Die Aachener Domschatzkammer präsentiert den Kirchenschatz des Aachener Doms, eine der bedeutendsten Sammlungen kirchlicher Kulturschätze der Welt. Das Museum in der Trägerschaft des Aachener Domkapitels befindet sich in der historischen Innenstadt von Aachen in am Kreuzgang des Domes gelegenen Räumlichkeiten. Gezeigt werden Werke aus spätantiker, byzantinischer, karolingischer, ottonischer, staufischer und gotischer Zeit. Die Sammlung der Schatzkammer des Doms wurde 1978 zusammen mit dem Dom als erstes Denkmal auf deutschem Boden in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.Eintrag in die Liste der UNESCO (englisch). Seit 2009 ist die Domschatzkammer eine Station der Route Charlemagne.
Geschichte
Über die Aufbewahrung des Schatzes der Aachener Marienkirche im Mittelalter ist heute nichts mehr bekannt.Herta Lepie: Der Domschatz zu Aachen. In: Clemens M. M. Bayer u. a. (Hrsg.): Schatzkunst in Rheinischen Kirchen und Museen. S. 123. Vom 15. bis ins 19. Jahrhundert wurden die Stücke der stetig wachsenden Sammlung in einem großen gotischen Reliquienschrank aufbewahrt, der sich in der Sakristei, der Matthiaskapelle des Aachener Doms, befand. Vermutlich hat es im Obergeschoss der Kapelle einen Paramentenraum gegeben, der – nach den schlimmen Erfahrungen durch den großen Stadtbrand von Aachen im Jahr 1656 – gegen Brand durch ein Schutzgewölbe aus Ziegelstein und einen doppelten Boden gesichert war. Angaben von Franz Bock zufolge wurde der Schatzschrank im 19. Jahrhundert auseinandergenommen und dessen bemalte Türflügel in einen neuen Schatzschrank eingefügt, der wiederum auf engstem Raum gleichsam die Hauptstücke des Domschatzes aufnahm: den Karlsschrein und Marienschrein, den Goldaltar (Pala d’oro), das Lotharkreuz, die Karlsbüste sowie sämtliche Reliquiare. Dieser zweite Schatzschrank war zunächst von 1873 bis 1881 in der im nördlichen Obergeschoss befindlichen Karlskapelle des Domes aufgestellt, bis er aufgrund besserer klimatischer Verhältnisse in der barocken Ungarnkapelle platziert wurde. Dort blieb die Sammlung einzig mit Unterbrechung der Auslagerung während des Ersten Weltkrieges bis zum Jahr 1931. Wie in einem Reiseführer des 19. Jahrhunderts erwähnt, wurde der so aufbewahrte Domschatz vom Küster gegen Entgelt Fremden präsentiert.Herta Lepie: Der Domschatz zu Aachen. In: Clemens M. M. Bayer u. a. (Hrsg.): Schatzkunst in Rheinischen Kirchen und Museen. S. 123.
Zum Ende des Ersten Weltkrieges hatte der damalige Dombaumeister Joseph Buchkremer als sicheren Bergungsort für den Schatz die Allerseelenkapelle ausgewählt. Nach der Rückführung des Schatzes aus Paderborn wurde hier im Jahr 1922 mit dem Ausbau einer ersten Schatzkammer begonnen, die 1931 eröffnet werden konnte. Der Schatz, der jahrhundertelang in einem engen Schatzschrank untergebracht gewesen war, konnte nun auf einem mit 90 m² für damalige Verhältnisse angemessen großen Raum nach zeitgemäßen museums- und sicherheitstechnischen Vorgaben und Gesichtspunkten der Öffentlichkeit gezeigt werden. Dieser Standort wurde abgesehen von der erneuten Auslagerung der Sammlung im Zweiten Weltkrieg bis 1979 beibehalten.
Das Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau wählte 1975, wegen der Signifikanz, den Domschatz Aachen aus, um für ihn einen Erprobungsbunker für Sachschutz zu errichten.Herta Lepie: Der Domschatz zu Aachen. In: Clemens M. M. Bayer u. a. (Hrsg.): Schatzkunst in Rheinischen Kirchen und Museen. S. 124. Da nur kurze Transportwege im Ernstfall die Gewähr für eine schadlose Umlagerung bieten können, entschloss sich das Domkapitel, in unmittelbarer Nähe des Schutzbunkers an der Westseite des Kreuzgangs eine neue Schatzkammer zu bauen. Planung und Durchführung erfolgten von 1975 bis 1979. Die inhaltliche und gestalterische Konzeption wurde von Dombaumeister Leo Hugot, Domkapitular Erich Stephany und Herta Lepie entwickelt und realisiert. 1979 wurden die neuen Ausstellungsräumlichkeiten in Dienst genommen. In drei Räumen wurden die Exponate auf einer Fläche von 490 m² in chronologischer Reihenfolge der Öffentlichkeit präsentiert.
