mini|Brigitte Hobmeier als Buhlschaft im Jedermann, 2014 mini|Stephan Kreiss (Spielansager), Cornelius Obonya (Jedermann) und Ensemble, 2014
Die Schauspielchronologie der Salzburger Festspiele zeigt anschaulich, wie sehr im Schatten der Oper jahrzehntelang das Sprechstück bei den Salzburger Festspielen stand – obwohl Salzburg prominente Schauspieler anzieht und auch das Schauspiel mit dem Jedermann auf dem Domplatz unter Max Reinhardt am 22. August 1920 die Geburtsstunde der Festspiele darstellte.
Dennoch wirkten und wirken die Salzburger Sprechtheaterinszenierungen immer wieder stilbildend im deutschen Sprachraum. Der Schwerpunkt des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen liegt seit der Gründung auf Hofmannsthals Jedermann am Domplatz, österreichischer Dramatik und Klassikern der Weltliteratur, zuvorderst dem Werk Shakespeares. Seit den 1990er Jahren – der Intendanz von Gerard Mortier mit den Schauspielchefs Peter Stein und Ivan Nagel – ist Salzburg zunehmend offen für innovative Regisseure, neue Texte und internationale Tendenzen. Von 2002 bis 2014 bestand das Young Directors Project, begründet vom damaligen Schauspielchef Jürgen Flimm. Es zeigte alljährlich drei bis fünf Inszenierungen junger Regisseure.
Die Ära Max Reinhardts mini|110px|links|Max Reinhardt
Die Gründungsjahre der Salzburger Festspiele waren – was das Schauspiel anlangt – fest in der Hand Max Reinhardts. Er gestaltete den Spielplan und inszenierte (fast alles) selbst. Und er eröffnete den Festspielen vier originäre Spielstätten: * 1920 insistierte er auf den Domplatz als Kulisse für Hofmannsthals Jedermann. Das Stück (und seine Spielstätte) steht noch heute alljährlich am Spielplan. * 1922 inszenierte er die Uraufführung von Hofmannsthals Salzburger großem Welttheater in der Kollegienkirche, einer heute nach wie vor wichtigen Spielstätte der Festspiele. * 1925 schuf er aus der ehemaligen Winterreitschule ein erstes provisorisches Festspielhaus und eröffnete es mit demselben Stück. Heute steht an dieser Stelle das Haus für Mozart. * 1926 nutzte er die ehemalige Sommerreitschule für den Diener zweier Herren von Goldoni. In der heutigen Felsenreitschule spielt man Oper, Schauspiel und Konzert.
So innovativ Reinhardt im Finden malerischer Spielstätten war, so konservativ war er in der Gestaltung des Spielplans. Während er anderenorts durchaus Gegenwartsstücke inszenierte oder inszenieren ließ (Hauptmann, Ibsen, Lasker-Schüler und Kokoschka in Berlin, Tolstoi, George Bernard Shaw, Cocteau und Pirandello in Wien), beschränkte er sich in Salzburg auf den klassischen Kanon des Approbierten. Er brachte auch erfolgreiche eigene Produktionen nach Salzburg, wo er sie überarbeitete und prominent neu besetzte – aus Berlin den Jedermann (Circus Schumann, 1911), aus London Das Mirakel (Olympia Hall, 1911) oder aus Wien den Diener zweier Herren, Kabale und Liebe, den Schwierigen (alle drei Produktionen aus dem Theater in der Josefstadt, 1924) und den Sommernachtstraum (ebendort, 1925).
Reinhardts Versuche, zusätzlich zum Jedermann in Salzburg ein zweites Mysterienspiel zu etablieren, scheiterten. Sein Verdienst an Salzburg – neben dem Finden malerischer Spielstätten – waren zwei monumentale Inszenierungen und eine burleske: der Jedermann am Domplatz, Der Diener zweier Herren und der Faust in der Felsenreitschule. Den Jedermann besetzte er von 1920 bis 1931 mit Alexander Moissi, von 1932 bis 1934 mit Paul Hartmann, schließlich ab 1935 mit Attila Hörbiger. Die Buhlschaft der ersten zwei Festspielsommer war Johanna Terwin, 1926 übernahm Dagny Servaes.
Ab 1933 wurde Reinhardt verstärkt zur Zielscheibe der Judenverfolgung, 1937 emigrierte er mit seiner Frau und beiden Söhnen in die Vereinigten Staaten.
