Baskische Literatur bezeichnet die literarischen Werke der Basken in Vergangenheit und Gegenwart, die in baskischer Sprache verfasst wurden. Das Baskische besitzt eine große orale Tradition, die die Literatur in baskischer Sprache, welche sich nur mit großen Anstrengungen gegen die spanische und auch französische Sprache behaupten konnte, bis heute beeinflusst. mini|hochkant|Mattin Treku improvisiert ein bertso in Sare (Sara) 1960

Geschichte

Der baskische Liedschatz dürfte bis in die Zeit Karls des Großen zurückreichen. Improvisationsdichtung der Bertsolaris, der oft paarweise auftretenden Dichter und Sänger, war in vielen verschiedenen Metren bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet. Zu den historischen Bertsolaris gehörte der Schäfer und Humorist Pernando Amezketarra (1764–1823). Aber schriftliche Überlieferungen der Lieder waren eher selten. Zu den Erneuerern des bertso zählen Mattin Treku (1916–1981) aus dem französischen Baskenland und u. a. Maialen Lujanbio Zugasti (* 1976) aus Hernani. mini|hochkant|Hand von Irulegi, späte Eisenzeit

In der Nähe von Estella-Lizarra wurde 2021 ein Bronzeamulett in Form einer stilisierten Hand (die „Hand von Irulegi“) aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. gefunden, das fünf Wörter mit insgesamt 40 Zeichen in nordostiberischer Schrift enthielt. Ein Wort konnte als sorioneku gelesen werden (modernes Baskisch: zorioneko = gutes Omen). Damit wurde die Vermutung, dass die baskische Sprache zur damaligen Zeit vollständig schriftlos gewesen sei, widerlegt.Lars Fischer: Ältestes Zeugnis von Europas ältester Sprache in spektrum.de, 22. November 2022. mini|hochkant|Lateinischer Titel des Buchs von Bernat Etxepare: Linguae Vasconum Primitiae (Erste Früchte der baskischen Sprache)

Das älteste erhaltene mittelalterliche Dokument in baskischer Sprache besteht aus Glossen aus dem 10. oder 11. Jahrhundert zu dem älteren lateinischen Codex Aemilianensis 60, der in einem Kloster in San Millán de la Cogolla in der Provinz Rioja aufbewahrt wurde, wo in dieser Expansionszeit des baskischen Einflusses neben iberischem Romanisch vermutlich Baskisch verbreitet war. Weitere Glossen zu diesem Text sind in einem frühen aragonesischen Dialekt geschrieben, der später die baskische Sprache in der Region verdrängte. Manche angeblich altbaskischen Texte erwiesen sich als Erfindungen späterer Zeit, so der Canto de lelo.

Das erste Buch in baskischer Sprache, eine Gedichtsammlung des Pfarrers Bernat Etxepare (Bernard d'Echepare, * ca. 1470/80 in Nieder-Navarra), wurde 1545 in Bordeaux veröffentlicht. Es enthält religiöse und volkstümliche Gedichte im Dialekt der Region und französisch beeinflusster Orthographie, einen Lobgesang auf die baskische Sprache sowie die Beschreibung eines Gefängnisaufenthalts des Autors. Bis 1879 wurden in der Folge ganze 101 Bücher in baskischer Sprache veröffentlicht.Literatur-Überblick auf baskultur.info

Es folgten 1571 die erste Übersetzung des Neuen Testaments im Auftrag der Synode von Pau durch den reformierten Pfarrer Joanes Leizarraga (Juan Leiçarraga; Jean de Liçarrague), die in La Rochelle gedruckt wurde, sowie bald auch – südlich der Pyrenäen – mehrere Sprüche- und Liedersammlungen wie die des Esteban de Garibay (1533–1599),José Ángel Achón: Esteban de Garibay y Zamalloa auf euskonews.eus (spanisch) der vergeblich die Erhebung des spanischen Baskenlandes zu einem Königreich betrieb. Viele Druckwerke aus dieser Zeit sind allerdings verloren gegangen.Baskische Literatur, in: Der Literatur-Brockhaus, Mannheim 1988, Bd. 1, S. 192f.

