Karl Mays Humoresken und historische Erzählungen sind kürzere Texte aus Karl Mays Frühwerk. Über die historische Persönlichkeit Leopold I. von Anhalt-Dessau, bekannt als „der Alte Dessauer“, verfasste May eine Reihe historischer Erzählungen als Militärhumoresken. mini|Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau

Entstehung Bis Karl May seine Profession als Autor von Reiseerzählungen fand, versuchte er sich in seinem Frühwerk an verschiedenen Richtungen der Unterhaltungsliteratur.Martin Lowsky: Karl May (Realien zur Literatur, Band 231). J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 3-476-10231-9, S. 38 ff. Dazu gehörten u. a. Humoresken und historische Erzählungen. Die humorvollen Texte bildeten den Gegensatz zu Mays ernsten Erzgebirgischen Dorfgeschichten, die ebenfalls aus dieser Schaffensperiode stammen.

Die Humoresken im Allgemeinen mini|hochkant|Karl May zur Zeit seines Frühwerks

Karl Mays Leben war angefüllt mit Miseren, Missgeschicken und Katastrophen.Heinz Stolte: Narren, Clowns und Harlekine. Komik und Humor bei Karl May. In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1982. Hansa Verlag, Husum 1982, ISBN 3-920421-42-6, S. 40–59 (43). (karl-may-gesellschaft.de). Er selbst bezeichnete sich später als ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers.Karl May: Mein Leben und Streben. Band I. Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg i. Br. 1910, S. 8. (karl-may-gesellschaft.de; PDF; 16,9 MB) Dennoch war er immer zu Späßen aufgelegt,Stolte: Narren, Clowns und Harlekine. S. 45. durchsetzte seine Werke ausgiebig mit komischen Elementen und gehörte zu den wenigen erfolgreichen deutschsprachigen Humoristen des 19. Jahrhunderts.Michael Zaremba: Strukturen des Humors bei Karl May. In: Claus Roxin, Helmut Schmiedt, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1998. Hansa Verlag, Husum 1998, ISBN 3-920421-72-8, S. 164–176 (164). (karl-may-gesellschaft.de). Nach Michael Zaremba speiste sich die „humoristische Energie [...] aus massiven Verdrängungsproblemen, die mit seinem Vorleben und seinem Charakter“ zusammenhingen. Mit Humor versuchte May die schlechte Wirklichkeit zu überwinden und empfand diesen als heilsam.Zaremba: Strukturen des Humors. S. 175. Mays Anspruch, seine Sujets stammten aus dem wirklichen Leben und alles sei selbst erlebt, ist auf Grund der autobiographischen Relevanz dieser Texte insofern korrekt, da er lediglich die tatsächlichen Verhältnisse umkehrte.Hermann Wohlgschaft: Karl May – Leben und Werk. 3 Bände. Bücherhaus, Bargfeld 2005, ISBN 3-930713-93-4, S. 363 ( 1. Auflage) Seine Fehler und Charakterschwächen der Jugendjahre stellte er als Narrenfiguren dar, die er dem Gelächter preisgab.Stolte: Narren, Clowns und Harlekine. S. 46f.Zaremba: Strukturen des Humors. S. 172. Inspiration fand May zudem im karnevalistischen Treiben von Batzendorf, einer fiktiven, von den Bürgern seiner Heimat gespielten Gemeinde.Wojciech Kunicki: Karl Mays Humoreske „Die verhängnisvolle Neujahrsnacht“. Versuch einer Interpretation. In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1988. Hansa Verlag, Husum 1988, ISBN 3-920421-54-X, S. 248–267 (255).

Laut eigenen Angaben hatte May schon in den 1860er Jahren Humoresken veröffentlicht.May: Mein Leben und Streben. S. 113 ff.Debelius: Editorischer Bericht. S. 425–427. Um 1864 versuchte sich May an einem humoristischen Bühnenstück: Die Pantoffelmühle. Posse mit Gesang und Tanz in acht Bildern. Es blieb zwar unvollendet, aber Motive daraus finden sich in mehreren seiner Werke: u. a. in Die drei Feldmarschalls, Ziege oder Bock und Der Scheerenschleifer.Christoph F. Lorenz: Karl Mays „Die Pantoffelmühle“. Posse mit Gesang und Tanz in acht Bildern. In: Hartmut Kühne, Christoph F. Lorenz (Hrsg.): Karl May und die Musik. Karl-May-Verlag, Bamberg/Radebeul 1999, ISBN 3-7802-0154-2, S. 222–241. Während Mays zweiter Haftzeit (1865–1868) legte er ein Nachschlagewerk, Repertorium C. May, mit über hundert Titeln und Sujets hauptsächlich aus verfügbarer Literatur an,Wilhelm Brauneder: Das Repertorium C. May. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 202/2019, S. 27–47 (Teil 1) und Nr. 203/2020, S. 3–18 (Teil 2). in dem einige Titel mit später selbst verfassten Humoresken korrespondieren (Im Seegerkasten, Im Wasserständer, das unvollendete In den Eiern) oder an solche erinnern.Karl May: Old Shatterhand in der Heimat. Karl-May-Verlag, Bamberg/Radebeul 1997, ISBN 3-7802-0079-1, S. 256–258, 277–279.Kunicki: Karl Mays Humoreske „Die verhängnisvolle Neujahrsnacht“. S. 248 f. Zwar datiert die Forschung die Entstehungszeit einiger Humoresken auf 1868–1870 (dann folgte die dritte Haftzeit: 1870–1874), allerdings konnte noch keine Veröffentlichung einer Erzählung vor 1874 nachgewiesen werden. Die älteste bekannte Humoreske erschien 1875.

Über die historischen Persönlichkeiten Leopold I. von Anhalt-Dessau und Gebhard Leberecht von Blücher verfasste May historische Erzählungen als Militärhumoresken. Ab 1879 erschienen keine neuen Humoresken ohne historischen Hintergrund mehr.Debelius: Editorischer Bericht. S. 500. Stattdessen folgte nun bis 1883 der Großteil der Dessauer-Geschichten.

Die historischen Erzählungen im Allgemeinen mini|hochkant|Gebhard Leberecht von Blücher

Zu Mays Zeiten waren Berichte über historische Persönlichkeiten begehrt,Heermann: Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“. S. 71. vor allem wenn es sich um novellistisch erweiterte Anekdoten handelte.Erich Heinemann: Einführung. In: Der Scheerenschleifer / Die Both Shatters / Tui Fanua. Reprint der Karl-May-Gesellschaft, Hamburg 1977, S. 2. So bildete z. B. die Gestalt des Alten Dessauers Stoff für viele Schriftsteller.Roland Schmid: Nachwort. In: Karl May: Der alte Dessauer. Karl-May-Verlag, Bamberg 1968, S. 513. Besonders die Kombination aus Militär und Witz war im Deutschen Reich sehr beliebt. Derartige Erzählungen wurden von Verlagen und Lesern populärer Familienzeitschriften erwartetKahrs: Hundsfott. S. 60. und May hatte bereits früh begonnen, den literarischen Markt zu beobachten.Ulrich Scheinhammer-Schmid: [Werkartikel über] Der Scheerenschleifer. In: Ueding: Karl-May-Handbuch. S. 365. Also versuchte er von Anfang an, viele Erzählungen mit einem historischen Aufhänger zu versehen, um besonderes Interesse bei seiner Leserschaft zu finden.Eckehard Koch: Der Gitano ist ein gehetzter Hund. Karl May und die Zigeuner. In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1989. Hansa Verlag, Husum 1989, ISBN 3-920421-56-6, S. 178–229 (181). (karl-may-gesellschaft.de). Das Repertorium C. May enthält auch Einträge, die sich mit preußischer bzw. deutscher Geschichte befassen.May: Old Shatterhand in der Heimat. S. 287–289.

Die Rose von Ernstthal (1874 oder 1875) ist die älteste bekannte Veröffentlichung einer May-Erzählung.Sudhoff, Dieter, Steinmetz, Hans-Dieter: Karl-May-Chronik I. Karl-May-Verlag, Bamberg/Radebeul 2005, ISBN 3-7802-0170-4, S. 187. Sie gehört sowohl zu den historischen Erzählungen als auch zu den Erzgebirgischen Dorfgeschichten. Allerdings ist sie weniger durch Dorf- als vielmehr durch Kleinstadt- und Soldaten-Milieu geprägt und weist hohe Ähnlichkeit mit den darauf folgenden Erzählungen über den Alten Dessauer auf,Jürgen Hein: [Werkartikel über] Die Rose von Ernstthal. In: Ueding, Handbuch. S. 371–373.Roland Schmid: Nachwort des Herausgebers. In: Karl May: Der Waldschwarze. Karl-May-Verlag, Bamberg 1971, ISBN 3-7802-0044-9, S. 466. der darin bereits erwähnt wird. Viele Handlungselemente dieses Werkes hatte May in späteren Erzählungen wieder aufgegriffen und variiert.Wohlgschaft: Karl May – Leben und Werk. S. 357f.

