Rudolf Greifeld (* 6. November 1911Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 17. Ausgabe von Degeners Wer ist’s? Societäts-Verlag Frankfurt a. M. 1973, S. 331; Geburtsort nach Serge Klarsfeld (Hrsg.): Deutsche Dokumente 1941–1944. Die Endlösung der Judenfrage in Frankreich. Paris 1977, S. 234. in Oschatz; † 21. April 1984Klaus Gaßner: NS-Netzwerken auf der Fährte. Das KIT lässt seine Geschichte aufarbeiten. In: Badische Neueste Nachrichten, 22. Juni 2013, S. 5.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, Karlsruhe – Wissenschaftsmanagement und NS-Vergangenheit (= Veröffentlichungen aus dem Archiv des Karlsruher Instituts für Technologie; 5). KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2019, S. 13) war ein deutscher Jurist und von 1956 bis 1974 Geschäftsführer des Kernforschungszentrums Karlsruhe. Im Dezember 2015 distanzierte sich der Senat des Karlsruher Instituts für Technologie von der Verleihung des Titels eines Ehrensenators an Greifeld im Jahre 1969, da dieser als Kriegsverwaltungsrat in Paris im deutsch besetzten Frankreich die antisemitische NS-Verbrechenspolitik unterstützt hatte.

Leben Werdegang zum Juristen und Parteimitglied Rudolf Greifeld wurde als Sohn eines Regierungsamtmannes in Oschatz geboren. Noch vor der Einschulung zog die vierköpfige Familie nach Löbau um, weil der Vater dort eine Stelle als Zollinspektor antreten konnte. In Löbau besuchte Greifeld zunächst die Volksschule, dann die Deutsche Oberschule, wo er 1931 das Abitur machte. Vom Wintersemester 1931/32 bis zum Sommersemester 1935 studierte er Rechtswissenschaft und phasenweise ergänzend Volkswirtschaftslehre an den Universitäten München, Kiel und Leipzig.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 34–35.

Während seines Studiums engagierte sich Greifeld im stark antisemitisch geprägten Verein Deutscher Studenten und trat 1933 in die SA ein. 1935 legte er das Erste Juristische Staatsexamen ab, 1938 das Zweite. Während seines Referendariats beantragte er am 2. Juli 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.532.843).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/11820918 Er promovierte 1938 mit einer Arbeit Die Unterbeteiligung an der offenen Handelsgesellschaft und der Kommanditgesellschaft, welche die Note „rite“ erhielt, an der Universität Leipzig zum Dr. jur. Anschließend war er als Rechtsassessor tätig, zunächst in Annaberg, dann ab März 1939 in Pirna. Ihm oblagen dort neben der Bearbeitung allgemeiner Rechtssachen unter anderem auch Vierjahresplan-Angelegenheiten.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, 35–37 u. S. 46–48 (zur SA- und NSDAP-Mitgliedschaft).

Kriegsverwaltungsrat im Zweiten Weltkrieg Greifeld, der bereits von Mai bis Juli 1939 zur Wehrmacht eingezogen worden war, wurde im September 1939 erneut zur Wehrmacht beordert, kehrte zunächst im Dezember auf eine zivile Stelle als Assessor in Dresden zurück, ehe er im Juni 1940 Kriegsverwaltungsrat im zivilen Stab des Militärbefehlshabers in Paris wurde. Ob Greifeld sich freiwillig gemeldet hat, den deutschen Besatzern dort als Jurist und Beamter zu dienen, ist offen. Auf jeden Fall war eine solche Stelle in Paris begehrt und konnte als Sprungbrett für eine weitere Karriere angesehen werden. Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 56–58.