Frühe Blüte der baskischen Literatur Im 17. Jahrhundert erschienen erste Wörterbücher, Navigationshandbücher für Seeleute und andere Sachbücher in baskischer Sprache, die meist in Frankreich gedruckt wurden. Ihre Funktion erklärt sich aus den ausgedehnten Reisen der baskischen Walfänger und Fischer, die bis nach Labrador fuhren und den Waltran in England verkauften. mini|hochkant|Dreisprachiges Wörterbuch von Manuel de Larramendi (1745)

Pedro de Axular (1556–1644) schuf mit Gero ein religiöses Prosawerk, das dem labortanischen Idiom von Lapurdi Geltung verschaffte. Arnaut Oihenarte (1592–1667) war der erste Autor nichtreligiöser baskischer Lyrik, dessen Werk im Druck überliefert wurde. Auf Französisch verfasste er L'art poétique basque, die erste theoretische Arbeit über die baskische Literatur. Er forderte darin Genauigkeit der Metrik, Reichtum an Reimen, Erfindung neuer Strophenformen, empfindsame Behandlung der Themen und gepflegte Sprache. 1729 wurde die erste erhaltene baskische Grammatik von Manuel de Larramendi (1690–1766) veröffentlicht, der auch ein castellanisch-baskisch-lateinisches Wörterbuch und einige Gedichte und Predigten in baskischer Sprache verfasste. Er kreierte auch zahlreiche baskische Neologismen, wobei seine philologischen Methoden vielfach kritisiert wurden. Eine Grammatik des französisch-baskischen Schriftstellers und Richters Jacques de Béla (1586–1667) ist verloren gegangen.

Im 18. Jahrhundert – mit dem Bedeutungsverlust der baskischen Schifffahrt und Fischerei – ging die literarische Produktivität zurück. Das literarische Gewicht verlagerte sich auf die spanische Seite der Pyrenäen. Damit gewann das guipuzkoanische Idiom an Bedeutung, das auch von den Jesuiten gepflegt wurde. Viele Epen und Laienspiele des Barockzeitalters wurden jedoch nie schriftlich fixiert. Francisco Xavier María de Munibe (1723–1785) gründete 1764 die Sociedad Vascongada d Amigos des País und trat als Bühnenautor in Erscheinung. Das erste wichtige Werk im biszkainischen Idiom schrieb Juan Antonio de Moguel (1745–1804).Baskische Literatur, 1988, S. 193.

Von der französischen Seite der Pyrenäen, vor allem aus der Provinz Soule, sind aus dem 18. Jahrhundert die Pastoralen mit tragischen und heroischen Themen überliefert, die sich auf die mittelalterliche Märtyrerverehrung zurückführen lassen. Die von den Dörfern im Wechsel organisierten Aufführungen im Freien dauerten etwa drei Stunden und waren von Musik und Tanz begleitet. Vor allem seit den 1950er Jahren wird diese Tradition wiederbelebt.Jean-Louis Davant Iratcabal: La pastorale basque de Soule. Elkar, Aduna 2019.

Der Niedergang Spätestens seit der Industrialisierung wurde Baskisch zur Minderheitensprache auf ihrem eigenen Territorium. Teils durch Publikationsverbote bedingt, teils aufgrund der intensivierten Kontakte und verbesserten Verkehrsbedingung nach Spanien und Frankreich kam es zu einer teilweisen Romanisierung der Sprache, die in Frankreich weniger radikal verlief, weil hier das Baskische an okzitanische Dialekte und nicht – wie in Spanien – direkt an eine Schriftsprache angrenzte.Wilhelm Giese, 1996, S. 105 Damit einher ging der Verfall der baskischen Literatur, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ihren Tiefpunkt erreichte.

Nach dem ersten karlistischen Aufstand 1833–1839 und der Revolution von 1848 emigrierten viele Basken nach Frankreich. Während dieser Zeit wurden Werke in baskischer Sprache – meist religiöse Erbauungsliteratur, historische Schriften, Liedsammlungen oder Pastoralen – überwiegend auf der französischen Seite der Grenze veröffentlicht.Stichwort Baskische Sprache u. Literatur in: Pierers Universallexikon, Bd. 2, Altenburg 1857, Online So wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wieder der Dialekt der Provinz Lapurdi in der Schriftsprache am häufigsten verwendet. Bis 1879 wurden jedoch lediglich 101 Bücher in baskischer Sprache veröffentlicht, von denen nur vier zur eigentlichen 'Literatur' gezählt werden können. auf www.transkript-review.org Weitere 93 Bücher wurden ins Baskische übersetzt. Ein wichtiges Werk dieser von Autoren des französischen Baskenlands geprägten Epoche war Piarres Adames (1889) von Jean Baptiste Elissanburu, der die Schönheit der Frauen und die Vorzüge des baskischen Landlebens besang.www.euskomedia.org Pierre Topet aus Barcus (Barcoxe) (1786–1862) trat durch Satiren hervor.Baskische Literatur, 1988, S. 193.

