Der Ärztliche Verein zu Lübeck wurde am 23. Oktober 1809 in Lübeck gegründet und ist der älteste ärztliche Berufsverband in Deutschland.Heinz Schmitt: Entstehung und Wandlungen der Zielsetzungen, der Struktur und der Wirkungen der Berufsverbände. Duncker & Humblot, Berlin, S. 25 ff.

Geschichte Entstehungsgeschichtlich hat der Ärztliche Verein zu Lübeck zwei Wurzeln, einmal die ärztliche Lesegesellschaft, die 1805 noch vor Gründung des Vereins eingerichtet wurde, und zum anderen die Auswirkungen der Schlacht bei Lübeck 1806 und der Umgang mit den etwa 3000 Toten und ungezählten Verletzten dieser Schlacht zum Beginn der Lübecker Franzosenzeit. Die Lübecker Ärzte trafen sich zunächst lose in der Ratsapotheke und beratschlagten die gemeinsamen Hinweise an den Rat der Stadt zum Umgang mit der eingetretenen kritischen Situation. Daraus entstand der Wunsch nach einer festen Struktur, der im Oktober 1809 unter den maßgeblichen Gründern dem Stadtphysicus Theodor Friedrich Trendelenburg (1755–1827) und Georg Heinrich Behn (1773–1855) als „treibende Kraft“Nachruf auf Georg Heinrich Behn in Neue Lübeckische Blätter vom 13. Mai 1855, Heft Nr. 19, S. 145–149.Friedrich von Rohden: Von alten Lübecker Ärzten in: Der Wagen 1960, S. 84/85. mit zehn weiteren Medizinern, also allen Lübecker Ärzten, umgesetzt wurde. Darunter Matthias Ludwig Leithoff (1778–1846), Orthopäde mit erstem Orthopädischen Institut im Brömserhof Heinrich Wilhelm Danzmann (1759–1843), zusammen mit dem Arzt Nikolaus Heinrich Brehmer und acht weiteren Aktionären 1802 auch Gründer der Seebadeanstalt Travemünde Jacob August Schetelig (1764–1833), Mitgründer der Seebadeanstalt in Travemünde, 1811–1813 Mitglied des Lübecker Munizipalrats Christian Joachim Carstens (1781–1814), Arzt und Hebammenlehrer

Das Motto der Gründung des Ärztlichen Vereins war:

Eine ähnliche Belastung wie im Jahre 1806 ergab sich für die Lübecker Ärzte im Jahr 1814, als Lübeck etliche der 30000 Hamburger aufnahm, die Marschall Davoust aus der Festung Hamburg zu Weihnachten 1813 ausgesperrt hatte. Mit Carstens und Köster starben zwei Lübecker Ärzte in dieser Zeit an Lazarettfieber und ein dritter, Behns Freund und Kollege Matthias Ludwig Leithoff, konnte nur knapp gerettet werden.

1909 feierte der Verein die ersten 100 Jahre seines Bestehens. Zu diesem Jubiläum erschien die erste Geschichte des Vereins und der 37. Deutsche Ärztetag 1909 fand zu Ehren des Vereins bei seinem 100sten Stiftungsfest in Lübeck statt.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges traf die Lübecker Ärzteschaft unvorbereitet und schon die ersten Einwirkungen der Mobilmachung waren einschneidend. Ein Viertel der Vereinsmitglieder verließ mit Gestellungsbefehlen an einem einzigen Tag die Stadt. Die Hälfte der Zurückgebliebenen wurde sofort als vertraglich verpflichtete Zivilärzte zum Dienst in den Lazaretten abkommandiert. Viele von ihnen folgte in den nächsten Wochen und Monaten ins Feld. In den Krankenhäusern verschwanden die Ärzte und das Pflegepersonal zum größten Teil und die meisten Schulen wurden in Lazarette verwandelt. Von den 67 zu Beginn des Weltkrieges im Staat tätigen Ärzten standen bis Kriegsende 51 im Dienst der Heeresverwaltung. Davon 23 an der Front 28 in Lübeck oder in der Etappe. Ein Mitglied fiel 1918 an der Westfront, zwei wurden verwundet und zwei weitere erhielten dauerhafte Kriegsdienstschädigungen. Dr. Friedrich von Rohden: Der ärztliche Verein zu Lübeck – 1809–1959, Physikus Dr. Riedel und der erste Weltkrieg, Verlag Max Schmidt-Römhild, Lübeck 1959, S. 50.–52.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Verein im Zuge der Gleichschaltung 1936 aufgelöst. Er wurde 1945 unter der Britischen Militärregierung zunächst als Teil der Ärztekammer Schleswig-Holstein neu begründet und hat seit einer Neustrukturierung 1953 nur noch deren Unterstützung als Förderzweck in der Vereinssatzung.

