mini|Adam und die sich niederwerfenden Engel, Illustration aus einer persischen Handschrift des 16. Jahrhunderts Adam () gilt im Islam nicht nur als Vater der Menschheit, sondern auch als ein wichtiger Prophet. Er wird an 18 Stellen im Koran erwähnt. Die Menschen werden ihrerseits im Koran als „die Kinder Adams“ (banū Ādam) bezeichnet (z. B. Sure 17:70Sure 17, Vers 70). In den Hadith-Sammlungen, den Korankommentaren, den Werken der islamischen Geschichtsschreibung sowie besonders in der Qisas al-anbiyāʾ-Literatur werden die koranischen Aussagen über Adam durch zahlreiche Legenden, die zum Teil aus der jüdischen Tradition stammen, ergänzt. Adams Name wird von den Koranexegeten damit erklärt, dass Gott ihn aus der Oberfläche (adīm) der Erde erschaffen haben soll.
Adam im Koran mini|Die Engel werfen sich vor Adam nieder, mit Ausnahme von Satan, der sich weigert. Illustration in einer persischen Übersetzung von at-Tabarīs Weltchronik aus dem Jahre 1416, heute im Museum des Topkapı-Palast in Istanbul.
Auf Adam bezogene Textabschnitte im Koran Sure 2,30-37 In Sure 2:30-37 wird von der Erschaffung Adams und seiner Vertreibung aus dem Paradies berichtet. Gott kündigt den Engeln an, dass er einen Stellvertreter (chalīfa) auf Erden einsetzen werde. Nach Verwunderung der EngelSure 2, Vers 30 erschafft Gott Adam und lehrt ihn die Namen aller Dinge. Dieses Wissen zeichnet ihn vor den Engeln aus, denn die Engel kennen die Namen der Dinge nicht (2:31-33). Die Engel werden anschließend von Gott dazu aufgefordert, sich vor Adam niederzuwerfen, was diese mit Ausnahme von Iblis, der zu den Ungläubigen gehört, auch tun (2:34). Gott lässt Adam und seine Frau den Garten bewohnen, erlaubt ihnen, von allen Früchten des Gartens zu essen, mit Ausnahme eines bestimmten Baumes, der ihnen verboten ist (2:35). Satan verführt die beiden, das Gebot zu übertreten, woraufhin sie von Gott vertrieben und auf der Erde ausgesetzt werden (2:36). Adam erhält jedoch anschließend von Gott bestimmte Worte, und Gott wendet sich ihm wieder gnädig zu (2:37).
Sure 20,115-122 Die Vertreibung von Adam und seiner Frau aus dem Paradies wird außerdem in Sure 20:115-122 behandelt. Zunächst wird darauf hingewiesen, dass Gott Adam eine Verpflichtung auferlegte, die dieser jedoch vergessen habe (20:115). Dazu wird erzählt, dass die Engel einst auf Gottes Befehl vor Adam niederfielen, außer Iblīs (20:116). Gott warnte daraufhin Adam vor Iblīs und den negativen Folgen einer Vertreibung aus dem Paradies (20:117-119). Satan jedoch flüsterte Adam ein, vom „Baum der Unsterblichkeit und der Herrschaft, die nicht vergeht“ (šaǧarat al-ḫuld wa-mulk lā yablā) zu kosten (20:120). Nachdem die beiden von dem Baum gegessen haben, wird ihnen ihre Scham (wörtl. Schlechtigkeit) bewusst, und sie beginnen, Blätter des Paradieses über sich zusammenzuheften. Obwohl Adam ungehorsam gegenüber seinem Herrn gewesen ist, (20:121) erwählt ihn dieser, wendet sich ihm wieder zu und leitet ihn recht (20:122).
mini|hochkant|Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, Illustration aus einem Fāl-Nāma der Safawidenzeit Sure 7,11-27 Ein drittes Mal findet sich die Erzählung über Adam und Iblīs in Sure 7:11-27. Iblīs verweigert hier die Prosternation vor Adam mit dem Hinweis, dass er besser sei als Adam, weil er aus Feuer erschaffen sein, Adam jedoch aus Erde (7:12). Daraufhin wird er von Gott aus dem Paradies verwiesen, erbittet sich aber Aufschub bis zum Tag des jüngsten Gerichts, um nun zu versuchen, die Menschen ebenfalls abirren zu lassen (7:13-18). Satan flüstert Adam und seiner Frau ein, von dem verbotenen Baum zu essen, diesmal mit dem Argument, dass Gott mit dem Verbot nur verhindern wolle, dass sie unsterbliche Wesen würden (7:20). Die beiden lassen sich verführen und werden, nachdem sie bereut und um Vergebung gebeten haben, von Gott auf die Erde hinabgestürzt, wo sie als Sterbliche leben dürfen (7:21-25). Die Menschen als Söhne Adams (banū Ādam) werden schließlich gewarnt, ihre Blöße zu bedecken und sich nicht von Satan verführen zu lassen, damit es ihnen nicht ergeht wie ihren Eltern, als diese aus dem Paradies vertrieben wurden (7:26-27).
