Die Wiedergabe des Nahostkonflikts in den Medien gilt bei allen Konfliktbeteiligten als voreingenommen. Die Berichterstattung über den Nahostkonflikt, speziell über den israelisch-palästinensischen Konflikt, hat zu mehr Rügen als bei jedem anderen Thema, das in den Medien behandelt wird, sowie zu einer Vielzahl von Watchdog groups auf beiden Seiten geführt, die investigativen Journalismus betreiben. von Columbia Journalism Review.
Arten von Voreingenommenheit Voreingenommenheit in Print- und elektronischen Medien kann beispielsweise auf folgende Arten zum Ausdruck kommen:
Wortwahl, emotionale Sprache
Die Wortwahl beeinflusst die Interpretation eines bestimmten Ereignisses. Im israelisch-palästinensischen Konflikt ist die Wahl gewisser Ausdrücke ein Hinweis auf eine bestimmte Haltung, beispielsweise werden die Westbank und der Gazastreifen je nachdem als „umstrittene Gebiete“ bzw. „besetzte Gebiete“ bezeichnet. Die israelischen Sperranlagen im Westjordanland erscheinen je nachdem als „Sicherheitszaun“ bzw. „Apartheidmauer“, und Terrorist bzw. Freiheitskämpfer kann je nach Sichtweise zur Bezeichnung derselben Person dienen. Ein Attentat kann je nach Einstellung als eine „Reaktion“ bzw. „Vergeltungsmaßnahme“ umschrieben werden.
In einer Studie über die Wiedergabe von Fernsehnachrichten der BBC dokumentierte die Glasgow Media Group Unterschiede bei der journalistischen Verwendung von Ausdrücken für Israelis und Palästinenser. In der Studie wurde nachgewiesen, dass Ausdrücke wie „grausam“, „brutaler Mord“, „Massenmord“, „kaltblütiges Töten“, „Lynchen“ und „Gemetzel“ für die Beschreibung der Taten von Palästinensern, jedoch nicht von Israelis benutzt wurden. „Terrorist“ wurde oftmals zur Bezeichnung von Palästinensern oder Zivilisten verwendet. Andererseits wurde in Berichten über eine israelische Gruppe, die einen Angriff auf eine palästinensische Schule versuchte, diese als „Extremisten“ oder Mitglieder einer „Bürgerwehr“ bezeichnet, jedoch nicht als „Terroristen“.Greg Philo, Mike Berry: Bad News From Israel.
Weglassung Die Weglassung von bestimmten Informationen kann die Darstellung von Ereignissen zugunsten einer bestimmten Seite beeinflussen. Beispiele für den israelisch-palästinensischen Konflikt:
Ein Artikel erwähnt sowohl ein palästinensisches Selbstmordattentat in Israel sowie einen israelischen Angriff in der Westbank. Ein Artikel erwähnt nur das palästinensische Selbstmordattentat. Ein Artikel erwähnt nur den israelischen Angriff.
Proisraelischer Standpunkt In ihrem Artikel “Critical Thinking: Can You Trust Everything You Read?” („Kritisches Denken: Kann man allem, was man liest, Vertrauen schenken?“) erläutert die Organisation CAMERA:
In ihrem Artikel „Understanding Bias“ stellt die Organisation HonestReporting folgende Fragen zur Auslassung von Informationen:HonestReporting:
„War die Berichterstattung einseitig und unausgewogen?“ „Fehlten Schlüsselinformationen (selektive Auslassung)?“
Propalästinensischer Standpunkt In einer Studie aus dem Jahre 2001 der Organisation FAIR erwähnten nur 4 % der Medien in den USA die Tatsache der israelisch besetzten Gebiete.Uprising Without Explanation, Extra!, Januar/Februar 2001. Laut einer aktualisierten Fassung der Studie ist dieser Prozentsatz auf 2 % der Medien zurückgegangen.FAIR Challenges CBC Ombud’s Report, fair.org. Die Angaben von 2001 werden auch im Film Peace, Propaganda and the Promised Land wiedergegeben.
