mini|Eidgenössisches Turnfest in Basel 1912

Eidgenössische Feste (, , ) sind nationale Feste in der Schweiz, die beim Aufbau der Willensnation Schweiz eine tragende Rolle spielten und für deren Zusammenhalt weiterhin von Bedeutung sind. Die gemeinsamen Feste drücken die Verbundenheit aller Teilnehmer aus, obgleich diese verschiedenen sprachlichen und kulturellen Gruppen (deutscher, französischer, italienischer und rätoromanischer Kulturkreis) angehören.

Geschichte mini|Plakat für das Schweizerische Gesangsfest 1928 in Lausanne.

Heinrich Zschokke, der Leiter des Büros für Nationalkultur in der Helvetischen Regierung in Luzern, regte um 1799 die Durchführung von Nationalfesten an. Er hatte Verbindungen zur Helvetischen Gesellschaft, der bedeutendsten gesamtschweizerischen Vereinigung, die im aufklärerischen Geist der Zeit (Sozietätsbewegung) eine alle Grenzen überschreitende Freundschaft, die Entfaltung eines Nationalgefühls und den eidgenössischen Zusammenhalt pflegteHeinrich-Zschokke-Gesellschaft: Heinrich Zschokke und die Helvetische Gesellschaft – ein Beitrag zur Entstehung der modernen Schweiz.

Die Schweiz hatte mit dem Franzoseneinfall von 1798, den Jahren der französischen Besetzung und als europäischer Kriegsschauplatz ihre Machtlosigkeit und Abhängigkeit erfahren. Diese Demütigung liess kein nationales Erwachen wie in Frankreich oder Deutschland und keine nationale Hochstimmung aufkommen, dafür das Gefühl vaterländischer Zusammengehörigkeit. Die aufgezwungene, zentralistische Helvetische Republik hatte dem Volk den Einheitsstaatsgedanken gründlich verleidet.Peter Dürrenmatt: Schweizer Geschichte. Schweizer Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963

Die Unspunnenfeste von 1805 und 1808 gelten als Vorläufer der eidgenössischen Feste. Mit den Unspunnenfesten sollte dem Schweizervolk nach den Jahren der Demütigung wieder einmal Gelegenheit zu echter Festfreude geboten werden, schweizerische Kampfspiele und Lieder sollten das Selbstgefühl und das Nationalbewusstsein stärkenFest-Ankündigungen von 1805 im Pariser Le Moniteur Universel und in den Gemeinnützigen Schweizerischen Nachrichten. Die Unspunnenfeste hatten auch eine vermittelnde Funktion zwischen den Anhängern des Ancien Régime, die ihre Position wieder zu stärken versuchten und den Patrioten, die versuchten die freiheitlichen Errungenschaften der Helvetik zu retten.

Die ersten «Eidgenössischen» fanden bereits vor der Gründung des Bundesstaates von 1848 statt. Sie waren wichtige Plattformen für die Bildung der Willensnation Schweiz und die Einführung der Direkten Demokratie: Das erste Eidgenössische Fest war das Eidgenössische Schützenfest 1824 in Aarau. In der Regenerationszeit wurden die Schützenfeste zur Plattform der politischen Erneuerungsbewegungen. 1832 fand das erste Eidgenössische Turnfest und 1843 das erste Eidgenössische Sängerfest statt. Parallel dazu wurde mit Gedenkfeiern und Festspielen die Erinnerung an Ereignisse der eidgenössischen Geschichte wie Bündnisse, Schlachten und Kriege neu belebt. Als Vorläufer dieser vaterländischen Feiern sind die seit dem Spätmittelalter zelebrierten Schlachtjahrzeiten und die in Flugdruckschriften zirkulierenden Schlachtlieder der alten Eidgenossen zu betrachten.Zu den Schlachtliedern vgl. Rainer Hugener: Gesungene Geschichte(n). Eidgenössische Schlachtlieder in Chroniken und Flugschriften (Teil 1 und 2), in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 72 (2022), S. 257–273 (), S. 425–445 ().

Lieder und Ansprachen an den «Eidgenössischen» enthielten oft Aufrufe zu politischen Veränderungen. Prominente Liberale aus anderen Kantonen erhielten Applaus. Dies wurde nicht überall gerne gesehen. Am Eidgenössischen Schützenfest von 1830 in Bern veranlasste die dortige Kantonsregierung beim Organisationskomitee, dass es über Lieder und Ansprachen eine diskrete Zensur verhängte. Einzelne Sektionen reagierten auf diese Bevormundung und drohten das Fest vorzeitig zu verlassen. Der konservativ-demokratische Pfarrer und Volksliederdichter Gottlieb Jakob Kuhn beklagte, dass alte Schweizerart und alte Schweizerlieder nicht mehr Mode seien und schloss sein Lied mit dem Refrain „Drum fort mit der Zensur“. Der ungestörte Ablauf des Anlasses war schlussendlich nur möglich, in dem die Veranstalter auf jede Beeinflussung von Reden und Gesang verzichteten.

In der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielten weitere Feste ihren festen Platz in der traditionellen Festkultur und der Pflege des eidgenössischen Zusammenhalts. Dabei wurde bewusst auf die Integration der verschiedenen Sprachen und Konfessionen geachtet: 1864 das Eidgenössische Musikfest, 1894 das Eidgenössische Schwingfest und das Eidgenössische Pontonierwettfahren. Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest wurde 1895, das Eidgenössische Armbrustschützenfest 1898, das Eidgenössische Hornusserfest 1903, das Eidgenössische Tambouren- und Pfeiferfest 1908, das Eidgenössische Jodlerfest 1924 und das Eidgenössische Trachtenfest 1931 erstmals abgehalten.

Als zentrales Element grosser eidgenössischer Feste und Jubiläen erlebte das Festspiel – eine neuere Variante der Gedenkfeiern – seine Blütezeit zwischen 1886 und 1914.

Seit 1926 wird das Eidgenössische Feldschiessen jährlich mit rund 150'000 Teilnehmern im ganzen Land verteilt an jeweils zwei Tagen durchgeführt.

Organisation Die eidgenössischen Feste werden durch die nationalen oder kantonalen Dachorganisationen der Vereine und Verbände organisiert. Nur der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag (ab 1796) und der Schweizer Bundesfeiertag (ab 1891) sind staatlich angeordnet.

Nach dem Muster der Eidgenössischen bildete sich analog dem föderalistischen Staatsaufbau und dem Subsidiaritätsprinzip ein weit verzweigtes Netz von kantonalen und regionalen Vereinsfesten, wobei die Eidgenössischen Feste jeweils den Höhepunkt dieser abgestuften Festkultur darstellen. An den Festen können sich die auf Gemeindeebene organisierten achtzig- bis hunderttausend Vereine – die Hälfte davon sind Sportvereine – in friedlichem Wettkampf messen und der Öffentlichkeit zeigen, welche Leistungen und Fähigkeiten sie sich durch jahrelanges Training und Übungen angeeignet haben. Die Hälfte der Einwohner über vierzehn Jahre sind Mitglieder in mindestens einem Verein.

Die Feste werden in regelmässigen Abständen und jedes Mal an neuen Festorten durchgeführt, um die regionalen Interessen, Möglichkeiten und den föderalen Aufbau der Eidgenossenschaft gebührend zu berücksichtigen. Obwohl die verkehrstechnisch gut erschlossenen Städte des Mittellands im Vorteil sind, gibt es auch Abstecher in die Innerschweiz, den Jura und das Tessin, um alle Kantone einzubeziehen.

