mini|Das Grabmausoleum von al-Hakīm at-Tirmidhī in Termiz Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn ʿAlī al-Hakīm at-Tirmidhī ( geb. zw. 820 und 830 in Tirmidh, gest. zwischen 905 und 930) war ein islamischer mystischer Denker und Schriftsteller in Chorasan. In seinen zahlreichen Werken, die er auf Arabisch verfasste, beschäftigte er sich mit verschiedenen Fragen zum Verhältnis zwischen Gott, dem Kosmos und der sittlichen Vervollkommnung des Menschen. Darüber hinaus hat er eine Beschreibung seines mystischen Weges hinterlassen, die die erste Autobiographie eines islamischen Mystikers überhaupt darstellt.Vgl. Radtke 1994, 243. Besonders einflussreich war at-Tirmidhī mit seiner Theorie von der „Gottesfreundschaft“ (wilāyat Allāh). Auch wenn ihn spätere Gelehrte als Sufi beschrieben, stand er selbst außerhalb der Sufik.
Leben Al-Hakīm at-Tirmidhī wurde zwischen 820 und 830 in eine Theologenfamilie hineingeboren.Vgl. Radtke 1989 und 1996, 1. Wie er in seiner Autobiographie berichtet, erhielt er mit acht Jahren Unterricht in Jurisprudenz (ʿilm ar-raʾy) und Traditionswissenschaft (ʿilm al-āṯār).Vgl. Radtke 1980a, 1. Höchstwahrscheinlich war sein Vater ʿAlī ibn al-Hasan sein wichtigster Lehrer. Er nennt ihn am häufigsten als seinen Gewährsmann im Hadith.Vgl. Radtke 1996, 1.
Eine Neigung zur Mystik entwickelte at-Tirmidhī erst, als er im Alter von 28 Jahren auf Wallfahrt ging. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt hörte er von Leuten, die „Leute der Erkenntnis“ (ahl al-maʿrifa) genannt wurden, und ihm fiel ein Buch des syrischen Asketen Ahmad ibn ʿAmr al-Antākī in die Hände, aus dem er etwas über die Dressur der Triebseele (riyāḍat an-nafs) lernte.Vgl. Radtke 1980a, 2 und Radtke 2006, 65. In der Folgezeit erlebte at-Tirmidhī zahlreiche Träume, in denen er Gottes Gegenwart zu spüren meinte.Vgl. z. B. Radtke 1994, 248. Nachdem er selbst mehrere Werke zur islamischen Mystik verfasst hatte, denunzierten ihn ungefähr um 870 die Gelehrten der Stadt beim Statthalter (wālī) von Balch, dass er über Gottesliebe (ḥubb) spreche, die Menschen verderbe, ketzerische Neuerungen einführe und das Prophetentum (nubūwa) beanspruche.Vgl. Radtke 1994, 249. Er wurde daraufhin nach Balch beordert und musste schriftlich zusichern, dass er fortan nicht mehr über Liebe reden werde.Vgl. Gobillot 1991, 29 und Masud 317. Nach adh-Dhahabī bildeten seine beiden Schriften Ḫatm al-auliyāʾ und ʿIlal aš-šarīʿa die Grundlage für die Anklage.
At-Tirmidhī führte mit dem bekannten sufischen Prediger Yahyā ibn Muʿādh ar-Rāzī (gest. 871) aus Rey Streitgespräche über die GottesfreundschaftVgl. dazu Radtke 1996, 103 und Radtke 2006, 63f. und stand im Briefkontakt zu den beiden Malāmatīya-Scheichen Abū ʿUthmān al-Hīrī (gest. 910) in Nischapur und Muhammad ibn al-Fadl (gest. 931) in Samarkand.Ein Brief an al-Hīrī und zwei an Ibn al-Fadl haben sich erhalten, vgl. die Übersetzung in Radtke 1980a, 117-126 und die Besprechung in Sviri 1993, 609-613. Der Brief an al-Hīrī ist in Radtke 1992, 190-192 ediert.
