mini|Georg Friedrich Meier beim Vortrag während des Internationalen Esperanto-Jugend-Seminars in Rathenow 1980 Georg Friedrich Meier (* 20. November 1919 in Nürnberg; † 20. November 1992 in Olching) war ein deutscher Sprach-, Kommunikationswissenschaftler und Wissenschaftsorganisator. Er lehrte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Universität Leipzig und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Meier gab 1961–1983 die Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung (ZPSK, seit 1993 Sprachtypologie und Universalienforschung) heraus und war gleichzeitig ihr Chefredakteur.
Biografie
Jugend, Krieg und erste Tätigkeiten Georg Friedrich Meier entstammt einer angesehenen Kaufmannsfamilie und wuchs in Bayern auf. Er besuchte von 1925 bis 1929 in Nürnberg die Volksschule, danach 1929–1939 das Realgymnasium in Schondorf am Ammersee, wo er 1937 das Abitur ablegte. Er wurde im Zweiten Weltkrieg zur Gebirgsartillerie eingezogen. Gegen Ende des Krieges lief er in Italien zu Partisanen über und gelangte später in amerikanische Gefangenschaft. Er sprach schon damals Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch sowie Russisch und arbeitete als Dolmetscher für Englisch, Französisch und Italienisch im Polizeipräsidium München, danach 1946/1947 als Pressereferent im Bayerischen Landesjugendausschuss. Außerdem übersetzte er für bayrische Zeitungen.
Studium und Habilitation 1946 begann Meier in München ein Medizinstudium, wechselte aber im selben Jahr zur allgemeinen und vergleichenden Sprachwissenschaft, Slawistik, Orientalistik und Sprachpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Infolge der Währungsunion 1948 arbeitete der Werkstudent als Holzarbeiter, Transportarbeiter und Betonmischer.
Meier übersiedelte 1949 in die DDR, studierte bis 1950 an der Universität Halle-Wittenberg Sprachwissenschaft (u. a. bei Brockelmann) mit dem Abschluss Diplom-Philologe.
1950–1951 war er Wissenschaftlicher Assistent an der Philosophischen Fakultät der Universität Halle und 1951–1953 plm. Aspirant für allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft an derselben Fakultät.
1953–1958 hatte er eine Habilaspirantur und war Lehrbeauftragter am Slawischen Institut und am Ausländerinstitut der Arbeiter- und Bauern-Fakultät (ABF).
Seit 1953 betrieb er medizinische Forschungen zu sprach- und denkpathologischen Problemen in der Klinik für Neurologie und Psychiatrie sowie im Gehirnforschungsinstitut des Universitätsklinikums in Leipzig.
Er promovierte 1953 an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig zum Thema Ein Beitrag zur Erforschung der Zusammenhänge von Sprache und Denken und der Entwicklungsgesetzmäßigkeiten der Sprache als Dr. phil. Gutachter waren Hans Jensen (Uni Rostock) und Robert Schulz (Uni Leipzig). 1958 habilitierte er sich zum Thema Das Zéro-Problem in der Linguistik: Kritische Untersuchung zur strukturalistischen Analyse der funktionellen Relevanz sprachlicher Form an der Philosophischen Fakultät der KMU (Karl-Marx-Universität Leipzig) als Dr. phil. habil. Gutachter waren Fritz Hintze (HUB), Eugen Seidel (HUB) und Karl Ammer (KMU).
Wissenschaftliche Karriere Am 1. Juni 1958 wurde Meier zum Hochschuldozenten für Allgemeine Sprachwissenschaft und Direktor des Indogermanischen Instituts an der Philosophischen Fakultät der KMU berufen, das 1959 in Institut für Sprachwissenschaft umbenannt wurde. Er leitete es bis 1962.
1959 erfolgte seine Berufung als Professor mit Lehrauftrag für allgemeine und angewandte Linguistik und Kommunikationslehre und Direktor des Instituts für Sprachpsychologie und Kommunikationsforschung an der HU. Zugleich war er 1959–1961 Gastprofessor mit Lehrauftrag für Linguistik und Kommunikationslehre an der Leipziger Universität.
Ab 1960 leitete er für die Deutsche Akademie der Wissenschaften (ab 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR - AdW) zu Berlin die linguistischen Arbeiten der Arbeitsstelle für Mathematische Linguistik und Automatische Übersetzung. Er gründete das Forschungszentrum für Automatische Übersetzung der AdW. 1960–1962 war er Sekretär der Kommission für Mathematische und Angewandte Linguistik und Automatische Übersetzung der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (AdW)
1961–1969 war er als Professor mit vollem Lehrauftrag für Allgemeine und angewandte Linguistik und Kommunikationswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der HU tätig, ab September 1969 als ordentlicher Professor für Kommunikationswissenschaft.
1970–1975 war er ordentlicher Professor für Kommunikationswissenschaft an der Sektion Rehabilitationspädagogik und Kommunikationswissenschaft der HU und 1976–1984 ordentlicher Professor für Kommunikationsforschung an der Sektion Germanistik.
Meier gründete und leitete bis 1971 das Institut für Phonetik und Kommunikationswissenschaft, das nach der dritten Hochschulreform mit dem Institut für Rehabilitationspädagogik zur Sektion Rehabilitationswissenschaft und Kommunikationsforschung zusammengeschlossen wurde.
1984 beschrieb Meier rückblickend die Phasen seiner wissenschaftlichen Arbeit:
„Mein erstes Hauptinteressengebiet war – nachdem ich Linguistik anstelle anderer vorheriger naturwissenschaftlich-medizinischer Ziele zum Gegenstand meiner wissenschaftlichen Studien gewählt hatte – der Vergleich verschiedenster Sprachen und die Ableitung allgemeingültiger Gesetzmäßigkeiten, z. B. der sprachlichen Entwicklung. Zugleich setzte ich meine neurophysiologischen und psychologischen Studien fort. Insbesondere interessierte mich die Aphasieforschung.“
10 demandoj al Georg Friedrich Meier. La redaktoro de der esperantist d-ro Detlev Blanke (db) starigis al prof. Meier okaze de lia vivojubileo, la 65a naskiĝtago, kelkajn demandojn … (Interview des Redakteurs von der esperantist mit Georg Friedrich Meier anlässlich seines 65. Geburtstages). Deutsch und Esperanto. In: der esperantist Nr. 127, Berlin 1984, S. 100–101. (Interview D. Blanke mit G. F. Meier 1984).
Meier, der oft interdisziplinär arbeitete, war in vielen Bereichen tätig. Kürschners Linguisten-Handbuch listet sie auf: Sprachphilosophie, Semiotik, Kommunikationstheorie, Sprachtypologie,Linguistiktheorie, Grammatiktheorie, Areallinguistik, Dialektologie, historische Linguistik, Pragmalinguistik, Psycholinguistik, Ethnolinguistik, Soziolinguistik, kontrastive Linguistik, Phonetik, Phonologie, Syntax, Semantik, Textlinguistik, Stilistik, Grammatik, Lexik, Lexikologie, Lexikographie, Orthographie, Namensforschung, linguistische Datenverarbeitung, Sprachlehrforschung, Interferenzlinguistik, Geschichte der Sprachwissenschaft, Hirnforschung und Übersetzungswissenschaft.Wilfried Kürschner (Hrsg.): Linguisten-Handbuch. Band 2. M–Z und Register. Gunter Narr, Tübingen 1994. S. 594.
Da die Humboldt-Universität den 65. Geburtstag Meiers weder durch ein Kolloquium noch durch eine Feier würdigte, „organisierte die Fachgruppe Interlinguistik/Esperantologie“ (siehe Abschnitt: Interlinguistik/Esperantologie), so berichtet der Sprachwissenschaftler Detlev Blanke (1941–2016), „diese in eigener Verantwortung, ohne jemanden um Genehmigung zu fragen. Viele Schüler und Kollegen des Jubilars nutzten die Gelegenheit für Gratulation und Dank.“Detlev Blanke: Georg Friedrich Meier (1919-1992) und seine Rolle bei der Entwicklung der Interlinguistik in der DDR. In: Die Rolle von Persönlichkeiten in der Geschichte der Plansprachen – Beiträge der 19. Jahrestagung der Gesellschaft für Interlinguistik e. v., 27.–29. November 2009 in Berlin. Interlinguistische Informationen, Beiheft 17. Sabine Fiedler (Hrsg.), Berlin 2010, S. 78. (D. Blanke: Georg Friedrich Meier, 2010).
Blanke hält auch fest, dass Meiers gemeinsam mit seiner Frau Barbara Meier verfasstes 6-bändiges Handbuch der Linguistik und Kommunikationswissenschaft sein „Hauptwerk“ geworden wäre, wenn der Akademie-Verlag auf Intervention der Abteilung Wissenschaft des ZK der SED die Veröffentlichung nicht gestoppt hätte.Georg Friedrich Meier und Barbara Meier: Handbuch der Linguistik und Kommunikationswissenschaft. Band 1. Sprache. Sprachentstehung. Sprachen. Akademie-Verlag, Berlin 1979 (mit 8 Sprachkarten): V.
Laut Blanke enthält Band 1 Übersichten zum Phänomen Sprache allgemein, behandelt die Sprachentstehung und bietet in einer Klassifikation Informationen über 4500 Sprachen. Die weiteren Bände sollten enthalten: Band 2: Transkription – Transliteration, Schrift – Schriften – Graphematik, Phonetik – Phonemik, Prosodik – Prosodemik – Syllabemik, Band 3: Sprache und Erkenntnisprozess, Psycholinguistik, Zentrale Sprachstörungen, Ontogenese der Sprache, Semiotik und Zeichentheorie, Semantik – Bedeutung – Funktion, Semantische Analyse – Monosemie – Noematik, Lexikologie, Lexikographie, Stilistik, Band 4: Grammatiktheorie, Einheiten und Ebenen der Grammatik, Grammatische Kategorien, Grammatische Analyse und Synthese, Wortbildungslehre, Texttheorie, Entwicklungsgesetzmäßigkeiten der Sprache, Band 5:Soziolinguistik, Interferenzlinguistik, Kommunikationsprozess, Übersetzungstheorie, Komparativistik, Konfrontationslinguistik, Fachsprachen, Sprachdatenverarbeitung (Computerlinguistik), Sprachstatistik, Interlinguistik, Band 6: Gesamtbibliographie.
Band 2 gab es als Druckfahne, die Bände 3–5 teilweise als maschinenschriftliche, teilweise handschriftliche Manuskripte. Band 6 blieb unvollendet. Das Material ist Teil des Nachlasses von Meier im Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin.D. Blanke: Georg Friedrich Meier, 2010, S. 71.
Nach der Emeritierung 1985 kehrte Meier 1986 nach Bayern zurück und übernahm seit 1987 Lehrstuhlvertretungen an der LMU München.
Wissenschaftsorganisatorisches Engagement 1959 organisierte Meier als Sekretär das I. Internationale Symposium „Zeichen und System der Sprache“ in Erfurt, 1964 das II. in Magdeburg. Die Akten wurden veröffentlicht. An beiden Symposien nahmen renommierte Wissenschaftler aus zahlreichen Staaten teil. Es wurde eine beachtliche internationale Ausstrahlung erreicht.Fritz Hintzer et al (Hrsg.): Zeichen und System der Sprache – III. Band / Veröffentlichung des II. Internationalen Symposions Zeichen und System der Sprache vom 8. 9. bis 15. 9. 1964 in Magdeburg. Akademie-Verlag, Berlin 1966. 1970–1985 leitete er den Arbeitskreis für Sprachwissenschaft an der HU.
Interlinguistik/Esperantologie Für Meier verbanden sich Hobby und wissenschaftliches Interesse, als er etwa 40 Sprachen lernte, und sich darüber hinaus mit etwa 20 Sprachen so beschäftigte, dass er sie passiv in Wort und Schrift beherrschte. Anfangs lernte er die „Schulsprachen wie Latein, Griechisch, Englisch Französisch. Spanisch … unter dem Einfluss des Lehrers Russisch..., aus Familientradition die deutsche und italienische Sprache, später auch die baskische… aus touristischen Anlässen - Schwedisch, Holländisch, Bulgarisch, Ladinisch (in den Dolomiten).“ „Durch Bekannte“ kam er „zum Arabischen und Albanischen; aus Neugierde zum Türkischen und Georgischen“. „… beim linguistischen Studium folgten die „südslawischen Sprachen, Ukrainisch, Slowakisch, die altindische Sanskritsprache und andere indische und iranische Sprachen, Burmesisch, Chinesisch, Mongolisch, Japanisch, Tibetisch, mehrere Turksprachen.“ „Nach dem Studium“ lernte er „auch kaukasische, austronesische und austroasiatische Sprachen“ kennen. Einige afrikanische und amerikanische (Indianer-)Sprachen, südostasiatische und himalayische, auch nordsibirische, finnougrische Sprachen studierte ich, ohne sie vollständig zu erlernen.“Interview D. Blanke mit G. F. Meier 1984, S. 106.Wilfried Kürschner (Hrsg.): Linguisten-Handbuch. Band 2. M–Z und Register. Gunter Narr, Tübingen 1994. S. 594.
Schon 1946 empfahl er, die Sprachen der Großmächte zu lernen, meinte aber auch: „Wer aber sein Geld und seine Zeit dafür übrig hat – warum sollte der nicht Esperanto lernen!“Georg Friedrich Meier: Für oder gegen Esperanto. Wir und heute. Ein Blatt der Jugend. Erasmus-Verlag, München 1946, Nr. 1, S. 2.