Poliuto ist eine Oper in drei Akten von Gaetano Donizetti. Das Libretto verfasste Salvatore Cammarano auf Grundlage der Tragödie Polyeucte von Pierre Corneille, die wiederum das Leben und Martyrium des christlichen Heiligen Polyeuktos zum Thema hat. Das Werk entstand 1838, wurde jedoch zunächst nicht aufgeführt und erlebte seine Weltpremiere erst am 10. April 1840 in Paris, in einer überarbeiteten und auf vier Akte erweiterten französischsprachigen Version als Les martyrs. Das französische Libretto verfasste Eugène Scribe.

Die Uraufführung der Originalversion fand einige Monate nach Donizettis Tod posthum am 30. November 1848 am Teatro San Carlo in Neapel statt.

Handlung (Die Inhaltsangabe folgt der italienischen Originalfassung Poliuto von 1838. Die Aufteilung in Akte wird hier nur in Klammern angegeben, weil sie in der französischen Fassung Les martyrs von 1840 anders ist. Die Handlung ist bei beiden Versionen in den Grundzügen die gleiche, unterscheidet sich aber in einigen Details, unter anderem in der Aufteilung der Akte und in der etwas gewichtigeren Rolle des Felice, des Vaters von Paolina.)

(AKT I)

Armenien zur Zeit der Christenverfolgung: Die Christen unter ihrem Führer Nearco versammeln sich nachts in den Katakomben. Poliuto erscheint, um heimlich zum Christentum zu konvertieren; in einer Unterredung mit Nearco äußert er zuvor Zweifel an der Treue seiner Frau Paolina. Diese ist wie die meisten Römer bis dahin Anhängerin des Jupiterkults und ist ihm ohne sein Wissen ängstlich gefolgt. In einem Versteck wird sie von Weitem Zeugin der Zeremonie und der christlichen Gebete; zu ihrer eigenen Überraschung ist sie tief bewegt und gerührt. Als Poliuto und Nearco aus den Höhlen wieder hinaufsteigen, fragt Paolina ihren Mann, ob er keine Angst vor den schrecklichen Strafen habe, die über Christen verhängt sind, und bittet ihn, seinen neuen Glauben geheim zu halten. Poliuto äußert seinen Unwillen: Er will nichts verheimlichen, sondern zu seinem Glauben stehen. Da wird die Ankunft des neuen Prokonsuls Severo angekündigt, der nach Armenien kommt, um gegen die Christen vorzugehen. Paolina, die Severo früher liebte und ihn tot glaubte, ist verwirrt und versucht ihre Freude darüber, dass er noch lebt, zu verbergen.

Vor dem Jupitertempel in Mitilene werden Severo und seine Soldaten vom Volk und dem Hohepriester Callistene feierlich empfangen. Severo schwelgt bereits in Vorfreude, die von ihm immer noch geliebte Paolina wiederzusehen, muss aber von Callistene erfahren, dass diese mittlerweile verheiratet ist. Diese Nachricht löst bei ihm Enttäuschung und Wut aus.

(AKT II)

Severo wird von dem intriganten Callistene in das Haus von Felice, Paolinas Vater, eingeschleust und es kommt zu einem für Paolina völlig überraschenden Treffen mit Severo. Paolina bittet diesen, ihre Ehe mit Poliuto und ihre Tugend zu respektieren und sie in Frieden zu lassen.

Poliuto glaubt, dass seine Frau ihn mit Severo betrügt und ist wütend, doch als er erfährt, dass der Christenführer Nearco gefangen genommen wurde, verfliegt sein Zorn zugunsten von christlicher Vergebung und er eilt zum Tempel des Jupiter, in der Hoffnung Nearco helfen zu können.

Im Jupitertempel wird Nearco von Callistene vor versammeltem Volke angeklagt und aufgefordert, den Namen eines kürzlich neugetauften Christen preiszugeben. Als Nearco dies verweigert, wird er zur Folter verurteilt. Da tritt Poliuto hervor und bekennt zur Überraschung der Anwesenden, dass er selber der neue Christ sei. Die anwesende Paolina ist entsetzt und betet zum ersten Mal zu Christus um Hilfe. Sie wirft sich Severo vor die Füße und bittet ihn um Gnade für Poliuto. Als dieser das sieht, reagiert er jedoch mit höchster Eifersucht, erklärt seine unter dem Zeichen Jupiters geschlossene Ehe mit Paolina für nichtig und wirft den Altar um. Im allgemeinen Aufruhr werden Poliuto und Nearco abgeführt und Felice schleppt Paolina davon.

(AKT III)

Im Hain des Tempels überredet Callistene die anderen Jupiter-Priester, heimlich im Volk die Feindseligkeit und Rachsucht auf die Christen zu schüren.

Im Gefängnis des Circus erwacht Poliuto aus einem Traum, in dem er Paolina unschuldig und tugendhaft in den Himmel auffahren sah. Paolina erscheint im Kerker. Sie gesteht ihm, dass sie Severo früher tatsächlich liebte, aber ihn (Poliuto) nie betrogen habe; dann versucht sie ihn zu überreden, seinem neuen Glauben abzuschwören, um sein Leben zu retten. Das lehnt er mit dem Hinweis auf ein besseres ewiges Leben im Himmel ab. Paolina ist durch diese seine geistige Stärke so sehr beeindruckt, dass sie nun endgültig auch bereit ist, Christin zu werden und mit Poliuto zu sterben, obwohl dieser möchte, dass sie lebt – doch Paolina hört in religiöser Ekstase bereits die Harfen der Engel („arpe angeliche“) und sieht sich vom göttlichen Licht des Himmels umgeben.

Da öffnen sich die Pforten zur Arena und man sieht die blutdürstigen Menschenmassen im Circus; Severo, Callistene und die Wachen betreten den Kerker. Als Severo erfährt, dass Paolina als Christin mit Poliuto den Märtyrertod sterben will, fleht er sie verzweifelt an zu widerrufen, doch umsonst. Paolina und Poliuto gehen singend in die Arena.

Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Norbert Miller: Poliuto / Les Martyrs. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 2: Werke. Donizetti – Henze. Piper, München / Zürich 1987, ISBN 3-492-02412-2, S. 24.

Holzbläser: Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, vier Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen Pauken, Schlagzeug: Große Trommel, Triangel, Tamtam Harfe Streicher Bühnenmusik: zwei Clarini, zwei Hörner, zwei Fagotte, Trompete, Posaune

Werkgeschichte Entstehung mini|hochkant=0.6|links|Gaetano Donizetti (1842) mini|hochkant=0.6|Der Tenor Adolphe Nourrit (1830) Poliuto entstand 1838 für das Teatro San Carlo in Neapel in enger Zusammenarbeit mit dem berühmten französischen Tenor Adolphe Nourrit, mit dem sich Donizetti zuvor in Venedig angefreundet hatte und der ursprünglich die Titelrolle verkörpern sollte.S. 18, in: Tom Kaufman: Poliuto: Historische Anmerkungen, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Poliuto. Mit José Carreras, Katia Ricciarelli, Joan Pons, László Polgár u. a., Wiener Akademiechor und Wiener Symphoniker, Dir.: Oleg Caetani (CBS; 1986/1989)Raoul Meloncelli: Donizetti, Gaetano, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 41, 1992 (italienisch; Abruf am 29. Juni 2021) Dies und die Tatsache, dass Donizetti bereits während der Komposition der Oper in Verhandlungen mit dem Direktor der Pariser Oper, Henri Duponchel (1794–1868), stand,S. 19, in: Tom Kaufman: Poliuto: Historische Anmerkungen, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Poliuto. Mit José Carreras, Katia Ricciarelli, Joan Pons, … , Dir.: Oleg Caetani (CBS; 1986/1989) führte offenbar dazu, dass der Komponist von vornherein seine Partitur in Hinblick auf den französischen Geschmack hin anlegte, was sich in einer sehr eleganten, feinen Instrumentierung und der insgesamt sorgfältig komponierten, auch formal relativ einfallsreichen Musik äußert.William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 252–253 (online als Google-Book; englisch; eingeschränkter Abruf) Streckenweise, besonders im 1. Akt mit den Gebeten der Christen und Poliutos, nähert sich Donizetti im musikalischen Tonfall durchaus dem Oratorium an (weshalb Berlioz die französische Fassung – allerdings etwas übertrieben – ein „Credo in drei Akten“ nannte).S. 20, in: Tom Kaufman: Poliuto: Historische Anmerkungen, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Poliuto. Mit José Carreras, Katia Ricciarelli, Joan Pons, … , Dir.: Oleg Caetani (CBS; 1986/1989)

Die Oper war im Sommer 1838 fertig und bereits von der Zensur genehmigt, als der König von Neapel, Ferdinand II., die Aufführung verbot, weil sich das heilige Martyrium der frühen Christen seiner Meinung nach nicht als Thema für die „profane“ Opernbühne eignete.Siehe auch: S. 22, in: Don White: Donizetti and the three Gabriellas, Booklettext zur CD-Box: Donizetti - Gabriella di Vergy, mit Ludmilla Andrews, Christian du Plessis, Maurice Arthur u. a., Geoffrey Mitchell Chorus, Royal Philharmonic Orchestra, Dir.: Alun Francis (Opera Rara, ORC 3, 1979/1993) Dass es ein Genre der azione tragica-sacra gab, zu dem Rossini mit Mosè (1818) und Donizetti selber mit Il diluvio universale (1828) Werke beigesteuert hatten,William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1982/1983 (2. edition), S. 57 die sogar in Neapel uraufgeführt worden waren, schien der König zu ignorieren.

Dies war sowohl für den Komponisten als auch für Nourrit (der sich nur etwa ein halbes Jahr später umbrachte) eine große Enttäuschung, und Donizetti reiste bereits im Oktober desselben Jahres nach Paris ab. Dort überarbeitete und erweiterte er das Werk in den kommenden eineinhalb Jahren gemeinsam mit dem Librettisten Eugène Scribe und brachte es in die Form einer französischsprachigen Grand opéra in 4 Akten. Der größte Teil der Musik wurde beibehalten, aber teilweise umsortiert, hinzu kamen viele neukomponierte Stellen, darunter das Finale des neuen ersten Aktes, das in Frankreich obligatorische Ballett und ein Terzett „Objet de ma constance…“ für Félix (Felice), Sévère und Pauline (Paolina). Eine Arie für Poliuto im zweiten Akt wurde durch das seinerzeit berühmte Credo „Je crois en Dieu…“ ersetzt.S. 19–20, in: Tom Kaufman: Poliuto: Historische Anmerkungen, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Poliuto. Mit José Carreras, Katia Ricciarelli, Joan Pons, … , Dir.: Oleg Caetani (CBS; 1986/1989) Dabei kam es auch zu inhaltlichen Änderungen, vor allem wurde die Eifersucht Poliutos gegenüber Paolina, die in der italienischen Fassung ein wichtiger Bestandteil der Handlung ist, eliminiert, und die Figur des Felice (bzw. Félix), des Vaters von Paolina, bekam mehr Gewicht.

Les martyrs und Übersetzungen Die französische Neufassung der Oper kam am 10. April 1840 unter dem Namen Les martyrs zur Uraufführung, wobei die Rolle des Helden Polyeucte ausgerechnet von Adolphe Nourrits größtem Rivalen Gilbert Duprez gesungen wurde.S. 20, in: Tom Kaufman: Poliuto: Historische Anmerkungen, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Poliuto. Mit José Carreras, Katia Ricciarelli, Joan Pons, … , Dir.: Oleg Caetani (CBS; 1986/1989) In den weiteren Rollen sangen Jean-Étienne-August Eugène Massol (Sévère), Julie Dorus-Gras (Pauline), Nicolas-Prosper Dérivis (Félix), Jacques-Émil Serda (Callisthènes), Pierre-François Wartel (Néarque), Molinier (1. Christ) und Carl Theodor Widemann (2. Christ)., abgerufen am 8. August 2019. Die Oper war ein Erfolg, erlebte in Paris aber nur 20 Aufführungen. Théophile Gautier lobte die feine Instrumentierung der Partitur, während Hector Berlioz, der eine auf Eifersucht gegründete persönliche Abneigung gegen Donizetti hegte (von dem zu der Zeit an allen wichtigen Pariser Theatern Werke aufgeführt wurden), sich wie gewöhnlich ablehnend äußerte.

In der Folge wurde Les martyrs in anderen französischen Städten und in Belgien gespielt, wo sie sich bis in die 1870er Jahre halten konnte, ebenso in New Orleans. Eine deutsche Übersetzung von Les martyrs wurde 1841 auch in Hamburg gespielt, sowie bis 1844 in Wien, Frankfurt, Prag und Budapest. Die Pariser Version wurde auch ins Italienische (rück-)übersetzt und hatte anscheinend 1843 in Lissabon ihre Premiere; danach wurde sie vor allem in Opernhäusern Portugals, Spaniens und Lateinamerikas gespielt, aber auch 1852 in London – mit Enrico Tamberlik, der einer der berühmtesten Interpreten des Poliuto war – und 1853 in Wien.S. 21, in: Tom Kaufman: Poliuto: Historische Anmerkungen, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Poliuto. Mit José Carreras, Katia Ricciarelli, Joan Pons, … , Dir.: Oleg Caetani (CBS; 1986/1989)

Poliuto mini|hochkant=0.62|links|Eugenia Tadolini mini|hochkant=0.7|Carlo Baucardé