May griff sowohl auf inner- wie auch außereuropäische Geschichte und Persönlichkeiten zurück, über die er sich durch Quellenstudien in entsprechender Literatur sowie in Lexika informierte, und vermischte seine Erzählungen mit abenteuerlicher Handlung oder dem kriminalistischen Schema. 1879 erschien mit Three carde monte Mays erste Erzählung für den Deutschen Hausschatz in Wort und Bild, der für viele Jahre dessen Hauptpublikationsorgan werden sollte. Hierin erschienen auch alle folgenden historischen Erzählungen ohne Dessauer-Bezug, bevor May dort ab 1883 fast nur noch Reiseerzählungen veröffentlichte. Die Arbeit an diesen und die Arbeitslast durch die Kolportageromane führten zum Ende des Frühwerkes.

Die Dessauer-Geschichten im Besonderen Leopold I., genannt „der Alte Dessauer“, (1676–1747) war Fürst von Anhalt-Dessau, der erste wichtige preußische Heeresreformer und einer der populärsten preußischen Generäle.Leopold I. (Anhalt-Dessau). Version vom 3. April 2013 um 12:56. Keine andere Persönlichkeit hat May so nachhaltig und andauernd fasziniert.Heermann: Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“. S. 10. Zu seiner Zeit war die Gestalt Leopolds I. bereits anekdotisch verzerrtWohlgschaft: Karl May – Leben und Werk. S. 417. und die Literatur entsprechend gefärbt, so dass Mays Blick auf die negativen Seiten dieser Person getrübtKahrs: Hundsfott. S. 60f. und verklärt war.Heermann: Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“. S. 53. Die Anekdoten wiesen ihn als strengen und schwierigen Landesfürsten aus, der aber durch sein humoriges Wesen bei seinen Soldaten und dem Volk beliebt war. Dies machte ihn für May sympathisch;Lorenz: Landesherr und Schmugglerfürst. S. 363. er hielt ihn für besonders volkstümlich und urwüchsig.Christoph F. Lorenz: [Werkartikel über] Unter den Werbern. In: Meier: Unter den Werbern. S. 122. Zudem hatte May die Bestrafung seiner einstigen Verfehlungen als zu hart empfunden und wollte Rache nehmen.May: Leben und Streben. S. 158. Indem er Leopold I. und seine Truppen, die einst das sächsische Militär bezwungen hatten, in den ersten Erzählungen (Die Rose von Ernstthal und Unter den Werbern) über die Sachsen triumphieren ließ, konnte er seinen Rachefeldzug gegen die sächsische Polizei und Justiz literarisch fortsetzen.Heermann: Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“. S. 33. Wiederkehrend tauchen in Mays Texten Figuren auf, die seinen Vater Heinrich August May spiegeln, über den er später schrieb, er wäre ein Mensch mit zwei Seelen [gewesen]. Die eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch.May: Leben und Streben. S. 9. Auch in der Darstellung des Fürsten ist das ambivalente Vaterbild erkennbar.Klaus Eggers: [Werkartikel über] Unter den Werbern. In: Ueding: Karl-May-Handbuch. S. 348.

Nachdem Leopold I. bereits in Mays ältester Erzählung erwähnt worden war, stand er selbst im Mittelpunkt einer der ältesten bekannten Veröffentlichungen einer Humoreske: Ein Stücklein vom alten Dessauer (1875). Der Fürst war durch die 200. Wiederkehr seines Geburtstages im folgenden Jahr besonders präsent. May reiste zu Studienzwecken nach DessauHeermann: Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“. S. 35 f. und hatte Gelegenheit sämtliche damals verfügbare Literatur über den Fürsten zu studieren.Christian Heermann: Winnetous Blutsbruder. Karl-May-Biografie. Zweite, überarbeitete und ergänzte Auflage. Karl-May-Verlag, Bamberg/Radebeul 2012, ISBN 978-3-7802-0161-4, S. 151. Unter dem Eindruck dieser Reise entstand Unter den Werbern, und sieben weitere Geschichten über den Alten Dessauer sollten während der nächsten Jahre folgen. An den späteren Geschichten zeigt sich Mays schriftstellerische Entwicklung, da sie eine Verflechtung mehrerer Handlungsstränge sowie bessere Figurenzeichnung und Darstellung der Situationskomik aufweisen.Scheinhammer-Schmid, Der Scheerenschleifer. S. 365. Zu Mays Quellen gehörten u. a. Karl August Varnhagen von Enses „Biographische Denkmale“ und Franz Carions Roman „Der alte Dessauer“.Gerhard Klußmeier: Karl May und der „Alte Dessauer“. In: Meier: Unter den Werbern. S. 9–12.