In seiner Dienststelle in Paris fungierte Greifeld als Verbindungsmann zur Pariser Stadtverwaltung. Auf französischer Seite war Edouard Bonnefoy sein Ansprechpartner und Weisungsempfänger. Bonnefoy war zum Zeitpunkt des Einmarsches der Wehrmacht in Paris Kabinettchef der dortigen Präfektur. Er versuchte immer wieder bei Greifeld die Verzögerung antijüdischer Maßnahmen und Zurückstellung der Requirierungen von Hotels, Wohnungen, Hallen und Schulen zu erreichen, in der Regel jedoch vergeblich. In den Tagebüchern Bonnefoys, der später im KZ als Widerstandskämpfer zu Tode kam, sind etliche antisemitische Schmähungen und NS-ideologische Äußerungen Greifelds notiert. Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 89–92. Hingegen präsentiert ein Foto vor dem Eiffelturm vom 28. Juni 1940, das nach Medienberichten Greifeld zusammen mit Adolf Hitler, Arno Breker und Albert Speer zeigen soll,Rüdiger Soldt: Geschichte eines Ehrensenators. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Dezember 2012 (online) tatsächlich nicht Greifeld neben Hitler, sondern den SS-Obergruppenführer Karl Wolff. Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 64–68.

Als zutreffend verifiziert werden konnte dagegen der schon von Serge Klarsfeld 1977 in einer Dokumentensammlung veröffentlichte, von Greifeld verfasste und unterschriebene und an das Polizeireferat gerichtete Vermerk vom 3. Januar 1941. Dieses Schreiben Greifelds trägt zusätzlich die Kenntnisnahme-Paraphen der Vertreter des Polizeireferats Georg Kiessel und Walter Labs. Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 97–101. Darin führt Greifeld aus und regt an:

Mit dieser „Anregung“ forderte Greifeld eine weitere Verschärfung der Maßnahmen gegen die Juden, so dass sich der Historiker Bernd-A. Rusinek Klarsfelds Einschätzung anschließt, sie sei eine Art „geistige Vorbereitung“ der späteren Verschärfung antijüdischer Maßnahmen bis zum Beginn der Deportationen, an deren organisatorischer Vorbereitung dann Greifeld keinen Anteil mehr hatte. Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 98 u. S. 232.

Zusammen mit dem Ehepaar Serge und Beate Klarsfeld hatte vor allem der französische Physiker Léon Gruenbaum (1934–2004) Informationen zur Rolle Greifelds als Kriegsverwaltungsrat im besetzten Paris publik gemacht und wurde dafür posthum mit dem Whistleblower-Preis 2015 ausgezeichnet.SWR Landesschau aktuell Baden-Württemberg: , 16. Oktober 2015; Posthum bekommt Léon Gruenbaum den Whistleblower-Preis 2015. In: Südwest Presse, 15. Oktober 2015

Greifeld blieb bis zum 30. September 1941 Kriegsverwaltungsrat in Paris, lebte dann ein Vierteljahr in Stuttgart als Beamter auf Probe, und zwar beim dortigen Deutschen Auslandsinstitut (DAI), das im Krieg die Volkstumspolitik des NS-Staates tatkräftig unterstützte. Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 110 u. S. 118. Ab dem Frühjahr 1942 bis zu seiner Gefangennahme im Mai 1945 wurde er als Leutnant vorwiegend an der Ostfront eingesetzt. Von Kriegsende bis Dezember 1945 befand er sich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 119–120.

Karriere in der Bundesrepublik Deutschland Nach dreimonatiger Arbeitslosigkeit wurde er im April 1946 Justitiar der Württembergischen Girozentrale und des Württembergischen Sparkassen und Giroverbandes Stuttgart.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 127–128. Ursprünglich hatte Greifeld geplant, sich als Rechtsanwalt niederzulassen. Doch dazu hätte es in seinem Entnazifizierungsverfahren der Einstufung als „entlastet“ bedurft. Die Spruchkammer 37 Stuttgart stufte ihn jedoch 1946 als „Mitläufer“ ein und ordnete die Zahlung von 180 Reichsmark „Sühnebetrag“ an. Greifelds Revisionsversuch 1948 scheiterte, auch wenn sein ehemaliger Pariser Kollege als Kriegsverwaltungsrat Walter Labs ihm einen sog. Persilschein ausstellte, in dem zu lesen war, Greifeld habe quasi Widerstand geleistet, indem er unter anderem durch die Blockade eigentlich vorgesehener Requisitionen „in der Praxis die Maßnahmen der Besatzungsbehörde milder“ gestaltet und so zum Beispiel bewirkt hätte „Hunderten von französischen Familien ihre Wohnungen zu erhalten“. Die Spruchkammer lehnte die Wiederaufnahme des Verfahrens und Einstufung als Entlasteter als unbegründet ab.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 133–139, Zitat Labs S. 136.

