mini|Die mittlere Hütte mit Kupferschmelze und Laugenbetrieb, im Hintergrund das sogenannte Bethaus, in dem sich der Zugang zum Kilianstollen befand Die Stadtberger Gewerkschaft seit 1872 Stadtberger Hütte AG war ein 1834 gegründetes montanindustrielles Unternehmen zur Förderung von Kupfererz und Produktion von Kupfer in Marsberg. Es bestand bis 1930. Von einem Nachfolgeunternehmen wurde noch einmal zwischen 1935 und 1945 Kupfer produziert. Mit zeitweise mehr als 500 Beschäftigten war das Unternehmen der mit Abstand größte Betrieb im früheren Kreis Brilon. Die Haldenrückstände (Kieselrot) erwiesen sich als eine große Umweltbelastung. Der Kilianstollen des Unternehmens ist heute ein Schaubergwerk.
Vorgeschichte mini|Die Grube Mina am Eresberg wurde 1872 noch als Tagebau betrieben mini|Grubenplan der Grube Mina um 1890 Das Kupfererz rund um Marsberg tritt in den Kupferletten auf. Daneben finden sich unterhalb des Zechsteins in Spalten oder Zerrüttungszonen sekundäre Lagerstätten. Dort haben sich durch Sickerwasser Kupfererze angesammelt.Hans-Hubert Walter: Der Strukturwandel des Nordostsauerländer Bergbaus und Metallgewerbes im 19. Jahrhundert. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Münster 1986, S. 269–289, hier S. 269; zur Geologie: verschiedene Beiträge von Franz Bieker in: Bergbau und Geologie in Marsberg. Marsberg 1992, S. 19–30.
Die Kupfergewinnung hatte im Raum Marsberg eine lange bis ins Mittelalter zurückreichende Tradition. Schon im 8. Jahrhundert wurde auf den Bergen des Marsberger Stadtgebiets Kupfererz abgebaut und in den Tälern verhüttet. Möglicherweise hatte die Eroberung der Eresburg durch Karl den Großen auch wirtschaftliche Motive. Am Eresberg wurde im 10 bis 13. Jahrhundert Kupfererz gefördert und Kupfer produziert. König Konrad III. verlieh dem Abt Wibald von Corvey 1150 das Recht, bei Horhusen Gold, Silber, Kupfer, Blei und Zinn zu fördern.Wilfried Reininghaus: Die Geschichte des Bergbaus im kölnischen Sauerland. Ein Überblick. In: Sauerland, Jg. 2010, Heft 3, S. 116.
Die Erzgewinnung erfolgte in Kleingruben, die von Einzelnen oder Familien im Tagebau ausgebeutet wurden. Es folgten erste kleine in den Berg getriebene Stollen. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurden erste Schächte abgeteuft. Nach einer Zeit des Niedergang, erlebte die Kupferproduktion in der frühen Neuzeit einen neuen Aufschwung. Ulrich von Brilon erhielt 1650 die Erlaubnis die Kupferletten „auf der Kunst“ abzubauen. Im Jahr 1660 erwarb Johann Pielsticker das Bergrecht auf dem Jittenberg. In etwa in dieser Zeit entstanden Gewerkschaften. Ihr Kapital erlaubte erst den Übergang zum Tiefbau.Klaus Lattek: Geschichtlicher Überblick über den Kupferbergbau in Marsberg. In: Felix Bieker, Klaus Latteck: Kilianstollen. Bergbau und Geologie in Marsberg. Marsberger Heimatbund, Marsberg, 3. Aufl. 2007, S. 3–5, hier S. 4.Christoph Bartels: Erzbergbau in Westfalen – Ein Überblick. In: Geologie und Bergbau im rheinisch-westfälischen Raum. Münster 1994, S. 43.
Um Marsberg herum gab es schließlich sechs Kupferhütten und einen Kupferhammer. Seit 1712 wurde das nötige Erz bei Essentho ab 1729 auch bei Borntosten gefördert. Dagegen galten die Vorkommen in Marsberg selbst als erschöpft.Hans-Hubert Walter: Der Strukturwandel des Nordostsauerländer Bergbaus und Metallgewerbes im 19. Jahrhundert. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Münster 1986, S. 269–289, hier S. 271.
Die ältere Form der Kupfergewinnung beruht auf Ausschmelzen des Kupfers aus dem umgebenden Gesteins in Kupferhütten mittels Holzkohle. Dies war allerdings nur bei einem Kupfergehalt von mindestens 5 % rentabel. Im Jahr 1761 wurde der Bergmeister Kropf von Kurfürst Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels mit der Mutung und Verhüttung armer Erze belehnt. Mittels Vergasung mit Hilfe von Schwefelkies und der Abwaschung durch Salzsäure, entstanden Vitriole. Mit Hilfe von Eisen konnte daraus das Kupfer ausgefällt werden. Dadurch konnte auch weniger reichhaltiges Erz genutzt werden.Felix Bieker: Beiträge zur Genese, Mineralführung, Geologie und zur Verhüttung der Marsberger Erze. In: Felix Bieker, Klaus Latteck: Felix Bieker, Klaus Latteck: Kilianstollen. Bergbau und Geologie in Marsberg. Marsberger Heimatbund, Marsberg, 3. Aufl. 2007, S. 21–35, hier S. 32–33. mini|Hüttenleute der Stadtberger Hütte vor der Schlosserei im Jahr 1896. Darunter sind in der untersten Reihe sehr junge Beschäftigte Ähnlich wie die Eisenproduktion der Umgebung gerieten auch die Kupferhütten Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in die Krise. Im Jahr 1809 bestanden nur noch zwei Hütten. Der frühere Kupferhammer Maxhammer war zu einem Eisenhammer umgewandelt worden. Die Verhüttung des Kupfererzes war aufgrund des recht geringen Kupfergehalts auf der einen und des hohen und teuren Bedarfs an Holzkohle auf der anderen Seite nur noch wenig lohnend. Ein Großteil der benötigten Holzkohle war bislang aus dem benachbarten Waldeck gekommen. Diese Bezugsquelle fiel aus verschiedenen Gründen aus, so dass die Kupfergewinnung um 1810 ganz eingestellt werden musste. Im Jahr 1818 wurde die Produktion auf Betreiben der neuen preußischen Regierung 1821 und erneut 1831 zwar wieder aufgenommen, aber sie blieb wenig bedeutend.Hans-Hubert Walter: Der Strukturwandel des Nordostsauerländer Bergbaus und Metallgewerbes im 19. Jahrhundert. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Münster 1986, S. 269–289, hier S. 275.Uwe Beckmann: Kupfergewinnung in Westfalen. Stadtberge-Niedermarsberg. In: Michael Dauskardt (Hrsg.): „Der Schlag, der in den Ohren schallt“. Zur Geschichte der Kupfergewinnung und Kupferverarbeitung. Westfälisches Freilichtmuseum Hagen, Hagen 1990, S. 15–26, hier S. 16.
Stadtberger Gewerkschaft + Zahl der Beschäftigten 1836–1864Zusammengestellt nach: Hans-Hubert Walter: Der Strukturwandel des Nordostsauerländer Bergbaus und Metallgewerbes im 19. Jahrhundert. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Münster 1986, S. 269–289, hier S. S. 278, 284, 285, 288–289. Jahr Gruben Hütten Gesamt1843936315618449766163184512272194184613413226618597616123718601502664161861233312545186230729360018634132266391864414274688
Die Lage änderte sich als 1832 die Firma J.D. Hundsdicker aus Altena alle Bergbaurechte rund um Marsberg erwarb. Auf dieser Basis wurde 1834 die Stadtberger Gewerkschaft Aktiengesellschaft gegründet. Sitz des Unternehmens war zunächst Altena. Im Jahr 1834 erwarb Christian Rhodius Mitinhaber der Firma Rhodius aus Linz am Rhein die Stadtberger Gewerkschaft und führte neue Gewinnungsverfahren ein. Das Unternehmen erschloss in den Folgejahren die Grubenfelder Friederike, Oskar und Mina. Dabei wurden von den Talsohlen aus befahrbare Erbstollen in den Berg getrieben. Die bedeutendsten Stollen waren der 1838 angelegte Beuststollen vom Tal der Diemel zur Grube Friederike und der Kilianstollen vom Tal der Glinde zur Grube Oskar (1842). Später wurde noch der Friedrichsstollen zur Grube Mina angelegt. Die Firma kaufte nach und nach alle Grubenfelder auf und vereinigte sie 1859 zum Distriktfeld „Stadtberger Kupferdistrikt.“
Die hohen Investitionen zur Erschließung waren nur durch den Fortschritt bergbaulicher und geologischer Kenntnisse sinnvoll. Anders als früher förderte man nicht das Primär-, sondern das Sekundärerz. Dabei haben die wechselnde Streichrichtung und Verwerfungen des gefalteten Grundgebirges den Abbau erschwert.Hans-Hubert Walter: Der Strukturwandel des Nordostsauerländer Bergbaus und Metallgewerbes im 19. Jahrhundert. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Münster 1986, S. 269–289, hier S. 278–279.Wilfried Reininghaus, Georg Korte: Gewerbe und Handel in den Kreisen Arnsberg, Meschede, Brilon, Soest und Lippstadt (1800–1914). In: Karl-Peter Ellerbrock, Tanja Bessler-Worbs (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft im südöstlichen Westfalen. Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte, Dortmund 2001, ISBN 3-925227-42-3, S. 132–173, hier S. 149.
Gefördert wurden oxidischer Erze mit einem Kupfergehalt von 1,5–3,5 %. Zur Kupfergewinnung wurde nunmehr ein chemisches Verfahren genutzt. Dabei wurde dem Erz Schwefelsäure zugesetzt. Daraus entstand eine Kupfervitriollösung. Durch Hinzufügen von Eisenschrott wurde daraus unreines Zementkupfer ausgefällt. Die Verarbeitung erfolgte seit 1835 auf der unteren und seit 1845 auf der oberen Hütte. Im Jahr 1857 wurde die sogenannte Mittlere Hütte erbaut. In dieser wurden die armen oxidischen Kupfererze mit Salzsäure versetzt. Auch dabei wurde Zementkupfer gewonnen, dass in einem Wassermantelschachtofen verhüttet und in weiteren Arbeitsschritten chemisch reines Kupfer gewonnen wurde. Auch die Obere Hütte wurde auf dieses Verfahren umgestellt. Zur Vorbereitung musste das Erz mit durch Dampfkraft betriebene Walzwerke zerkleinert werden. Als Grundstoffe für den chemischen Prozess benötigten die Hütten Schwefelkies und Zinkblende. Die Gewerkschaft verfügte dazu über eigene Gruben bei Wulmeringhausen im Ramsbecker Revier. Auch aus dem Schwefelkiesbergbau in Meggen wurden Rohstoffe bezogen.Hans-Hubert Walter: Der Strukturwandel des Nordostsauerländer Bergbaus und Metallgewerbes im 19. Jahrhundert. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Münster 1986, S. 269–289, hier S. 279 und 281.
Wohl auch diese recht günstigen Bedingungen führten dazu, dass im Marsberger Raum 1856 mit der Gewerkschaft Kupferfreund mit Sitz in Unna ein zweites Unternehmen der Branche entstand. Auch dieses erschloss eigene Vorkommen, wurde aber bereits in den 1860er Jahren von der Stadtberger Gewerkschaft erworben. Die Stadtberger Gewerkschaft selbst litt in den 1850er Jahren unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten und wurde daher 1856 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.Hans-Hubert Walter: Der Strukturwandel des Nordostsauerländer Bergbaus und Metallgewerbes im 19. Jahrhundert. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Münster 1986, S. 269–289, hier S. 280.
156 Arbeiter gehörten 1843 zur Belegschaft. Aus 2667 t gewonnenen Erzes wurden 60 t Kupfer hergestellt. Im Jahr 1883 war die Belegschaft 456 Mann stark. Diese verarbeitete 39.389 t Erz und produzierten 510 t Kupfer.Felix Bieker: Beiträge zur Genese, Mineralführung, Geologie und zur Verhüttung der Marsberger Erze. In: Felix Bieker, Klaus Latteck: Kilianstollen. Bergbau und Geologie in Marsberg. Marsberger Heimatbund, Marsberg, 3. Aufl. 2007, S. 21–35, hier S. 31.
Stadtberger Hütte AG mini|Produktion der Stadtberger Gewerkschaft 1874–1903 in Prozent der Werte von 1874Zusammenstellung der Zahlen in den Grafiken nach: Bericht des Vorstandes der Actiengesellschaft Stadtberger Hütte für das Betriebsjahr; ausgewertet für die Betriebsjahre von 1874/1875 bis 1903/1904. mini|Zusammenstellung der Betriebsergebnisse der Stadtberger Hütte 1874–1902 in Prozent des Ergebnisses des Jahres 1879