Muhammad ibn ʿAbdallāh an-Nafs al-Zakīya (; geb. 710/711, gest. 6. Dezember 762) war ein Hasanide, der während der spätumaiyadischen Zeit zum alidischen Thronprätendenten aufgebaut wurde. Während dieser Zeit richteten sich auch die Mahdi-Erwartungen der Anhänger der beiden extrem-schiitischen Sektenführer Abū Mansūr al-ʿIdschlī und al-Mughīra ibn Saʿīd auf ihn. Nach der abbasidischen Machtergreifung tauchte Muhammad an-Nafs al-Zakīya zunächst unter. Im Jahr 762 unternahm er zusammen mit seinem Bruder Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh einen großangelegten Aufstand gegen den abbasidischen Kalifen al-Mansūr, der von vielen muslimischen Gelehrten unterstützt wurde. Nach einigen Monaten wurde er allerdings von den Truppen des Kalifen niedergeschlagen. Spätestens zu dieser Zeit erhielt er seinen Beinamen an-Nafs az-Zakīya („unschuldige Seele“), der sich von einem Ausdruck ableitet, der im Koran (Sure 18:74) vorkommt und dort einen unschuldigen Menschen bezeichnet, der gewaltsam ums Leben kommt. Er spiegelt die Enttäuschung, welche seine Anhänger über seinen Tod empfanden.

Muhammad an-Nafs al-Zakīya wurde von den zaiditischen Schiiten als Imam verehrt, und auch sein Aufstand wird häufig als zaiditischer Aufstand beschrieben, allerdings haben die Zaiditen vor allem seinen Bruder Ibrāhīm unterstützt.

Familiärer Hintergrund Muhammads Vater ʿAbdallāh ibn al-Hasan war das Oberhaupt der Hasaniden-Familie und eine vom gesamten Clan der Banū Hāschim geachtete Persönlichkeit. Seine Mutter Hind, die dem quraischitischen Clan der Banū Asad angehörte, war die Tochter von Abū ʿUbaida ibn ʿAbdallāh, einer führenden Persönlichkeit der Quraisch. Muhammad hatte neun Brüder und fünf Schwestern von drei verschiedenen Müttern. Die Familie hatte ein Anwesen mit Dattelhainen in der Nähe von Medina, das Suwaiqa oder Farsch Suwaiqa genannt wurde und ihnen als Hauptaufenthaltsort diente.

Leben bis zu seinem Aufstand Kindheit und Erziehung Muhammad ibn ʿAbdallāh wurde im Jahr 92 der Hidschra (= 710/711 n. Chr.) geboren.Amikam Elad: “The Rebellion of Muḥammad b. ʿAbd Allāh b. al-Ḥasan (known as al-Nafs al-Zakīya) in 145/762.” In J.E. Montgomery (Hrsg.): ʿAbbasid Studies: Occasional Papers of the School of Abbasid Studies, Cambridge, 6–10 July 2002. Leuven, 2004. S. 147–48. Über seine Erziehung ist wenig bekannt. Berichtet wird, dass er zusammen mit seinem Bruder Ibrāhīm zur Ausbildung im Hadith und Fiqh zu dem jemenitischen Gelehrten ʿAbdallāh ibn Tāwūs (gest. 749/50) gebracht wurde. Er scheint auch als Rechtsgelehrter hervorgetan und eine Kitāb as-Siyar genanntes Werk hinterlassen zu haben.Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. Band I. Berlin: De Gruyter 1991.

Aufbau zum alidischen Thronprätendenten und Verehrung als Mahdi Nach verschiedenen Überlieferungen wurde Muhammad schon während der Umayyadenzeit von seinem Vater ʿAbdallāh als Thronprätendent erzogen und als Mahdi tituliert. Während des Kalifats von Hischām ibn Abd al-Malik machten verschiedene schiitische Propagandisten, die sich Muhammad ibn ʿAlī al-Bāqir nicht anschließen wollten, Werbung für ihn. Als nach dem Tod von al-Walid II. im Jahr 744 der Zerfall des umayyadischen Kalifats immer deutlicher wurde, rief ʿAbdallāh die Aliden und verschiedene andere Gruppen, die mit ihnen sympathisierten, darunter verschiedene Muʿtaziliten, in dem Ort al-Abwā im Hedschas zusammen und ließ sie seinem Sohn als zukünftigem Herrscher huldigen. Unter denjenigen, die ihm bei dieser Gelegenheit den Treueid leisteten, soll auch der spätere abbasidische Kalif al-Mansūr gewesen sein.Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 63.

