miniatur|300x300px|Stammesgebiet der Calusa im 16. Jahrhundert. Die Calusa [] waren ein nordamerikanischer Indianerstamm. Sie lebten an der Küste und den küstennahen Flüssen im Südwesten von Florida. Die Gesellschaft der Calusa entwickelte sich aus den archaischen Indianerstämmen der Everglades. Zur Zeit der europäischen Eroberung Floridas befanden sich die Calusa auf ihrem kulturellen Höhepunkt (Caloosahatchee-Kultur). Bemerkenswert ist, dass die Calusa eine komplexe Kultur entwickelt hatten, die überwiegend auf Fischerei und weniger auf Landwirtschaft ausgerichtet war. Das Gebiet der Calusa erstreckte sich von Charlotte Harbor bis Cape Sable, dem heutigen Gebiet des Charlotte County und des Lee County und möglicherweise bis zu den Florida Keys. Die höchste Bevölkerungszahl wurde um die Zeit der europäischen Eroberung Floridas erreicht. Sie lag zu diesem Zeitpunkt bei einigen zehntausend Calusa.

Die Calusa übten einen großen kulturellen und politischen Einfluss auf die anderen Stämme im südlichen Florida aus. So beherrschten sie die Mayaimi am Lake Mayaimi (heute Okeechobeesee), die Tocobaga an der Tampa Bay, die Tequesta und die Jaega, welche die südöstliche Küste von Florida bewohnten. Es gibt Vermutungen, dass ihr Einfluss bis zum Stamm der Ais reichte, die die mittlere östliche Küste Floridas bewohnten.MacMahon, Marquardt:1-2

Namensherkunft Frühe spanische und französische Quellen benennen den Stamm bzw. die Stammeshäuptlinge als Calos, Calus, Caalus, und Carlos. Hernando de Escalante Fontaneda, ein spanischer Eroberer, der im 16. Jahrhundert von den Calusa gefangen gehalten wurde, berichtet, dass Calusa in ihrer Sprache Wildes (kämpferisches) Volk bedeutete. Von den Anglo-Amerikanern wurde die Bezeichnung Calusa seit dem frühen 19. Jahrhundert übernommen. In der Sprache der Creek und der Mikasuki, bzw. der heutigen Seminolen und Miccosukee ist Calusa ein Ethnonym für Menschen, die um den Fluss Caloosahatchee leben.Marquadt 2004:211–2Hann 2003:14–5

Juan Rogel, ein jesuitischer Missionar, der um 1560 bei den Calusa lebte, schrieb, dass sie ihr Stammesgebiet als Escampaba bzw. Escampaha bezeichneten. Der Stammeshäuptling nannte sich Caalus, was von den Spaniern zu Carlos verballhornt wurde. Nach den Berichten der Spanier von 1570 gab es an der Küste eine Carlos Bucht, die von den dortigen Indianern Escampaba genannt wurde.

Ursprünge Die ersten Menschen, die Paläoindianer, kamen vor etwa 12000 Jahren nach Florida. Nach dem Ende der letzten Eiszeit erhöhte sich der Meeresspiegel auf sein heutiges Niveau und Floridas Küstenlinie bekam ihre jetzige Form. Etwa um 5000 v. Chr. besiedelten Indianer erstmals die Sümpfe im südlichen Florida und gründeten feste Dörfer. Diese wurden über mehrere Generationen kontinuierlich bewohnt. Die frühen Einwohner Floridas besiedelten sowohl die Sümpfe im Landesinneren als auch die Salzwassermarschen an der Küste. Ab 2000 v. Chr. wurden gebrannte Tonwaren hergestellt. Schließlich entwickelten sich um ca. 500 v. Chr. aus den Paläoindianern die heutigen Indianerstämme Floridas, einschließlich der Calusa.Milanich 1994:32–5Milanich 1998:3–37

Es gibt Hinweise darauf, dass die Gegend um Charlotte Harbor seit etwa 3500 v. Chr. von indigenen Völkern bewohnt wird. Aber erst seit 500 n. Chr. gibt es Hinweise auf die Calusa bzw. die Caloosahatchee-Kultur. Die Gesellschaftsstruktur, die bis zum Verschwinden der Calusa-Kultur bestand, prägte sich etwa um 800 n. Chr. aus. Zur Zeit der spanischen Eroberung Floridas bildeten die Calusa den Kern der Caloosahatchee-Kultur. Archäologische Funde zeigen, dass sich ihre Kultur von 800 n. Chr. bis zur Ankunft der ersten Europäer nicht mehr grundlegend veränderte.Milanich 1993.Milanich 1995.

Gesellschaft mini|250px|Diorama mit einem Calusa Häuptling (Florida Museum of Natural History) Die Gesellschaft der Calusa bestand aus einem zweigliedrigen Kastensystem, das aus bürgerlichen und adeligen Mitgliedern bestand. Die Gesellschaft wurde von den Adligen regiert, denen ein Stammeshäuptling vorstand (Häuptlingstum). Ihm unterstellt waren ein militärischer Führer (capitán general, wie ihn die Spanier bezeichneten) und ein Hoher Priester. Nach spanischen Berichten war im Jahre 1564 der Hohe Priester der Vater des Stammeshäuptlings und der militärische Führer sein Cousin. Die politischen Ämter wurden nicht zwangsläufig vererbt, obwohl mindestens vier Fälle bekannt sind, wo ein Sohn das Amt seines Vaters als Stammeshäuptling übernahm. Die Spanier berichteten weiter, dass vom Häuptling erwartet wurde, seine Schwester zu heiraten. Von heutigen Archäologen wie Darcie A. MacMahon und William H. Marquardt wird dies allerdings angezweifelt und auf einen Übersetzungsfehler zurückgeführt. Mit Schwester war vermutlich nicht die leibliche Schwester, sondern ein weibliches Mitglied des eigenen Clans gemeint. Der Häuptling konnte weitere Frauen oder Nebenfrauen aus anderen Clans bzw. Stämmen heiraten, um seine politische Macht zu festigen. In diesem Zusammenhang wird von den Spaniern berichtet, der Häuptling Carlos hätte seine Schwester Antonia dem Eroberer Pedro Menéndez de Avilés 1566 zur Heirat angeboten.MacMahon, Marquardt:78-9, 86Widmer:5-6

Daneben waren die Calusa eines der wenigen amerikanischen Völker, die Sklaven hielten. Dies war jedoch nur ein zeitlich begrenzter Status für Kriegsgefangene, bis sie sozialisiert waren.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Henning Dedekind und Andreas Thomsen, 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5, S. 208–213.

Kultur Ernährung Von Ausgrabungsstätten an der Küste oder den Flussmündungen weiß man, dass sie sich überwiegend von Fisch ernährten. Insbesondere wurden Meerbrassen (Lagodon rhomboides), Süßlippen und Meerwelse verzehrt. Neben diesen kleineren Fischen wurden auch Reste von größeren Knochenfischen, Haien, Rochen sowie von Weich- und Krustentieren gefunden. Neben diesen gehörten in geringerem Umfang auch Enten sowie Land- und Meeresschildkröten zu ihrer Nahrung. Pedro Menéndez de Avilés berichtete von seinem Besuch im Jahre 1566, dass die Calusa ihm ausschließlich Fisch und Austern servierten. Eine Analyse der Abfallhaufen der Wightman-Ausgrabungsstätte auf Sanibel zeigte, dass die Calusa etwa 93 % ihres Energiebedarfs durch Fisch und Schalentiere deckten. Weniger als 6 % wurden durch Säugetiere und weniger als 1 % durch Vögel und Reptilien gedeckt. Ausgrabungen im Landesinneren (Platt Island) zeigen ein anderes Bild. Hier stammte 60 % von Säugetieren, wie dem in Florida vorkommenden Weißwedelhirsch. Fisch und Krustentiere machten hier nur etwa 20 % der Ernährung aus.Widmer:224–31Marquardt 2004:206Hann 2003:31–2

Von einigen Historikern wurde behauptet, dass die Calusa auch Mais und wilden Sago kultivierten. Dem steht entgegen, dass bisher keine Reste von wildem Sago und Mais bei den archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden. Gegen den Anbau von wildem Sago spricht ebenfalls, dass keine Sagopollen gefunden wurden und dass wilder Sago nicht gut in den feuchten Sümpfen Floridas gedeiht. Weiterhin ist überliefert, dass die Calusa keine landwirtschaftlichen Gerätschaften von den Spaniern eingetauschten.

Die pflanzliche Kost der Calusa bestand aus einem breiten Spektrum von wilden Beeren, Früchten, Nüssen, Wurzeln und anderen Pflanzenteilen. Der amerikanische Anthropologe George Murdock schätzte, dass Pflanzen etwa 20 % der Gesamtnahrung ausmachten, wobei sie ausschließlich gesammelt, aber nicht angebaut wurden. Interessanterweise wurden in den Abfallhaufen der Wightman-Ausgrabungsstätte keine Pflanzenreste gefunden. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die Calusa schon vor 2000 Jahren Papayas kultivierten. Weiterhin bauten sie Gartenkürbisse und Flaschenkürbisse an, um hieraus Fischnetze und Schwimmer herzustellen.