Weitere Stellen Adam wird noch an verschiedenen anderen Stellen im Koran kurz erwähnt. Für das spätere islamische Bild von dieser Figur war noch die Aussage in Sure 3:33 sehr wichtig, dass Gott Adam zusammen mit Noah, der Familie Abrahams und der Familie Amrams erwählt habe.
Intertextuelle Bezüge Einige Elemente der koranischen Erzählung über Adam sind aus dem biblischen Buch Genesis her bekannt.Nicolai Sinai: The Qurʾan: A Historical-Critical Introduction. Edinburgh University Press, Edinburgh 2017. Hierzu gehören zum Beispiel die Erschaffung Adams aus Erde (Genesis 2:7) und das Element, dass Gott Adam die Namen lehrt (Genesis 2:19-20). Des Weiteren berichtet die Genesis, wie die Schlange Adam und Eva dazu verführte, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, und sie dadurch aus dem Paradies vertrieben wurden (Genesis 2,15–3,24). Im Gegensatz dazu lässt der Koran die biblische Vorstellung, dass Adam nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurde (Genesis 1:26–27), auffälligerweise aus, was wahrscheinlich theologische Gründe hat.
Die Episode von der Niederwerfung der Engel weist deutliche Überschneidungen mit dem Leben Adams und Evas auf, eine Gruppe von Texten, die alle wahrscheinlich auf ein jüdisches Original zurückgehen, das im ersten christlichen Jahrhundert oder früher entstand, und findet sich auch in der Syrischen Schatzhöhle. In der Schatzhöhle findet sich außerdem das Element, dass sich ein hochmütiger Engel, der später als Satan bezeichnet wird, weigert, sich vor Adam niederzuwerfen, mit dem Verweis darauf, dass dieser nur aus Erde erschaffen sei, er selbst aber aus Feuer. Insofern sind die betreffenden Koranpassagen höchstwahrscheinlich von der Form geprägt, in der die Erzählung von der Verehrung Adams durch die Engel und dem Fall Satans in syrisch-christlichen Kreisen kursierte.
Adam in der islamischen Tradition Bei der Exegese der verschiedenen koranischen Stellen, die sich mit Adam befassen, haben die muslimischen Gelehrten schon früh die mündliche Tradition des Judentums, wie sie in Talmud und Midrasch festgehalten ist, herangezogen.Vgl. Schöck: Adam im Islam. 1993, 1. Auf diese Weise haben auch verschiedene Elemente aus dem Alten Testament Eingang in die islamische Adam-Überlieferung gefunden, die im Koran nicht enthalten sind. Hierzu gehören insbesondere der Name Evas, der im Koran nicht erwähnt ist, sowie die Schlange aus dem biblischen Sündenfallbericht, die ebenfalls im Koran nicht vorkommt. Nach den Koranexegeten az-Zamachscharī und al-Baidawi verbarg sich Satan im Kopf der Schlange, um so nach seinem Sturz erneut in das Paradies gelangen zu können.Vgl. Abraham Katsh: Judaism in Islam. Biblical and Talmudic Backgrounds of the Koran and its commentaries. New York 1954. S. 34. Insgesamt wurde in der islamischen Tradition das Bild Adams mit vielen legendenhaften Elementen angereichert.
Adams Erschaffung und Gestalt Ein weit verbreitetes Hadith berichtet, dass Gott Adam an einem Freitag erschaffen habe.Vgl. Schöck: Adam im Islam. 1993, S. 1993, 63–66. Nach einer Überlieferung im Ṣaḥīḥ von Muhammad ibn ʿĪsā at-Tirmidhī erschuf er Adam „mit seiner Hand aus einer Handvoll Erde, die er von der ganzen Welt nahm, von der Ebene und vom Gebirge, schwarze, weiße und rote Erde.“ Mit der unterschiedlichen Herkunft der Erde, die Gott bei der Erschaffung Adams verwendete, werden auch die verschiedenen Farben der Menschen erklärt.aṯ-Ṯaʿlabī: Islamische Erzählungen. 2006, S. 35. In einer Überlieferung, die ath-Thaʿlabī (gest. 1036) anführt, werden die Herkunftsorte der Erde, aus denen Gott Adam erschuf, noch weiter konkretisiert:
Mit dieser Überlieferung wird eine Parallele zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos hergestellt, denn „die bedeutendsten Bestandteile in Adams Körper sind aus Erde von den Zentren der [islamischen] Welt entstanden.“Schöck: Adam im Islam. 1993, S. 83.
Nach übereinstimmender islamischer Überlieferung hatte Adam eine Länge von 60 Ellen. Nach einem kanonischen Hadith, der in verschiedenen Varianten auf Abū Huraira zurückgeführt wird, wurde er bereits von Gott mit dieser Länge erschaffen. In den nachfolgenden Generationen soll dann die Körpergröße der Menschen kontinuierlich abgenommen haben, aber jeder, der ins Paradies eingeht, soll wieder die Gestalt von Adam haben, also 60 Ellen lang sein.Schöck: Adam im Islam. 1993, S. 69f. Nach anderen Überlieferungen war Adam ursprünglich sogar noch erheblich größer und wurde erst nach dem Sündenfall auf die Länge von 60 Ellen verkürzt.Schöck: Adam im Islam. 1993, S. 110. Siehe dazu auch Riesen in der Bibel und Tora.
Landung auf der Erde und Wanderung nach Mekka mini|Adam’s Peak, über den Adam aus dem Paradies zur Erde herabgestiegen sein soll Der Ort, an dem Adam auf der Erde landete, als er aus dem Paradies vertrieben wurde, wird mit Indien bzw. Sarandīb angegeben.aṯ-Ṯaʿlabī: Islamische Erzählungen. 2006, S. 46. Sarandīb ist der alte arabische Name für die Insel Sri Lanka. Später identifizierten die Muslime den Ort, über den Adam auf die Erde hinabgestiegen sein soll, mit dem Adam’s Peak. Der maghrebinische Reisende Ibn Battūta aus dem 14. Jahrhundert schildert in seiner RihlaEd. Ṭalāl Ḥarb. Beirut: Dār al-Kutub al-ʿilmīya o. J. S. 601., wie er auf der Insel Sarandīb diesen Berg bestieg, um den dortigen Fußabdruck Adams zu sehen.
Von Indien bzw. Sarandīb soll Adam auf Befehl Gottes die Reise nach Mekka angetreten haben. Dort errichtete er die Kaaba und vollzog die ʿUmra.Vgl. Schöck: Adam im Islam. 1993, S. 182. Bei der Errichtung der Kaaba verwendete Adam Steine von fünf verschiedenen Bergen: dem Berg Hirā', dem Libanon, dem Berg Dschūdī, dem Ölberg und dem Berg Sinai.ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī: al-Muṣannaf. Ed. Ḥabīb ar-Raḥmān al-Aʿẓamī. Beirut 1983. Bd. V, S. 92, Nr. 9092. Digitalisat Anschließend führte ihn ein Engel nach ʿArafāt, wo er am ʿArafa-Tag Eva wiederfand und vom Engel die Riten des Haddsch beigebracht bekam, die die Menschen bis zum heutigen Tag vollziehen.Vgl. Schöck: Adam im Islam. 1993, S. 1993, 185.
Weit verbreitet ist auch die Vorstellung, dass Indiens Fruchtbarkeit und Reichtum an Gewürzen auf Adam zurückgeht. ʿAbdallāh ibn ʿAbbās wird mit der Aussage zitiert: „Als Adam vom Paradies herabstieg, hatte er Gewürzpflanzen (ṭīb) bei sich. Er pflanzte die Bäume Indiens in den Tälern des Landes, ihr Ursprung ist im Paradies. So füllte sich das Land dort mit Gewürzpflanzen. Deshalb holt man die Gewürze aus Indien. Ihr Ursprung ist Adams Duft, sein Duft ist der Duft des Paradieses.“Vgl. aṯ-Ṯaʿlabī 48. Der ostiranische Traditionarier al-Chuttalī (st. 896) überliefert die Aussage: „Als Adam das Paradies verließ, hatte er ein Bündel (ḍiġṯ) von abgeschnittenen Zweigen bei sich. Er pflanzte sie in Indien ein. Was man an Gewürzpflanzen in Indien erwähnt, kommt alles von jenem Bündel.“Vgl. Isḥāq ibn Ibrāhīm al-Ḫuttalī: Kitāb ad-Dībāǧ. Ed. Ibrāhīm Ḥālim. Damaskus 1994. S. 30.
Adams Prophetentum