Die Schlacht von Dumlupınar (, oder Başkumandanlık (Meydan) Muharebesi; wörtlich Feldschlacht der Oberbefehlshaber) war die letzte Schlacht des Griechisch-Türkischen Krieges (Teil des Türkischen Befreiungskrieges). Die Schlacht fand zwischen dem 26. und dem 30. August 1922 in der Nähe von Kütahya statt.
Hintergrund Nach der Schlacht am Sakarya vom 23. August bis 13. September 1921 zog sich die kleinasiatische griechische Armee unter General Anastasios Papoulas auf die Verteidigungslinie zwischen İzmit, Eskişehir und Afyonkarahisar zurück. Die Griechen bildeten auf einem hügeligen Terrain einen 700 km langen Bogen in Nord-Süd-Richtung. Es führte nur eine Eisenbahnverbindung von Afyonkarahisar zum Hauptquartier der Griechen in Izmir, diese war die Hauptversorgungslinie der Griechen. Die befestigte Stadt Dumlupınar, der Ort der späteren Schlacht, befand sich in einem Tal 48 km westlich von Afyonkarahisar auf dieser Strecke und war von den Bergen Murat und Ahır umgeben. Das Hauptquartier war kaum in der Lage, mit der Front zu kommunizieren und so die Schlachtzüge zu planen.
Vorbereitungen mini|Kommandeure der türkischen Armee (von links nach rechts): Mirliva Âsım (Gündüz), Mirliva Ali Hikmet (Ayerdem), Ferik Ali Sait (Akbaytogan), Mirliva Şükrü Naili (Gökberk), Mirliva Kazım (İnanç), Ferik Fahreddin (Altay), Mirliva Kemalettin Sami (Gökçen), Mirliva Cafer Tayyar (Eğilmez), Mirliva İzzettin (Çalışlar) Nach der verlorenen Schlacht am Sakarya wurde die griechische Armee umgegliedert: Ein Teil der Truppen wurde nach Thrakien verlagert, wo sie für eine Offensive auf Istanbul bereitstehen sollte, die aber nie umgesetzt wurde. General Papoulas wurde im Mai 1922 durch General Georgios Hatzianestis ersetzt. Die Moral in der Armee war nicht gut, da viele Soldaten schon jahrelang unter Waffen standen und kein schnelles Ende des Krieges in Sicht war. Politische Zerwürfnisse und die Tatsache, dass die Bevölkerung der besetzten Gebiete nicht freundlich gesinnt war, drückten mehr auf die Moral. mini|Türkische Artilleristen vor der Großen Offensive (Büyük Taarruz) im August 1922 Währenddessen nutzten die Türken in Ankara unter ihrem neuen Oberbefehlshaber Mustafa Kemal ihren Sieg und die damit gewonnene Zeit aus, um ihre Kräfte zu verstärken und durch Diplomatie die Alliierten zu beeinflussen, so dass am Ende die Italiener und Franzosen mehr zu den Türken tendierten und die Briten als einziger Verbündeter der Griechen übrig blieben.
Mustafa Kemal entschied sich im August 1922 für einen Angriff auf die Griechen. Wissend, dass die türkische Armee wohl nur eine Großoffensive durchführen konnte, verstärkte er die erste türkische Armee unter Nureddin Pascha, die gegen die südliche griechische Linie bei Afyonkarahisar eingesetzt wurde. Dieser Zug war riskant, denn sollten die Griechen einen Gegenangriff starten können, würden sie die erste Armee abschneiden und umzingeln.
Streitkräfte Griechische Truppen mini|Griechische Generäle im Kriegsgefangenenlager bei Kırşehir (von links nach rechts): Oberst Dimitrios Dimaras, Generalmajor Nikolaos Trikoupis, Stabsoberst Adnan oder Kemaleddin Sami, Generalmajor Kimon Digenis und Leutnant Emin Die griechische kleinasiatische Armee bestand aus rund 220.000 Mann in zwölf Infanterie- und einer Kavalleriedivision.Despotopoulos, Alexandros (1978): Η Μικρασιατική Καταστροφή [The Asia Minor Catastrophe] (griechisch). Ιστορία του Ελληνικού Έθνους, Τόμος ΙΕ′: Νεώτερος ελληνισμός από το 1913 ως το 1941 [History of the Greek Nation, Volume XV: Modern Hellenism from 1913 to 1941]. Ekdotiki Athinon A.E. pp. 200–233 (griechisch) Die Divisionen waren auf drei Korps aufgeteilt, die unter dem Befehl von Generalmajor Nikolaos Trikoupis (Korps I in Afyonkarahisar), Generalmajor Kimon Digenis (Korps II in Gazligöl) und Generalmajor Petros Soumilas (Korps III in Eskişehir) standen. Die Kavalleriedivision gehörte zu keinem Korps und wurde mit anderen kleinen Gruppen für die Sicherheit der Truppen und gegen Guerillaaktionen der Türken eingesetzt. Jedes Korps umfasste vier Divisionen: Das I. Korps bestand aus der 1., 4., 5. und 12. Division, das II. Korps aus der 2., 7., 9. und 12. Division und das III. Korps aus der 3., 10., 11. und einer „unabhängigen“ Division. Numerisch waren die Griechen stark, verfügten aber kaum über schwere Artillerie (40 veraltete Geschütze) und wenig Kavallerie (eine halbe Kompanie pro Division).