Muhammad wurde wahrscheinlich auch von den Anhängern der beiden extrem-schiitischen Sektenführer Abū Mansūr al-ʿIdschlī und al-Mughīra ibn Saʿīd, die in der spätumaiyadischen Zeit hingerichtet wurden, als Imam anerkannt. Abū Saʿīd Naschwān al-Himyarī (gest. 1178) berichtet, dass eine Gruppe von Abū Mansūrs Anhängern der Auffassung war, dass Muhammad al-Bāqir Abū Mansūr nur als einen zeitweiligen Verwahrer (mustawdaʿ) eingesetzt hatte, um Zwistigkeiten zwischen den Anhängern von al-Hasan und al-Husain zu verhindern, so wie Mose Josua eingesetzt hatte, bevor die Nachfolge an die Nachkommenschaft seines Bruders Aaron ging. Nach Abū Mansūrs Tod sollte das Imamat wieder zu den Aliden zurückkehren. Sie überlieferten, dass Abū Mansūr gesagt hatte: „Ich bin nur ein Verwahrer und habe nicht das Recht, (das Imamat) an jemanden anders weiterzugeben, bis der erwartete Mahdi erscheint. Er ist Muhammad ibn ʿAbd Allāh an-Nafs az-Zakīya.“ Nach al-Himyarī war diese Gruppe als Muhammadīya bekannt.Abū Saʿīd Našwān al-Ḥimyarī: al-Ḥūr al-ʿīn ʿan kutub al-ʿilm aš-šarāʾif dūna n-nisāʾ al-ʿafāʾif. Dār Āzāl, Beirut, 1985. S. 222f.

ʿAbd al-Qāhir al-BaghdādīʿAbd al-Qāhir al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. Ed. Muḥammad ʿUṯmān al-Ḫišn. Maktabat Ibn Sīnā, Kairo, o. D. S. 212. (gest. 1037) und asch-Schahrastānīaš-Šahrastānī: Religionspartheien und Philosophen-Schulen zum 1. Male vollst. aus d. Arab. übers. u. mit erkl. Anm. vers. von Theodor Haarbrücker. 2 Bde. Halle 1850-51. Bd. I, S. 203. (gest. 1178) berichten, dass nach al-Mughīras Hinrichtung auch eine Gruppe seiner Anhängerschaft Muhammad an-Nafs az-Zakīya anerkannte und auf sein Hervortreten wartete.

Sein Untertauchen während der frühen Abbasidenzeit Anders als von Muhammads Vater ʿAbdallāh erhofft, gelangten wenige Jahre später allerdings nicht die Aliden, sondern die Abbasiden zur Macht. Muhammad und sein Bruder Ibrāhīm hielten sich verborgen und machten auf diese Weise deutlich, dass sie nicht bereit waren, das Kalifat von Abū l-ʿAbbās as-Saffāh anzuerkennen.Franz-Christoph Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762): aus d. arab. Chronik von aṭ-Ṭabarī übers. u. mit histor. u. prosograph. Anm. versehen. Frankfurt/Main 1988. Ihr Vater ʿAbdallāh indessen hielt sich am Hof des Kalifen auf und wurde ihm sehr großzügig behandelt. Nach einem Bericht, den Abū l-Faradsch al-Isfahānī in seinem Werk Maqātil aṭ-Ṭālibīyīn anführt, konfrontierte ihn as-Saffāh eines Abends mit einem abgefangenen Brief Muhammads, in dem dieser den Militärführer Hischām ibn ʿAmr at-Taghlibī aufrief, sich ihm anzuschließen.Abū l-Faraǧ al-Iṣfahānī: Maqātil aṭ-Ṭālibīyīn. Ed. as-Saiyid Aḥmad Ṣaqar. 4. Aufl. Al-Aʿlamī, Beirut 2006. S. 165. Digitalisat

Als im Juni 754 al-Mansūr das Kalifat antrat, hielten sich die beiden Brüder weiter verborgen. Nach einem Bericht, den at-Tabarī zitiert, war es al-Mansūrs einzige Sorge, Muhammad zu suchen und Erkundigungen nach ihm und seinen Absichten einzuziehen. Er ließ jedes Mitglied der Banu Hāschim einzeln zu sich kommen und fragte jeden nach seiner Meinung über Muhammad. Sie alle zerstreuten die Befürchtungen des Kalifen hinsichtlich seiner Person und versicherten ihm, dass Muhammad nicht die Absicht habe, sich gegen ihn aufzulehnen. Lediglich ein einziger Angehöriger der Banu Hāschim, der Hasanide al-Hasan ibn Zaid ibn al-Hasan, warnte ihn eindringlich vor Muhammads aufständischen Absichten.Abū Ǧaʿfar Muḥammad b. Ǧarīr aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Hrsg. von M. J. de Goeje. Leiden 1879–1901. Bd. III, S. 144, Zeile 4–5. Digitalisat Bei seiner Wallfahrt im Jahr 758 erfuhr der Kalif, dass Muhammad in den Bergen des Stammes Dschuhaina lebte, doch konnte er ihn dort nicht ergreifen lassen.Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 77–79. Um der beiden Brüder habhaft zu werden, ließ er ab 758 mehrere ihrer Verwandten, darunter ihren Vater und Onkel, gefangensetzen und in der Haft misshandeln.