In einem "Quick sheet" zur Medienkritik stellt Palestine Media Watch folgende Fragen zur Auslassung von Informationen:
„Wie oft wurden Berichte/Befunde/Resolutionen der UNO erwähnt?“ „Wie oft wurden Berichte/Befunde/Aussagen zu Menschenrechten erwähnt?“ „Wurden in der Berichterstattung offizielle palästinensische Dementis/Hinweise auf Unkenntnis und Unschuld bei gewalttätigen Handlungen erwähnt?“ „Wurden in der Berichterstattung offizielle israelische Dementis/Hinweise auf Unkenntnis und Unschuld bei gewalttätigen Handlungen erwähnt?“
Fehlende Prüfung des Wahrheitsgehalts
Gemäß dem Pressekodex sind „Nachrichten und Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden“. Durch die Prüfung des Wahrheitsgehaltes „unterscheidet sich der Journalismus von anderen Arten der Kommunikation, wie Propaganda, Fiktion oder Unterhaltung“. von PEJ. Der Sachverhalt der fehlenden Prüfung des Wahrheitsgehaltes impliziert die Publikation von Informationen aus möglicherweise unzuverlässigen Quellen, bevor die Tatsachen (falls überhaupt) von einer unabhängigen Stelle bestätigt werden, und hat zu zahlreichen Skandalen geführt. Beispiele aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt:
In den ersten Medienberichten über die Kämpfe in Jenin vom 1. bis 11. April 2002 stand, dass Israel Hunderte von palästinensischen Zivilpersonen „massakriert“ hätte. Nach späteren Untersuchungen der UNO und der Organisation Human Rights Watch wurde die Gesamtzahl palästinensischer Todesopfer auf 52 geschätzt (darunter 22 bis 26 Zivilopfer) und vorherige Aussagen dementiert, wonach ein Massaker stattgefunden habe. von den Vereinten Nationen.Civilian Casualties and Unlawful Killings in Jenin von Human Rights Watch. Der Angriff des Islamischen Dschihad in Kirjat Arba im November 2002, der in Israel und in westlichen Medien als „Angriff auf die Route der Betenden“ bezeichnet wurde, führte zu internationalen Verurteilungen.UN Press Release: Secretary-General Condemns ‘Despicable’ Hebron Terrorist Attack Laut dem Bericht der Jerusalem Post „eröffnete der Islamische Dschihad das Feuer auf Sicherheitskräfte zum Schutz jüdischer Betenden“, und gemäß Berichten in Haaretz und Jerusalem Post waren alle zwölf israelischen Todesopfer Mitglieder der Armee, des Grenzschutzes oder der Sicherheitskräfte in Hebron.
Proisraelischer Standpunkt In einem Artikel Atrocities of the British Press („Greueltaten der britischen Presse“) schreibt HonestReporting, dass in zahlreichen Medienveröffentlichungen „unbestätigten palästinensischen Geschichten über Verschwörungen, Massenmorde, Massengräber und Kriegsverbrechen“ sehr viel Platz eingeräumt werde. von HonestReporting.
Im Artikel Edward Said’s Documented Deceptions („Dokumentierte Täuschungen von Edward Said“) schreibt CAMERA, dass im Zusammenhang mit der Diffamierung von Israel Tatsachen ungeprüft bleiben, Anklagen unbestätigt bleiben und dass journalistische Verantwortung durch Dementis ersetzt wird.Edward Said’s Documented Deceptions von CAMERA.
Propalästinensischer Standpunkt Im Artikel Coverage of the Middle East Crisis In the Opinion Pages („Berichte über die Nahostkrise auf den Meinungsseiten“) schreibt die von 2000 bis um 2009 aktive Organisation Palestine Media Watch:
Selektive Berichterstattung Bei selektiver Berichterstattung wird der Wiedergabe einer bestimmten Seite vergleichsweise mehr Artikelraum bzw. Sendezeit eingeräumt.
Proisraelischer Standpunkt In einem Artikel Understanding Bias („Verständnis der Voreingenommenheit“) stellt HonestReporting folgende Fragen bezüglich selektiver Berichterstattung:
In einer Kritik am National Public Radio schreibt CAMERA:
Propalästinensischer Standpunkt Propalästinensische Medienbeobachter ("Watchdog groups") gehen davon aus, dass die Medien in den USA gewalttätige Ausschreitungen gegen Palästinenser herunterspielen. Gemäß FAIR werden am National Public Radio bei Berichten über den Nahostkonflikt prozentual mehr israelische als palästinensische Opfer erwähnt.FAIR:
Unterschlagung des Kontextes Bei der Unterschlagung des Kontextes werden Informationen weggelassen, die zum Verständnis einer Entscheidung, Handlung oder eines Ereignisses wesentlich sind. Beispiele aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt:
In einem Artikel über die israelischen Sperranlagen werden die Selbstmordattentate während der Zweiten Intifada nicht erwähnt. In einem Artikel über die Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat 2006 wird die Korruption der Fatah nicht erwähnt.
Proisraelischer Standpunkt Im Artikel Objectivity & The Media: 7 Principles of Media Objectivity („Objektivität und die Medien: Sieben Prinzipien der Medienobjektivität“) schreibt HonestReporting Folgendes:
Im Artikel "How to Recognize Unfair Reporting" („Wie erkennt man unfaire Berichterstattung“) schreibt CAMERA:
Propalästinensischer Standpunkt In einer Studie aus dem Jahre 2001 der Organisation FAIR erwähnten nur 4 % der Medien in den USA die Tatsache der israelisch besetzten Gebiete. Laut einer aktualisierten Fassung der Studie ist dieser Prozentsatz auf 2 % der Medien zurückgegangen. Die Angaben von 2001 werden auch im Film Peace, Propaganda and the Promised Land wiedergegeben.
Eine weitere Studie von FAIR zeigt auf, dass etwa 79 % der Medien von israelischen „Vergeltungsmaßnahmen“ sprechen, im Vergleich zu nur 9 % bei den Palästinensern. Das ausgeglichenste Programm in den USA in diesem Zusammenhang ist ABC's World News Tonight, das in 21 % der Fälle palästinensische Aktionen als „Vergeltung“ bezeichnete, und das am wenigsten ausgeglichene war NBC Nightly News, in dem der Ausdruck „Vergeltung“ niemals für die palästinensische Seite verwendet wurde.In U.S. Media, Palestinians Attack, Israel Retaliates
In einem "Quick sheet" zur Medienkritik stellt Palestine Media Watch folgende Fragen zur Unterschlagung des Kontextes:
„Wurden palästinensische Aktionen im Kontext beschrieben (z. B.: ‚Palästinenser führten einen Minenangriff aus, nachdem Israelis eine Häuserreihe niedergewalzt hatten‘)?“ „Wurden israelische Aktionen im Kontext beschrieben (z. B.: ‚Israelis walzten eine Häuserreihe nieder, nachdem Palästinenser einen Minenangriff ausgeführt hatten‘)?“
Tendenziöse Berichterstattung Anhand von Schlagzeilen wie „Israel bombardiert Hamas-Ziele in Gaza“ mit erst später im Text folgenden Klarstellungen „Israel reagiert auf den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen“ stellt Caroline Fetscher im Tagesspiegel fest, dass „labyrinthische Umwege und Drehungen […] solchen Zeilen voraus[gehen], Kaskaden von Stereotypen“; diese würden „so oft weitergereicht und wiederholt […], bis sie wie von allein zu entstehen, einfach selbstverständlich scheinen“. Es seien „Mikro-Antisemitismen“ mit zunehmender Tendenz.Caroline Fetscher: Kritik an Israel: Die Mikro-Antisemitismen nehmen zu. www.tagesspiegel.de, 27. August 2019
Gründe für Voreingenommenheit Voreingenommenheit in gedruckten und gesendeten Medien kann auf verschiedenen Gründen beruhen, darunter:
Ausübung von Zwang oder Zensur Zwang oder Zensur bezieht sich auf einschüchternde Maßnahmen, um unvorteilhafte Berichte zu fördern und um unvorteilhafte Berichte zu unterdrücken. Im palästinensisch-israelischen Konflikt erklären beide Seiten die angebliche Voreingenommenheit in den Medien zugunsten der anderen Seite mit der Ausübung von Zwang oder Zensur. Zur Unterstützung dieser Behauptungen verweisen die Vertreter der israelischen Seite auf Entführungen von Auslandsreportern durch Palästinenser, während die Vertreter der palästinensischen Seite auf Medienzensur und Unterdrückung von Berichten durch Israelis verweisen. Zudem verweisen beide Seiten auf Berichte von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, welche das Ausmaß der Pressefreiheit in der Region beurteilen. Siehe dazu Medien in Israel und Menschenrechte in Israel.
Fälschung
Fälschungen umfassen beabsichtigte Falschdarstellungen, Änderungen oder Erfindungen im Rahmen einer Berichterstattung. Aufgrund der schwerwiegenden Bedeutung solcher Vorkommnisse, die den Pressekodex verletzen, werden diese von Vertretern des israelischen bzw. palästinensischen Standpunkts oft als Beispiele für Berichte über umstrittene Ereignisse zitiert, um zu beweisen, dass in den Medien die jeweils andere Seite bevorzugt wird.
Proisraelischer Standpunkt