Als Glockenrippe bezeichnet man den vertikalen Schnitt (Längsschnitt) einer Glocke, der den Wandungsverlauf vom untersten Rand (Schärfe) bis zur Haube zeigt. Da Glocken Rotationskörper sind (ausgenommen manche fernöstliche Glocken), reicht der halbe Schnitt, um die Form der Glocke zu bestimmen. Diese ist durch Rotation der Rippe um die senkrechte Mittelachse der Glocke gegeben. Das nutzt man beim Glockenguss zur Herstellung der Gussform mittels einer rotierenden Schablone der Rippe.
Die Rippe bestimmt das Klangverhalten der Glocke. Speziell ihr Teiltonaufbau hängt nur von der Rippe ab, während ihre Tonhöhe (Schlagton) und die Abklingdauer von Schlag- und Teiltönen vom Material der Glocke mit beeinflusst wird. Jede Glockengießerei besitzt daher eine oder mehrere eigene Rippenformen, die als Betriebsgeheimnis gewahrt werden.
Aufbau der Glockenrippe mini
Die Rippe umfasst folgende Abschnitte: Der Schlagring ist der unterste Teil der Glocke, an dem sie ihre größte Wandstärke besitzt, die Schlag genannt wird. Beim Läuten der Glocke muss der Klöppel genau hier anschlagen. Der untere Glockenrand heißt Schärfe. Hier hat die Glocke ihren größten Durchmesser. Der Mantel beginnt über dem Schlagring mit dem nach innen geschweiften Wolm, der nach oben in die nahezu senkrechte Flanke übergeht. Die Schulter ist der oberste Teil des Mantels am Übergang zur Haube. Die Haube ist der oberste Teil der Glocke und besteht aus der ebenen Oberplatte und der schwach geneigten Unterplatte.
Die Krone der Glocke ist nicht Teil der Rippe. Sie sitzt auf der Oberplatte und dient zur Aufhängung der Glocke. Die Krone hat keinen nennenswerten Einfluss auf das Klangverhalten der Glocke.
An der Unterseite der Oberplatte befindet sich die Aufhängung für den Klöppel.
Folgende Maße sind für die Konstruktion der Glockenrippe wesentlich: Der untere Durchmesser oder Schärfendurchmesser an der Schärfe der Glocke. Da dieser der größte Durchmesser der Glocke ist, wird er auch einfach Durchmesser genannt. Die Höhe der Glocke bis zur Haube, also ohne Krone. Die schräge Höhe, die von der Schärfe bis zur Schulter gemessen wird. Die Schlagringstärke, also die Wandstärke der Glocke an der dicksten Stelle, dem Schlagring. Der Halsdurchmesser, üblicherweise als Innenmaß unterhalb der Schulter gemessen. Die Schlagringstärke wird auch als Einheit für Relativmaße verwendet und dann Schlag genannt. So kann beispielsweise der Schärfendurchmesser einer Glocke 14 Schlag oder die schräge Höhe 10 Schlag betragen.
Rippenformen mini|hochkant|Lullusglocke (1038) in Bienenkorbform mini|hochkant|Elfuhrglocke (1221) der Pfarrkirche Ober-Mockstadt in Zuckerhutform mini|hochkant|Gotische Salvatorglocke (1505) von Gerhard van Wou im Utrechter Dom mini|hochkant|Zwölferin (1752) der Pfarrkirche Tulln in typischer Barockrippe mini|hochkant|Die Petersglocke (1923) mini|hochkant|Die Pummerin (1951)
Historische Entwicklung der Glockenrippen Die heutige Glockenrippe hat sich im Lauf der Jahrhunderte erst nach und nach entwickelt. Die wichtigsten Entwicklungsschritte für den Glockenguss in Europa sind folgende Formen:Jörg Wernisch: Glockenkunde von Österreich. Journal-Verlag, Lienz 2006Claus Peter: Die musikalischen und gusstechnischen Entwicklungsstufen der Glocke. In: Kurt Kramer, Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen (Hrsg.): Glocken in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Glockenkunde, Band 2. Badenia-Verlag, Karlsruhe 1997
Bienenkorbglocken
Bienenkorbglocken repräsentieren die älteste Rippenform, die zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert gebräuchlich war. Charakteristisch ist ein gedrungener Glockenkörper, ein schwach ausgeprägter Schlagring, geringe Schweifung, und gerundete Haube. Der obere Durchmesser an der Schulter ist relativ groß. Diese Glocken sind meist sehr dünnwandig und die Wandstärke für alle Teile der Rippe fast gleich, nur bei jüngeren Exemplaren ist der Schlagring etwas verdickt. Bienenkorbglocken besitzen in der Regel wegen ihres unharmonischen Teiltonaufbaus keinen eindeutigen Schlagton.
