Max Tschornicki (Tchornicki) (* 9. August 1903 in Rüsselsheim; † 20. April 1945 im KZ-Außenlager München-Allach) war ein deutscher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er war neben Wilhelm Vogel der einzige Häftling, dem die Flucht aus dem KZ Osthofen bei Worms (Rheinland-Pfalz) gelang.Angelika Arenz-Morch: Max Tschornicki – ein Mainzer Sozialist aus jüdischer Familie. In: Mainzer Geschichtsblätter Blätter. Lebensläufe der Diktatur 1933–1945, Heft 15, 2014, S. 71 bis 97.
Leben Max Tschornicki wuchs als Sohn russischer Einwanderer auf. Er wurde jüdisch-orthodox erzogen und war Mitglied mehrerer jüdischer Jugendverbände. Als Schüler trat er der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei. Später wurde er Mitglied der SPD und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Er besuchte das Hessische Gymnasium zu Bingen (Mainz) und studierte anschließend Rechtswissenschaften an den Universitäten in Frankfurt, Berlin und Gießen. Die meisten seiner Studiensemester verbrachte er in Frankfurt.Vgl. die Studierendenakte im Universitätsarchiv Frankfurt am Main: UAF Abt. 604 Nr. 7650, Max Tchornicki. Für das Sommersemester 1923 und das Wintersemester 1923/24 ging er nach Berlin und ein letztes Wintersemester 1925/26 verbrachte er in Gießen.Vgl. die Personalakte von Max Tschornicki im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt: HStAD, G 21 B, 5317; digital abrufbar: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/digitalMediaViewer.action?archivalDescriptionId=5530391 Dort bestand er im Mai 1926 die juristische Fakultätsprüfung. Danach war er als Referendar im Vorbereitungsdienst an diversen Stellen in Mainz tätig. Im Herbst 1929 legte er dann das Staatsexamen ab und beantragte im darauffolgenden Jahr die Zulassung als Rechtsanwalt. Als Rechtsanwalt war er in Mainz und Umgebung tätig und verteidigte vor allem SPD- und Reichsbanner-Mitglieder.
Tschornicki galt als engagierter Kämpfer gegen die Nationalsozialisten. Am 24. Mai 1933 wurde er auf Grundlage der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat verhaftet und kam in das Konzentrationslager Osthofen, das als eines der ersten Konzentrationslager durch die Nationalsozialisten errichtet worden war.Wolfgang Benz (Hrsg.): Frühe Lager. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 2. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52962-3. S. 181–184 Als Jude und SPD-Mitglied war er den Schlägern von Sturmabteilung und Schutzstaffel, die die dortige Wachmannschaft bildeten, doppelt verhasst. Mit der Hilfe von Mitgefangenen, Osthofener Bürgern,Klaus Drobisch, Günther Wieland: System der NS-Konzentrationslager. 19331939. Akademie-Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-05-000823-7. S. 163 sowie seiner Verlobten gelang ihm am 3. Juli 1933 die Flucht aus dem Konzentrationslager.Bei Drobisch wird der 5. Juli genannt, am 6. Juli erschien die Fluchtmeldung in der Mainzer Tageszeitung. Drobisch: System der NS-Konzentrationslager, S. 163 Seine Flucht hatte weitreichende Folgen. Nicht nur wurde die Bewachung des KZs verstärkt, eine Besuchssperre verhängt sowie einige Häftlinge schwer bestraft, auch seine Familie wurde in „Schutzhaft“ genommen.
Tschornicki floh zunächst in das Saargebiet, das damals noch als Mandatsgebiet des Völkerbundes verwaltet wurde, und von dort weiter nach Toulouse, später nach Lyon. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs Im Jahr 1940 schloss er sich der französischen Résistance an. Er wurde 1944 verhaftet. Am 11. August 1944 kam Tschornicki in das KZ Auschwitz, es folgten Verlegungen in andere Konzentrationslager. Am 20. April 1945 verstarb er in Allach, einem Außenlager des KZ Dachau, an Dysenterie, nur neun Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch die alliierten Truppen.
Literarische Bearbeitungen Möglicherweise diente diese reale Flucht aus dem KZ Osthofen der in der Pariser Emigration lebenden Anna Seghers als Vorlage für ihren weltberühmten Roman Das siebte Kreuz, den sie zwischen September 1938 und Oktober 1939 schrieb.Bernhard Spies: Kommentar, zu: Anna Seghers: Werkausgabe. Das siebte Kreuz, Aufbau, Berlin 2000, S. 445–496 Anders als in dem Roman hat es aber aus dem realen KZ Osthofen keine Massenflucht gegeben. Nach Forschungsergebnissen von Erwin Rotermund spricht einiges dafür, dass Anna Seghers bei der „epischen Ausgestaltung dieses Motivs von einem Vorfall angeregt worden ist, der sich im November 1936 in dem Konzentrationslager Sachsenhausen abgespielt hat“.Erwin Rotermund: Sieben Flüchtlinge und sieben Kreuze. In: Argonautenschiff, Band 10, S. 253
Das Chawwerusch Theater in Herxheim bearbeitete 2013 Tschornickis Lebensgeschichte zu einem Theaterstück, das mit Texten von Seghers, Stéphane Hessel, Walter Benjamin sowie Wolf Biermanns Übertragung des jiddischen Arbeiterliedes Sol sajn arbeitet. Das Stück wurde auch in der Gedenkstätte KZ Osthofen aufgeführt.
Einzelnachweise
Kategorie:Rechtsanwalt (Deutschland) Kategorie:SPD-Mitglied Kategorie:USPD-Mitglied Kategorie:Mitglied im Reichsbanner Kategorie:Résistancekämpfer Kategorie:Opfer des Holocaust Kategorie:Häftling im KZ Auschwitz Kategorie:Todesopfer im KZ Dachau Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Deutscher Emigrant in Frankreich Kategorie:Person (Widerstand gegen den Nationalsozialismus) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1903 Kategorie:Gestorben 1945 Kategorie:Mann