Werkzeuge mini|hochkant|Geschnitzter Kopf eines Alligators

Die Calusa fingen die überwiegende Menge ihres Fisches mit Netzen. Die Netze besaßen eine einheitliche Maschenweite. Netze mit abweichenden Maschenweiten wurden selten und vermutlich nur saisonal für besondere Fischarten eingesetzt. Die Netze wurden mit Ahlen aus Muscheln oder Knochen hergestellt. Aus Kalebassekürbissen wurden Schwimmer und Gewichte hergestellt. Speere und Harpunen wurden ebenfalls zum Fischfang verwendet. Gut erhaltene Netze, Schwimmer und Haken wurden auf Key Marco und den benachbarten Gebieten der Muspa-Indianer gefunden.MacMahon, Marquardt:69–70Marquardt 2004:206–7

Werkzeuge aus Metall waren unbekannt. Hier kamen ausschließlich Werkzeuge aus Muschelschalen und Holz zum Einsatz. Neben den Muschelschalen wurden auch vielfach Haifischzähne als Werkzeuge zum Schneiden, Schnitzen und Gravieren verwendet. Ihre Netze fertigten die Calusa aus Palmenfasern. Schnüre und Seile wurden aus Fasern der Palmettopalme, der Sägepalme, der Agave oder aus dem Spanischen Moos hergestellt. Weiterhin wurden die Rinden von Sumpfzypressen und Weiden verwendet. Hieraus wurden auch Fischreusen hergestellt. Größere Gegenstände, wie Boote, Paddel und Schüsseln, wurden aus Holz geschnitzt. Kultische Gegenstände wie Masken und Statuen von Tieren wurden zusätzlich oft bemalt.MacMahon, Marquardt:69–71Marquardt 2004:206–7

Häuser und Siedlungen Die Calusa lebten in großen Gemeinschaftshäusern. Als Pedro Menéndez de Avilés um 1566 die Hauptstadt der Calusa auf Mound Key besuchte, beschrieb er das Haus des Häuptlings, das auch als Versammlungshaus diente. Es war groß genug, um 2.000 Menschen ohne Gedränge Platz zu bieten. Als der Häuptling Menéndez eine Audienz in seinem Haus gewährte, saß er auf einem Thron und war von 500 Getreuen umgeben. Seine Nebenfrau saß ebenfalls auf einem Thron und war auch von 500 Frauen umgeben. Menéndez schreibt weiter, dass das Haus zwei große Fenster besaß. Nach Berichten spanischer Mönche boten die Dächer der Häuser nur wenig Schutz vor Unwettern. In einem Bericht von 1697 notierten die Spanier, dass es insgesamt 16 Häuser mit etwa 1.000 Bewohnern auf Mound Key gab.Hann 2003:35–6

Im Bereich der Siedlungen bildeten sich im Laufe der Zeit große, für die Calusa spezifische Abfallhaufen. Da ihre Kultur vom Fischfang geprägt war, bestanden diese Abfallhaufen zum Großteil aus Muscheln und Resten von Krustentieren und Fischen. Die Dörfer wurden teils auf künstlich angelegten Hügeln errichtet, die zum Teil heute noch sichtbar sind, beispielsweise die archäologischen Ausgrabungen auf Horr’s Island.

Bekleidung und Schmuck Die Calusa trugen nur wenig Kleidung. Von den Männern ist bekannt, dass sie Lendenschurze aus Hirschleder trugen. Von der Bekleidung der Frauen ist seitens der Spanier nichts überliefert worden. Vermutlich trugen sie wie andere Indianer in Florida Hemden, die aus Spanischem Moos gefertigt wurden. Ferner wird berichtet, dass die Calusa ihre Körper bemalten, aber nicht tätowierten. Wie bei vielen indigenen Völkern trugen die Männer langes Haar. Nach Berichten der ersten christlichen Missionare galt es bei den Männern als großer Frevel, sich die Haare zu schneiden. Zum Schmuck der Calusa ist nur wenig überliefert. Menéndez de Avilés beschreibt für seinen Besuch der Calusa im Jahre 1566, dass die Frau des Häuptlings Perlen, wertvolle Steine und Goldperlen trug. Vom Sohn des Häuptlings berichtete er, dass dieser ebenfalls Goldschmuck trug.Hann 2003:33–5

Glaube