mini|Rainer Nicolaysen (2015) Rainer Nicolaysen (* 21. Januar 1961 in Hamburg) ist ein deutscher Historiker.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind vor allem deutsche Sozial- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Exil- und Remigrationsforschung, Hamburgische Geschichte, Biographieforschung und (Homo-)Sexualitätsgeschichte. Seit 2010 ist er Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg, von 2011 bis 2023 war er Vorsitzender des Vereins für Hamburgische Geschichte.

Leben Rainer Nicolaysen wuchs im Hamburger Schanzenviertel aufRainer Nicolaysen: Mein Schanzenviertel. In: Claudia Thorn (Hrsg.): Mein Hamburg. Mitglieder des Vereins für Hamburgische Geschichte über ihre Stadt. Hamburg 2014, S. 33–49; geringfügig verändert wieder abgedruckt unter dem Titel Als die Schanze noch den Arbeitern gehörte. In: Hamburger Abendblatt vom 31. Mai/1. Juni 2014, S. 18 f. und legte 1980 am Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer das Abitur ab. Nach dem Zivildienst studierte er zunächst Rechtswissenschaft, dann von 1986 an Geschichtswissenschaft und Germanistik an der Universität Hamburg und arbeitete parallel von 1986 bis 1998 als Dozent für Deutsch als Fremdsprache und Politische Bildung an der Hamburger Volkshochschule. 1989 wurde er zudem Mitarbeiter im Projekt der 1991 eröffneten Ausstellung „Enge Zeit“, die erstmals den Spuren der in der NS-Zeit Vertriebenen und Verfolgten der Hamburger Universität nachging. Über Leben und Werk eines dieser Vertriebenen, des 1933 emigrierten und 1951 remigrierten jüdischen Politikwissenschaftlers Siegfried Landshut, schrieb Nicolaysen seine Magisterarbeit 1992 und, als Promotionsstipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, seine von Peter Borowsky betreute Dissertation, die er 1996 abschloss. Für seine Landshut-Biografie erhielt Nicolaysen 1996 den Dissertationspreis der Hamburger Universitäts-Gesellschaft.

Nach der Promotion wurde Nicolaysen 1997 Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 2002 erfolgte seine Habilitation mit einer von Arnold Sywottek angeregten und von Axel Schildt betreuten Untersuchung über die Gründungs- und Frühgeschichte der VolkswagenStiftung. In der Neuen Zürcher Zeitung urteilte Rainer Hoffmann, Nicolaysen sei mit seiner Studie ein „politikgeschichtlich bedeutsames Werk“ gelungen, „das sich teilweise wie eine Geschichte der westdeutschen Gesellschaft in den fünfziger Jahren liest“.Besprechung von Rainer Hoffmann: Wissenschaftsförderung im Zeichen des Käfers. Vorgeschichte und Wirken der Volkswagen-Stiftung. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6. Juli 2002, S. 93. Im Jahr 2002 war Nicolaysen wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“. Im folgenden Jahr wurde er Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und lehrte zusätzlich von 2002 bis 2007 Sozial- und Kulturgeschichte an der Universität Lüneburg.

Bereits seit 1996 ist Nicolaysen regelmäßiger Gastprofessor am Smith College in Northampton/Massachusetts, zwischen 2000 und 2010 hatte er außerdem siebenmal eine Max-Kade-Gastprofessur am Middlebury College in Vermont inne, wo er deutsche und europäische Geschichte lehrte und zweimal die jährliche Zernik Lecture hielt. Im Jahr 2010 erhielt er für herausragende Leistungen in der akademischen Lehre den Hamburger Lehrpreis.

Seit 2010 ist Nicolaysen als Nachfolger von Eckart Krause Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte und außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg. Seitdem ist er geschäftsführender Herausgeber der Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte sowie Herausgeber der einzelnen Bände der Hamburger Universitätsreden.

Nicolaysen ist Mitgründer des PEN Berlin.Mitglieder des PEN Berlin. Er ist verheiratet mit dem Journalisten Jan Feddersen. Er lebt in Hamburg und Berlin.

Wirken

Siegfried Landshut Nicolaysen ist Experte für die Biographie und Schriften Landshuts. Bereits 1994 legte er eine knappe biographische Skizze in Band 8 der Reihe Hamburgische Lebensbilder vor.Rainer Nicolaysen: Siegfried Landshut (1897–1968). In: John Michael Krois, Gerhard Lohse, Rainer Nicolaysen: Die Wissenschaftler Ernst Cassirer, Bruno Snell, Siegfried Landshut. Hamburg 1994, S. 75–115; wieder abgedruckt in: Hans J. Lietzmann: Politik und Wissenschaft. Ein Reader zur Wissenschaftsgeschichte. München 1997, S. 118–130. Seine durch das Herbert-Wehner-Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung geförderte Arbeit Siegfried Landshut. Die Wiederentdeckung der Politik wurde im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag veröffentlicht und in den Feuilletons als „Entdeckung“ Landshuts, so Iring Fetscher in der Zeit besprochen.Besprechung von Iring Fetscher: Politik als Wissenschaft. Rainer Nicolaysen entdeckt Siegfried Landshut. In: Die Zeit vom 8. August 1997, Nr. 33, S. 13. Wilhelm Hennis schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Biografie gebühre „ein Platz neben den Erinnerungen Victor Klemperers und den Arbeiten über Landshuts Studienkollegen Leo Strauss und Hannah Arendt“.Besprechung von Wilhelm Hennis: Wiederentdeckt: Siegfried Landshut. Neue Politik. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. März 1996, Nr. 62, S. N 5.

Anlässlich Landshuts 100. Geburtstag wurde im Winter 1997 ein mehrtägiges Symposium veranstaltet. Die Beiträge von zwölf Autoren dazu gab Nicolaysen 2000 in einem Sammelband (Polis und Moderne, Siegfried Landshut in heutiger Sicht) heraus.Vgl. dazu die Besprechung von Joist Grolle in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 87, 2001, S. 250–251 (online). Im Jahr 2004 legte Nicolaysen eine zweibändige Auswahlausgabe der Werke Landshuts vor, mit der er nach den Worten Michael Th. Grevens Landshut als einen der „tiefgründigsten Vertreter des politikwissenschaftlichen Neo-Aristotelismus“ in den Fachdiskurs zurückgeholt habe.Besprechung von Michael Th. Greven: Siegfried Landshut. Ein Gründungsvater des politikwissenschaftlichen Neo-Aristotelismus. In: Neue Politische Literatur 49, 2004, S. 216–219, hier S. 217. Weitere Besprechung von Wolfgang Kessel in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 91, 2005, S. 286–289 (online).

Universitätsgeschichte Seit seinem Amtsantritt engagierte sich Nicolaysen für die Etablierung eines Hamburger Universitätsarchivs, das 2014 eingerichtet wurde; den seit 2017 online zugänglichen Hamburger Professorinnen- und Professorenkatalog hat er ebenfalls initiiert.Hamburger Professorinnen- und Professorenkatalog; Rainer Nicolaysen (Hrsg.): Der Hamburger Professorinnen- und Professorenkatalog (HPK). Reden der Zentralen Veranstaltung der Universität Hamburg am 26. Januar 2017 anlässlich der Freischaltung des HPK. Hamburg 2018 (online). Nicolaysen ist Gründungsmitglied des Forschungsverbunds zur Kulturgeschichte Hamburgs, Mitbegründer des Arbeitskreises Sammlungen an der Universität Hamburg, Mitglied im Vorstand der Gesellschaft der Freunde der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und im Wissenschaftlichen Beirat der Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zur Hamburger Universitätsgeschichte zählen etliche biografische Studien, neben Landshut etwa über Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Walter A. Berendsohn, Curt Bondy, Ernst Cassirer, Fritz Fischer, Eduard Heimann, Richard Salomon, Magdalene Schoch, Kurt Singer und Alfred Vagts.

Er war Mitherausgeber von Sammelbänden zur Geschichtswissenschaft in Hamburg (2011 mit Axel Schildt)Vgl. dazu die Besprechungen von Joist Grolle in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 97, 2011, S. 235–240 (online); Levke Harders in: H-Soz-Kult, 4. Mai 2012 (online)., zum Akademischen Gymnasium (2013 mit Dirk Brietzke und Franklin Kopitzsch)Vgl. dazu die Besprechung von Heinz-Elmar Tenorth in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 35, 2017, S. 145–148; Uwe Reimer in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 100, 2014, S. 227–228 (online)., zur transatlantischen Partnerschaft zwischen der Universität Hamburg und dem Smith College in Massachusetts (2017 mit Jocelyne Kolb)Vgl. dazu die Besprechung von Peter Timmann in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 104, 2018, S. 320–322 (online) und zur Wirkung von Exil und Remigration auf die Wissenschaften in Deutschland nach 1945 (2021 mit Kirsten Heinsohn).Vgl. dazu die Besprechungen von Annette Wolf in: H-Soz-Kult, 22. November 2021 (online); Fabian Link in: Historische Zeitschrift 314, 2022, S. 259–261; Ulf Morgenstern in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 108, 2022, S. 251–253; Stefan Jordan in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 70, 2022, S. 490–492.

Am 100. Gründungstag, dem 28. März 2019, veröffentlichte er mit „100 Jahre Universität Hamburg“ einen Artikel über den schwierigen Weg zur Universitätsgründung in der Hansestadt.Rainer Nicolaysen: Wer braucht schon Bildung. Lange behaupteten die Eliten der Stadt: Hamburg benötigt keine Universität. Vor 100 Jahren wurde sie endlich gegründet. In: Die Zeit vom 28. März 2019, Nr. 14, Hamburg-Teil, S. 22. Im Jahr darauf erschien der erste Band der vierbändigen und fast 3100 Seiten umfassenden Hamburger Universitätsgeschichte, die Nicolaysen mit Eckart Krause und Gunnar B. Zimmermann herausgibt und an der insgesamt 135 Autorinnen und Autoren beteiligt sind. Obwohl im Zusammenhang mit dem Jubiläum entstanden, verstehen die Herausgeber ihre Darstellung ausdrücklich nicht als eine Festschrift, sondern vielmehr als eine multiperspektivische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Universität, die die bisher vernachlässigte Aspekte stärker beleuchten soll.Rainer Nicolaysen, Eckart Krause und Gunnar B. Zimmermann: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): 100 Jahre Universität Hamburg. Studien zur Hamburger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte in vier Bänden. Göttingen 2020, S. 9–30, hier: S. 9 und 12. Vgl. zum Projekt das Interview von Oskar Piegsa mit Nicolaysen: „Ich halte die Uni Hamburg nicht für den Nabel der Welt, aber ...“. In: Zeit Online, 27. Dezember 2020. Laut Frank-Rutger Hausmann öffnen die Herausgeber und Verfasser damit „der Universitäts-Geschichtsschreibung neue ‚demokratische‘ Perspektiven und können für zukünftige Arbeiten dieses Genres eine Vorreiterrolle reklamieren“.Besprechung von Frank-Rutger Hausmann in: Informationsmittel (IFB) – digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft (online). Weitere Besprechung von Martin Göllnitz in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 108, 2022, S. 243–246. Der zweite Band Geisteswissenschaften, Theologie und Psychologie erschien 2021.Vgl. dazu die Besprechungen von Marie-Elisabeth Hilger in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 108, 2022, S. 246–247; Christa Jansohn in: Historische Zeitschrift 321, 2025, S. 525–529. Der dritte Band Erziehungswissenschaft, Sozialwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaft wurde im November 2022 veröffentlicht.Vgl. dazu die Besprechung Martin Göllnitz in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 109, 2023, S. 326–329. Der vierte Band für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Medizin ist 2024 erschienen.Vgl. dazu die Besprechung Martin Göllnitz in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 111, 2025, S. 294–296.

Anlässlich der Begründung der Jiddistik an der Universität Hamburg vor 100 Jahren hielt Nicolaysen im September 2022 den Vortrag über Solomon Birnbaum, der 1922 mit einem Lehrauftrag die Jiddistik in Hamburg begründete.Vgl. dazu die Besprechung von Franklin Kopitzsch in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 111, 2025, S. 296–298.