Wie at-Tirmidhī in seiner Autobiographie erzählt, hatte seine Frau am 21. Dhū l-Qaʿda 269 d.H. (= 1. Juni 883 n. Chr.) einen Traum, der ihn zu der Auffassung gelangen ließ, dass er den Rang der vierzig „Erzgerechten“ (ṣiddīqūn) erreicht habe.Vgl. Radtke 1980b, 238; Marquet/EI 544a. Für at-Tirmidhī waren die vierzig Erzgerechten die wahren Nachfolger des Propheten, die auch eine kosmologische Bedeutung haben, weil nur durch sie die Erde Bestand hat.Vgl. Radtke 1980a, 90 f.
Nach Tādsch ad-Dīn as-Subkī lehrte at-Tirmidhī noch im Jahre 325 d.H. (= 898 n. Chr.) in Nischapur Hadith.Vgl. Masud 318. Nach diesem Datum sind keine weiteren Ereignisse mehr aus seinem Leben bekannt.
Die Angaben über at-Tirmidhīs Sterbedatum sind verworren. Nach Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī lebte er noch 930.Vgl. Sezgin 654. Yves Marquet hält ein Datum zwischen 936 und 938 für den wahrscheinlichsten Sterbezeitpunkt.Vgl. Marquet/EI 544a. Radtke setzt in seiner Monographie den Tod at-Tirmidhīs zwischen 907 und 922 an,Vgl. Radtke 1980a, 38. nennt aber an anderen Stellen abweichende Daten.Vgl. Radtke 1980b, 238 (um 900), Radtke 1992, 1 (zwischen 905 und 910), Radtke 1994 (um 910). Geneviève Gobillot meinte 1994, dass sich ein Konsensus darüber eingestellt habe, dass at-Tirmidhī im Jahre 930 verstorben ist.Vgl. Radtke 2006, 51.
Nach seinem Tod wurde das Al-Hakīm at-Tirmidhī-Mausoleum mit Grabmoschee errichtet, das noch heute ein Pilgerstätte ist.
Werke Insgesamt haben sich von at-Tirmidhī 80 Werke erhalten.Vgl. die Liste bei Sezgin. Von diesen haben die folgenden besondere Beachtung gefunden: Kitāb Ḫatm al-auliyāʾ („Buch über das Siegel der Gottesfreunde“), sein Hauptwerk, das am Ende eine Reihe von 162 Fragen enthält.Vgl. zu den Fragen Radtke 1994, 282-294. Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī verfasste zu diesem Werk einen Kommentar, in dem er die Fragen at-Tirmidhīs beantwortete. Das Buch galt lange als verloren, bis ʿUthmān Yahyā zwei Handschriften davon in Istanbul entdeckte und diese 1965 zusammen mit Ibn ʿArabīs Kommentar edierte. Bernd Radtke erstellte 1992 eine Neuedition des Textes unter dem Titel Kitāb Sīrat al-Auliyāʾ („Buch über das Leben der Gottesfreunde“), bei der er zwei weitere Handschriften berücksichtigte, den Kommentar Ibn ʿArabī jedoch wegließ.Vgl. Radtke 1994, 277f. Al-Farq baina l-āyāt wa-l-karāmāt, eine Abhandlung über den Unterschied zwischen den Wunderzeichen der Propheten und den Wundern der Gottesfreunde.Vgl. Sezgin 657, Nr. 32. Iṯbāt al-ʿilal („Feststellung der Gründe“). In dieser Schrift, die auch unter den Titeln ʿIlal aš-šarīʿa („Die Gründe für die Scharia“) bzw. ʿIlal al-ʿubūdīya („Die Gründe für den Gottesdienst“) bekannt ist, versuchte at-Tirmidhī, die kultischen Vorschriften des Islams rational zu erklären. Dies soll einer der Gründe für seine Vertreibung aus Tirmidh gewesen sein.Vgl. Radtke: Drei Schriften des Theosophen von Tirmiḏ. 1992, S. 2f. Der Text wurde 1998 von Ḫālid Zahrī in Rabat ediert. Digitalisat Kitāb al-Akyās al-muġtarrīn („Buch über die verblendeten Schlauen“), eine Schrift mit nach Berufen geordneten Beispielen von Täuschungen in religiösen Fragen, das die verschiedenen Formen der Heuchelei brandmarkt und die Hiyal der Kasuisten bekämpft.Vgl. Sezgin 654. Kitāb Riyāḍat an-nafs („Buch über die Bändigung der Triebseele“), Traktat über Fragen der Anthropologie und des mystischen Pfades. Es wurde 1947 in Kairo von A.J. Arberry und ʿAbd al-Qādir ediert.Vgl. Radtke 1980a, 41 und Radtke 1996, 3. Nawādir al-uṣūl fī maʿrifat aḫbār ar-rasūl („Seltene Grundlagentexte zur Kenntnis der Nachrichten über den Gottesgesandten“), at-Tirmidhīs umfangreichstes Werk, das in 291 thematisch gefassten Kapiteln jeweils einschlägige Hadithe präsentiert und mystisch kommentiert.Vgl. dazu die Dissertation von Aliy sowie Radtke 1996, 2. Bayān al-farq baina ṣ-ṣadr wa-l-qalb, psychologischer Traktat über den Unterschied zwischen der Brust (ṣadr), dem Herzen (qalb), dem inneren Herzen (fuʾād) und dem Intellekt (lubb).Vgl. die Übersetzung von N. Heer: „A Ṣūfī psychological treatise“ in The Muslim World, 51 (1961) 25–36. Ġaur al-umūr („Die Tiefe der Dinge“), Traktat über die spirituelle Anthropologie, die Präexistenz der Seelen, die Gotteserkenntnis und den Begriff der wahren Liebe, in dem eine eigene Theorie von der Fitra entworfen wird. Demnach setzt sich die Fitra aus fünf Elementen zusammen: dem Verständnis (fahm), der Vernunft (ḏihn), der Schläue (ḏakāʾ), der Gedächtniskraft (ḥifẓ) und dem Wissen (ʿilm). Diese Gaben soll Gott im Menschen niedergelegt haben, als er am Anfang der Zeiten Adam erschuf und ihm Geist einhauchte.Vgl. Genviève Gobillot: La conception originelle: ses interprétations et fonctions chez les penseurs musulmans. Inst. Français d'Archéologie Orientale, Kairo, 2000, S. 53–56. Das Buch wurde von Geneviève Gobillot ediertG. Gobillot: Édition de Tirmiḏī. Le Livre de la Profondeur des Choses. In: Bulletin des études islamiques 28 (1994) und ins Französische übersetzt.G. Gobillot: Le livre de la profondeur des choses. Presses universitaires du Septentrion, Villeneuve d’Ascq 1996. Nach Auffassung Bernd Radtkes stehen die Aussagen dieses Werks in krassem Widerspruch zu den Lehren, die at-Tirmidhī in seinen übrigen Werken vertritt. Deswegen und wegen verschiedener Anachronismen in den Isnaden vermutet er, dass das Werk nicht wirklich von at-Tirmidhī stammt, sondern ihm nur nachträglich zugeschrieben wurde.Vgl. Radtke 2006. Badʾ šaʾn Abī ʿAbdallāh („Der Beginn der Angelegenheit Abū ʿAbdallāhs“), Autobiographie, die sich nur in einer einzigen Handschrift in Ankara erhalten hat.Vgl. Yahya 414. Sie wurde 1950 von Hellmut Ritter entdeckt, im Jahre 1965 erstmals von ʿUthmān Yahyā ediert und 1994 von Bernd Radtke ins Deutsche übersetzt und kommentiert. Der Text enthält zahlreiche Traumberichte.Vgl. Radtke 1994, 242-277. In Leipzig hat sich darüber hinaus eine Handschrift mit Äußerungen at-Tirmidhīs zu 132 Streitfragen (masāʾil) erhalten. Diese Handschrift Ms. Leipzig 212 ist unter dem Titel ad-Durr al-maknūn fī asʾilat mā kān wa-mā yakūn („Die verborgene Perle über die Fragen der Vergangenheit und Zukunft“) überliefert und enthält auch einzelne Briefe at-Tirmidhīs sowie Bruchstücke aus anderen seiner Werke.Vgl. Radtke 1980a, 48. Alle Werke at-Tirmidhīs sind auf Arabisch verfasst, allerdings greift er an manchen Stellen auf persische Ausdrücke zurück.Vgl. die Liste bei Radtke 1980a, 137f sowie Radtke 1994, 266.
Lehre Die Lehre von den Gottesfreunden At-Tirmidhī arbeitete in seinen beiden Büchern Kitāb Ḫatm al-Auliyāʾ und al-Farq baina l-āyāt wa-l-karāmāt das Konzept der „Gottesfreundschaft“ aus. Die Gottesfreunde (auliyāʾ Allāh) werden zwar schon in den Schriften des Bagdader Sufis Abū Saʿīd al-Charrāz (gest. vor 899) und des Traditionalisten Ibn Abī Dunyā (gest. 894) erwähnt, doch behandelte at-Tirmidhī das Konzept zum ersten Mal in systematischer Weise.Vgl. Karamustafa 44 f. In Ḫatm al-Auliyāʾ zählt er insgesamt sieben Zeichen auf, an denen sich die Gottesfreunde erkennen lassen: Es sind Menschen, die, wenn sie erblickt werden, an Gott denken lassen. Sie besitzen die „Macht der göttlichen Wahrheit“ (sulṭān al-ḥaqq), so dass ihnen niemand widerstehen kann. Sie besitzen die Hellsichtigkeit (firāsa). Sie haben die Gabe der Eingebung (ilhām). Der Mensch, der ihr Feind ist, wird zu Boden geschmettert und erleidet ein böses Geschick. Sie werden von allen Menschen gelobt, außer von denjenigen, die neidisch sind. Ihr Gebet wird erhört und sie können Wunderzeichen vollbringen wie das Verkürzen von Raum und Zeit, das Wandeln über das Wasser und das Sprechen mit al-Chidr.So at-Tirmidhī: Sīrat al-Auliyāʾ, ed. von B. Radtke 1992, S. 57. At-Tirmidhī bezeichnet die Wunderzeichen, an denen man die „Gottesfreunde“ erkennen kann, auch als karāmāt („Gunstbezeigungen, Ehrungen“). Diese stellt er den Prophetenwundern, die als muʿǧizāt bezeichnet werden, gegenüber.Vgl. Radtke 2000. Denjenigen, die die karāmāt, die Gunstbezeigungen Gottes an die Gottesfreunde, ablehnen, wirft er mangelnden Glauben vor. Zum Nachweis dafür, dass Gott auch Nicht-Propheten mit Wundern auszeichnen kann, beruft er sich auf das koranische Vorbild von Maria sowie von „demjenigen, der Wissen aus der Schrift besaß“ (Sure 27:40) und König Salomo auf wunderhafte Weise den Thron von Bilqīs, der Königin von Saba, herbeibrachte.Vgl. al-Ǧuyūšī 111.
Nach Vorstellung at-Tirmidhīs steht al-Chidr, „der über die Erde geht, über ihr Festland und Meer, über ihre Ebenen und Gebirge, um seinesgleichen zu suchen, aus Sehnsucht nach solchen“,So at-Tirmidhī an der gleichen Stelle. in einem besonders engen Verhältnis zu den Gottesfreunden. Dieses bildet seiner Ansicht nach auch den eigentlichen Grund für sein Fortleben. So schreibt er: