mini|St. Petri (2013) mini|Südansicht vom Speersort

Die Hauptkirche Sankt Petri ist die älteste der fünf Hamburger Hauptkirchen und nach dem Apostel Petrus benannt. Der heutige Bau stammt im Wesentlichen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der 132 Meter hohe Kirchturm kann über 544 Treppenstufen bis auf eine Höhe von 123 Metern bestiegen werden und bietet durch Bullaugen einen guten Überblick über Hamburg.

Aufgrund ihrer Lage in einem weitgehend entvölkerten Geschäftsviertel zählt die evangelische Petri-Gemeinde heute nur noch wenige hundert Mitglieder. Etwa 300 Menschen arbeiten im Dienst der Gemeinde, als Seelsorger, Sozialarbeiter, Chorleiter, Handwerker etc., die Mehrzahl davon ehrenamtlich. Zur Kirche gehören ein Beratungs- und Seelsorgezentrum sowie ein Kindergarten.

Lage Sankt Petri liegt unweit des Rathausmarktes zwischen der Mönckebergstraße im Norden und dem Speersort im Süden, der Bergstraße im Westen und Bei der Petrikirche im Osten.

Geschichte mini|St. Petri als Pferdestall in der Hamburger Franzosenzeit (Peter Suhr, 1830) mini|Der Brand der St.-Petri-Kirche am 7. Mai 1842 vom Hof des Johanneums gesehen mini|St. Petri nach dem Brand, Lithografie der Gebrüder Suhr mini|St. Petri vor dem Brand und nach abgeschlossenem Wiederaufbau 1878 mini|hochkant|Dietrich Bonhoeffer mini|AKW-Protest (2011) Mittelalter Die Petrikirche steht am höchsten Punkt eines nach drei Seiten abfallenden Geestsporns, auf dem um das Jahr 800 mutmaßlich die erste Hamburger Siedlung um die Hammaburg entstand. Die Ursprünge der Kirche als Holzkapelle werden für spätestens Anfang des 11. Jahrhunderts angenommen, die erste urkundliche Erwähnung fand sie 1195 als ecclesia forensis (Marktkirche). Sie gilt nach dem 1804–07 abgerissenen Mariendom als zweitälteste Kirche Hamburgs. 1220 nannte Papst Honorius III. bei einer Bestätigung der Besitzübertragung auf das Domkapitel für diese Kirche das Patrozinium des Apostels Simon Petrus; unbekannt ist jedoch, wann der Holzbau durch einen ersten Steinbau ersetzt wurde.

Der zunehmende Wohlstand der Hamburger Bürger ermöglichte ab 1310 den Ausbau zu einer dreischiffigen, backsteingotischen Hallenkirche aus vier Jochen mit gestaffeltem Dreiapsidenschluss. 1327 erfolgte die Weihe „yn de ere sunte Peter und Pawels der hillygen Apostel“. Der Grundstein für den Turm wurde im Jahr 1342 gelegt,Ernst Christian Schütt: Chronik Hamburg. 2. aktualisierte Ausgabe, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München 1997, ISBN 3-577-14443-2, S. 24. die Spitze wurde zwischen 1377 und 1383 durch den Baumeister Hermen van Kampen errichtet und mit einer Bleideckung vollendet. 1376 wurde an der Nordseite des Turms die Martinskapelle in Verlängerung des Seitenschiffes errichtet, in den Folgejahren erhielt die Südseite mit der Ansgarkapelle ihr Gegenstück. 1418 erfolgte die Erweiterung um ein zweites Südseitenschiff in der Länge des Mittelschiffes. Anfang des 16. Jahrhunderts kamen zwei weitere Kapellenanbauten hinzu.

Von 1513 bis 1516 wurde unter der Leitung des hannoverschen Baumeisters Heinrich Berndes (Barteldes) die alte Turmspitze durch einen neuen kupfergedeckten Turmhelm ersetzt. Er sollte „sich hogher in de lucht strecken alße de olde“ und überragte den in unmittelbarer Nachbarschaft stehenden Mariendom.Ernst Christian Schütt: Chronik Hamburg. S. 79.Volker Plagemann: Versunkene Kunstgeschichte – Die Kirchen und Künstler des Mittelalters in Hamburg. 1999, S. 32, 70. Mit 445 Hamburger Fuß (127,5 Metern) war der Turm nun der höchste der Stadt, bis 1518 der ebenfalls von Berndes für St. Nikolai geplante mit 135 Metern Höhe fertiggestellt war.Berends, Heinrich. In: Friedrich Müller: Die Künstler aller Zeiten und Völker oder Leben und Werke der berühmtesten Baumeister, Bildhauer, Maler …. 1. Band, Stuttgart 1857, S. 127.Heinz Stoob: Hamburgs hohe Türme. 1957, S. 15. Volker Plagemann: Versunkene Kunstgeschichte – Die Kirchen und Künstler des Mittelalters in Hamburg. S. 32, 70, 84.Rainer Postel: Die Reformation in Hamburg 1517–1528. Gütersloh 1986, ISBN 3-579-01680-6, S. 64 (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte. Band 52).

