=> betrifft den Abschnitt über Teutonismen

Bundesdeutsches Hochdeutsch (auch kurz Bundesdeutsch), Binnendeutsch, BRD-Deutsch, deutsch(ländisch)es Deutsch, Deutschländisch oder bisweilen Deutschlanddeutsch ist die in Deutschland gesprochene und geschriebene Standardvarietät der plurizentrischen deutschen Sprache. Das Bundesdeutsche unterscheidet sich deutlich von den nationalen Varietäten Österreichs (Österreichisches Deutsch) und der Schweiz (Schweizer Hochdeutsch). Die Spezifika des Bundesdeutschen sind auf allen sprachlichen Ebenen (Phonetik, Phonologie, Orthographie, Morphologie, Syntax, Semantik und Pragmatik) anzutreffen, am deutlichsten aber im Wortschatz.

Als Teutonismus, Deutschlandismus, BundesgermanismusAnja Ehrsam-Neff: (PDF), Universität Zürich, 27. Juni 2005. oder Germanismus,S. 211. der aber auch schon mit anderer Bedeutung belegt ist, werden in der germanistischen Fachliteratur Wörter und Ausdrücke der deutschen Sprache bezeichnet, die nur innerhalb der Bundesrepublik Deutschland verwendet werden und auch Geltung haben. Die Begriffe müssen nicht im gesamten Gebiet der Bundesrepublik verwendet werden, aber sollten dem dort verwendeten Standarddeutsch zuzurechnen sein und nicht nur den Dialekten oder Umgangssprachen. Die Ausdrücke sind somit Teil des deutschländischen Deutsch.Anna-Julia Lingg: Kriterien zur Unterscheidung von Austriazismen, Helvetismen und Teutonismen. In: Christa Dürscheid, Martin Businger (Hrsg.): Schweizer Standarddeutsch: Beiträge zur Varietätenlinguistik. Gunter Narr Verlag, 2006, ISBN 3-8233-6225-9, S. 23 ff.

In der Zeit der Deutschen Teilung bezeichnete Bundesdeutsch, Westdeutsch, BRD-Deutsch oder auch Binnendeutsch die staatliche Standardvarietät der Bundesrepublik Deutschland auch in Abgrenzung zu derjenigen der Deutschen Demokratischen Republik (Sprachgebrauch in der DDR oder Ostdeutsch); laut Ulrich Ammon „bildeten die staatlichen Varietäten der BRD und der DDR, da dies keine getrennten Nationen waren, eine gemeinsame nationale Varietät“S. 368. (vgl. Gesamtdeutschland).

Entstehungsgeschichte Nationalvarietät und Kodifizierung Parallel zu der Schriftsprache, die z. B. in den Werken von Gottsched (1700–1766) und Adelung (1732–1806) verwendet wurde und eine Vorbildfunktion für die Hochsprache hatte, entwickelte sich die Oberdeutsche Schreibsprache. Zu nennen ist vor allem der Wiener Johann Siegmund Popowitsch (1705–1774), der viele Belege für die Unterschiede zwischen den südlichen, katholischen und nördlichen, protestantischen Gebieten des deutschen Sprachraums sammelte. Erste Ansätze zu einer übergreifenden Darstellung der Nationalvarietäten des Deutschen sind im Werk Wortgeographie der deutschen Umgangssprache des aus Berlin stammenden Wieners Paul Kretschmer aus dem Jahre 1918 zu sehen.S. 35 ff.

Ab den 1950er Jahren wurde unabhängig voneinander vor allem in der Sowjetunion, den USA und Australien der Problembereich der Nationalvarietäten aufgearbeitet, wobei mit Englisch, Französisch und Spanisch begonnen wurde. Die 1934 aus Wien ausgewanderte Germanistin Elise Riesel begann ab 1953 den Begriff „nationale Variante“ auf Österreich, Deutschland und die Schweiz anzuwenden. In Westdeutschland wurde durch Heinz Kloss ab 1972 der Ansatz „plurizentristische Sprache“ bzw. 1976 „multizentrische Sprache“ angeregt, der wiederum den Begriff vom US-amerikanischen Soziolinguisten William A. Stewart übernommen hat.S. 419 ff.Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Walter de Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-014753-X, S. 42 ff.Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner u. a.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2004, ISBN 3-11-016575-9, S. XXXI.

