Vergebung (griechisch: ἄφεσις, lateinisch: remissio; englisch: forgiveness) ist ein Verhaltensmuster, mit dem Personen auf verletzendes Verhalten reagieren. Die genaue Definition von Vergebung ist genauso wie die Abgrenzung von Verzeihung umstritten.

Für die Diskussion in der PsychologieSie hat mit der Arbeit The Dynamics of Forgiveness von James G. Emerson aus dem Jahr 1964 begonnen (Westminster Press, Philadelphia, vgl. , 10. The Science of Forgiveness), sich aber erst in den 1990er Jahren voll entfaltet: “Although scientists have paid remarkably little attention to forgiveness, research on this topic has recently mushroomed”. Jill N. Kearns, Frank D. Fincham: A Prototype Analysis of Forgiveness, in: Personality and Social Psychology Bulletin, Vol. 30, No. 7, July 2004, S. 838–855, hier 838. siehe Vergebung (Psychologie).

Vergeben und Verzeihen: Begriffe Vergebung ist die Überwindung negativer Gefühle und Einstellungen gegenüber einer Person, von der man verletzt wurde. Diese seit der Zeit der europäischen Aufklärung nachweisbare Bestimmung von zwischenmenschlicher Vergebung wird üblicherweise auf Joseph Butler zurückgeführt.Joseph Butler: Fifteen Sermons, 1726, Sermon VIII: Upon Resentment, und Sermon IX: Upon Forgiveness of Injuries. Vgl. aber C. Griswold: Forgiveness, Cambridge University Press, Cambridge 2007, S. I.ii.; Ernesto V. Garcia: Bishop Butler on Forgiveness and Resentment, in: Philosophers’ Imprint, 11(10), 2011, S. 1–19, die eine andere Interpretation von Butlers Gedanken vorlegen. Vgl. Sie prägt bis heute das alltägliche Verständnis in westlichen Kulturen.Minjoo Joo et al.: How Does Culture Shape Conceptions of Forgiveness? Evidence From Japan and the United States, in: Journal of Cross-Cultural Psychology 50 (5/2019). In einigen anderen Kulturen spielen die Emotionen des Individuums im durchschnittlichen Verständnis von Vergebung eine geringe Rolle. In Texten aus der europäischen Antike und aus der Bibel sind kaum Hinweise zu finden, dass Vergebung in früheren Zeiten als mentaler Vorgang angesehen wurde.Vgl. David Konstan: Before Forgiveness. The Origins of a Moral Idea. Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-19940-7. Zu dieser These vgl. den Artikel David Konstan. Deshalb wird der Anspruch, mit diesem Verständnis werde eine allgemein gültige Definition geliefert, schon seit längerem hinterfragt.“… if there is anything about forgiveness that is always the same, no matter the context, it is very little, and it is none of the various things that philosophers are prone to say that it is, that it must be (like the wiping away of all resentment and ill-will).” William Neblett: Forgiveness and Ideals, in: Mind, 83(330), 1974, S. 269–275, hier 273. Ein mit diesem Ansatz konkurrierendes Verständnis, das zwischenmenschliche Vergebung von der Reue der Person, der vergeben werden soll, abhängig macht und Reue dabei als ausdrückliches Eingeständnis der eigenen Schuld versteht,Karin Scheiber: Vergebung. Eine systematisch-theologische Untersuchung. Mohr Siebeck, Tübingen 2006. findet sich in der europäischen Geistesgeschichte jedoch auch erst in der Neuzeit und ist in anderen Kulturen ebenfalls nicht von tragender Bedeutung.William Park: What other cultures can teach us about forgiveness. Abgerufen am 4. Januar 2022. In umfangreichen Debatten in Psychologie, Philosophie, TheologieAdrian Schenker, Stefan Schreiner, Hubert Frankemölle, Hans-Christoph Askani, Dietrich Stollberg: Vergebung der Sünden, in: Theologische Realenzyklopädie Online, Trappisten/Trappistinnen – Vernunft II, De Gruyter, Berlin / New York 2010. https://www-1degruyter-1com-1far0xf6x0538.elk-wue-han.hh-netman.de/database/TRE/entry/tre.34_663_1/html. Accessed 2021-12-31. sowie Religions-Klaus Hock: Sünde/Schuld und Vergebung. II. Religionswissenschaftlich, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. und Kulturwissenschaften zeigt sich eine solche Bandbreite von möglichen Bedeutungen, dass es fraglich erscheint, ob eine einzige Definition alle wesentlichen Merkmale erfassen kann.Vgl. , 5.6 Pluralist Accounts. Je nachdem, welche Situationen im Blick sind, werden unterschiedliche Aspekte von Vergebung in den Vordergrund gerückt.