JahrDomplatzStadttheaterKollegienkirche1920 Jedermann1921 Jedermann1922 Salzburger großes Welttheater U1923 Der eingebildete Kranke1924 Das Mirakel abgesagtFestspielhaus1925 Das Mirakel Salzburger großes Welttheater Das ApostelspielFelsenreitschule1926 Jedermann Der Diener zweier Herren1927 Jedermann Ein Sommernachtstraum Kabale und Liebe1928 Jedermann Das Perchtenspiel U Iphigenie auf Tauris Die Räuber1929 Jedermann1930 Jedermann Der Diener zweier Herren Victoria Kabale und Liebe1931 Jedermann Der Diener zweier Herren Der Schwierige Stella1932 Jedermann1933 Jedermann Faust. Der Tragödie 1. Teil1934 Jedermann Faust. Der Tragödie 1. Teil1935 Jedermann Faust. Der Tragödie 1. Teil1936 Jedermann Faust. Der Tragödie 1. Teil1937 Jedermann Faust. Der Tragödie 1. Teil
Festspiele in der Zeit des Nationalsozialismus mini|Gedenktafel zur Bücherverbrennung 1938 in Salzburg
Sofort nach der NS-Machtübernahme im März 1938 wurde der Jedermann abgesetzt, die Faust-Stadt Max Reinhardts abgebaut, alle Kritiker und alle Künstler mit jüdischen Vorfahren wurden aus Salzburg vertrieben, die Max-Reinhardt-Biographie wurde auf dem Residenzplatz im Rahmen der Bücherverbrennung verbrannt.
Statt Max Reinhardts Faust. Eine Tragödie. wurde in der Felsenreitschule Egmont gespielt. 1939 verkürzten die Nationalsozialisten die Festspiele aufgrund des Kriegsausbruchs. Wagner durfte nun nicht mehr in Salzburg gespielt werden. 1940 wurden Sprechtheater und Oper gestrichen, dafür wurde das Stadttheater zum Landestheater erhoben. 1941 bis 1943 gab es reduzierte Kriegsfestspiele für Frontheimkehrer und Rüstungsarbeiter, zur Ablenkung wurden Nestroys Einen Jux will er sich machen und Ludwig Anzengruber aufgeführt. Ab 1943 durften die Festspiele auf Anordnung Hitlers nicht mehr Festspiele heißen, sondern nur noch Salzburger Theater- und Musiksommer, damit sie diese den Bayreuther Festspielen keine Konkurrenz machten. 1944 gab es nur noch ein Konzert und die öffentliche Generalprobe der Liebe der Danae, kein Schauspiel.
JahrDomplatzFestspielhausFelsenreitschuleStadttheater1938 Amphitryon Egmont1939 Viel Lärm um nichts Der Bürger als EdelmannLandestheater19401941 Viel Lärm um nichts1942 Iphigenie auf Tauris Einen Jux will er sich machen1943 Iphigenie auf Tauris Der G’wissenswurm Der Meineidbauer
Die Nachkriegsjahre Komme was wolle, Festspiele müssen sein: Bereits nach nur 25 Jahren hatten sich die Festspiele derart im Selbstverständnis von Stadt und Land verankert, dass die Salzburger bereits wenige Wochen nach Kriegsende wieder Festspiele organisierten, inmitten von Zerstörung, Armut und Hunger. Zwar schafften sie 1945 noch nicht den Jedermann auf den Domplatz zurückkehren zu lassen, aber seit 1946 steht Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes alljährlich auf dem Spielplan. Die Festspiele hatten ihr Markenzeichen wieder. Die Titelrolle verkörperte 1946 Ewald Balser, von 1947 bis 1951 erneut Attila Hörbiger, ab 1952 Will Quadflieg, ab 1960 schließlich Walther Reyer.
Dank der Amerikaner als Besatzungsmacht, die sofort Puthon und Paumgartner zurückgeholt und 1946 den erst 29-jährigen Komponisten Gottfried von Einem ins Direktorium berufen hatten, öffneten sich die Festspiele für zeitgenössische Musik und brachten eine Reihe von Opern-Uraufführungen. Wie in den 1930er Jahren stand auch in der Nachkriegszeit die Musik im Mittelpunkt der Festspiele, zum einen weil es dort keine Sprachbarriere zu den Besatzungsmächten gab, zum anderen weil sich Salzburg liebend gerne despotischen Dirigenten unterwirft: Dominierte Toscanini die Festspiele von 1935 bis 1937, so war dies Furtwängler von 1948 bis 1954.