Monozentrischer Ansatz Hugo Moser beeinflusste die Terminologie der Germanistik besonders ab 1959 für die Zeit des Kalten Krieges. Er ersetzte den spätestens seit 1948 überholten Ausdruck „Reichsdeutsch“ durch „Binnendeutsch“, der bis in die 1990er-Jahre verwendet wurde. Dieser Begriff war jedoch stark monozentristisch belegt, und Moser sprach von den „Außengebieten der deutschen Hochsprache“ (Österreich, Schweiz und deutsche Minderheiten in anderen Ländern) und der „Hauptvariante Bundesrepublik“. Auch DDR-Deutsch bezeichnete er als „abweichend“, als „uneigentliches“ Deutsch, „BRD-Deutsch“ als das unverändert „eigentliche“ Deutsch. Der Begriff Binnendeutsch wurde damals auch unter schweizerischen und österreichischen Sprachwissenschaftlern verwendet.

Aus dieser Perspektive erschienen alle nichtbundesdeutschen Nationalvaritäten als zweitrangig und wurden mit Regionalismen bzw. mit Minderheitendeutsch in anderen Ländern auf eine Stufe gestellt. So ignorierte man auch Besonderheiten der Bundesrepublik oder beschrieb sie einfach nicht als solche.

Plurizentrischer Ansatz mini|hochkant=2|Die deutschen Standardvarietäten Vor allem in der DDR wurde seit 1974 der Begriff „nationale Variante“ auch für DDR-Deutsch und BRD-Deutsch postuliert, was nicht unwidersprochen blieb.

Ab Ende der 1970er-Jahre begann eine übergreifende, alle großen Nationalvaritäten gleichstellende Erörterung des Problems. Mit Kritik an der „Binnendeutsch“- und „Besonderheiten“-Perspektive wurde dabei auch der Begriff „nationale Variante des Deutschen“ für das österreichische Deutsch andiskutiert, neben „westdeutsche/ostdeutsche Varietät“ als „staatliche Varietäten“. Der aus Australien stammende Germanist Michael Clyne schrieb 1982: „Deutsch, wie auch Englisch, Französisch, Spanisch, Serbokroatisch und zahlreiche andere Sprachen, ist eine plurizentrische Sprache, d. h. eine Sprache mit mehreren gleichberechtigten Nationalvarianten“.Clyne 1982, S. 54. Clyne führte die Verbindung von „plurizentristischer Sprache“ mit „Nationalvarietät“ zwei Jahre später in seiner Monographie Language and Society in the German-speaking Countries in die Sprachwissenschaft ein, erörterte sie 1986 auf einer Deutschlehrertagung in Bern und vermittelte sie damit einer breiten Öffentlichkeit.

Im Englischen werden die nationalen Varietäten oft als German (Standard) German, Austrian (Standard) German und Swiss (Standard) German bezeichnet.

Wettbewerb der beiden Ansätze Peter von Polenz bezeichnet 1987 den monozentristischen Begriff „Binnendeutsch“ als überwunden.1987, S. 101. Allerdings spielt der Begriff in der Praxis noch immer eine Rolle, so etwa im Duden, der nur Austriazismen, Helvetismen und sehr regionale Varianten in Deutschland eigens kennzeichnet. Bei Teutonismen (z. B. Tüte, Kloß, Sahne, Abitur) geschieht dies nicht, obwohl sie keine allgemeingültigen Ausdrücke sind. Dadurch entsteht beim Benutzer des Duden die Illusion, es gebe keine deutschen Wörter, die nur in Deutschland gebräuchlich sind.

Auch in der internationalen Germanistik ist dies zu bemerken. Eine Untersuchung über den Status des österreichischen Deutsch ergab, dass dieses zwar als „charmant“, aber „falsch“ eingestuft wird und Deutschlandismen eindeutig bevorzugt werden. Auch rät man teilweise von Sprachaufenthalten in Österreich ab, weil Studierende mit einem österreichischen Akzent schlechtere Noten zu befürchten hätten.Jutta Ransmayr: Der Status des Österreichischen Deutsch an nicht-deutschsprachigen Universitäten. Eine empirische Untersuchung. Aus der Reihe: Österreichisches Deutsch – Sprache der Gegenwart, hg. v. R. Muhr u. R. Schrodt, Band 8, Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-55242-4 (Rezension von Heinz Dieter Pohl). Für das Schweizer Hochdeutsch ist die Situation ähnlich.