Die baskische Sprachbewegung des 19. Jahrhunderts mini|hochkant|José María Iparraguirre Nach dem zweiten Karlistenkrieg kam es seit 1876 zu einer massiven Auswanderung aus dem Baskenland vor allem nach Lateinamerika, aber bereits kurze Zeit danach zu einem Erstarken der baskischen Sprachbewegung im spanischen Teil des Sprachraums mit Donostia als geistigem Zentrum. Die „Baskische Wiedererweckungs- oder Renaissancebewegung“ (Euskal pizkundea, 1887–1936) unternahm erste konkrete Schritte zur Vereinheitlichung der Schriftsprache auf Basis des Zentraldialekts von Guipúzcoa, der sich stark von den Mundarten im äußersten Westen und Osten des Sprachgebiets unterscheidet. In Guipúzcoa entstand auch 1851 die baskische Nationalhymne Gernikako arbola („Baum von Gernika“), deren Autor der Barde José María Iparagirre (1820–1881) war.

In dieser Zeit erwachte das Interesse an der improvisierten Volksdichtung, es gab lokale Erzählwettbewerbe und Literaturpreise. Die Spätromantik prägte noch das Werk des Lyrikers Indalecio Bizcarrondo Ureña (1831–1876); er kam durch eine Granate der Karlisten zu Tode. Die meisten Autoren dieser Epoche wie Sabino Arana Goiri (1865–1903) gehörten der baskischen nationalistischen Bewegung an. Als Lyriker und Journalist beteiligte Arana sich an der Standardisierung der baskischen Sprache. Txomin Agirre (Domingo Aguirre Badiola, 1864–1920) als Vertreter des Costumbrismo wurde durch seine historischen Romane und Milieuschilderungen bekannt (Kresala 1901, Garoa 1909). Der Realismus Agirres ging so weit, dass er seine Romane im Dialekt des jeweiligen Schauplatzes schrieb. Als Romanautor der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist auch José Manuel de Echeita (Etxeita) zu nennen.Baskische Literatur, 1988, S. 193. Als Verfasser von Kurzgeschichten und Essays wurde der in Argentinien geborene Arzt Jean Etchepare (1877–1935) bekannt, ein Bewunderer Agirres, der mit seinem 1910 erschienenen Buch Buruchkak („Ährenbündel“) die bis dahin in der baskischen Literatur nicht bekannte Form der Autobiographie einführte.Lapurdum (in französischer Sprache) Völlig vorbei am Baskenland ging der Trend zum Modernismus des frühen 20. Jahrhunderts. Vielmehr prägten außerliterarische Ideale wie Glaube, Patriotismus und der radikale Nationalismus des Journalisten und Poeten Sabino Arana Gori (1865–1903) die Zeit auch nach der Jahrhundertwende.Literatur-Überblick auf baskultur.info

Die Zeit zwischen den Kriegen 1918 wurde die bis heute bestehende Euskaltzaindia (Königliche Akademie der Baskischen Sprache) in Bilbao gegründet, die die Entwicklung und Erneuerung der baskischen Sprache und Literatur förderte. 1930 erhielt das Baskenland eine begrenzte Autonomie. Allerdings verpasste die Literatur aufgrund ihrer traditionalistisch-religiösen Orientierung, der Fokussierung auf außerliterarische Probleme und der Romantisierung der vorindustriellen Vergangenheit auch nach dem Eesten Weltkrieg den Anschluss an den Modernismus und pflegte archaisierende Werte, Themen und Stile. Erst José Mari Agirre Egaña (unter dem Pseudonym Xabier Lizardi) (1896–1933), ein später Vertreter des Symbolismus, überwand in den frühen 1930er Jahren die Romantik und brachte mit seinem schmalen, zum Teil erst posthum veröffentlichten Werk die baskische Lyrik auf einen Gipfelpunkt. Aufgrund seiner Naturschilderungen in Biotz-begietan („Mit dem Herzen und mit den Augen“, 1932) wird er gelegentlich mit dem spanischen Träger des Literaturnobelpreises 1956 Juan Ramon Jiménez verglichen.