Johannes Ludwig (* 23. November 1815; † 4. Juli 1888 in Chur) war ein Schweizer Architekt und Baumeister. Er zählt zu den bedeutenden Vertretern der Architektur der Neorenaissance in Graubünden. In den 1860er und 1870er Jahren entstand nach seinen Entwürfen in Chur eine Reihe bedeutender öffentlicher Gebäude und Villen. Zudem war Ludwig am Wiederaufbau der Stadt Glarus nach dem Stadtbrand von 1861 beteiligt.
Ludwigs Wirkungsfeld erstreckte sich über seine Heimatstadt hinaus. Nach dem zeitgenössischen Nachruf werden ihm Bauten in Thusis, Davos im Prättigau, im Engadin, in Glarus sowie an den oberitalienischen Seen zugeschrieben. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Villa Planta und das Staatsgebäude.
Leben und Wirken
Beruflicher Aufstieg Der in der Bündner Kantonshauptstadt geborene Ludwig begann seine berufliche Laufbahn als Maurer und Zimmermann und bildete sich auf dem Gebiet der Baukunst weitgehend autodidaktisch weiter. Ein zeitgenössischer Nachruf in der Schweizerischen Bauzeitung bezeichnete ihn als «im vollsten Sinne des Wortes Autodidact» und berichtete, dass er sich durch Fleiss und Geschick zum gefragten Baumeister entwickelte. Über die ersten Jahre seiner Tätigkeit und seine Arbeit als Maurer und Zimmermann sind bislang jedoch nur wenige Einzelheiten bekannt.
Spätestens Mitte der 1850er Jahre trat Ludwig als selbstständig entwerfender Architekt in Erscheinung. 1855 beteiligte er sich an einem von Andreas Rudolf von Planta ausgeschriebenen Wettbewerb für einen Gartenpavillon bei der Chesa Planta in Samedan. Zu den eingeladenen Teilnehmern gehörten neben Ludwig die bereits etablierten Architekten Leonhard Zeugheer aus Zürich und Felix Wilhelm Kubly aus St. Gallen sowie drei weitere, namentlich nicht bekannte Architekten. Von Planta entschied sich für Ludwigs Entwurf, der anschliessend ausgeführt wurde. Der erhaltene Pavillon, dessen Entstehung das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz auf etwa 1855/1860 datiert, verbindet einen gemauerten Kern mit einer reich gestalteten hölzernen Veranda. Das ISOS würdigt ihn als bedeutendes Beispiel dieses Bautyps und als Ergebnis eines frühen Architekturwettbewerbs.
mini|Das Zeughaus, heute Grossratsgebäude, in Chur, 1861–1863 erbaut
In den 1860er Jahren erhielt Ludwig zunehmend grössere öffentliche Bauaufträge. Nach dem Stadtbrand von Glarus von 1861 gehörte er zu den stark beschäftigten Architekten beim Wiederaufbau der Stadt. Gleichzeitig entstand in Chur nach seinen Plänen von 1861 bis 1863 das neue Zeughaus. Der Bau ist dem der Hochphase der Neorenaissance vorausgehenden Rundbogenstil verpflichtet und orientiert sich an Formen der mittelalterlichen italienischen Architektur. 1959 wurde das ehemalige Zeughaus zum heutigen Grossratsgebäude und zum Theater Chur umgebaut.
1864 folgte die Alte Reithalle in Chur, die später als Postremise genutzt wurde. Damit entstand innerhalb weniger Jahre eine Gruppe öffentlicher Bauten, mit denen Ludwig das Churer Stadtbild der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mitprägte.
Für einen Erweiterungsbau der Bündner Kantonsschule in Chur sind im Staatsarchiv Graubünden mehrere von Ludwig gezeichnete Pläne aus dem Jahr 1868 erhalten. Die Planserie umfasst Grundrisse, Längs- und Querschnitte, Fassadenzeichnungen sowie einen Verbindungsgang zum Hauptgebäude der Kantonsschule.
Villen- und Repräsentationsbauten der 1870er Jahre mini|Die 1875 für Bundesrichter Andreas Bezzola erbaute Chasa Bezzola, Zernez. In den 1870er Jahren verlagerte sich ein Schwerpunkt von Ludwigs Tätigkeit auf repräsentative Wohn- und öffentliche Bauten, in denen sich seine zunehmende Hinwendung zur Neorenaissance besonders deutlich zeigt. 1875 errichtete Ludwig in Zernez für den früheren Landammann und späteren Bundesrichter Andrea Bezzola (1840–1897) die Chasa Bezzola, auch Chasa da Plaz oder Palazzo Bezzola genannt. Architektonisch steht die Chasa Bezzola am Übergang vom Spätklassizismus zur Neorenaissance. Der Schweizer Kunst- und Architekturhistoriker Leza Dosch bezeichnet das Gebäude als Beispiel für ein zurückhaltendes Einfliessen der Neorenaissance in die spätklassizistische Architektur. Das Bundesinventar charakterisiert es als villenähnliches spätklassizistisches Wohnhaus mit italienisch geprägter Architektursprache. Kennzeichnend sind die feingliedrige Fassadengestaltung, ein schwach vorspringender Mittelrisalit sowie ein repräsentatives Rundbogenportal aus Granit. Zum Anwesen gehören ein Garten und eine ehemalige Stallscheune mit Hocheinfahrt. Dosch schreibt Ludwig zudem das Grand Hotel Bellagio am Comersee zu. In der italienischen Fachliteratur wird der um 1870 entstandene Bau, beziehungsweise der Umbau zum Grand Hotel Bellagio hingegen den Architekten Rodolfo Vantini und Giovanni Ceruti zugeschrieben.
mini|Die 1874/1875 erbaute Villa Planta, heute Bündner Kunstmuseum in Chur. Auf der Kuppel des Gebäudes ist ein Hilal zu sehen, der später verschwand (siehe Abschnitt Trivia). In der Fachzeitschrift Die Eisenbahn publizierter Stich von 1882.
Nahezu gleichzeitig mit der Chasa Bezzola entstand Ludwigs bedeutendstes Werk, die Villa Planta in Chur. Das von 1874 bis 1876 im Auftrag des Kaufmanns Jacques Ambrosius von Planta (1826–1901) errichtete herrschaftliche Wohnhaus bildet heute den Kern des Bündner Kunstmuseums. Das Hochbauamt Graubünden bezeichnet sie als eines der bedeutendsten Bauwerke des 19. Jahrhunderts im Kanton und als Ludwigs prachtvollstes Werk.
mini|Blick in die Kuppel über dem zentralen Atrium der Villa Planta; die Ausmalung zeigt orientalisierende und byzantinisch anmutende Gestaltungselemente.
In der Villa Planta verband Ludwig eine an Andrea Palladio angelehnte Villenarchitektur mit Formen der Neorenaissance und orientalisierenden Motiven. Der zweigeschossige Bau zeichnet sich durch einen annähernd quadratischen Grundriss mit Portikus und zentralem Atrium mit hoch aufragendem Kuppelraum. Auch die Innenräume sind aufwendig gestaltet; zur Ausstattung gehören unter anderem verschiedenartige Parkett- und Fliesenböden, Täfer, Stuckaturen sowie Wand- und Deckenmalereien mit Gobelin-Imitationen. Der Sockel besteht aus Andeerer Granit.Johannes Ludwig: Villa Planta in Chur. In: Die Eisenbahn, Bd. 16/17, Nr. 1, 7. Januar 1882, S. 1–3, doi:10.5169/seals-10211.
Die orientalisierenden Details der Villa stehen in Zusammenhang mit der Biografie des Bauherrn Jacques Ambrosius von Planta, der als Baumwollhändler in Alexandria tätig war. Dazu gehören die Sphingen an der Gartentreppe, pompejanisch beeinflusste Malereien und die byzantinisch anmutende Kuppeldekoration. Die Bedeutung, die der Villa bereits zu Ludwigs Lebzeiten zukam, zeigt sich auch in ihrer zeitgenössischen Rezeption. Ludwig veröffentlichte 1882 selbst eine ausführliche Beschreibung des Gebäudes in der Fachzeitschrift Die Eisenbahn. Sein Nachruf von 1888 hob die Villa als jenes seiner Churer Werke hervor, das ihm einen über die Grenzen seiner engeren Heimat hinausreichenden Ruf verschafft habe.
An die grossen Villenprojekte schlossen sich mehrere städtische und kantonale Bauaufgaben an. 1877 und 1878 entstand nach Ludwigs Plänen das Staats- und Bankgebäude an der Grabenstrasse in Chur. Es war das erste Staatsgebäude des Kantons Graubünden und war ursprünglich für den Grossen Rat, die Graubündner Kantonalbank und das Kantonsgericht geplant. Ein im Staatsarchiv Graubünden erhaltener Vertrag vom 10. April 1877 dokumentiert Ludwigs Beauftragung mit der Bauleitung des neuen Gebäudes. Der repräsentative Bau wurde später jahrelang durch das kantonale Tiefbauamt genutzt und dient nach einer umfassenden Sanierung heute dem Obergericht des Kantons Graubünden.
Nach der Fertigstellung des Staatsgebäudes war Ludwig mit weiteren Bauvorhaben für die öffentliche Hand beschäftigt. Im Rahmen langjähriger Planungen für ein neues städtisches Schulhaus legte er 1877 einen Entwurf mit u-förmigem Grundriss mit drei Gebäudeflügeln vor. Ludwig erarbeitete mehrere Varianten in unterschiedlicher Grösse sowie die Möglichkeit eines etappenweisen Ausbaus. Zu einer Ausführung kam es jedoch zunächst nicht. Die Planungen wurden durch finanzielle Erwägungen und Uneinigkeit beim Bauplatz verzögert. Ursprünglich sollte das neue Schulgebäude am Planta’schen Baumgarten (heute Schulbaumgarten) errichtet werden.
Die Standortfrage blieb weiterhin ungeklärt; neben dem Schulbaumgarten wurde nun auch das Areal «am Graben» (heute Grabenstrasse) in Betracht gezogen. 1883 holte die Stadt Chur hierfür verschiedene Projekte für ein städtisches Schulhaus ein. Neben Ludwig reichten Wilhelm Jaeger (basierend auf Plänen von Alexander Kuoni) und Emanuel von Tscharners Entwürfe ein. Nach Begutachtung durch den hinzugezogenen Heinrich Reese erhielt Tscharner den Auftrag. Dessen Projekt scheiterte jedoch an der Urne; 1886 wurde es vom Churer Stimmvolk abgelehnt. Das Grabenschulhaus wurde schliesslich erst fünf Jahre später, 1891/92, nach Plänen von Gottfried Braun errichtet. Braun übernahm bei der Fassadengestaltung Elemente des gegenüberliegenden, von Ludwig erbauten Staatsgebäudes. Auf dem ursprünglich angedachten Bauplatz beim Schulbaumgarten wurde 1952 das Schulhaus Stadtbaumgarten errichtet.
Parallel zu der langwierigen Entstehungsgeschichte des Grabenschulhauses bewarb sich Ludwig für den Auftrag zum Bau der Neue Kaserne zu dessen Bau es 1880 kam. Hier konnte Ludwig seinen ursprünglich für das Schulhaus geplanten Typus einer u‑förmigen Anlage mit drei Gebäudeflügeln verwirklichen. Die Fertigstellung der Kaserne im Jahr 1887 fiel in Ludwigs letzte Schaffensphase; er starb im folgenden Jahr, am 4. Juli 1888, nach schwerem Leiden in Chur. Der Nachruf in der Schweizerischen Bauzeitung gab sein Alter mit 74 Jahren an und würdigte ihn als geschätzten Kollegen des Schweizerischen Ingenieur- und Architekten-Vereins. Die Quellen sind hinsichtlich seines Geburtsjahrs nicht einheitlich. Neuere Publikationen des Kantons Graubünden nennen 1815, während eine Würdigung des Architekturhistorikers Othmar Birkner aus dem Jahr 1971 das Geburtsjahr 1814 angibt.
Architektur und Bedeutung Ludwigs Architektur ist wesentlich vom Spätklassizismus und von der Neorenaissance geprägt. In seinen Bauten der 1870er Jahre lässt sich eine zunehmende Hinwendung zur Neorenaissance erkennen, während bei seinen Villenbauten zugleich die Tradition Andrea Palladios eine wichtige Rolle spielte. Das Hochbauamt Graubünden hebt hervor, dass Ludwig Vorbilder der zeitgenössischen europäischen und schweizerischen Architektur auf die Massstäblichkeit einer kleineren Stadt wie Chur übertrug.
Seine erhaltenen Bauten gehören zu den wichtigen Zeugnissen der Churer Stadtentwicklung des 19. Jahrhunderts. Insbesondere die Villa Planta, das ehemalige Zeughaus (heute Theater Chur und Grosser Rat) und das Staatsgebäude werden weiterhin für öffentliche und kulturelle Zwecke genutzt.
Trivia