Mit dem 62. Deutschen Ärztetag 1959 fand zum zweiten Mal zu Ehren des Vereins bei seinem 150sten Stiftungsfest ein Ärztetag in Lübeck statt. Bei dieser Gelegenheit wurde auch Peter Monnik geehrt, ein Lübecker Ratsschreiber des 15. Jahrhunderts mit Sinn für Geisteskranke, nach dem der Peter-Monnik-Weg in Lübeck zum 150. Stiftungsfest des Vereins benannt wurde.

Der Verein hat heute ca. 450 MitgliederAngabe nach Lübeck-Lexikon und seine Geschäftsstelle an der Parade in Lübeck.

Weitere Mitglieder (Auswahl) Johann Christian Jeremias Martini (1787–1841), Chirurg, erster Neuzugang 1817 nach Gründung, Mitglied Nr. 13Paul Hagen: Johann Christian Jeremias Martini (1787–1841), Der Wagen 1931, S. 15–34.Friedrich von Rohden: Von alten Lübecker Ärzten in: Der Wagen 1960, S. 85/87.

Carl Philipp Gütschow (1794–1838), Leiter des Irrenhauses in der Wakenitzstraße, in den Buddenbrooks als Dr. Grabow beschrieben Heinrich Grabau (1795–1829), Mitglied ab 1820, auch als Botaniker aktiv, starb während einer Typhus-Epidemie Robert Christian Avé-Lallemant

Friedrich Lieboldt (1806–1878), Badearzt in Travemünde Georg Bernhard Eschenburg (1811–1886), Praktischer Arzt in Lübeck, Leiter der Lübecker Heilanstalt 1838–1888, Nachfolger Gütschows Wilhelm von Bippen (1808–1865) William Henry Newman-Sherwood (1812–1872) Emil Cordes (1829–1900) Carl Türk (1838–1890), Mitglied seit 1860, ab 1880 Stadtphysicus, Vorsitzender 1880, 1883, 1887 Carl Hinckeldeyn (1846–1886), Mitglied seit 1869, mehrjähriger Schriftführer, Vorsitzender 1882, initiierte 1880 den Neubau des Allgemeinen Krankenhauses Ephraim Adler (1855–1910) Eugen Plessing (1857–1921) Rudolf Struck (1861–1935)Friedrich von Rohden: Von alten Lübecker Ärzten. In: Der Wagen 1960, S. 88/90. Max Linde (1862–1940) Theodor Eschenburg (1853–1921), Sohn von Georg Bernhard Eschenburg (1811–1886)Friedrich von Rohden: Von alten Lübecker Ärzten in: Der Wagen 1960, S. 91. Philipp Pauli (1855–1935), KinderarztFriedrich von Rohden: Von alten Lübecker Ärzten in: Der Wagen 1960, S. 92. Walter Schlodtmann (1870–1940)Friedrich von Rohden: Von alten Lübecker Ärzten in: Der Wagen 1960, S. 92/94. Otto Roth (1863–1944) Richard Karutz (1867–1945) Georg Deycke (1865–1938) und Ernst Altstaedt (1885–1953) → Lübecker Impfunglück Johannes Enge, Begründer und erster Direktor der Heilanstalt Strecknitz

Oskar Wattenberg, Heilanstalt Strecknitz

Bern Carrière (1921–2015), Psychiater

Bibliothek mini|Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte in Lübeck Eine der Keimzellen des Vereins war die 1805 gegründete ärztliche Lesegesellschaft; 1819 kam es zur Gründung einer eigenen Bibliothek. 1827 vermachte Theodor Friedrich Trendelenburg seine 8000 Bände umfassende Bibliothek dem Ärztlichen Verein. Sie wurde zum wesentlichen Grundstock der Vereinsbibliothek, die im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts laufend erweitert wurde und an verschiedenen Standorten untergebracht war, zunächst in der Ratsapotheke, dann im Schulcollegien-Witwenhaus oder Attendornstift in der Glockengießerstraße 4 und zeitweilig auch im Gerichtsgebäude in der Großen Burgstraße. Diese Bibliothek des Ärztlichen Vereins wurde 1922 von der Stadtbibliothek Lübeck durch Bemühungen ihres Direktors Willy Pieth erworben. Sie umfasst ca. 30.000 Bände seit dem 16. Jahrhundert,Eintrag im Handbuch der historischen Buchbestände online und in ihr haben sich offenbar auch einzelne komplette Gelehrtenbibliotheken, wie die von Joachim Scholvien (promoviert 1715), erhalten. Seit 1993 wird die Bibliothek zusammen mit dem vor 1971 erworbenen medizinischen Altbestand der Stadtbibliothek als Dauerleihgabe in der Bibliothek des Instituts für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Universität Lübeck in der Königstraße verwahrt.Bibliothek des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung, abgerufen am 1. Juli 2013.

Siehe auch Liste der Lübecker Stadtphysici

Veröffentlichungen Lübeck: Festschrift den Theilnehmern der 67. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte, gewidmet von dem Arztlichen Verein und dem Naturwissenschaftlichen Verein zu Lübeck. Lübeck: Rahtgens 1895

Literatur Theodor Eschenburg: Der Ärzteverein zu Lübeck während der ersten 100 Jahre seines Bestehens 1809–1909, Wiesbaden 1909 Jacob Meyer: Der Ärztliche Verein zu Lübeck: in den Jahren 1909–1934; Fortsetzung der Geschichte des Ärztlichen Vereines während der ersten 100 Jahre seines Bestehens von T. Eschenburg, Wiesbaden, 1909. Rahtgens, Lübeck 1934 Kurt Dutte: 150. Stiftungsfest des Ärztevereins zu Lübeck: Sonderdruck aus dem Juliheft 1959 des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Wäser, 1959 Friedrich von Rohden: Der Ärztliche Verein zu Lübeck: 150 Jahre ärztlicher Geschichte, 1809–1959. Schmidt-Römhild, Lübeck 1959 Friedrich von Rohden: Von alten Lübecker Ärzten. In: Der Wagen 1960, S. 83–100. Bern Carrière (Hrsg.): Der Ärzteverein zu Lübeck: 175 Jahre seiner Geschichte, 1809–1984, Verlag Ärzteverein, Lübeck 1984 Rüdiger Kurowski: Medizinische Vorträge in der Lübecker Gesellschaft zur Beförderung Gemeinnütziger Tätigkeit 1789–1839: eine Patriotische Sozietät während der Aufklärung und Romantik. Schmidt-Römhild, Lübeck 1995 Carsten Groth: Ärztlicher Verein. In: Antjekathrin Graßmann (Hrsg.): Lübeck-Lexikon, Lübeck 2006

Weblinks

Ärzteverein Lübeck Geschichtliche Digitalisate

Einzelnachweise

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