Max Reinhardt hatte den Festspielen vier neue Spielstätten eröffnet, jeweils mit Schauspielproduktionen. Aber schon vier Jahre nach Begründung des Festspielhauses war dieses dem Schauspiel verloren. Die Oper übernahm das neue Haus. Ähnliches passierte in den Nachkriegsjahren mit der Felsenreitschule und der Kollegienkirche, die ab 1948 bzw. 1969 mit Opern bespielt wurden. Nur mehr fallweise wurde danach die Felsenreitschule dem Sprechtheater überlassen. Das Schauspiel fand eine ständige Bleibe im Landestheater. Josef Kaut, der spätere Präsident der Festspiele, beschrieb diese Zeit: „Zu dem seit 1946 jährlich aufgeführten Jedermann kam in den folgenden Jahren mit wechselnden Regisseuren ein Schauspielrepertoire ohne erkennbare Linie.“Josef Kaut: Die Salzburger Festspiele 1920-1981. Salzburg 1982, 56f
JahrDomplatzFestspielhausFelsenreitschuleLandestheaterMozarteum1945 Der Tor und der Tod1946 Jedermann Diener zweier Herren1947 Jedermann Die Frau des Potiphar1948 Jedermann Des Meeres und der Liebe Wellen1949 Jedermann Clavigo Iphigenie auf Tauris1950 Jedermann Der Verschwender Was ihr wollt1951 Jedermann Wie es euch gefällt Der zerbrochne Krug1952 Jedermann Die Träume von Schale und Kern Der Lügner1953 Jedermann Julius Caesar1954 Jedermann1955 Jedermann Kabale und Liebe Don Juan (Gastspiel)1956 Jedermann Egmont1957 Jedermann Fast ein Poet DE Emilia Galotti1958 Jedermann Spiel um Job DE Juarez und Maximilian1959 Jedermann Der Turm Donnerstag U1960 Jedermann Hughie DE/Tartuffe Dame Kobold
Die Jahrzehnte Ernst Haeussermans Die Leitung des Schauspiels durch Ernst Haeusserman, Reinhardts Regieassistent in Amerika, kann auch als Ära der Anbiederung an den vermuteten Publikumsgeschmack gewertet werden: Zwar begann er ambitioniert, indem er Leopold Lindtberg (a) beide Teile des Faust, (b) den Lumpazivagabundus und (c) 1969 sogar den Jedermann neu inszenieren ließ, tolerierte auch Giorgio Strehlers Zwischenspiel mit dem Spiel der Mächtigen und Josef Kauts Bemühungen um Thomas-Bernhard-Uraufführungen, aber er akzeptierte auch die schrittweise Vertreibung des Schauspiels aus den Festspielhäusern und der Felsenreitschule. Haeusserman engagierte, was gut und teuer war – Oskar Werner als Hamlet, O. W. Fischer als Schwierigen, Götz George als Danton und Will Quadflieg in verschiedenen Rollen. Aber der Rest war Gefälligkeit, manchmal sogar derber Wiener Schmäh, personifiziert durch Otto Schenk. Als Ausnahmen der Regel gelten – in 23 Jahren Haeusserman – lediglich drei Produktionen: Johannes Schaafs Leonce und Lena, Rudolf Noeltes Menschenfeind und Ingmar Bergmans Dom Juan.
Haeusserman inszenierte nur einmal selbst in Salzburg: 1973 den Jedermann am Domplatz mit Curd Jürgens in der Titelrolle, ab 1974 zusätzlich mit Senta Berger als Buhlschaft und erstmals mit Mikrophonverstärkung. 1978 übernahm Maximilian Schell den Jedermann, 1983 Klaus Maria Brandauer. Mit dem Starkult verhalf Haeusserman dieser Salzburger Institution zum Sprung in die Regenbogenpresse und betonierte Hofmannsthals moralisierendes Mysterienspiel damit im Spielplan der Festspiele.
JahrDomplatzAltes FestspielhausFelsenreitschuleNeues FestspielhausLandestheater1961 Jedermann Neuinszenierung Der Bauer als Millionär Faust.Der Tragödie erster Teil1962 Jedermann Faust I Der Bauer als Millionär LumpazivagabundusKleines FestspielhausGroßes Festspielhaus1963 Jedermann Faust Der Tragödie zweiter Teil1964 Jedermann Faust I Faust II Die lustigen Weiber von Windsor1965 Jedermann Faust I Faust II König Ödipus/Ödipus auf Kolonos Alle Reichtümer dieser Welt DE1966 Jedermann Sommernachtstraum1967 Jedermann Sommernachtstraum Der Ostwind Der Schwierige1968 Jedermann Der Sturm Der Schwierige1969 Jedermann Neuinsz. Der Alpenkönig und der Menschenfeind1970 Jedermann Hamlet Zum großen Wurstel/Figaro lässt sich scheiden Warten auf Godot1971 Jedermann Der Unbestechliche1972 Jedermann Cenodoxus U Der Ignorant und der Wahnsinnige U Was ihr wollt1973 Jedermann Neuinsz. Das Spiel der Mächtigen I Das Spiel der Mächtigen II Arlecchino servitore di due padroni (Gastspiel), ital. Der Menschenfeind Was Ihr wollt1974 Jedermann Das Spiel der Mächtigen I Das Spiel der Mächtigen II Die Macht der Gewohnheit U Was Ihr wollt1975 Jedermann Lazaretti oder Der Säbeltiger U Leonce und Lena1976 Jedermann Der Talisman Im Zweifel für den Angeklagten Leonce und Lena1977 Jedermann Tod eines Jägers U (Mozarteum)1978 Jedermann Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit1979 Jedermann Der Talisman Das weite Land1980 Jedermann Der Talisman Das weite Land Wie es euch gefällt1981 Jedermann Wie es euch gefällt Das weite Land