Jacques-Louis David: Amor und Psyche (1817)|miniatur|hochkant=1.2 Gegenstand der Erotik (von , sowohl mit der Bedeutung Liebe als auch Name des Liebesgottes Eros (Mythologie)) ist die sinnliche und insbesondere die sexuelle Anziehung zweier oder mehrerer Menschen, sowie die Darstellung solcher erotischer Beziehungen in Kunst und Kultur. Man spricht daher von erotischer Kunst, erotischer Literatur, Erotik in den verschiedenen Formen und Medien (z. B. „Erotik im Film“) und von erotischen Aspekten aller möglichen Dinge. Häufig wird die Qualifikation „erotisch“ gebraucht, wenn die Bezeichnung „sexuell“ zu eng, zu direkt oder sonst wie unerwünscht ist (z. B. „erotisches Spielzeug“ als Euphemismus für Sexspielzeug).
Begriffsgeschichte mini|hochkant|Christoffer Wilhelm Eckersberg: Rückenakt (Morgentoilette), 1837
Im 18. Jahrhundert wurde das Adjektiv erotisch als Fremdwort aus dem Französischen (érotique) ins Deutsche übernommen; das französische Wort ist von dem altgriechischen Adjektiv erotikos abgeleitet. Der älteste Beleg für das deutsche Adjektiv findet sich bei Johann Gottfried Herder (1769). Anfangs wurde das Wort zur Bezeichnung von erotischer Dichtung verwendet, ab dem frühen 19. Jahrhundert auch in einem weiteren Sinne für alles auf die sinnliche Liebe Bezogene. Von dem Adjektiv wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Substantiv Erotik zur Bezeichnung der sinnlichen Liebe, des Liebes- und Geschlechtslebens abgeleitet (erster Beleg bei Christoph Martin Wieland, der 1801 eine künftige Wissenschaft der Erotik ins Auge fasste). Ausführliche Darstellung der Begriffsgeschichte mit zahlreichen Belegen.
Kulturelle Entwicklung der Erotik mini|hochkant|Moderne Aktfotografie
Da Sexualität und Partnerschaft Grundbedürfnisse des Menschen sind, stellen sich die Fragen nach der Organisation des Gemeinschaftslebens, dem Verständnis von Liebe, den konkreten Ausprägungen von sexuellen Handlungen zu allen Zeiten. Während der Zeitgeist bestimmter Epochen die Erotik gesellschaftlich mehr oder weniger zu unterdrücken suchte (beispielsweise im Viktorianischen Zeitalter), hatte die Erotik zu anderen Zeiten Hochkonjunktur, etwa in der Epoche des Rokoko.
Als allgemeines Ideal galt und gilt in der Regel die harmonische Verbindung von Liebe, Erotik und Sexualität, also die Vereinigung von emotionaler, geistiger und körperlicher Liebe. Schon die Philosophie im alten Griechenland postulierte die Notwendigkeit einer Einheit von Körper, Geist und Seele, damit der Mensch mit sich selbst im Einklang sei.
Zur Geschichte der erotischen Darstellung gehören Elemente aus Malerei, Bildhauerei, Literatur, Fotografie und Film, die sexuelle Szenen zeigen. Diese wurden von fast allen Zivilisationen, in der Antike wie in der Moderne, angefertigt. Frühe Kulturen hielten den Akt für einen Ausdruck übernatürlicher Einwirkung und verbanden ihre Religion mit solchen Darstellungen. In asiatischen Ländern wie Indien, Nepal, Sri Lanka, Japan oder China hat sexuelle und erotische Kunst besondere spirituelle Bedeutungen innerhalb der einheimischen Religionen des Hinduismus, Buddhismus, Shintō und Daoismus. Die Griechen und Römer produzierten zahlreiche Kunstwerke und Dekorationen erotischer Natur, die vielfach in religiösen Ansichten und kulturelle Praktiken eingebunden waren.Phillip S. Rawson: Erotic art of the east; the sexual theme in oriental painting and sculpture. Putnam, New York 1968.John R. Clarke: Roman Sex: 100 B.C. to A.D. 250. Harry N. Abrams, New York 2003.