Türkische Truppen mini|Türkische Soldaten beten während des Islamischen Opferfestes auf dem Ulusplatz in Ankara, bevor sie in den Krieg ziehen (4. August 1922) Die 208.000 Mann starken türkischen Truppen im Westen standen unter dem Kommando von Mirliva (entspricht ungefähr dem Brigadegeneral) İsmet Pascha. Sie bestanden aus 18 Infanterie- und 5 Kavalleriedivisionen. Das türkische Hauptquartier war in Koca Tepe 15 km südlich von Afyonkarahisar. Mirliva Nureddin Pascha befehligte in Koca Tepe die 1. Armee (I., II. und IV. Korps), Mirliva Yakub Şevki Pascha in Doğlat die 2. Armee (III. und VI. Korps und 1. und 61. Infanteriedivision), Oberst Halid Bey die Kocaeli-Gruppe (18. Infanteriedivision mit zusätzlichen Einheiten) und Mirliva Fahreddin Pascha das V. Kavalleriekorps (1., 2. und 14. Kavalleriedivision). Jede türkische Infanteriedivision, die aus durchschnittlich 7500 Mann bestand, war in ein Angriffsbataillon und mehreren Regimentern und 12 Artilleriewaffen gegliedert.
Taktik Türkischer Plan mini|Türkische Truppen marschieren über den Ulusplatz (15. August 1922) Der türkische Plan sah vor, die griechischen Truppen in Afyonkarahisar von ihrem Hauptquartier abzuschneiden und einzukesseln. Dazu sollte die 1. Armee die südwestlichen Positionen angreifen, während das V. Kavalleriekorps durch die schwach bewachte Kirkaschlucht hinter die griechische Linie gelangen sollte und die 2. Armee die Linien nördlich von Afyonkarahisar attackieren sollte. Des Weiteren sollten die Bahnverbindungen unterbrochen werden und in einer späteren Phase die beiden Armeen südlich von Kütahya sich vereinen und so einen Ring um die Griechen in Afyonkarahisar bilden.
Griechischer Plan Die Griechen ahnten eine Großoffensive der Türken, wussten aber nicht, aus welcher Richtung diese kommen sollte. Sie erwarteten einen Angriff entlang der Bahnlinien Ankara–Eskişehir oder Konya–Afyonkarahisar. Doch die Schienenverbindung aus Ankara war im Sommer 1921 nach der Schlacht am Sakarya durch die Griechen zerstört worden und die Türken hatten sie noch nicht wieder instand gesetzt. Die griechische Armee wurde nach 1921 in zwei Gruppen aufgeteilt, die unabhängig voneinander jeden türkischen Angriff abwehren sollten. Doch mit dem neuen Kommandeur Georgios Hatzianestis wurde die alte Ordnung wiederhergestellt, so dass die gesamte Front von drei griechischen Korps (I., II. und III.) gehalten wurde. Korps I stand bei Afyonkarahisar, Korps II bei Eskişehir und Korps III diente als Reserve. Im Falle eines Angriffs sollte das Reservekorps II zu Hilfe eilen und die Türken in ihrer Flanke treffen. Entgegen gegenteiligen Meldungen dachte Hatzianestis, dass seine Armee stark genug sei, um die Türken abzuwehren. Die griechische Aufklärung meldete zwar türkische Aktivitäten, konnte aber nicht die korrekte Armeegröße und den Zeitpunkt des Angriffes in Erfahrung bringen. mini|Der Frontverlauf kurz vor der türkischen Offensive
Die Schlacht Türkischer Angriff und Durchbruch (26.–27. August 1922) Der türkische Angriff begann in der Nacht vom 25. auf den 26. August, als das V. türkische Kavalleriekorps durch die Kirkaschlucht in die griechische Linie gelangte. Die Schlucht wurde zwar bewacht, doch die Wache wurde überrannt. Die türkische Kavallerie ging daran, die Telegrafenverbindungen zu kappen und die Eisenbahnlinie zu sabotieren, was die griechische Kommunikation mit Izmir sehr beeinträchtigte.