Neuere Forschung weist darauf hin, dass sich jedes Verständnis von Vergebung zwischen den kulturellen Polen Individualismus und Kollektivismus bewegt, seine soziokulturellen Voraussetzungen von relativer Stabilität bis hin zu umfassender Traumatisierung reflektieren muss und die Dynamiken, die in innerkulturellen Entwicklungen und in interkulturellen Konflikten liegen, zu beachten hat:S. J.Sandage, S. A. Crabtree, C. A. Bell: Forgiveness and culture: Conceptual issues, in: E. L. Worthington, Jr., N. G. Wade (Hrsg.): Handbook of forgiveness, Routledge / Taylor & Francis Group, 2020, S. 201–211, doi:10.4324/9781351123341-19. Zwei Achtzehnjährige aus verschiedenen Kulturen verhalten sich möglicherweise in einer Situation, die in beiden Kulturen durch Vergebung gelöst wird, auf so verschiedene Weise, dass die eine Person nicht erkennt, ob die andere gerade vergibt oder nicht vergibt.William Park: What other cultures can teach us about forgiveness. Abgerufen am 4. Januar 2022. Aber auch eine 28-jährige und eine 88-jährige Person aus derselben Kultur teilen nicht immer dasselbe Verständnis, zum Beispiel, wenn die ältere Person noch gewohnt ist, dass in jedem Fall die jüngere als gesellschaftlich niedriger Stehende um Vergebung bittet (insbesondere auch wenn der Fehler nicht bei ihr lag) oder in ihrem Verständnis von Reue neben der verbalen Bekundung ein sichtbarer körperlicher Ausdruck, zum Beispiel das Niederknien, notwendig ist. Und selbst bei zwei gleichaltrigen Personen aus derselben Kultur mit ähnlicher Biographie kann nicht ohne weiteres von einem vergleichbaren Verständnis von Vergebung ausgegangen werden.

Seit der Antike belegt ist Vergebung in religiösen Zusammenhängen als Handeln Gottes.Sünde/Schuld und Vergebung, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. In den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gilt Vergebung als herausragende Eigenschaft Gottes: Im Judentum bildet die Vergebung der Sünden das Zentrum des höchsten Feiertags Jom Kippur. Im Christentum gehört sie laut den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen Nizänum und Nicäno-Konstantinopolitanum zum unverzichtbaren Kern und stellt in der westlichen (lateinischen, abendländischen) Christenheit die Mitte von Taufe, Abendmahl und Beichte dar. Im Islam sind der Verzeiher und der Vergeber der Sünden zwei der 99 Schönen Namen Allahs, die als Synonyme für „Allah“ verwendet werden.

Im Gegensatz zum jüdischen Tanach wird in den heiligen Schriften von Christentum und Islam, im Markusevangelium im Neuen Testament und in Sure 4 im Koran, ausdrücklich eine Grenze der göttlichen Vergebung benannt, die eine Sünde, die nicht vergeben werden wird.Vgl. Markus 3,28f.: „Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben, auch die Lästerungen, wie viel sie auch lästern mögen; wer aber den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.“ Sure 4, Vers 116: „Wahrlich, Allah wird es nicht vergeben, dass Ihm Götter zur Seite gestellt werden: doch Er vergibt, was geringer ist als dies, wem Er will. Und wer Allah Götter zur Seite stellt, der ist in der Tat weit irregegangen.“

