Soll und Haben ist ein 1855 erschienener Roman in sechs Büchern von Gustav Freytag (1816–1895). Er gehörte bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts zu den Bestsellern und ist ein Beispiel des deutschsprachigen Bürgerlichen Realismus. Franz Mehring bezeichnet den Roman als den meistgelesenen des 19. Jahrhunderts.
Entstehung Der Roman war anfangs kürzer und nur auf die ersten 3 Bücher hin konzipiert. Ursprünglich war die politische Stoßrichtung gegen den Adel gerichtet. Die jüdischen Figuren waren Bestandteil der Geschichte des verdienten Ruins der Adelswelt, später setzte Freytag die Akzente eher auf die Kritik des Spekulantentums.
Der den Breslauer Kaufmannsstand verherrlichendeEberhard Günter Schulz: Geburtstagsrede für Hans-Joachim Kempe zum 60. Geburtstag. (Gehalten am 13. Juni 1995 auf Schloß Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott) In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013 (2014), S. 553–557, hier: S. 556. Roman war insgesamt ein Vehikel zur Verbreitung politischer Vorstellungen und eine Auftragsarbeit.
Inhalt mini|Die unheimlichste Stätte in Freytags „Soll und Haben“, der Fluss an Löbel Pinkus' Herberge – Illustration in der Zeitschrift Die Gartenlaube (1872) Der Autor schildert in seinem Kaufmannsroman die soziale und wirtschaftliche Situation in Schlesien in der ersten Hälfte des 19. Jhs. am Beispiel einzelner typisierter Personen. Zugleich ist das Werk ein Entwicklungsroman, der die Laufbahn und den Reifeprozess Anton Wohlfarts vom 18-jährigen Lehrling zum erfahrenen Kaufmann zeigt. Die parallel verlaufenden und auf Breslau konzentrierten Haupthandlungsstränge, einer davon spielt im jüdischen Milieu, werden bereits am Anfang des Romans personell miteinander verknüpft.
Erstes Buch Der 18-jährige Anton Wohlfart und sein ehemaliger jüdischer Bürgerschulkamerad Veitel Itzig begegnen sich zufällig auf der Wanderung von Ostrau in die Hauptstadt, wo sie Ausbildungsstellen suchen. Vorher kommt Anton am Landschloss des Freiherrn Oskar von Rothsattel vorbei, lernt im Park dessen couragierte Tochter Lenore kennen und verliebt sich in sie. Anton ist der Sohn eines Buchhalters. Nach dem Tod der Eltern nimmt ihn der Kolonialwaren-Kaufmann Traugott Schröter, dessen Firma dem Vater wegen einer lang zurückliegenden Hilfeleistung verpflichtet ist, als Lehrling in sein Kontor in Breslau auf. Durch seine Gewissenhaftigkeit beim Kopieren von Geschäftsbriefen und bei der Ausführung von Aufträgen sowie seine Ehrenhaftigkeit gewinnt er die Achtung seines Chefs und der Angestellten, so dass seine Lehrzeit auf zwei Jahre verkürzt wird und er eine feste Anstellung als Kontorist erhält. Mit einem seiner Kollegen, dem welterfahrenen, äußerlich arroganten und leichtlebigen Fritz von Fink, schließt der unerfahrene junge Mann nach anfänglichen Reibereien Freundschaft. Dieser führt ihn in die Gesellschaft des Landadels ein, die in Kontrast zu der seiner bürgerlichen Kontor-Kollegen steht und von deren Eleganz und Lebensgenuss Anton lange fasziniert ist.
Zur gleichen Zeit wird der arme Veitel Hausbursche beim jüdischen Makler Hirsch Ehrenthal. Bei seinen Botengängen und Erkundungen macht er kleine Privatgeschäfte und spart das Geld für größere Unternehmungen.
Der Gutsherr von Rothsattel lebt mit seiner Familie solide von den Einkünften des landwirtschaftlichen Betriebes. Gelegentlich macht er beim Verkauf landwirtschaftlicher Produkte bzw. bei Einkäufen Geschäfte mit Ehrenthal und lässt sich von dem Händler zu Geldgeschäften überreden. Er folgt dem Rat Ehrenthals, Pfandbriefe zu kaufen, um mit dem Zinsgewinn in Unternehmungen wie den Bau einer Zuckerfabrik zu investieren. Er bezieht über den Winter eine Stadtwohnung und nimmt an Gesellschaften teil. Diesen aufwendigen Lebensstil kann er jedoch nicht aus den Einnahmen seines Gutes finanzieren und er beteiligt sich deshalb mit seinen Pfandbriefen an Ehrenthals riskanten Geschäften, bei denen in finanzielle Schwierigkeiten geratene Landwirte Waren unter Wert verkaufen müssen.
Zweites Buch Fritz von Fink will seinen Freund und Schützling in die städtische Gesellschaft einführen und macht sich einen Spaß daraus, deren Vorurteile zu nutzen. Er lanciert über verschiedene Personen die Vermutung, Anton sei vermutlich der außereheliche Sohn eines Großfürsten und Erbe großer Ländereien in Amerika. Dieser ahnt nichts vom leichtsinnigen Spiel des Freundes und lässt sich trotz anfänglicher Bedenken überreden, sich in besserer Gesellschaft zu zeigen und dazu eine standesgemäße Garderobe anzuschaffen, die er sich von seinem Lohn nicht leisten kann. So gelingt die Aufnahme in die als Eheanbahnung für adlige Mädchen gedachten Tanzgesellschaften bei Frau von Baldereck. Anton befolgt die Instruktionen seines Freundes und macht eine gute Figur. Er trifft Lenore wieder. Durch ihre Freundlichkeit gewinnt er zunehmend an Selbstsicherheit und entwickelt sich zu einem beliebten Gesellschafter. Andererseits entfremdet er sich dem Kreis seiner Kollegen. Als sein Prinzipal Schröter ihn wegen der umlaufenden Gerüchte zur Rede stellt, entschließt er sich aber, vor der adeligen Gesellschaft seine tatsächliche Situation zu offenbaren, und nimmt nicht mehr an den Veranstaltungen teil, was ihm wegen der Bekanntschaft mit Lenore sehr leid tut. Er widmet sich wieder verstärkt seiner Arbeit und freundet sich mit Ehrenthals Sohn Bernhard an, einem zurückgezogen inmitten seiner Bibliothek lebenden geistigen Einsiedler. Als Fink wegen einer großen Erbschaft seine Stellung kündigt und Anton mit nach Amerika nehmen will, lehnt dieser ab. In der Folge erhält er erweiterte Befugnisse im Handelshaus. Schröters Schwester Sabine, der Fink einen Heiratsantrag macht, will ebenfalls nicht das Wagnis eingehen, dem abenteuerlustigen und sprunghaften Mann zu folgen. Später (im 3. Buch) teilt Fink seinem Freund in einem Brief mit, dass er wegen der harten Konkurrenz und den skrupellosen Methoden in seinem neuen Leben unglücklich ist.
Währenddessen wird Veitel Itzig immer erfahrener im Auskundschaften von Geschäften, in der Einschätzung der Bonität von Kunden bei Kreditvergaben und der Kalkulation von möglichen Insolvenzen. Veitels Nachbar in der zwielichtigen Herberge von Löbel Pinkus ist der ehemals erfolgreiche Rechtsanwalt Hippus, der seinen guten Ruf und seine Kanzlei aufgrund unehrlicher Geschäfte verloren hat und seinen Unterhalt und seinen Alkoholkonsum jetzt durch Unterricht im Wechselrecht und der Hypothekenordnung verdient. So weiht er auch Veitel in die Tricks ein, die Gesetze zu umgehen, ohne gegen sie zu verstoßen. Veitel nutzt diese Kenntnisse und seine geheimen Erkundungen, indem er von Gläubigern billig Schuldbriefe aufkauft, die durch den Bankrott des Schuldners wertlos geworden sind. Wenn die finanzielle Situation des Insolventen sich z. B. durch eine Erbschaft wieder bessert, klagt Veitel seinen Anspruch ein und verdient viel Geld. Mit seinen Erfahrungen steigt er zu Ehrenthals Buchhalter auf, hat so Einblicke in dessen Geschäfte und nutzt dieses Wissen auch gegen die Interessen seines Chefs für seine eigenen Projekte aus.