Bedeutende Exemplare: Die Glocke von Canino in Italien aus dem 9. Jahrhundert mit einem Durchmesser 390 mm ist die älteste bekannte Bienenkorbglocke. Sie ist in den Vatikanischen Museen ausgestellt. Die Glocke von Haithabu (um 950) ist die älteste vollständig erhaltene Läuteglocke nördlich der Alpen. Sie wurde 1978 entdeckt und befindet sich heute im Wikinger-Museum in Haithabu. Die Lullusglocke in der Stiftsruine Bad Hersfeld wurde 1038 gegossen. Die Kunigundenglocke im Bamberger Dom (gegossen um 1185) ist mit ca. 3450 kg die größte erhaltene Bienenkorbglocke. Nur die letzteren beiden werden noch regelmäßig geläutet.
Zuckerhutglocken Zuckerhutglocken entstanden im 12. Jahrhundert und waren in Mitteleuropa bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts gebräuchlich, in Südwesteuropa auch länger. Charakteristisch ist ein extrem in die Höhe gestreckter, schlanker, kegelförmiger Glockenkörper mit hochgewölbter Haube und ausladendem Schlagring. Die Höhe der Glocke ist deutlich größer als ihr Durchmesser, der obere Durchmesser an der Schulter relativ klein. Diese Glocken sind oft ziemlich dickwandig. Der Schlagton ist meist nur schwach ausgeprägt und kann in 2 Töne aufgespalten sein, der Teiltonaufbau zeigt vertiefte Untertöne und Primen. Bedeutende Exemplare sind beispielsweise die Arnoldusglocke von Gilching (gegossen um 1180), das Totenglöckchen im Konstanzer Münster (gegossen um 1200), oder die Sturmglocke im Dom zu Limburg an der Lahn (gegossen um 1225).
Übergangsformen Ab dem späten 12. Jahrhundert entstanden verschiedene Weiterentwicklungen bestehender Formen: gedrungene Übergangsformen aus den Bienenkorbglocken, längliche Übergangsformen aus den Zuckerhutglocken. Diese Übergangsformen sind meist dickwandiger und stärker geschweift als ihre Vorgänger und besitzen einen deutlicher ausgeprägten Schlagring. Vom Klang sind sie besser als die älteren Formen und besitzen meist einen deutlich ausgeprägten Schlagton. Die Clinsa im Merseburger Dom (gegossen um 1180) ist ein Beispiel für die gedrungene, die Hosanna im Freiburger Münster (gegossen 1258) für die längliche Übergangsform.
Gotische Rippe Die gotische Rippe entstand um 1200, löste im 13. Jahrhundert alle älteren Formen weitgehend ab, und wurde bis ins 16. Jahrhundert verwendet. Im 20. Jahrhundert diente sie – speziell die berühmte Erfurter Gloriosa von Gerhard van Wou (1497) – als Vorbild für moderne Glockenrippen der Gegenwart. Charakteristisch ist die wohlproportionierte, mäßig geschweifte, fließende Form ohne Kanten an Schlagring und Schulter. Der Schlagring ist niedrig aber massiv, die Haube leicht gewölbt. Der obere Durchmesser an der Schulter beträgt etwas mehr als die Hälfte des unteren, die Höhe ohne Krone etwas weniger als der Durchmesser. Historische Glocken in gotischer Rippe sind meist sehr dickwandig (schwerrippig), wobei die Rippenstärke im Lauf der Zeit abnahm. In klanglicher Hinsicht fand mit der gotischen Rippe ein grundlegender Wandel statt, denn erstmals hatte die Glocke nun einen eindeutigen Schlagton und den noch heute geforderten Teiltonaufbau aus Unteroktav (manchmal vertieft), Prime, Mollterz, Quinte, Oktav etc. Glocken in gotischer Rippe klingen in der Regel weich und voll. Das älteste bekannte Exemplar einer solchen Moll-Oktavglocke ist die Friedensglocke von Sankt Martin in der Pfarrkirche von St. Martin am Ybbsfelde, gegossen im Jahr 1200 von einem unbekannten Meister.Geläut der Friedensglocke von Sankt Martin auf YouTube Viele berühmte Glocken sind in gotischer Rippe gegossen, z. B. Le Bourdon im Strassburger Münster (gegossen 1427), Pretiosa (1448) und Speciosa (1449) im Kölner Dom, die Gloriosa im Erfurter Dom (gegossen 1497), die Sigismund-Glocke in der Wawel-Kathedrale zu Krakau (gegossen 1520) etc.
Sekundäre Rippen Aus der gotischen Rippe entwickelten sich ab dem 16. Jahrhundert verschiedene sekundäre Rippen, die alle noch der mittelalterlichen Form ähnlich sind, sich aber in bestimmten Details davon unterscheiden. Künstlerische Gründe scheinen diese Entwicklung verursacht zu haben, denn die klanglichen Unterschiede zur gotischen Rippe sind gering. Man unterscheidet je nach Kulturraum französische, englische und niederländische Rippen, die noch bis heute Verwendung finden, sowie im deutschen Kulturraum die manieristische Rippe, die nur kurz in Verwendung war.
Französische Rippe Glocken in französischer Rippe wurden durch Wandergießer, z. B. aus Lothringen, im 17. Jahrhundert in einem Großteil Mitteleuropas verbreitet. Die Wandergießer zogen auf der Suche nach Aufträgen von Ort zu Ort und gossen oft in einfachen Verhältnissen gleich für mehrere benachbarte Orte Glocken, insbesondere nach Verlusten im Dreißigjährigen Krieg. Überwiegend in Deutschland wirkte beispielsweise Antonius Paris, während Claudius, Alexander und Nikolaus Arnold sowie Stefen Bruncler und Johannes Arnolt Glocken in Südhessen, Bayern, vor allem Baden-Württemberg und auch vereinzelt in Österreich und der Schweiz gossen. Der Teiltonaufbau der französischen Rippe kann der gotischen Rippe sehr nahekommen, typisch sind aber vor allem leichte Rippenstärken mit veränderter, häufig erhöhter Prime.
Barockrippe Die Barockrippe findet sich nur im deutschen Kulturraum, löste dort im 16. Jahrhundert die manieristische Rippe ab, und wurde bis ins 20. Jahrhundert verwendet. Charakteristisch ist der gedrungen wirkende Glockenkörper mit starker Schweifung und dem hohen, massiven und durch einen Knick betonten Schlagring. Gegenüber der gotischen und manieristischen Rippe sind Barockglocken meist etwas niedriger konstruiert, die Rippenstärke liegt gewöhnlich im mittleren Bereich. Der Klang ist in der Regel sehr wuchtig und voll, manchmal auch etwas herb oder blechern. Im Teiltonaufbau liegt der Unterton meist zu hoch (Septimtyp oder auch Sexttyp), die Prime oft zu tief. Bedeutende Exemplare sind unter vielen anderen das komplette Geläute von Stift Melk (gegossen 1739) und vom Weimarer Stadtschloss (gegossen 1712), sowie der Glockenhimmel von Salem (gegossen 1754–58), der sich heute aber nur noch zum Teil im Salemer Münster befindet (die große Herrgottsglocke beispielsweise wurde an die Reformierte Kirche Herisau verkauft).
Moderne Rippen Moderne Rippen entstanden ab ca. 1850 als Neuentwicklungen oder Modifikationen bestehender Rippen, um ein optimales Klangbild zu erreichen. Sie werden vorwiegend im deutschen Kulturraum eingesetzt, während sie in den Ländern selten sind, in denen nach wie vor sekundäre Rippen vorherrschen. Oft wurde die gotische Rippe zum Vorbild genommen, meist die Erfurter Gloriosa. Es wurden aber auch barocke Rippen so modifiziert, dass der optimale Teiltonaufbau (Oktavglocke) erreicht wurde, dabei der wuchtige Klang wie bei einer Barockglocke erhalten bleibt, etwa von Andreas Hamm. Eine französische Rippe verwendete bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Rincker. Berühmte Beispiele, die beide die Erfurter Gloriosa zum Vorbild haben, sind die Gloriosa im Frankfurter Dom (gegossen 1878) und die zweitgrößte freischwingende Kirchenglocke der Welt, die Petersglocke im Kölner Dom (gegossen 1923). Die Pummerin im Wiener Stephansdom hingegen besitzt eine modifizierte Barockrippe.
Glockentypus Glocken und ihre Rippen werden anhand des Teiltonaufbaus in verschiedene Typen eingeteilt. Dafür wird das Intervall zwischen dem Schlagton und dem Unterton der Glocke herangezogen. Zusätzlich spielt bei der Klassifizierung auch die Terz eine Rolle.
Oktavglocken Der Unterton liegt eine Oktave unter dem Schlagton. Je nach Lage des Teiltones Terz unterscheidet man weiters Moll-Oktavglocken: der Teilton Terz liegt eine kleine Terz über dem Schlagton Dur-Oktavglocken: der Teilton Terz liegt eine große Terz über dem Schlagton