Eidgenössische Feste

Erste Austragung Eidgenössisches ... Erster Austragungsort Veranstalter Letztes Fest Teilnehmer Besucher Nächstes Fest 1805 Unspunnenfest / Unspunnen-Schwinget Interlaken Verein Schweizerisches Trachten- und Alphirtenfest, Unspunnen 2017 Fest und Schwinget, Interlaken 4'000 90'000 2029 Unspunnenfest, Interlaken 1824 Schützenfest Aarau Schweizer Schützenverband (SSV) 2015 Raron, Visp 37'000 10'000 2026 Chur 1832 Turnfest Aarau Schweizerischer Turnverband (STV) 2025 Lausanne 69'000 200'000 2031 Tessin 1843 Sängerfest/Gesangsfest Zürich Eidg. Sängerverein/Schweizerische Chorvereinigung (SCV) 2015 Meiringen 13'000, 400 Chöre 30'000 2029 ? 1864 Musikfest Solothurn Eidg. Musikverein / Schweizer Blasmusikverband 2016 Montreux 284 Musikvereine 150'000 2026 Biel/Bienne 1895 Schwing- und Älplerfest Biel Eidgenössischer Schwingerverband (ESV) 2025 Mollis 56'500 in drei Tagen 2028 Thun 1894 Pontonierwettfahren (Pontoniersport) Zürich Schweizerischer Pontonier-Sportverband 2022 Aarburg AG 1'500 7'000 42. Eidgenössisches Pontonierwettfahren 2025 in Schmerikon 1898 Armbrustschützenfest Zürich-Oberstrass Eidgenössischer Armbrustschützenverband 2022 Neuwilen 1'000 ? 2026 Weesen 1903 Hornusserfest (Hornussen) Heimiswil Eidgenössischer Hornusserverband (EHV) 2024 Höchstetten BE 5'500 20'000 41. Eidgenössisches Hornusserfest 2027 in Zauggenried-KernenriedHomepage EHF 2027 1908 Tambouren- und Pfeiferfest Zürich Schweizerischer Tambouren- und Pfeiferverband (STPV)Schweizerischer Tambouren- und Pfeiferverband 2018 Bulle 3'000 10'000 2022 ? 1924 Jodlerfest Basel Eidgenössischer Jodlerverband 2017 Brig-Glis 10'000 110'000 26.–28. Juni 2020 Basel 1926 Feldschiessen alle Kantone Schweizer Schützenverband (SSV) jährlich ganze Schweiz 150'000 - jährlich ganze Schweiz 1931 Eidgenössisches Trachtenfest / Trachtenchorfest seit 2001 Genf Schweizerische Trachtenvereinigung 2016 Lugano Trachtenchorfest 2'000 75'000 Schweizerisches Volkstanzfest 2019 in Langnau im Emmental, Eidgenössisches Trachtenfest 2023 in Zürich 1937 Eidgenössische Nationalturntage Neuenburg Eidgenössischen Nationalturnverband (ENV) 2017 Eschenbach LU 400 5'000 ? 1971 Ländlermusikfest / Volksmusikfest Sargans Verband Schweizer Volksmusik 2015 Aarau 1'500 100'000 15. Ausgabe 9.-12. September 2027 Altstätten 1978 Jungmusikantentreffen Zug Verband Schweizer Volksmusik 2017 Baar 400 2021 1979 Eidgenössisches Scheller- und Trychlertreffen Euthal einladende Ortsgruppe 2023 Menzingen 1992 Eidgenössisches Frauen- und Meitlischwingfest (Schwingen) Aeschi bei Spiez Eidgenössischer Frauenschwingverband EFSV und einladende Ortsgruppe 2018 Uezwil AG 126 1'100 29. September 2019 MenznauEidgenössischer Frauenschwingverband EFSV 2008 Jungtambouren- und Pfeiferfest Zofingen Schweizerischer Tambouren- und Pfeiferverband (STPV) 2018 Bulle 25.-27. September 2020 in Aarau2013Schweizer JugendmusikfestZugjugendmusik.ch2019 Burgdorf16.-17. September 2023 in St. Gallen

Weblinks

Christian Pfister: Nationale Feste und Konjunkturen nationaler Erregung als identitätsstiftende Ereignisse. In: Von Goldau nach Gondo. Naturkatastrophen als identitätsstiftende Ereignisse in der Schweiz des 19. Jahrhunderts (PDF; 1,6 MB) Südostschweiz vom 7. Juli 2014: Eidg. Jodlerfest – Über 100 000 Besucher sind ins Landwassertal gepilgert

Einzelnachweise

Kategorie:Volksfest in der Schweiz Kategorie:Sportveranstaltung in der Schweiz