Freiherr von Rothsattel hat sich inzwischen an Geldgeschäfte mit verschiedenen Maklern gewöhnt, z. B. durch den Kauf von Pfandbriefen auf ein Gut bei Rosmin, und finanziert so sein Gesellschaftsleben in der Stadt. Ehrenthal informiert ihn über den Plan seiner Nachbarn, eine Zuckerfabrik zu bauen, und ermutigt ihn, ihnen zuvorzukommen. Das Geld dafür leiht er ihm. Veitel unterstützt dieses Projekt und will es für sich nutzen, indem er selbst dem Gutsherrn, der zunehmend den Überblick über seine Finanzen verliert, hinter dem Rücken seines Chefs über seinen Strohmann Pinkus Geld leiht und damit dessen Schuldenlast erhöht. Er spekuliert darauf, dass der Freiherr die Hypotheken nicht zurückzahlen kann und ihm am Ende das in der Schuldverschreibung als Sicherheit eingetragene Schloss mit den Ländereien abtreten muss.
Drittes Buch Im dritten Buch treten mehrere Entwicklungen in eine entscheidende Phase. Als in Polen ein Aufstand ausbricht, begleitet Anton seinen Chef in das Unruhegebiet, um vierzehn von den Rebellen konfiszierte Frachtwagen der Firma zurückzuholen. Nach einer gefährlichen Reise durch unsichere Gegenden, hartnäckigen Verhandlungen mit noch intakten Militärbehörden und Geldzahlungen gelingt schließlich die Rückführung der meisten Waren. Bei einer Auseinandersetzung in einer Karawanserei rettet Anton Schröter das Leben. Während der verletzte Chef die Frachtwagen unter dem Schutz ihnen zu Hilfe gekommener schlesischer Truppen zurück nach Breslau führt, bleibt Anton als Agent der Firma über den Winter in Osteuropa, um die durch den Krieg gestörten Handelsbeziehungen wieder aufzubauen. Mit neuen Erfahrungen und mit Informationen über die schlechte wirtschaftliche Situation Rothsattels und die Intrige Itzigs kehrt er ins Handelshaus zurück. Wegen seiner Verdienste stellt Schröter ihm in Aussicht, ihn zu seinem Stellvertreter zu machen.
In der Zwischenzeit verschuldet sich Rothsattel immer mehr, um die Kreditzinsen zurückzuzahlen: nicht nur bei Ehrenthal, sondern auch ohne dessen Wissen bei dessen Buchhalter Itzig, der seinen Chef hintergeht und seine eigenen Ziele verfolgt. Zudem ist die Zuckerfabrik wegen einer schlechten Rübenernte nicht ausgelastet und bringt nicht den kalkulierten Profit. Ein weiterer Verlust droht durch die bevorstehende Insolvenz eines polnischen Gutes bei Rosmin, für welches der Baron Pfandbriefe besitzt, die nun wertlos werden könnten. Die Gläubiger wollen Rothsattel in dieser Situation keine weiteren Kredite gewähren und bestehen auf Rückzahlung. Durch Antons Enthüllung der Rolle Itzigs kommt es zum Streit aller Beteiligten. Ehrenthals mit Anton befreundeter Sohn Bernhard wendet sich gegen seinen Vater und fordert ihn auf, Rothsattel zu helfen. Dieser will aber nicht auf sein Geld verzichten und sieht keine Möglichkeit, den Familiensitz der Rothsattels zu retten. Er ist jedoch bereit, für den Baron das Rosminer Gut zu ersteigern. Bernhard stirbt kurze Zeit später an einer Lungenkrankheit. Der Vater leidet unter dem Zerwürfnis sowie unter der Hinterlist seines Buchhalters und verfällt geistig und körperlich immer mehr.
Als Rothsattel seine ausweglose Lage erkennt, will er sich erschießen. Seine Frau versucht ihn daran zu hindern und der Schuss geht fehl. Rothsattel überlebt, verliert aber sein Augenlicht. Als die Baronin Anton um Hilfe in der Schuldenkrise bittet, sagt er aus Freundschaft zu den Kindern, vor allem Lenore, zu und übernimmt die Aufgabe des Bevollmächtigten und Rentmeisters des Freiherrn. Er versucht juristisch dessen Schuldensituation nach der Zwangsversteigerung des Familiensitzes zu klären und verkauft den Schmuck der Baronin, um das Rosminer Gut zu erhalten und wieder wirtschaftlich zu machen. Allerdings führt dies zur Entfremdung von Schröter und zum Abschied aus dem Handelshaus, sehr zum Leidwesen des Prinzipals, der ihn zu seinem Nachfolger aufbauen wollte, und Sabines, die ihre Neigung zu Fink überwunden und den gereiften Anton lieb gewonnen hat.