Beim Bau des Gemeindezentrums wurden 1962 die Fundamente des mittelalterlichen „Bischofsturms“ entdeckt, der nach neueren Erkenntnissen wohl eher ein Stadttor in Hamburgs ältester Stadtbefestigung, dem Heidenwall, war.Elke Först: Der Bischofsturm – Vom Wohnturm zum Stadttor. In: Rainer-Maria Weiss, Anne Klammt (Hrsg.): Mythos Hammaburg. Archäologische Entdeckungen zu den Anfängen Hamburgs, Hamburg 2014, ISBN 978-3-931429-27-0, S. 130–137.

Grabower Altar Aus St. Petri stammt der sogenannte Grabower Altar des Meister Bertram von Minden (ca. 1340–1414/15), geschaffen 1379/83. Dass ihn die Gemeinde von St. Petri 1731 an die Kirche von Grabow schenkte, hat ihn vor der Zerstörung im Großen Brand 1842 gerettet. 1903 kaufte Alfred Lichtwark ihn für die Hamburger Kunsthalle zurück. Der ehemalige Hochaltar von St. Petri zeigt den Anspruch und Reichtum der Bürgerschaft: Man wählte einen bedeutenden, aus dem Prager Umkreis des Kaisers stammenden Künstler.

Brand Der mittelalterliche Kirchenbau fiel am 7. Mai 1842 fast vollständig dem Hamburger Brand zum Opfer. Erhalten blieben die nördliche Außenmauer, die Nebenapsis bis etwa sieben Meter Höhe und die beiden unteren Turmgeschosse. Die meisten Kunstwerke, wie zum Beispiel der Löwenkopf-Türgriff, konnten gerettet werden. Sieben Jahre später fand an gleicher Stelle die Einweihung des neugotischen Neubaus statt, errichtet nach den Plänen der Architekten Alexis de Chateauneuf und Hermann Peter Fersenfeldt unter Mitwirkung des Malers Martin Gensler,Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hamburg, Schleswig-Holstein. 3. überarbeitete und aktualisierte Auflage, Deutscher Kunstverlag, München 2009, ISBN 978-3-422-03120-3, S. 14. die kupfergedeckte Turmspitze nach den Plänen von Johann Hermann Maack. Der Neubau entsprach der mittelalterlichen Hallenkirche und beseitigte nur deren wenig praktische Einteilung und historisch gewachsene Unordnung durch eine neue Gestaltung des Innenraums. Die Südschiffe wurden durch einen Mittelpfeiler zentralisiert und zusammengezogen, die Hauptpfeiler zwar in der alten Form rekonstruiert, jedoch mit deutlich verringertem Querschnitt, so dass die ganze Kirche sich nun auf die Kanzel hin orientiert.Hermann Hipp: Freie und Hansestadt Hamburg. Kunst-Reiseführer. Geschichte, Kultur und Stadtbaukunst an Elbe und Alster. DuMont, Köln 1996, S. 132. Am 132 Meter hohen Kirchturm, der am 7. Mai 1878 fertiggestellt war,Ernst Christian Schütt: Chronik Hamburg. S. 286. wurden neben dem gebräuchlichen Backstein teilweise glasierte Binder verwendet, die im regelmäßigen Verband der großen Fläche eine besondere Wirkung verleihen.Hermann Hipp: Zum Backsteinbau des 19. Jahrhunderts. In: Arno Herzig (Hrsg.): Das Alte Hamburg (1500–1848). Dietrich Reimer Verlag, Berlin/Hamburg 1989, ISBN 3-496-00948-9, S. 229.

Mit der Umstrukturierung der Hamburger Altstadt von einer Wohnstadt zu einem Geschäftszentrum verlor die Gemeinde viele Mitglieder. Die Operation Gomorrha überstand die Kirche nahezu unversehrt.

Seit Einführung der Reformation hatte St. Petri 31 Hauptpastoren und eine Hauptpastorin.

Bonhoeffer-Denkmal Außen am nordöstlichen Ende des Chors steht ein Denkmal für Dietrich Bonhoeffer von Fritz Fleer. Die von Axel Springer gestiftete und am 23. November 1979 eingeweihte Bronzestatue von Fritz Fleer zeigt den 1945 hingerichteten Theologen in Häftlingskleidung mit gefesselten Händen.Detlef Garbe, Kerstin Klingel: Gedenkstätten in Hamburg. Ein Wegweiser zu Stätten der Erinnerung an die Jahre 1933–1945. Herausgegeben im Auftrag der Hamburgischen Bürgerschaft und des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg, von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Vollständig überarbeitete Neuauflage. Hamburg 2008, S. 78. hamburg.de (PDF; 1,1 MB). Volker Plagemann: Vaterstadt, Vaterland, schütz dich Gott mit starker Hand. Denkmäler in Hamburg. Christians 1980, S. 199; books.google Die Inschrift am Sockel lautet:

AKW-Protest Vom 2. bis 18. April 1979 besetzten etwa 400 Atomkraftgegner, darunter auch einige evangelische Pastoren, die Kirche. Die Besetzung begann als Bitte um Kirchenasyl, um den Haftantritt eines zu einer Haftstrafe verurteilten Teilnehmers an der Demonstration am 19. März 1977 gegen den Bau des Atomkraftwerks Grohnde zu verhindern. Nach dessen Flucht in die Niederlande wurde die Besetzung ab dem 7. April mit einem erweiterten Forderungskatalog fortgesetzt. Unter Verweis auf den Atomunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island am 28. März 1979, bei dem es beinahe zum Super-GAU gekommen wäre,Ernst Christian Schütt: Chronik Hamburg. S. 577. erklärten sie, „dass Widerstand gegen AKW’s mit allen Mitteln notwendig“ sei und forderten die Rücknahme aller Urteile und Schadensersatzforderungen gegen Atomkraft-Gegner. Durch die Besetzung wurde die Nutzung der Kirche zwar beeinträchtigt, Gottesdienste und andere Veranstaltungen fanden aber weiterhin, zum Teil auch mit aktiver Beteiligung der Besetzer statt. Nachdem die Auseinandersetzungen um die Besetzung zum kirchlichen Osterfest hin deutlich eskalierten und sich das zunächst kooperative Verhältnis zwischen Besetzern und Petrikirchengemeinde zunehmend verschlechterte, verließen die Besetzer am 18. April 1979, „singend und Blumen verteilend“ die Kirche.Siehe ausführlich: Luise Schramm: Evangelische Kirche und Anti-AKW-Bewegung. Das Beispiel der Hamburger Initiative kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion im Konflikt um das AKW Brokdorf 1976–1981. Vandenhoeck & Ruprecht 2018. ISBN 978-3-525-55792-1, S. 256–294 Christoph Störmer, einer der teilnehmenden zehn Pastoren, gegen die von der Kirchenleitung ein Verweis ausgesprochen wurde,Verweis für zehn Pastoren. In: Die Zeit, Nr. 33/1979. wurde später von 2002 bis 2015 Hauptpastor der Gemeinde.

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima seilten sich am 26. März 2011 Aktivisten von Robin Wood aus einem Kirchturmfenster ab und befestigten eine Lachende Sonne am Turm.Die Meiler, die Massen, der Ausstieg. In: taz, 28. März 2011; abgerufen am 6. April 2011.

Fassaden mini|Türzieher (1342) mini|hochkant|Ehemaliges Südportal

Westfassade Im Westen dominiert der Turm auf quadratischem Grundriss. Das älteste erhaltene Kunstwerk der Kirche ist der linke Türzieher des mittleren Westportals in Form eines bronzenen Löwenkopfs. Er stammt aus dem Jahr 1342, vermutlich aus der Lübecker Werkstatt des Bildhauers und Erzgießers Hans Apengeter.Gelegentlich wird dieser Löwenkopf als das älteste erhaltene Kunstwerk Hamburgs bezeichnet (Ernst Christian Schütt: Chronik Hamburg, S. 46), doch sind die Jungfrauenskulpturen aus dem Hamburger Dom im Museum für Hamburgische Geschichte älter (um 1300). Vgl. Uwe M. Schneede (Hrsg.): Goldgrund und Himmelslicht. Die Kunst des Mittelalters in Hamburg. Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 1999, ISBN 3-933374-48-0, S. 334–335 und 136–137. Die Umschrift lautet:

Am rechten Türflügel befindet sich eine neugotische Nachbildung des Löwenkopf-Griffes von Wilhelm von Hanno aus dem Jahr 1849. Dieser trägt die Inschrift:

Südfassade Das barocke Südportal, 1604/05 von dem Bildhauer Georg Baumann geschaffen, wurde beim Brand von 1842 erheblich beschädigt und erst beim Bau des Museums für Hamburgische Geschichte 1922 als Architekturfragment in dessen Innenhof wieder aufgestellt.

Die vier Marmorskulpturen der Evangelisten in den Eingangshallen der Südseite von 1888 sind Werke von August Herzig, der zusammen mit Fritz Neuber (1837–1889) auch die Skulpturen an der Giebelwand der Westseite (Christus mit Engeln über Petrus und Paulus) schuf.

Ausstattung mini|hochkant|Grundriss