Im April 1948 wurde Greifeld Angestellter im damalig noch württembergischen Wirtschaftsministerium.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, S. 127–128. Später avancierte er zum Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium von Baden-Württemberg und war dort für Energiewirtschaft zuständig. In dieser Funktion war er ab 1953 an den Verhandlungen über eine geplante „Reaktorstation und des daraus entstehenden Kernforschungszentrums“ beteiligt.Wolfgang D. Müller: Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland. Anfänge und Weichenstellungen. Schäffer Verlag für Wirtschaft und Steuern, Stuttgart 1990, S. 109f. 1956 wurde er – neben dem Chemiker und vor 1945 als Manager der I.G. Farben hervorgetretenen Gerhard Ritter als nun von der Industrie (Hoechst AG) ausgewähltem Vertreter, der für den technischen Bereich zuständig war und Otto Haxel vom Physikalischen Institut der Universität Heidelberg als ehrenamtlichem Interessensvertreter der Wissenschaft – zu einem der drei Geschäftsführer der Kernreaktor-Bau und Betriebsgesellschaft (KBB), aus der 1963 das Kernforschungszentrum (KfK) hervorging, bestimmt. In den „Denkbildern der öffentlichen Hand“, so Günther Oetzel in seiner Dissertation zur Entstehung und Entwicklung des Kernforschungszentrums Karlsruhe, galt er als „Boß“ der drei Geschäftsführer, da er in Verwaltungsangelegenheiten das Sagen hatte.Günther Oetzel: Forschungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung einer Institution der Großforschung am Modell des Kernforschungszentrums Karlsruhe (KfK) 1956–1963. Peter Lang, Frankfurt a. M. 1996, S. 69.

Den Zweck der Einrichtung beschrieb Greifeld nach seinem Amtsantritt als „Erforschung aller mit dem Betrieb von Reaktoren zusammenhängenden Probleme“, die letztlich der Gewinnung „eigener Patente“ dienen solle und ergänzte:

Während seiner Amtszeit setzte sich Greifeld wiederholt für eine Zusammenarbeit von Kernforschungszentrum und Universität Karlsruhe ein. 1969 wurde er zum Ehrensenator des Forschungszentrums ernannt. 1975 musste er als Aufsichtsratsmitglied des französischen Instituts Laue-Langevin zurücktreten, nachdem seine frühere Tätigkeit als Kriegsverwaltungsrat in Paris und „antisemitische Äußerungen“ bekannt geworden waren; 350 französische Wissenschaftler hatten seine Abberufung gefordert.Ärgernis am ILL Grenoble – 350 französische Wissenschaftler fordern die Abberufung von R. Greifeld. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. November 1975

Als Geschäftsführer am Kernforschungszentrum Karlsruhe war Greifeld schon 1974 „in den Ruhestand“ getreten, nachdem er zwar einerseits durch entsprechende administrative Kompetenz, entschlossenes Handeln und beste Kontakte zu den Landesbehörden die Einrichtung vorangebracht habe, so Wolfgang D. Müller in seiner Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland, andererseits aber „mancherlei Reibungen, die das für hervorragende Forschungsergebnisse so wichtige Forschungsklima belasteten“, insbesondere „im Verhältnis zu den Wissenschaftlern“ festzustellen waren.Wolfgang D. Müller: Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland. Anfänge und Weichenstellungen. Schäffer Verlag für Wirtschaft und Steuern, Stuttgart 1990, S. 214f. Zuvor hatte Greifeld noch ein „Kooperationsabkommen mit der pakistanischen Atomenergiebehörde unterzeichnet“. Bei seinem Eintritt in den Ruhestand wurde ihm am 24. Juni 1974 das Große Bundesverdienstkreuz verliehen.BundespräsidialamtForum Ludwig Marum e. V., Vorsitzender Harald Denecken Bürgermeister a. D., Karlsruhe

Gutachten Rusineks und Prüfung durch die Ethikkommission