub einsetzte. Später folgten andere Zweige des verarbeitenden Gewerbes wie die Metallindustrie und der Maschinen- und Fahrzeugbau in Städten wie Erfurt, Gotha, Suhl und Eisenach. Zu den letzten sich industrialisierenden Wirtschaftszweigen gehörten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die optische und die Glasindustrie an Standorten wie Jena und Ilmenau. So herrschte in Thüringen weiterhin eine kleinstädtische aber dennoch industrielle Prägung vor. Erfurt blieb von 1906 bis 1959 die einzige Großstadt im Land, wobei die Bevölkerungsdichte Thüringens im innerdeutschen Vergleich vor dem Zweiten Weltkrieg relativ hoch war.
Urbanisierungsraten in ThüringenStadtEinwohner 1843Quelle für preußische Gebiete: Handbuch der Provinz Sachsen, Magdeburg 1843; für die Thüringischen Staaten: Johann Friedrich Kratzsch: Lexicon der sämmtlichen Ortschaften der Deutschen Bundesstaaten, Naumburg, 1843.Einwohner 1939VeränderungErfurt28.430159.201+ 460 %Gera11.25581.931+ 628 %Jena5.16668.377+ 1224 %Weimar11.44465.916+ 476 %Gotha13.32151.995+ 290 %Eisenach9.37750.464+ 438 %Altenburg13.69744.338+ 224 %Mühlhausen12.65041.493+ 228 %Nordhausen12.56440.673+ 224 %Greiz6.21538.933+ 526 %Apolda3.29827.936+ 747 %Suhl7.82823.168+ 196 %Arnstadt4.70922.619+ 380 %Saalfeld4.41721.980+ 398 %Sonneberg3.60620.204+ 460 %
Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung Am Ende des Zweiten Weltkriegs kamen viele Vertriebene aus Osteuropa und Kriegsflüchtlinge aus den zerstörten Ballungsgebieten ins relativ unversehrte Thüringen, insbesondere in ländliche Regionen, sodass die Bevölkerungszahl kurzzeitig bis auf etwa drei Millionen anstieg. Als sich die Versorgungslage unter sowjetischer Besatzung nicht verbesserte und gegenüber der Trizone zurückfiel, verließen viele Einwohner und Vertriebene das Land in Richtung Westen. Dieser Prozess setzte sich auch in den 1950er-Jahren rapide fort und wurde erst durch die Schließung der innerdeutschen Grenze 1961 unterbrochen.
In der folgenden Zeit blieb die Bevölkerung bei leicht rückläufiger Tendenz relativ konstant, da es der DDR-Regierung durch ihre Familien- und Gesellschaftspolitik gelang, die Kinderzahl auf einem recht hohen Niveau zu halten, sodass dem Pillenknick in den 1970er-Jahren der Honeckerbuckel der 1980er-Jahre mit geburtenstarken Jahrgängen folgte. Auf lokaler Ebene gab es hingegen deutliche Bevölkerungsverschiebungen. Neben Erfurt und zwei neuen Großstädten (Gera ab 1959 und Jena ab 1975) wurden insbesondere die Bezirksstadt Suhl und einige Mittelzentren (allen voran das zur Stadt ausgebaute Dorf Leinefelde, aber auch Sömmerda, Ilmenau, Hermsdorf und Bad Salzungen) durch die staatliche Wohnungsbaupolitik stark gefördert und ausgebaut, während die meisten anderen Städte in ihrer Einwohnerzahl stagnierten. Der ländliche Raum wurde hingegen von der Wohnungspolitik der DDR vernachlässigt, sodass die Bevölkerungszahlen der Dörfer zwischen 1950 und 1990 (teils rapide) zurückgingen, was auch strukturell durch die Konzentration der Industriebetriebe in den Städten und die Rationalisierung der Landwirtschaft bedingt war. Insgesamt setzte sich damit der Urbanisierungstrend (anders als in Westdeutschland) auch während der DDR-Zeit fort.
Nach der Wiedervereinigung Nach der Wiedervereinigung folgte ein drastischer Einbruch der Geburtenraten in den 1990er-Jahren, der erst Mitte der 2000er-Jahre überwunden wurde. Seitdem liegen die Kinderzahlen pro Frau wieder leicht über dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Gleichzeitig erfolgten zwei starke Abwanderungswellen in die alten Bundesländer. Die erste Welle umfasste die Jahre 1989 bis 1991, in denen per Saldo über 130.000 Einwohner das Land verließen. Die zweite Abwanderungswelle folgte in den Jahren 2000 bis 2009, da sich die wirtschaftliche Situation in Thüringen nicht verbesserte und insbesondere junge Menschen keine Perspektive für sich sahen. Im Saldo verlor das Land hierbei noch einmal etwa 110.000 Einwohner, darunter besonders junge Erwachsene der geburtenstarken 1980er-Jahrgänge. Seit 2010 hat sich das Wanderungsgeschehen beruhigt, da zum einen die geburtenschwachen 1990er-Jahrgänge ins „Wanderungsalter“ hineinwuchsen und zum anderen die wirtschaftliche Situation deutlich besser geworden ist, etwa in Bezug auf Arbeitslosigkeit und Lehrstellensuche, während sich das Lohngefälle zu den alten Bundesländern nicht wesentlich verkleinert hat.
Die Zuwanderung aus dem Ausland veränderte sich nach der Wiedervereinigung ebenfalls. Waren zu DDR-Zeiten lediglich Vertragsarbeiter aus Vietnam, Polen und Mosambik für einen zeitlich begrenzten Aufenthalt eingewandert, kamen nun Migranten aus aller Welt auch zum dauerhaften Leben nach Thüringen. Von den DDR-Vertragsarbeitern blieben lediglich einige Vietnamesen über die Wiedervereinigung hinaus im Land, sodass sie bis heute eine der größten Migrantengruppen in Thüringen stellen. Dennoch blieb der Ausländeranteil Thüringens aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Struktur gering und liegt deutlich unter dem deutschen Durchschnitt.
Auch auf lokaler Ebene veränderte sich die Bevölkerungsstruktur nach der Wiedervereinigung abermals. In den 1990er-Jahren fand eine kurze Suburbanisierungswelle statt, die aber schon in den 2000er-Jahren abebbte. Dennoch prägt diese Welle viele Gemeinden etwa entlang der Bundesautobahn 4 zwischen den großen Städten bis heute. Die Städte erlebten gleichzeitig alle einen starken Schrumpfungsprozess, der sich erst nach 2000 ausdifferenzierte. Seitdem wachsen einige Städte wieder, während andere weiterhin – mit abnehmender Intensität – schrumpfen. Im ländlichen Raum beschleunigten sich die Bevölkerungsverluste hingegen nach 2000 rapide und regional dispers, sodass abermals eine Phase relativer Urbanisierung eingetreten ist, in der der Anteil städtischer Bevölkerung steigt.
Seit etwa 2012 steigt die Zuwanderung aus dem Ausland in Thüringen wie in ganz Deutschland stark an. Besonders im Vordergrund stehen dabei einerseits Arbeitsmigranten aus den östlichen und südlichen EU-Ländern, die erste demografische Lücken im Arbeitsmarkt füllen (besonders im Lehrstellenmarkt und in Mangelberufen), andererseits Asylsuchende, von denen Thüringen gemäß dem Königsteiner Schlüssel 2,75 % aufnimmt. Dadurch ist der Wanderungssaldo seit 2013 wieder positiv.
Entwicklung der Einwohnerzahl
mini|400px|Einwohnerentwicklung von Thüringen von 1834 bis 2018 nach nebenstehender Tabelle
Werte ab 1950: Gebietsstand 1994 (bis heute keine Änderung); Daten jeweils zum 31. Dezember des Jahres; Quelle: TLSThüringer Landesamt für Statistik (TLS): Bevölkerung und Einwohner je km² in Thüringen. (html), ab 1960 jahresweise, abgerufen am 6. Mai 2021.
Jahr Einwohner 1834 1.172.375 1864 1.435.115 1890 1.737.544 1910 2.160.692 1950 2.932.242 1955 2.819.600 1960 2.737.865 1965 2.747.767 1970 2.759.084 1975 2.737.235 Jahr Einwohner 1980 2.730.368 1985 2.721.539 1986 2.718.598 1987 2.720.677 1988 2.723.268 1989 2.683.877 1990 2.611.319 1991 2.572.069 1992 2.545.808 1993 2.532.799 Jahr Einwohner 1994 2.517.776 1995 2.503.785 1996 2.491.119 1997 2.478.148 1998 2.462.836 1999 2.449.082 2000 2.431.255 2001 2.411.387 2002 2.392.040 2003 2.373.157 Jahr Einwohner 2004 2.355.280 2005 2.334.575 2006 2.311.140 2007 2.289.219 2008 2.267.763 2009 2.249.882 2010 2.235.025 2011 2.221.222 2011 2.181.603 2012 2.170.460 Jahr Einwohner 2013 2.160.840 2014 2.156.759 2015 2.170.714 2016 2.158.128 2017 2.151.205 2018 2.143.145 2019 2.133.3782020 2.120.237