Am Morgen des 26. Augusts griffen die 1. und 2. türkische Armee gleichzeitig an. Die 2. Armee griff nach einem Bombardement die überraschten Griechen an und eroberte die Positionen der 5. griechischen Division. Doch die Griechen konnten ihre Position wieder zurückerobern. Die 2. Armee griff das III. Korps an und verhinderte so, dass es dem II. Korps zu Hilfe eilen konnte.
Die Angriffe der 1. Armee wurden von einem verheerenden Artilleriebeschuss begleitet. Die überlegene türkische schwere Artillerie konnte die griechischen Artilleriebatterien ausschalten und so einen großen Schaden unter den Infanteriebataillonen anrichten. Nach dem Beschuss griffen sieben Infanteriedivisionen an. Die Situation des griechischen I. Korps wurde schnell kritisch, als es der Übermacht gegenüberstand. Der türkische Angriff konzentrierte sich auf die Stellungen zwischen der 1. und 4. griechischen Division. Am Mittag hatte es das türkische 1. Korps geschafft, die Verteidigungsgräben der Griechen zu erreichen. Als nachmittags die griechische 7. Division zur Verstärkung eintraf, konnten die Griechen zum Gegenangriff übergehen, gewannen aber nur einen kleinen Teil zurück.
Das griechische Hauptquartier in Izmir hatte kein klares Bild der Lage. In einem Schreiben von 23:00 Uhr am 26. August an das I. und II. Korps sagte das Hauptquartier zum Beispiel, dass man immer noch nicht wisse, aus welcher Richtung die Türken angreifen würden. Die Griechen machten mit ihrem ursprünglichen Plan weiter und bereiteten für den 28. August einen Gegenangriff durch das II. Korps auf die türkische rechte Flanke vor, während das I. Korps seine Position beibehalten sollte. Doch diese Anordnung stand im direkten Widerspruch zum Befehl des I. Korps an das II. Korps. So sollte das II. Korps eher seine Truppen nach Süden schicken, um die 1. und 4. Division zu entlasten. Das Hauptquartier in Izmir erhielt keine Rückmeldung und nahm an, dass die Vorbereitungen für einen Gegenangriff im Gange waren.
Am 27. August um 2 Uhr nachts begann der türkische Artilleriebeschuss erneut und um 6 Uhr griff die Infanterie wieder zwischen der 1. und der 4. griechischen Division an. Stunden später (9:00 Uhr) konnte das IV. Korps unter Sami durchbrechen und die Anhöhe Erkmentepe einnehmen. Die Griechen gaben den Befehl zum Rückzug auf eine Linie 20 km in Norden und zur anschließenden Evakuierung Afyonkarahisars. Wegen der unterbrochenen Leitungen kam der Befehl nicht zur 1. Division durch, die ihre Stellung hielt. Um etwa 13:30 Uhr brach die Front zusammen und die Flanke der 4. Division war entblößt. Die 1. und 7. Division zogen sich dann doch um 17:00 Uhr auf die neue Position zurück.
Griechischer Rückzug nach Dumlupınar und Alıören (27. – 29. August 1922) Der Befehlshaber der 1. Division Generalmajor Frangou befahl seinen Truppen, bestehend aus der 1., der 7. Division und weiteren kleinen Einheiten, sich in der Nacht zum 28. August nach Dumlupınar zurückzuziehen. Er tat dies in dem Glauben, dass Generalmajor Trikoupis sich ebenfalls zurückziehen wolle. Tatsächlich aber blieb Trikoupis mit seinen Truppen, die aus dem größten Teil der I. und II. Korps bestanden, an Ort und Stelle und wollte erst tagsüber (28. August) mit dem Rückzug beginnen. Aus dieser Konfusion resultierte eine Lücke zwischen den beiden Gruppen.
Das Hauptquartier in Izmir verlor die Übersicht über die Situation: In einem Befehl um 17:30 sollte das I. Korps falls möglich in den Gegenangriff gehen und seine alte Position wiederherstellen oder aber sich kämpfend zurückziehen, während das II. Korps eine Attacke Richtung Çobanlar südlich von Afyonkarahisar führen sollte. Genauso war auch das erste Korps ahnungslos von Frangous Rückzug nach Westen und gab irreführende Befehle. Um 2 Uhr nachts am 28. August widerrief das Oberkommando seine Befehle und unterstellte das II. Korps und eine Division des III. Korps unter den Oberbefehl von Generalmajor Trikoupis.