mini|hochkant|Fünfsaitiger ngwomi der Batéké im Kongo Pluriarc (französisch, abgeleitet von latein plures, „mehrere“ und arcus, „Bogen“) bezeichnet eine Gruppe von mehrsaitigen Musikbögen, die auch als Bogenlaute klassifiziert werden und in der schwarzafrikanischen Musik verbreitet sind. An einem gemeinsamen Resonanzkörper, der aus einem Holzkasten, einer Kalebasse oder gelegentlich aus einem Blechkanister besteht, sind zwei bis acht Saitenträger für jeweils eine Saite in unterschiedlicher Tonhöhe befestigt. Die Saiten werden meist unverkürzt mit den Fingern oder mit einem Plektrum an einem Finger gezupft.
Die vier typologisch getrennten Verbreitungsgebiete liegen an der afrikanischen Atlantikküste und erstrecken sich von Ghana im Nordwesten (Gruppe NW) über Nigeria, Kamerun (Gruppe N), Gabun, Republik Kongo (Gruppe C) bis nach Angola im Süden (Gruppe S). Von afrikanischen Sklaven mitgebrachte Pluriarcs wurden darüber hinaus bis Ende des 19. Jahrhunderts in Brasilien verwendet.
Bauform Ein Musikbogen besteht aus einem gebogenen und biegsamen Saitenträger, zwischen dessen beiden Enden eine Saite gespannt ist. Eine Variante dieser Grundform eines Saiteninstruments ist der Musikstab, auch Stabzither, über dessen geraden starren Saitenträger eine oder mehrere Saiten in einem gewissen Abstand verlaufen. In seltenen Fällen gibt es Musikbögen mit mehreren Saiten an einem stark gekrümmten Saitenträger. Ein Beispiel ist der dreisaitige ekidongo, der in Uganda nur von Männern solistisch gespielt wird.Ekidongo. africamuseum.be Er unterscheidet sich von der einfachsten Form einer Bogenharfe nur dadurch, dass der Saitenträger nicht mit einem Resonanzkasten organisch verbunden ist. Stattdessen besitzen alle Musikbögen und Stabzithern einen separaten, abnehmbaren Resonanzkörper, der an einer Stelle mit dem Saitenträger fest verschnürt ist oder erst während des Spiels in Kontakt gebracht wird.
mini|hochkant|Die erste Abbildung eines Pluriarc im Syntagma musicum von Michael Praetorius 1619, Tafel XXXI Pluriarcs sind mehrsaitige Musikbögen, bei denen mehrere Saitenträger mit einem Resonanzkörper fest verbunden sind und die sich astartig im Raum oder gabelartig in einer Ebene ausdehnen. Die Einteilung als Bogenlauten innerhalb der Kategorie der Lauteninstrumente in der Hornbostel-Sachs-Systematik setzt voraus, dass die Saiten parallel zur Decke des Resonanzkörpers verlaufen, was nicht bei allen Typen der recht vielfältigen Instrumentengruppe der Fall ist.
Die erste Abbildung eines Pluriarcs findet sich im 1619 erschienenen zweiten Band des Syntagma musicum von Michael Praetorius. Der Musikgelehrte hielt das dargestellte Instrument für indianischen Ursprungs und untertitelte die Zeichnung mit „Indianische Instrumenta am clang den Harffen gleich“. Tatsächlich dürfte es von der Küste Gabuns gestammt haben. 1470 waren dort die ersten Europäer gelandet und hatten bald Handelskontakte geknüpft. Im Bereich Gabun-Kongo wird auch der Ursprung der Pluriarcs vermutet. Die heutigen Batéké verwendeten noch Ende des 19. Jahrhunderts eine Form des Pluriarc mit acht Saiten, die sich von der bei Praetorius abgebildeten kaum unterschied.Gerhard Kubik: Central Africa. An Introduction. In: Ruth M. Stone (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Band 1: Africa. Routledge, New York / London 1998, S. 662f, ISBN 978-0-8240-6035-0
Den Begriff „Pluriarc“ führte 1919 der aus der französischsprachigen Schweiz stammende Anthropologe und Rassentheoretiker George Montandon in seiner kulturgeografischen Klassifikation der MusikinstrumenteGeorge Montandon: La généalogie des instruments de musique et les cycles de civilisation. A. Kündig, Genf 1919 ein.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. David & Charles Publishers, Newton Abbot 1975, S. 182 Darin ordnete er die Musikinstrumente bestimmten „Zivilisationszyklen“ zu.
Bernhard Ankermann katalogisierte Ende der 1890er Jahre zusammen mit Fritz Graebner die in der Afrikaabteilung des Berliner Völkerkundemuseums vorhandenen Pluriarcs. In Die afrikanischen Musikinstrumente (1901) klassifiziert Ankermann die Pluriarcs nach der Art, wie die Saitenträger am Resonanzkörper befestigt sind, in drei Gruppen: Bei der ersten und zahlreichsten Gruppe (VIa) sind die Saitenträger am Ende an einer Leiste unter dem Korpusboden eingeklemmt und verlaufen zunächst am Boden entlang und dann an der gegenüberliegenden Seite in einem Bogen nach oben. Sie kommt vom Fluss Ogooué in Gabun südwärts über das Kongobecken bis in den Norden Angolas vor. Ankermann unterteilt diese Gruppe weiter nach der Form des Resonanzkastens, der (1) auf der Seite der Saitenträger spitz zulaufend (lukonde der Bakuba), (2) rechteckig mit flacher Decke, gerader Rückwand und einwärts gebogenen Seitenteilen gegenüber oder (3) langrechteckig mit überstehender, aufgenagelter Decke sein kann. Die zweite Gruppe (VIb) besitzt einen unten offenen Kasten aus zusammengebundenen Brettern in Form eines Pyramidenstumpfes. Zwei Instrumente vom unteren Niger in Nigeria haben acht Saiten, ein weiteres Instrument aus dem Süden Kameruns besitzt fünf Saiten. Bei der dritten Gruppe (VIc) sind die Saitenträger durch eine Stirnseite in den Kasten hineingesteckt. Hierzu gehört eine Form mit einem dreieckigen Kasten, der aus zwei seitlichen Holzplatten und einer aufgeklebten oder angebundenen Decke besteht. Diese Instrumente mit fünf oder sieben Saiten sind an der hinteren Seite offen. Bei der anderen Form ist der rechteckige Resonanzkasten aus sechs Brettern mit Holzstiften zusammengenagelt. Diesem Typ ordnet Ankermann drei Exemplare zu: ohne Schallloch, ein Schallloch im Deckel, eines im Boden. Diese Gruppe kommt südlich des Flusses Kunene im Norden Namibias und Süden Angolas vor.Bernhard Ankermann: Die afrikanischen Musikinstrumente. (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 17–21 (bei )
Später wurden diese drei Gruppen nach ihren Verbreitungsgebieten als Nord- (N), Zentral- (C, central) und Südgruppe (S) bezeichnet. Dies entspricht auf die hauptsächlichen Ethnien bezogen grob den Edo und Fang (N), Bantu (C) und Khoisan (S). Åke Norberg (1989)Åke Norberg: A Handbook of Musical and other Sound-Producing Instruments from Equatorial Guinea and Gabon. (Musikmuseets Skrifter 16) Musikmuseet, Stockholm 1989, S. 286f unternahm, auf der Grundlage von Ankermann, eine weitere Differenzierung in fünf Gruppen: Die Saitenträger sind in Löcher an einer Stirnseite des Resonanzkastens gesteckt. Die Saitenträger verlaufen an der Unterseite durch das Innere des Resonanzkastens. Die Saitenträger sind außen an der Unterseite des Resonanzkastens befestigt. Die Saitenträger sind in den Resonanzkasten hineingesteckt. Die Saitenträger sind am vorderen Ende des Resonanzkastens befestigt.Rogério Budasz, 2014, S. 7
mini|Pluriarc mit spitz zulaufendem Resonanzkasten und nach vorn vorkragender Decke (abgenommen). Gruppe Ankermann VIa. Kongobecken, Ende 19. oder Anfang 20. Jahrhundert. Gerhard Kubik (2001) fasst die Pluriarcs in zwei Hauptgruppen zusammen: (1) Die Saiten verlaufen parallel zur Decke und die Saitenträger sind in Löcher auf der Oberseite des Resonanzkastens gesteckt (Ankermann VIc, Norberg 1 und 4). (2) Die Saiten verlaufen in einem Winkel geneigt zur Decke und die Saitenträger sind an der Unterseite des Resonanzkastens befestigt oder ragen teilweise in diesen hinein (Ankermann VIa und VIb, Norberg 1 und 3). Daraus resultieren unterschiedliche Methoden der Saitenstimmung.Gerhard Kubik: Pluriarc. In: Grove Music Online, 2001 Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden die Pluriarcs in der zentralen Verbreitungsregion (C) am gründlichsten untersucht. Es gibt eine Form, die sich nicht den genannten Gruppen zuordnen lässt und an der Küste Oberguineas vorkommt. Sie wird als Nordwestgruppe (NW) bezeichnet und besteht aus Bambusstäben als Saitenträger, die in eine große Kalebasse gesteckt sind. Darüber hinaus werden weitere regionale Formen erwähnt.Rogério Budasz, 2014, S. 8
Der Resonanzkörper besteht häufig aus einem innen ausgehöhlten Holzstück mit einer Holzplatte als Decke, die mit Holzstiften oder Nägeln befestigt oder mit Baumharz angeklebt ist. Bei einigen zentralafrikanischen Pluriarcs wurden die Ränder zwischen Decke und Korpus mit Pflanzenmaterial und Harz abgedichtet. Die Ovambo in Südangola schnüren die Decke mit Pflanzenfasern oder Hautstreifen auf den Korpus. Die Bögen werden entweder unten zugespitzt und an der Stirnwand des Kastens eingesteckt oder längs hindurchgeschoben. Bei einem fünfsaitigen Exemplar der Kenyang im Westen Kameruns, das 1908 in Berlin archiviert wurde, verlaufen die Bogenstäbe seitlich außen an der Unterseite entlang. Bei vielen Pluriarcs werden die Bogenstäbe durch ein mit Pflanzenfasern befestigtes Querholz in eine parallele Richtung gebracht und stabilisiert.Ulrich Wegner, 1984, S. 85, 87
Die Saiten bestanden früher überwiegend aus Pflanzenfasern, das heute zunehmend durch Draht ersetzt wird. Zum Stimmen werden die Saiten mit weniger oder mehr Spannung neu am Bogenende aufgewickelt. In Südangola dreht der Spieler die Bögen zur Seite oder zieht sie etwas aus dem Korpus heraus, um einen höheren Ton zu erzielen. Die Sira-Sprecher in Gabun beispielsweise spannen ihren nsambi mit Stimmschlingen, die sie um die Saiten und die Bogenspitzen wickeln. Wird die Stimmschlinge verschoben, ändert sich nicht nur die Länge, sondern auch die Position der Saite.Ulrich Wegner, 1984, S. 88f
Manche Spieltechniken des Pluriarc kommen auch bei einsaitigen Musikbögen vor. Der Spieler positioniert den Pluriarc üblicherweise waagrecht mit den Saiten vom Körper weg. Falls der Resonator aus einer Kalebassenhälfte besteht, wird diese mit der offenen Seite gegen die Brust oder den Bauch gehalten und rhythmisch näher herangeführt oder gelegentlich aufgesetzt. Dadurch ändert sich das Volumen der in Schwingungen versetzten Luft in der Kalebasse, wodurch sich Lautstärke, Klang und Tonhöhe beeinflussen lassen. Eine solche Klangmodulation wird in Afrika auch bei der Kerbstegzither mvet und bei einigen Lamellophonen praktiziert, außerhalb des Kontinents dagegen sehr selten. Ausnahmen mit dieser Spielweise sind die jemenitische Stieltrommel sahfa sowie die im indischen Kulturkreis eine Randexistenz führenden Stabzithern tuila und kse diev. In manchen Regionen werden die Saiten mit dem Finger verkürzt, um mehrere Tonhöhen pro Saite hervorzubringen. Zum Klang vieler Pluriarcs gehört ein Rasselgeräusch, das durch angehängte Metallplättchen an den Bogenspitzen oder durch entlang der Bögen befestigte kleine, mit Getreidekörnern gefüllte Gefäßrasseln erzeugt wird.