Muhammad und Ibrāhīm reisten unterdessen auf der Arabischen Halbinsel umher und sammelten Anhänger um sich, ohne aber irgendwo offen hervorzutreten. Einige Berichte sprechen davon, dass sie sich auf der Flucht auch einige Zeit im Jemen und in Sindh aufhielten. Um über die Vorgänge am Kalifenhof informiert zu sein, unterhielt dort Muhammad ein Netz von Kundschaftern. Außerdem sandte er seinen Sohn ʿAlī nach Ägypten. Dieser konnte dort mit Hilfe des Missionars Chālid ibn Saʿīd einige Anhänger und den Statthalter Hamīd ibn Qahtaba täuschen, der deswegen Anfang 762 aus seinem Amt entlassen wurde.Laoust: Les schismes dans l’Islam. Introduction à une étude de la religion musulmane. 1983, S. 64.

Um Muhammad dazu zu bringen, aus seinem Versteck hervorzukommen, verteilte al-Mansūr an ihn gerichtete Briefe, die angeblich von seinen Kommandeuren stammten und in denen diese ihm ihre Unterstützung und ihren Gehorsam zum Ausdruck brachten und ihn aufforderten, eine offene Rebellion zu beginnen. Muhammad hatte seinerseits ein Netz von Kundschaftern am Hof des Kalifen. Außerdem befahl der Kalif al-Mansūr, alle Hasaniden in Medina ergreifen zu lassen und in Ketten gefesselt in den Irak zu überführen. Der Kalif ließ einige von ihnen auspeitschen, andere enthaupten oder lebendig begraben.

Sein Aufstand Einnahme von Medina und Entsendung von Statthaltern Die intensive Suche nach den beiden Brüdern durch ʿUmar ibn ar-Riyāh, den Statthalter von Medina, und die Inhaftierung seiner Verwandten brachten Muhammad schließlich dazu, zum offenen Aufstand überzugehen. Am 22. September 762 erschien er mit 100 bis 250 Mann vor Medina und nahm die Stadt im Handstreich ein. Unmittelbar nach seinem Einzug in die Stadt befreite er die Gefangenen aus dem Gefängnis, verhaftete den abbasidischen Gouverneur und die Mawālī der abbasidischen Familie, raubte und beschlagnahmte die Besitztümer der Abbasiden in der Stadt und übernahm die Kontrolle über das Schatzhaus (bait al-māl). In Erwartung, von Medina aus bald das ganze Reich zu regieren, richtete Muhammad eine Reihe von Ämtern ein. Mehrere bedeutende Persönlichkeiten der Stadt kündigten den Abbasiden die Loyalität auf und schlossen sich ihm an. Unterstützung erhielt Muhammad vor allem von den Zubairiden, also den Nachkommen von az-Zubair ibn al-ʿAuwām. Sie bildeten das militärische und administrative Rückgrat seines Aufstands. Der Rechtsgelehrte Mālik ibn Anas erteilte eine Fatwa, derzufolge die Männer, die al-Mansūr den Treueid geleistet hatten, daran nicht gebunden seien, weil sie diesen Eid unter Zwang geleistet hätten. Ob er selbst Muhammad an-Nafs az-Zakīya die Treue schwor, ist allerdings umstritten.

Nachdem Muhammad Medina unter seine Kontrolle gebracht hatte, schickte er einen Verwandten, al-Hasan ibn Muʿāwiya, als Statthalter nach Mekka, der diese Stadt ebenfalls in Kürze in seine Gewalt bringen und die Bewohner auf die Seite Muhammads ziehen konnte. Seinen Bruder Ibrāhīm sandte Muhammad nach Basra, wo dieser am 23. November 762 ankam und mit Unterstützung der Zaiditen das Banner der Rebellion hisste.Vgl. Laura Veccia Vaglieri: Art. "Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. III, S. 983b-985b.

Briefwechsel mit al-Mansūr Als al-Mansūr von der Rebellion hörte, schickte er einen Brief an Muhammad, in dem er ihm für den Fall, dass er sich ergebe, völlige Straffreiheit in Aussicht, doch beantwortete Muhammad den Brief selbstbewusst mit einem Aufruf an den Kalifen, ihm die Baiʿa zu leisten und bei ihm seinerseits um eine Sicherheitsgarantie nachzusuchen. Außerdem bekräftigte Muhammad in seiner Antwort an den Kalifen die Legitimität seiner Herrschaft. Hieraufhin schickte der Kalif seinen Verwandten ʿĪsā ibn Mūsā mit einem Heer von 4.000 Kämpfern gegen ihn aus. Das Heer umfasste auch einige alidische Persönlichkeiten, die als Vermittler zwischen den Abbasiden und Muhammad dienen sollten.

Das Scheitern und die Folgen