Im Laufe der Zeit stellten sich jedoch technische Mängel ein, die eine Gefährdung für den Kunstschatz mit sich brachten. Daher erfolgte, auch bedingt durch den unerwartet hohen Besucherandrang, 1995 wiederum eine Neuaufstellung, um den aktuellen museumsdidaktischen, konservatorischen, technischen und sicherheitstechnischen Anforderungen gerecht zu werden. Daneben wurde erkennbar, dass eine chronologische Präsentation für die Besucher eher schwer nachzuvollziehen war. Das Konzept für die Neuaufstellung wurde von Herta Lepie, Georg Minkenberg, Domkapitular August Peters sowie Dombaumeister Hans-Karl Siebigs erarbeitet; mit der Ausführung wurde der Architekt Winfried Wolks betraut. Die bisherige Ausstellungsfläche wurde auf 600 m² erweitert und bietet nicht nur zusätzliche Räume für Wechselausstellungen, sondern zudem auch die Möglichkeit der Akzentuierung durch Bildung von Raumkompartimenten. Die Aufstellung erfolgte nun nicht mehr chronologisch, sondern nach fünf Themen, die die inhaltlichen Bezüge der Schatzstücke zueinander klar erkennen lassen.
Herta Lepie war von 1978 bis 1986 Leiterin der Domschatzkammer und von 1987 bis zu ihrer Pensionierung 2003 Direktorin der Abteilung Goldschmiedekunst am Aachener Dom. Von 1994 bis zu seinem Tod im März 2016 übernahm Georg Minkenberg die Leitung der Domschatzkammer. Als seine Nachfolgerin wurde im Juni 2016 Birgitta Falk berufen.
Ausstellung Unter den sechs unten näher behandelten Themenkomplexen zu den unterschiedlichen historischen, religiösen wie auch kulturellen Funktionen und Bedeutungen der Aachener Marienkirche stellt der überaus reiche Textilschatz einen bedeutenden Bestandteil der gegenwärtigen Ausstellung dar. Anders als bei den früheren Ausstellungskonzepten endet die zeitliche Präsentation mit dem Ende Aachens als Krönungsort im 16. Jahrhundert.Herta Lepie: Der Domschatz zu Aachen. In: Clemens M. M. Bayer u. a. (Hrsg.): Schatzkunst in Rheinischen Kirchen und Museen. S. 125. Die in nachmittelalterlicher Zeit und Neuzeit zur Ausstattung der Stifts- und Domkirche geschaffenen Kunstwerke werden in Zukunft zu einem Teil ihren Platz in den Kapellen des Domes haben.
Themenbereiche Die heutige Schatzkammer zeigt mehr als 100 Kunstwerke, die nach sechs Themen gruppiert sind: Karl der Große Die Krönungen Die Liturgie Die Marienkirche Die Wallfahrtskirche und ihr Reliquienschatz TextilienLepie u. Minkenberg, S. 121ff.
Die einzelnen Themenkreise werden nachfolgend vorgestellt.
Karl der Große mini|hochkant|Schatzkammer-Evangeliar, Aachen, Anfang 9. Jh. Der Schwerpunkt der Ausstellung richtet sich auf die Dokumentation des heutigen Doms als ehemalige Pfalzkirche Karls des Großen. Hier steht die spätgotische, silbervergoldete Karlsbüste, Vorbild für zahlreiche spätere Reliquienbüsten, im Zentrum. Möglicherweise wurde Karl der Große im Proserpina-Sarkophag, einem römischen Marmor-Sarkophag des frühen 3. Jahrhunderts n. Chr., im Aachener Dom bestattet. Darüber hinaus stellen das gotische Karlsreliquiar aus dem 14. Jahrhundert, das ebenfalls gotische Dreiturmreliquiar sowie das französische Armreliquiar von 1481 jeweils mit Reliquien des Herrschers herausragende Stücke der Sammlung dar.
Das zu Beginn des neunten Jahrhunderts an der Hofschule Karls des Großen angefertigte Schatzkammer-Evangeliar (Inv.-Nr. 4) gilt als eines der Hauptwerke der karolingischen Buchmalerei.
Ebenfalls zu den mit Karl in Verbindung gebrachten Exponaten gehört ein Olifant des elften Jahrhunderts aus Unteritalien (sarazenisch) oder dem Orient, der lange Zeit als dessen Jagdhorn angesehen wurde.Sog. Jagdhorn Karls des Großen im Bildindex der Kunst und Architektur. Ferner findet sich das aus dem achten Jahrhundert stammende sogenannte Jagdmesser Karls des Großen:Sog. Jagdmesser Karls des Großen im Bildindex der Kunst und Architektur. Es handelt sich neben dem Petrusmesser aus dem Bamberger Domschatz um das einzig bekannte mittelalterliche Messer, das oberirdisch verwahrt wurde, demnach von Beginn an eine besondere Bedeutung hatte; alle übrigen Vergleichsstücke sind Grabungsfunde. Das als angelsächsisch oder skandinavisch einzustufende Jagdmesser ist aus damasziertem Eisen gefertigt. Die zugehörige Scheide aus Leder datiert wohl aus dem elften Jahrhundert und trägt die in angelsächsischer Majuskel angebrachte Inschrift BYRHTSIGE MEC FECID („Byrthsige [Glänzender Sieger] hat mich gefertigt“).Herta Lepie, Georg Minkenberg: Die Schatzkammer des Aachener Domes. S. 21;
Ein weiteres unter Karls Ägide geschaffenes bedeutsames Werk der Sakralkunst ist das im ersten Viertel des neunten Jahrhunderts in der Hofschule Karls des Großen entstandene Elfenbein-DiptychonKarolingisches Elfenbein-Diptychon im Bildindex der Kunst und Architektur. (Inv.-Nr. G 8), das als Buchdeckel eines Intonationsbuchs aus dem frühen 15. Jahrhundert wiederverwendet wurde.Herta Lepie, Ann Münchow: Elfenbeinkunst aus dem Aachener Domschatz. Petersberg 2006, S. 10–17; Rainer Kahsnitz: Diptychon mit nachösterlichen Erscheinungen Christi. In: Peter van den Brink, Sarvenaz Ayooghi (Hrsg.): Karl der Große – Charlemagne. Karls Kunst. Katalog der Sonderausstellung Karls Kunst vom 20. Juni bis 21. September 2014 im Centre Charlemagne, Aachen. Sandstein, Dresden 2014, ISBN 978-3-95498-093-2, S. 188–189 (mit Literatur).
Auch findet sich hier das in das elfte oder zwölfte Jahrhundert zu datierende und wohl in Lüttich geschaffeneErnst Günther Grimme: Der goldene Dom der Ottonen. S. 15. sogenannte Brustkreuz Karls des Großen,Sog. Brustkreuz Karls des Großen im Bildindex der Kunst und Architektur. ein Reliquiar mit einem Splitter des Kreuzes Christi, das Karl der Legende zufolge zusammen mit den beiden weiteren benannten Schmuckstücken im Grab um den Hals getragen haben soll und das dann bei der Graböffnung durch Otto III. gefunden worden sei. Demnach wäre es identisch mit dem bei Thietmar von Merseburg bezüglich der Graböffnung erwähnten Kreuz.
Liturgie Es folgen Gegenstände aus dem Zusammenhang der Liturgie, darunter das bis heute zu besonderen Anlässen gottesdienstlich verwendete ottonische Lotharkreuz, ein prunkvoll gearbeitetes Vortragekreuz aus der Zeit um das Jahr 985, mit einem zentralen Kameo, das den römischen Kaiser Augustus zeigt, und einem namensgebenden karolingischen Siegelstein eines Herrschers Lothar, weshalb es als Sühnestiftung des westfränkischen Königs Lothar für einen Überfall auf Aachen angesehen wird. Es gilt in seiner kunsthandwerklichen Ausführung wie auch ästhetischen Konzeption – von der beinahe schon überbordend anmutenden Ausstattung mit Edelsteinen, Perlen und Filigranen angefangen bis hin zu seiner besonders wohlgeratenen Proportionierung – als ein unübertroffenes Musterbeispiel für den Typus des mittelalterlichen Gemmenkreuzes. Hinzu kommen spätgotische Kunstwerke aus der Kölner Malerschule, wie beispielsweise der Aachener Altar von 1515/20 und ein 1525 in Hildesheim geschnitzter Flügelaltar mit der Gregorsmesse,Esther Meier: Die Gregorsmesse. Funktionen eines spätmittelalterlichen Bildtypus. Böhlau, Köln 2006. ISBN 3-412-11805-2, S. 248 ff. ferner Goldschmiedearbeiten des Hans von Reutlingen, darunter auch die silbervergoldeten Reliefplatten des sogenannten Apostel-Antependiums aus dem Münster entstand etwa um 1480.Der Hochaltar des Aachener Münsters – Antependium mit Darstellung der zwölf Apostel im Bildindex der Kunst und Architektur. Die Altarverkleidung besteht aus Metallreliefs und einem Holzträger und ist eigentlich als Antemensale zu bezeichnen. Die äußeren Reliefs oben mit Peter und Paul unterscheiden sich sichtbar, sie sind aus Gold. Die einzige der 12 Tafeln mit zwei Figuren in der unteren Reihe (rechts der Mitte) stellt den Stifter des Werks im Gespräch mit seinem Namenspatron dar.
Krönungen