Weil der Begriff Vergebung so stark religiös konnotiert ist, dass bei seinem Gebrauch permanent der Resonanzraum des Religiösen mitschwingt,Vgl. Sonja Fücker: Vergebung. Zu einer Soziologie der Nachsicht, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2020. wird er in manchen Diskussionen durch das Wort Verzeihung ersetzt.Mariano Crespo: Das Verzeihen. Eine philosophische Untersuchung. Winter, Heidelberg 2002; Vladimir Jankélévitch: Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003. Im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch sind die Worte vergeben und verzeihen in bestimmten Kontexten austauschbar, in anderen unterscheidet sich die Bedeutung.Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. XII, Sp. 2525–2539. Eine begriffliche Unterscheidung zwischen Vergeben und Verzeihen hat sich in der Fachliteratur nur bei Einzelthemen, etwa der Frage nach dem Verzeihen des Unverzeihlichen,Vgl. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Verzeihung des Unverzeihlichen? Ausflüge in Landschaften der Schuld, der Reue und der Vergebung, Text & Dialog, 2. erg. Auflage, Dresden 2013; Verena Rauen: Die Zeitlichkeit des Verzeihens. Zur Ethik der Urteilsenthaltung, Paderborn 2015. aber nicht generell durchsetzen können.Vgl. Klaus M. Kodalle: Verzeihung denken – Die verkannte Grundlage humaner Verhältnisse, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2013, ISBN 978-3-7705-5632-8. Dagegen jetzt Meinolf Schumacher: ‘Verzeihen’ but not ‘Vergeben’: A Distinction Drawn from German Language Usage. In: Maria-Sibylla Lotter und Saskia Fischer (Hrsg.): Guilt, Forgiveness, and Moral Repair, Palgrave Macmillan, Cham 2022, S. 119–131, .

Abgrenzung von anderen Handlungsmustern Wer ein Fehlverhalten vergibt, erinnert sich daran, wenn es sich um Vergangenes handelt, oder nimmt es bewusst zur Kenntnis, wenn es sich um gegenwärtiges Verhalten handelt. Er hält das Fehlverhalten nicht für vernachlässigbar und unerheblich, er ist nicht bereit, es stillschweigend zu akzeptieren, und sieht keine Gründe, die das Verhalten entschuldigen. Vgl. Karin Scheiber: Vergebung: Eine systematisch-theologische Untersuchung. Mohr Siebeck, Tübingen 2006. ISBN 978-3-16-148893-1, S. 266 ff.

Demnach setzt Vergebung ein hohes Maß an emotionaler Intelligenz voraus, denn der Vergebende muss sich sowohl in den Anderen hineinversetzen können als auch sich seiner eigenen Emotionen bewusst werden. Die verständnisvolle Annahme eines möglichen Irrtums, fehlender Besonnenheit, blinden Gehorsams oder unmoralischen Verhaltens dürfen dabei jedoch nicht als Einverständnis in die Tat gewertet werden. Es handelt sich stattdessen um Verständnis für die Person als solche, ungeachtet ihrer Fehler.

Vergebung ist nicht möglich, wenn auf ein Fehlverhalten mit Nachsicht (die ein Fehlverhalten erkennt, es aber als nicht erheblich beurteilt), entschuldigendem Verzeihen (das die Verantwortung für ein nicht vernachlässigbares Fehlverhalten aufgrund bestimmter Umstände abschwächt oder negiert), Duldung (die ein Fehlverhalten fortgesetzt ohne Widerspruch und Widerstand schweigend hinnimmt und damit faktisch akzeptiert), Ignorieren (wenn jemand sich bewusst oder unbewusst weigert, das Fehlverhalten zur Kenntnis zu nehmen), Vergessen (wenn die Erinnerung an das schädigende Verhalten nicht mehr vorhanden ist) reagiert wird.

Vergebung darf auch nicht mit Versöhnung gleichgesetzt werden, die darauf zielt, dass in einer Beziehung beide Parteien schuldig geworden sind, sich gegenseitig vergeben haben und nun miteinander eine von sämtlichen gegenseitigen Verletzungen unbelastete gemeinsame Zukunft erstreben.

Vergebung unterscheidet sich auch von der Begnadigung eines Täters aufgrund der Gnadenbefugnis. Der Bundespräsident kann eine Begnadigung aussprechen, egal ob er der Person persönlich vergeben hat oder nicht. Und umgekehrt kann er einer Person persönlich vergeben, ohne es deshalb für richtig zu halten, sie zu begnadigen.

Vergebung in den Religionen Vergebung ist in verschiedenen Religionen für die Beziehungen zwischen Gott / Göttern / höheren Wesen und Menschen von besonderer Bedeutung. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen hat sie häufig einen hervorgehobenen Stellenwert. Der Gebrauch des Wortes Vergebung in religiösen Zusammenhängen ist nicht einheitlich, sondern zeigt unterschiedliche, zum Teil selbst innerhalb einer Religion widersprüchliche Konzepte.

Abrahamitische Religionen