Himmel über der Wüste (englischer Originaltitel: The Sheltering Sky) ist ein 1949 erschienener Roman des amerikanischen Schriftstellers Paul Bowles. Hauptthemen des vordergründig als Reisegeschichte gestalteten Romans sind Selbstsuche, Entfremdung und Einsamkeit. Es bestehen starke existenzialistische Anklänge. Aufgrund seiner Thematik ist das Buch vielfach mit Hemingways Fiesta (1926) verglichen worden. Bowles stand der Beat Generation nahe, was in dem Roman auch zum Ausdruck kommt, gehörte ihr aber nicht an.

Der Roman erzählt die Geschichte des Ehepaars Port und Kit Moresby, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Begleitung von Ports Freund Tunner zu einer ausgedehnten Reise in die nordafrikanische Wüste aufbrechen, wo die existenziellen Probleme, die sowohl bei Port als auch bei Kit schon seit langem untergründig vorhanden sind, auf tragische Weise zum Ausbruch kommen.

Handlung Für eine kurze Beschreibung der Handlung siehe den Artikel zum Film Himmel über der Wüste. Buch 1: Kapitel 1–3 Ort der Handlung ist zunächst eine unbezeichnete nordafrikanische Hafenstadt (vermutlich Oran; aber auch Tanger könnte gemeint sein), die Zeit ist die Gegenwart des Autors. Porter („Port“) Moresby, ein wohlhabender amerikanischer Intellektueller, ist jemand, der es mit keiner Tätigkeit und an keinem Ort längere Zeit aushält. Darum ist er seit Jahren ständig auf Reisen: als junger Mann in Europa und während des Krieges in Südamerika. Er reist in Begleitung seiner Frau Katherine („Kit“), und auf diesem Trip ist erstmals auch sein Bekannter Tunner dabei. Die Reise führt die drei deshalb nach Nordafrika, weil Schiffspassagen zu anderen Zielen nicht zu erhalten waren. Bereits die ersten Eindrücke von Nordafrika sind abstoßend; Port ist versucht, gleich wieder kehrtzumachen, hatte sich Kit und Tunner gegenüber für diese Reise aber sehr eingesetzt, sodass er nicht das Gesicht verlieren möchte.

Buch 1: Kapitel 4–8 mini|Ein Targi Bereits Ports erster Versuch, in die lokale Kultur einzutauchen, steht unter einem unglücklichen Vorzeichen. Ein Araber namens Smaïl (der Name spielt auf den Ich-Erzähler in Moby Dick an) führt ihn nachts ins Zelt der schönen Prostituierten Marhnia. Smaïl dient als Dolmetscher und trägt Port auf Marhnias Wunsch hin die Sage Tee in der Sahara vor: Drei Schwestern warten darauf, dass ein Targi, den sie alle drei lieben, zu ihnen zurückkehrt, aber sie warten vergeblich und verdursten darüber in der Wüste. Während er mit Marhnia schläft, entwendet sie seine Brieftasche; er bemerkt das und kann sie wieder an sich nehmen, muss dann aber, weil das Mädchen Alarm schlägt, überstürzt fliehen.

Port kehrt ins Hotel zurück, wo sich inzwischen weitere Englischsprecher eingefunden haben, deren Gesellschaft er nun – obwohl sie von zweifelhafter Qualität ist – den Einheimischen vorzieht: die Lyles, Mutter und Sohn.

Buch 1: Kapitel 9–13 mini|Bei Aïn Boucif Die Lyles haben einen PKW und bieten den Moresbys an, sie nach Boussif (Aïn Boucif, Provinz Medea) mitzunehmen. Da für drei zusätzliche Passagiere samt Gepäck nicht genug Platz ist und Kit die Lyles von der ersten Begegnung an verabscheut hat, nimmt nur Port das Angebot an. Kit und Tunner reisen mit dem Zug. Tunner nutzt diese Gelegenheit, Kit mit Champagner bis zur Besinnungslosigkeit betrunken zu machen und nach der Ankunft im Hotel mit ihr ins Bett zu gehen.

In Aïn Boucif unternehmen Kit und Port, die hier zum ersten Mal Gelegenheit zum Alleinsein haben, einen Ausflug mit dem Fahrrad in die Wüstenebene. Port hat hier, in der Schönheit der endlosen Landschaft, eine für ihn wichtige Selbsteinsicht, von der Kit jedoch ausgeschlossen bleibt; sie begreift, dass sie an Ports Nachdenken über das Unendliche niemals wird teilhaben können, und erschrickt darüber. Sie kehren ins Hotel zurück, und später am Abend fährt Port ohne Kits Wissen ein zweites Mal mit dem Fahrrad in die Wüste.

Buch 1: Kapitel 14–17 Mit dem Nachtbus fahren Port, Kit und Tunner wenige Tage darauf nach Aïn Krorfa (Aïn Chouhada, Provinz Djelfa). Die Stadt wird von einer Fliegenplage und die Hotelbetten von Wanzen heimgesucht, sodass der Aufenthalt sich als unerträglich erweist. Der nächste Bus in den Süden geht erst in vier Tagen. Port möchte Tunner inzwischen wirklich gern loswerden. Als überraschend auch die Lyles in Aïn Krorfa eintreffen, nutzt Port die Situation, um für Tunner eine Mitfahrgelegenheit mit den Lyles nach Messad (Messaad, Provinz Djelfa) zu arrangieren. Tunner erwartet, die Moresbys später in Bou Noura wiederzutreffen. Für sich selbst und Kit arrangiert Port eine Tee-Einladung ins Haus des arabischen Kaufmanns Abdeslam ben Hadj Chaoui, bei der beide Parteien sich jedoch fremd bleiben.

Ein Hotelangestellter, Mohammed, führt Port, obwohl der sich mittlerweile krank fühlt, zu einem lokalen Bordell. Ein blindes Mädchen, das dort tanzt, begehrt er heftig; bevor Mohammed für Port eine Liebesnacht mit ihr arrangieren kann, verschwindet sie jedoch.

Buch 2: Kapitel 18–20 In Bou Noura (Bounoura in der Provinz Ghardaia) sucht Port den Kommandanten des Militärposten, Lieutenant d’Armagnac, auf, um den Verlust seines Reisepasses zu melden. Der Leser wird nicht erfahren, bei welcher Gelegenheit Port den Pass verloren hat. Port selbst klagt den Pensionsinhaber Abdelkader (einen persönlichen Freund des Lieutenant) als Dieb an; in Aïn Krorfa hatte aber auch Eric Lyle in Ports Zimmer herumgeschnüffelt. Der Lieutenant vermutet, dass ein gestohlener Pass mit großer Wahrscheinlichkeit bei der Fremdenlegion in Messad auftauchen würde. Das Dokument wird dort tatsächlich gefunden und der Lieutenant, der von Tunners Aufenthalt in Messad weiß, schlägt vor, Tunner als Boten zu senden. Port, der über eine Wiederbegegnung mit Tunner unerträglich entnervt wäre, bucht für sich und Kit Plätze auf dem nächsten Bus nach El Ga’a.

Buch 2: Kapitel 21 Auf der Busfahrt wird Port ernstlich krank. Später erweist sich, dass er Typhus hat. Weder Kit noch er selbst bemühen sich wirklich um medizinische Versorgung und später erfährt der Leser, dass Port es im Vorfeld auch abgelehnt hatte, sich impfen zu lassen. Nach der Ankunft in El Ga’a (Hassi Gara, Provinz Ghardaia) hilft ein junger arabischer Mitreisender Kit, sich in der Stadt zu orientieren. Es gibt zwar ein Hotel, aber weil in El Ga’a die Meningitis grassiert, wird Kit dort abgewiesen. Sie beschließt, den Ort sofort wieder zu verlassen, und der junge Araber arrangiert für sie eine Mitfahrgelegenheit auf einem LKW nach Sba.

Buch 2: Kapitel 22–25 mini|In Salah In Sba (In Salah) finden Kit und Port Aufnahme im Krankenzimmer des französischen Militärpostens. Der Kommandant, Captain Broussard, hilft mit Decken, Verköstigung und Chinin, ist gegenüber den Neuankömmlingen aber sehr misstrauisch und reserviert, zumal Port seine Identität nicht nachweisen kann. Schließlich taucht auch Tunner auf. Nach wochenlanger Qual stirbt Port. Kit flieht zu Daoud Zozeph, einem armen jüdischen Kaufmann, bricht aber auch von dort mitten in der Nacht fluchtartig wieder auf. Es drängt sie immer weiter in Richtung Süden, ins Innere der Sahara, das auf der Projektionslinie auch von Ports Reiseroute gelegen hatte. Tunner kehrt derweil nach Bou Noura zurück und begegnet dort ein letztes Mal den Lyles.

Buch 3: Kapitel 25–27 mini|Karawane in der Sahara In der Wüste schließt Kit sich einer Karawane von Tuareg an. Beide Anführer vergewaltigen sie, dennoch entsteht zwischen ihr und dem jüngeren der beiden, Belqassim, eine innige und erotische Beziehung. Kits Sexualität, die ihr in der Ehe vollständig abhandengekommen war, lebt wieder auf. Belquassim maskiert sie als jungen Mann („Ali“) und schließt sie nach der Ankunft in seiner Heimatstadt Tessalit in einem abgeschiedenen Raum des großen Hauses ein, in dem er mit drei seiner vier Ehefrauen lebt. Die Frauen entdecken bald, dass der mitgebrachte Fremde tatsächlich eine Frau ist, und hätten Kit auch geduldet, wenn Belquassim ihnen nur nicht ihren Schmuck weggenommen und ihn Kit gegeben hätte. Belquassims Interesse an Kit lässt allmählich nach, zumal sie sich auch seinen Bemühungen widersetzt, sich – dem Schönheitsideal der Kultur entsprechend – fett füttern zu lassen. Als die Frauen schließlich einen Versuch unternehmen, sie nach und nach zu vergiften, versteht Kit, dass es Zeit ist, aus dem Haus zu fliehen.

Als sie im Suq Buttermilch stiehlt, wird sie von einem malischen Soldaten, Amar, aufgelesen, der sie in seine Wohnung aufnimmt. Auch mit Amar hat sie ein Liebesverhältnis. Als die Behörden von ihrem Wiederauftauchen erfahren, kommt es zu regen Bemühungen, Kit zu „retten“. Über Adrar wird sie nach Oran ausgeflogen, mit dem Ziel, sie am Ende wieder in die USA zu bringen. Kit taucht jedoch erneut unter.

Personen Port Die Namensgleichheit der männlichen Hauptfigur mit der Hauptstadt Papua-Neuguineas ist vom Autor sicher beabsichtigt und Ausdruck seines trockenen Humors.

„Reisender“ vs. „Tourist“ Port bezeichnet sich selbst als einen „Reisenden“; anders als ein „Tourist“ folgt ein Reisender keinem Reiseplan, sondern ist zeitlich ungebunden, denkt nicht ans Nachhausefahren, scheut keine Unbequemlichkeiten, beherrscht die Landessprachen und strebt Immersion in die fremde Kultur an. Diese Unterscheidung zwischen Reisenden und Touristen hatte prominent Aldous Huxley in seiner Essaysammlung Along the Road (1925) gemacht. Port hält sich auf seine Reisephilosophie viel zugute, und die Lyles ziehen ihn bei aller Abscheu gegen ihre Vulgarität unwiderstehlich an, weil sie für ihn quintessenzielle Touristen sind, denen er sich mit seiner Feinsinnigkeit haushoch überlegen fühlt. Tatsächlich jedoch ist seine Kapazität, die Wunder und die Schönheiten Nordafrikas zu genießen, ähnlich beschränkt wie die der Lyles. Bereits das erste Hotelzimmer befremdet ihn:

Die Eindrücke, die ihm und Kit in Nordafrika begegnen, sind durchweg bizarr und albtraumhaft.

Selbstsuche Keiner der Beteiligten könnte sagen, was diese Reise eigentlich soll. Port gibt an, den Verwerfungen entfliehen zu wollen, die die Zivilisation der Westlichen Welt seit dem Ende des 2. Weltkrieges erlitten hat, und hofft, bei den Nordafrikanern „Kleinode der Weisheit“ zu finden.

Anders als in den Romanen z. B. von Lawrence Durrell spürt der Leser weder bei den Figuren noch beim (personalen) Erzähler eine Faszination oder auch nur Interesse an der fremden Umgebung. Port ist nicht auf der Suche nach äußeren Eindrücken, sondern versucht sein Inneres auszuloten. Selbst in der Wüste bei Aïn Boucif, wo er in wundervoller Landschaft endlich Zeit allein mit Kit verbringt, bleibt er nach innen gekehrt:

Der Anblick der Weite der Landschaft berührt ihn zwar, führt ihn aber nicht zu Kit, sondern nur zum Denken und zu einer Klarsicht auf die Sinnlosigkeit des Lebens und auf das sinnlose Ende, auf das sein Leben hinausläuft:

Eheproblematik Die Moresbys reisen mit zu viel Gepäck, buchstäblich und auch im übertragenen Sinne: sie sind seit 12 Jahren verheiratet, haben einander emotional und sexuell aber verloren. Sie schlafen in getrennten Zimmern.

Im Roman wird angedeutet, dass Port ein weiteres Motiv für die Reise im Versuch findet, seine heruntergewirtschaftete Ehe durch den Umgebungswechsel wiederzubeleben. Tunner wurde von Port vielleicht deshalb kurzentschlossen zur Mitreise eingeladen, um ihm prickelnde Eifersuchtsgefühle zu verschaffen; als sich herausstellt, dass Kit Tunner gar nicht leiden mag, wird seine Anwesenheit völlig überflüssig. Port tappt im Laufe der Handlung von einer Fehleinschätzung (auch seiner selbst) in die nächste. Dies betrifft auch Ports Auswahl der Prostituierten. Marhnia fasziniert ihn, weil er zunächst glaubt, sich eine Frau zu wünschen, die unabhängig und stark ist: