mini|Abschnitte des Rheinlaufs (siehe auch: detaillierte Karte)
Hochwasserschutz ist im Rahmen der Daseinsvorsorge eine wichtige Aufgabe aller Gebietskörperschaften im Hochwasserbereich am Niederrhein. Seit dem Beginn der industriellen Revolution in Deutschland ist die Zahl der Bewohner im Bereich des Niederrheins stark gewachsen. In den zehn Großstädten am Niederrhein leben über 4,3 Millionen Einwohner:
Rhein-km Großstadtgemeinde Ewz. Rheinabschnitt Ufer des Stadtkerns 655 Bonn 315.000 Niederrhein L 688 Köln 1.013.000 Niederrhein L 699 Leverkusen 161.000 Niederrhein R 740 Neuss 153.000 Niederrhein L 743 Düsseldorf 578.000 Niederrhein R 762 Krefeld 241.000 Niederrhein L 777 Duisburg 497.000 Niederrhein R 884 Nimwegen 161.000 Delta L (Waal) 1000 Rotterdam 586.000 Delta R (Nieuwe Maas) Arnheim 143.000 Delta R (Nederrijn) Utrecht 283.000 Delta R (Oude Rijn) Leiden 118.000 Delta R (Oude Rijn)
Eckhard Uhlenberg (CDU), NRW-Umweltminister (Kabinett Rüttgers) vom 24. Juni 2005 bis nach der Landtagswahl NRW am 9. Mai 2010, stellte fest:
Die Pflicht zum Hochwasserschutz ist in Nordrhein-Westfalen nicht gesetzlich geregelt! Sie sind weder dem Land, noch den Kommunen, noch Einzelnen zugewiesen. Auf freiwilliger Basis können sich betroffene Bürger in Wasserverbände (Deichverbände) zusammenschließen und sich eine Satzung geben.
Am 26. November 2007 ist die Richtlinie 2007/60/EG über die Bewertung und das Management von Hochwasserrisiken in Kraft getreten; mit der Novelle des Wasserhaushaltsgesetzes am 1. März 2010 ist sie in nationales Recht umgesetzt worden (siehe auch Folgen der Föderalismusreform). Das NRW-Umweltministerium legte im Juli 2011 einen 84-seitigen Bericht zur Lage in NRW vor. 17 Seiten des Berichts (S. 22–39) behandeln die Lage am Niederrhein. zur Hochwasserrisikobewertung
NRW-Umweltminister war vom 15. Juli 2010 bis zum 27. Juni 2017 Johannes Remmel (Kabinett Kraft I, Kabinett Kraft II).
Der Niederrhein und seine Nebenflüsse
Am Niederrhein (Deutschland) münden einige relativ kleine Nebenflüsse in den Rhein. Es sind (von Bonn aus stromabwärts aufgezählt) die Sieg (km 659,3), Wupper (km 703,3), Erft (km 735,5), Ruhr (km 780,2), Emscher (km 797,7) und Lippe (km 814,5). Alle bis auf die Erft sind rechtsrheinisch.
Unabhängig von ihrer Größe haben sie bei Rhein-Hochwasser Bedeutung: dann nämlich steigt auch der Pegel im Mündungsbereich dieser Nebenflüsse. Ihre Ufer müssen deshalb in ihrem Mündungsbereich ebenfalls mit Deichen geschützt sein.
Die Nebenflüsse speisen zwar relativ wenig Wasser in den Rhein; gleichwohl kann ihr Zufluss ein Rheinhochwasser noch etwas erhöhen.
Nebenfluss (Abschn., Arm) Mündung / Übergang MQ (Mittl. Abfl.) (m³/s) EZG (Einz.-geb.) (km²) Höhe max. des EZG (m) Höhe Mün- dung (m) Länge (km) Länge (H) (km) Länge (L) (km)Bis km Schiff- fahrt Sieg von rechts in: Mittelrhein 53 2.856,9 675,9 (Jagdberg) 45 155,2 156,7 156,7 659,3 Ruhr von rechts in: Niederrhein 81,6 4.485,4 843,2 (Langenberg (Rothaargebirge)) 20,2 219,3 220,3 221,8 780,2 Lippe von rechts in: Niederrhein 45 4.887,7 622 (Bilstein (Briloner Höhen)) 18 220,1 214,1 267,9 814,5
Die folgende Tabelle nennt kleinere Nebenflüsse des Rheins, deren mittlere Wasserführung weniger als 20 m³/s beträgt.
Rhein-Km R/L Nebenfluss mittlerer Abfluss in m³/s Länge in km Einzugsgebiet in km² 703,3 R Wupper 17 117 827 735,5 L Erft 16 103 1838 797,7 R Emscher 16 84 775
Zurückliegende Hochwasser Die Region Niederrhein wurde im Lauf der Jahrhunderte oft von schweren Hochwassern heimgesucht. Zum Beispiel brach in den Jahren 1809, 1855 und 1861 der Banndeich unter dem Druck von Eismassen ("Eisgang"). Im Jahr 1926 lief die niederländische Duffel (ist der Ooijpolder gemeint?) von Nijmegen aus bis zum Querdamm ein.
Das gleiche Hochwasser überflutete 1926 etwa 40 Prozent der Preußischen Rheinprovinz (40 % von 26.995 km² sind etwa 10.800 km²).
Im Februar 1945 sprengten Einheiten der Wehrmacht Deiche an der deutsch-niederländischen Grenze, um den Vormarsch der Westalliierten zu behindern; es wurde sichtbar, welche enormen und großflächigen Auswirkungen es haben kann, wenn Deiche in einem flachen Gebiet brechen.hochwasserplattform.de Seite 33–44
1988, Ende 1993 und 1995 – also innerhalb von sieben Jahren – kam es zu drei „100-jährlichen Hochwassern“ (= Jahrhunderthochwasser; Liste anderer Rhein-Hochwasser hier).
Die Karte rechts zeigt, wie viele deutsche Gebietskörperschaften zwischen Bonn und der Grenze zu den Niederlanden involviert sind. mini Kreis Kleve (links + rechts) Kreis Wesel (links + rechts) Duisburg (links + rechts) Krefeld (links) Rhein-Kreis Neuss (links) Düsseldorf (links + rechts) Kreis Mettmann (rechts) Köln (links und rechts) Leverkusen (rechts) Rhein-Erft-Kreis (links) Rhein-Sieg-Kreis (links und rechts) Bonn (links und rechts) In Deutschland sind also 12 Kreise oder kreisfreie Städte mit dem 'Hochwasserschutz am Niederrhein' befasst; sie gehören teils zum Regierungsbezirk Köln, teils zum Regierungsbezirk Düsseldorf. Zudem ist das Land NRW befasst. Es arbeitet unter anderem in der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins mit und in der deutsch-niederländischen Arbeitsgruppe Hochwasser.
Geschichte des Hochwasserschutzes Am 15. Mai 1990 (zwei Tage nach der NRW-Landtagswahl, bei der Ministerpräsident Johannes Rau seine absolute Mehrheit verteidigtedem Kabinett Rau III folgte das Kabinett Rau IV und 26 Monate nach dem ersten Hochwasser) kritisierte das zuständige Dezernat der Bezirksregierung Düsseldorf in einem Lagebericht die damalige Organisation des Hochwasserschutzes am Niederrhein massiv:
Im Jahr 1996 verabschiedete das Land NRW ein Hochwasserschutzkonzept.das geht hervor aus Seite 6 (PDF; 690 kB) In dieses Konzept wurden zwei Deichrückverlegungen aufgenommen: Lohrwardt (13 Mio. m³ auf 275 Hektar) und Mündelheim (5 Mio. m³ auf 100 Hektar = 1 km²).
Im November 1997 haben die Provinz Gelderland (Niederlande), Rijkswaterstaat (niederländische Behörde für Wasserwirtschaft) und das NRW-Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft (damaliger Minister: Klaus Matthiesen) eine „Gemeinsame Erklärung für die Zusammenarbeit im nachhaltigen Hochwasserschutz“ unterzeichnet und (zur Abstimmung von Untersuchungen und Entwicklungen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes) eine Deutsch-Niederländische Arbeitsgruppe „Hochwasserschutz“ eingerichtet.
Im September 2010 fand ein Kongress Hochwasserschutz in Nordrhein-Westfalen – Stand und Perspektiven statt. Während 1995 von 330 km Rheindeichen 275 km (= 83 %) zu sanieren und 38 km noch zu untersuchen waren, waren (Stand Mai 2010) 193 km fertiggestellt bzw. im Bau (193 von 275 = 70 %), 72 km waren noch zu sanieren. Seit 1995 wurden 594 Mio. Euro ausgegeben.
Einige schwere Hochwasser (zum Beispiel die Elbhochwasser 2002, 2006, 2010, 2011 und das Hochwasser in Mitteleuropa 2013) – jeweils mit Schäden in Milliardenhöhe – haben in den letzten Jahren das Bewusstsein dafür erhöht, wie wichtig Hochwasserschutz ist. Zum Beispiel brach beim Hochwasser im Juni 2013 ein unsanierter Deich bei Arnsnesta/Herzberg (Elbe-Elster) an der Schwarzen Elster; dadurch wurde eine sehr große Fläche überflutet. Der Bund begann nach diesem Hochwasser in Zusammenarbeit mit den Ländern (sie sind für den Hochwasserschutz zuständig) ein „“Nationales Hochwasserschutzprogramm. Die Länder sollen überregional und auf die Flussgebiete bezogen ihre Maßnahmen koordinieren. Bis Ende 2015 sollen (Stand 2013) Hochwasser-Risikomanagementpläne erarbeitet werden. vor dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern
Die Elbe ist (etwa ab Torgau flussabwärts) auf hunderten Flusskilometern ein Tieflandfluss, d. h., er hat wenig Gefälle bzw. durchfließt – ähnlich wie der Niederrhein – ein flaches Gebiet. Die Probleme ihres Hochwasserschutzes ähneln sich deshalb.
Aktuelles Hochwasserschutzkonzept des Landes NRW bis 2015 Das aktuelle „Hochwasserschutzkonzept des Landes bis 2015“ stammt aus dem Sommer 2006, also aus der Zeit der schwarz-gelben Landesregierung (Kabinett Rüttgers). Jürgen Büssow (SPD), von 1995 bis 2010 Regierungspräsident des Regierungsbezirks Düsseldorf, legte das Konzept damals vor.brd.nrw.de (PDF; 13 Seiten) Demnach waren 115,5 km Deich noch zu sanieren (damalige Prognose: 299,3 Mio. Euro Baukosten, davon 240 Mio. gefördert durch den Bund) und 44,5 km Deich waren noch nicht untersucht.
Gefahrenpotential Große Flächen der Rheinischen Bucht („linker Niederrhein“) könnten bei einem schweren Rheinhochwasser „volllaufen“: zwischen Köln und Duisburg ist der Hochwasser-Schutzgrad uneinheitlich und zu gering, insbesondere bei Düsseldorf/Neuss, Krefeld und Rheinhausen ab etwa 12.000 m³/s – schon weit unterhalb des gültigen Bemessungshochwassers drohen großen Flächen irreparable Vernässung und Unbewohnbarkeit Im Bergbaugebiet rund um Kamp-Lintfort sind große Flächen nach dem Abbau der Kohle um bis zu 20 m abgesunken; dort würde ein über den Deich getretenes Hochwasser Landflächen besonders tief unter Wasser setzen Grenzüberschreitende Auswirkungen von extremem Hochwasser am Niederrhein (2004, 160 S.) bibliograph. Daten – so tief, dass Häuser vollständig überflutet würden und Bewohner sich nicht auf Dächer flüchten und dort per Hubschrauber gerettet werden könnten.
In Rheinnähe liegen auch einige große Unternehmen der chemischen Industrie. Genannt seien drei Werke der Bayer AG (Werk Leverkusen (Es liegt zur einen Hälfte in Leverkusen-Wiesdorf und zur anderen im Kölner Stadtteil Flittard), Werk Dormagen und das Werk in Werk Krefeld-Uerdingen) – seit 2008 werden die drei zusammenfassend „CHEMPARK“ genannt.
Im Dezember 2005 schrieb das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MUNLV NRW) zur Situation weiter flussaufwärts:
Ob das Ministerium heute – nach Elbehochwasser März 2006, Elbehochwasser 2009, Hochwasser 2009 an Donau, Moldau und Oder, Hochwasser in Mitteleuropa im Frühjahr 2010, Hochwasser in Mitteleuropa 2013 und anderen schweren Hochwassern – immer noch zu diesen Schlüssen bzw. Thesen kommen würde erscheint fraglich.
In dem im Jahr 2006 vorgelegten 'Hochwasserschutzkonzept des Landes bis 2015' steht unter anderem:
Grundsätzliche Problematik: Oberlieger / Unterlieger Es gibt ein volkswirtschaftliches Interesse daran, Gelder für Hochwasserschutz (z. B. Deichbau) möglichst effizient zu investieren (= einen möglichst hohen Nutzen pro investiertem Euro zu erzielen).
Oberlieger und Unterlieger haben Partikularinteressen; diese sind teilweise miteinander unvereinbar. Höhere Ebenen (Land, Länder-Kommissionen oder Bund) können effiziente Entscheidungen treffen.
In der Regel profitieren Unterlieger von Hochwasserschutzaktivitäten (z. B. Investitionen) von Oberliegern.
In der Rechtswissenschaft wird die als „Oberlieger-Unterlieger-Problematik“ diskutiert.Johannes Bohl: Oberlieger-Unterlieger-Probleme. Das Verhältnis von Oberliegern und Unterliegern bei Maßnahmen des vorbeugenden Hochwasserschutzes an (internationalen) Flussläufen. (PDF; 227 kB) Vortrag (2011), S. 3f.
Deichrückverlegungen als Allheilmittel? In einigen Leserbriefen und Presseberichten klang die Vorstellung an, man brauche nur einige Deiche zurückzuverlegen, und schon habe Hochwasser deutlich Platz bzw. seine Scheitelwelle werde deutlich gesenkt. Tatsächlich wäre das nur so, wenn der Rhein viele Millionen Kubikmeter mehr Platz hätte.
Drei namhafte Institutionen - Rijksinstituut voor Integraal Zoetwaterbeheer en Afvalwaterbehandeling (RIZA; 2007 ging es im 'waterdienst’ des Rijkswaterstaat auf; seit dem 1. April 2013 heißt es 'RWS Water, Verkeer en Leefomgeving'etwa: RWS Wasser, Verkehrs und Lebensumgebung. www.rwsleefomgeving.nl) das Landesumweltamt NRW (LUA NRW) sowie die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) – sowie Forscher der Provinz Gelderland erarbeiteten in den Jahren