In jüngerer Zeit entwickelten sich die erotischen Darstellungen von einem Luxusgut für wenige zunächst zu einem Propagandamittel und anschließend zu einem Alltagsgegenstand oder sogar zu einer Existenzgrundlage. Die Veränderungen in der Kommunikationstechnik führten dazu, dass neue Techniken wie Druck, Fotografie, Film und Computer zur Präsentation und Verbreitung erotischer Darstellungen genutzt wurden.Marilyn Chambers, John Leslie, Seymore Butts. (DVD). Koch Vision 2005. ISBN 1-4172-2885-7. Insbesondere mit dem Aufkommen des Internets Ende des 20. Jahrhunderts kam es zu einem starken Anstieg der Verbreitung erotischer Medien. Während auch dieses Medium ursprünglich der kommerziellen Verbreitung erotischer Fotos und Filme diente, wurde auch dieser Bereich im Zuge der Entwicklung von Web 2.0 zunehmend von nicht-professionellen Akteuren erobert.
Merkmale der Erotik Die Stärke der „erotischen Ausstrahlung“ und der „erotischen Signale“, die andere Menschen „senden“, wird keineswegs nur durch den bloßen Anblick eines möglichst hohen Grads von Nacktheit eines menschlichen Körpers bestimmt, vielmehr können auch bestimmte Kleidungsstücke und Gegenstände (siehe Fetisch), die Mimik und Gestik einer Person, Sprachmelodie und -färbung, Körperhaltungen und Handlungen von Menschen oder deren Abbilder Erotik erzeugen.
Geschichte der erotischen Darstellung Vor- und Frühgeschichte mini|Die Venus von Willendorf ist eine prähistorische Darstellung.
Schon aus vorgeschichtlicher Zeit sind menschliche Darstellungen sexuellen Inhalts auf der ganzen Welt zu finden. Skulpturen wie die Venus von Willendorf und Wandbilder wie in den Höhlen von Lascaux sind bekannte Zeugnisse. Die Anthropologie ordnet diese zumeist kultischen Fruchtbarkeitsriten zu.
Zu den ältesten erhaltenen erotischen Darstellungen gehören paläolithische Höhlenmalereien und Schnitzereien. Die Bilder zeigen zumeist Tiere, Jagdszenen und menschliche Genitalien, die vermutlich als Fruchtbarkeitssymbole verstanden wurden. Nackte Menschen mit übertriebenen sexuellen Merkmalen sind in Artefakten wie den Venusfigurinen zu sehen.
Die erst später entdeckte Höhlenkunst im britischen Creswell Crags, deren Alter auf über 12.000 Jahre geschätzt wird, umfasst Symbole, die sich als stilisierte Darstellungen der weiblichen Genitalien interpretieren lassen. Sie dienten aber vermutlich nicht der erotischen Stimulation, sondern eher religiösen Ritualen.John Pickrell: Unprecedented Ice Age Cave Art Discovered in U.K. National Geographic. 18. August 2004. Archäologen in Deutschland berichteten im Jahre 2005 vom Fund einer 7200 Jahre alten Szene, die eine männliche Figur zeigt, die sich wie beim Geschlechtsverkehr über eine weibliche Figur beugt. Die männliche Figur bezeichneten sie als „Adonis von Zschernitz“.Krysia Driver: Archaeologist finds 'oldest porn statue' . Guardian Unlimited Es ist jedoch nicht sicher, ob diese Artefakte zur individuellen sexuellen Erregung dienten. Die Bilder könnten stattdessen eine spirituelle Bedeutung haben und mit Fruchtbarkeitsritualen verbunden sein.
Die Töpferei der Mochica in Peru zeigte ebenfalls Sexszenen, mit denen aber ein anderer Zweck als bei anderen Kulturen verfolgt wurde. Die Mochica glaubten, dass die Welt der Toten das genaue Gegenteil zur Welt der Lebenden sei. Deshalb schufen sie für Beerdigungen Gefäße, die sexuelle Handlungen wie Masturbation, Fellatio und Analverkehr zeigten, die keinen Nachwuchs zur Folge hatten. In der Welt der Toten sollten sie die gegenteilige Bedeutung annehmen und in Fruchtbarkeit resultieren.
Altertum und Antike mini|Heterosexuelle Szene auf einem römischen Gemälde aus Pompeji mini|hochkant|Römische Öllampe mit Darstellung der Hündchenstellung
Zu früher Zeit hat die Erotik jedoch nur minimale Bedeutung und beschränkt sich meist auf den mythologischen Bereich (in der Papyrussammlung). Gleiches gilt für die Inkunabeln und die abendländischen Handschriften. Die antike Erotik zeigt bereits das ganze Spektrum menschlicher Erotik, von hetero- über homosexuelle bis hin zu sadomasochistischen. Eines der ältesten Zeugnisse sadomasochistischer Praktiken stammt aus einem etruskischen Grab in Tarquinia. In der Tomba della Fustigazione (Grab der Züchtigung, Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr.) sind zwei Männer dargestellt, wie sie eine Frau beim Liebesspiel mit einer Rute und mit der Hand schlagen. Ein anderes Zeugnis über Flagellation findet sich im 6. Buch der Satiren des antiken römischen Dichters Juvenal (1. und 2. Jahrhundert n. Chr.), ein weiteres Zeugnis findet sich im Satyricon von Petronius, wo zur sexuellen Erregung ein Delinquent gepeitscht wird. Aus der römischen Antike sind Darstellungen sowohl männlicher als auch weiblicher Körper als Objekte des sexuellen Begehrens sowie des Sexualakts bekannt. Es war durchaus üblich, die Wände der Schlafräume mit Darstellungen sexuellen Inhalts zu dekorieren und Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens mit entsprechenden Abbildungen zu schmücken. Eine Einschränkung des Zugangs zu diesen Abbildungen oder eine Unterscheidung zwischen Kunst und Pornografie wurde nach dem aktuellen Forschungsstand nicht vorgenommen.
Die Griechen stellten oftmals sexuelle Szenen auf Keramikwaren dar, von denen viele als früheste Darstellungen von Homosexualität und Päderastie bekannt sind. Die griechische Kunst porträtiert häufig sexuelle Aktivität, allerdings war den Griechen das Konzept der Pornografie unbekannt, sodass eine Einschätzung, welche Darstellungen illegal oder unmoralisch waren, unmöglich ist. Ihre Kunst reflektiert Szenen aus dem täglichen Leben, von denen manche sexueller Natur sind. Geschnitzte Phalli finden sich an Plätzen der Verehrung wie dem Tempel des Dionysos auf Delos, während die Herme, eine Statue bestehend aus einem Kopf auf einem quadratischen Sockel mit einem prominenten Phallus an der Vorderseite, ein üblicher Haushaltsgegenstand und Talisman war. Das griechische männliche Ideal hatte einen kleinen Penis; eine Ästhetik, die die Römer später übernahmen.The Getty Museum: Herm of Dionysos.Cecil Adams: Why does so much ancient Greek art feature males with small genitalia? The Straight Dope. 9. Dezember 2005. Mit Sapphos Hymne an Aphrodite und anderen homoerotischen Werken schufen die Griechen auch die ersten bekannten Beispiele für lesbische Erotik in der westlichen Welt.Margaret Williamson: Sappho’s Immortal Daughters. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1995.
In den zerstörten römische Gebäuden in Pompeji und Herkulaneum findet man zahlreiche sexuell offenherzige Malereien und Skulpturen, deren ursprünglicher Zweck unterschiedlich ist. In der Villa der Mysterien gibt es eine eindeutig mit einem religiösen Kult assoziierte, rituelle Flagellationsszene, deren Bedeutung eher als religiös denn sexuell eingeschätzt wird. Hingegen warben über jeder Tür eines Bordells Zeichnungen für sexuelle Dienste. In Pompeji dienten in den Bürgersteig eingravierte Phalli und Hoden als allgemeine Dekoration, aber auch als Wegweiser für Besucher, um diese zum Prostitutions- und Unterhaltungsbezirk zu geleiten. Die Römer hielten sexuelle Abbildungen für geschmackvolle Verzierungen und in der Tat reflektieren die Bilder die sexuelle Moral und Praxis ihrer Kultur. Tabuisierte Sexualakte wie jene, die die Reinheit des Mundes schändeten, zeigte man zur Komik in Thermen. Große Phalli galten als Glücksbringer und standen oft in der Nähe von Eingängen oder befanden sich als Schnitzerei in Häusern. Eines der ersten Objekte, das nach der Entdeckung des Geländes ausgegraben wurde, war eine Marmorstatue, die den Gott Pan beim Sex mit einer Ziege zeigt, eine detaillierte Darstellung der Zoophilie, die aufgrund ihrer Obszönität bis heute nicht öffentlich ausgestellt wird und im Gabinetto Segreto in Neapel bleibt.Seán Hemingway. Roman Erotic Art. Sculpture Review 53,4. S. 10–15.
Mittelalter Erotische Darstellungen aus dieser Zeit stammen vorwiegend aus dem einfachen Volk und zeugen von einer sehr sinnlichen bäuerlich geprägten Auffassung der Erotik, oft verbunden mit Tätigkeiten und Ereignissen aus dem Alltag (Szenen aus den damals weit verbreiteten Badehäusern) und in Form von Minnesang (wie bei Walther von der Vogelweide) statt.