Innerhalb Deutschlands gibt es nach Ammon eine „Arroganz […] gegenüber allem Deutsch, das nicht dem Norddeutschen entspricht“. Auch im Duden werden süddeutsche Begriffe eher als regional markiert als norddeutsche.

Kritiker halten die Begriffe deutschländisches Deutsch / Teutonismus, österreichisches Deutsch / Austriazismus und Schweizer Hochdeutsch / Helvetismus für irreführend, weil sie angeblich ein einheitliches nationales Sprachgebiet annähmen, während in der Realität auch innerhalb der Staaten Deutschland, Österreich und Schweiz beträchtliche regionale Unterschiede im aktiv angewandten hochdeutschen Vokabular bestehen.

Wie die Praxis zeigt, handelt es sich beim deutschen, österreichischen und schweizerischen Standarddeutschen um drei formell gleichberechtigte Varietäten, die innerhalb der jeweiligen Nationen jeweils den gleichen Stellenwert haben. Das hat zur Folge, dass z. B. Nachrichtensprecher in der deutschen Tagesschau, Zeit im Bild und der Schweizer Tagesschau unterschiedlich sprechen müssen und dpa-Meldungen, wenn sie in der Neuen Zürcher Zeitung oder im Standard wiedergegeben werden, sprachlich angepasst werden, und dies nicht nur in der Rechtschreibung. Auch Nachrichtendienstleister, die für mehrere Hörfunksender fertige Nachrichtensendungen produzieren, beauftragen für die Lokalisierung Personen aus den jeweiligen Ländern. Ebenso wird die Fernsehwerbung, auch von internationalen Konzernen und nicht nur der Aussprache wegen, meist für jedes Land leicht geändert synchronisiert.

Gleichwohl ist in der Praxis wegen der Einwohnerzahl und wirtschaftlichen Stärke Deutschlands eine gewisse Dominanz des Bundesdeutschen zu beobachten, die z. B. dazu führt, dass eher aus Deutschland nach Österreich entlehnt wird als umgekehrt, dass Schweizer mehr Teutonismen kennen als Deutsche Helvetismen oder dass eher ein deutscher Lehrer einen Austriazismus als Fehler anstreichen wird als ein österreichischer Lehrer einen Teutonismus.

Teutonismen Beschreibung Die relativ neuen Begriffe Teutonismus, Deutschlandismus oder Bundesgermanismus dienen zur Markierung gegenüber gemeindeutschen Ausdrücken, die in allen dominierenden Sprachräumen als heimisch empfunden werden, analog zu den schon länger beschriebenen Austriazismen als Eigenarten im Österreichischen Deutsch, den Helvetismen als Eigenarten im Schweizer Hochdeutsch und den Belgizismen aus Belgien. Sie sind ein Anzeichen dafür, dass die deutsche Sprache (ebenso wie etwa das Englische, das Französische, das Spanische oder das Portugiesische) heute als plurizentrische Sprache angesehen wird.

Bei der Bezeichnung von Ausdrücken können auch Begriffskombinationen gebildet werden wie beispielsweise Teuto-Austriazismus für Begriffe, die nicht in der Schweiz verwendet werden, aber in Deutschland und Österreich. Zu beachten sind dabei auch Wörter, die als unechte Parallelformen auftreten. So entspricht die Trafik in Österreich nur teilweise dem Tabakladen in Deutschland und der Schweiz, und Sahne wird in Österreich, wenn überhaupt, fast nur für Schlagsahne verwendet; außerdem gibt es Teilsynonyme (etwa Pension als allgemeine Altersversorgung in Österreich und Beamten-Altersversorgung im nördlichen Deutschland).S. 421.

Damit eine bestimmte Sprachform eines Wortes Geltung hat, muss sie als die eigene anerkannt werden. Dies ist etwa bei dem Wort Schnürsenkel in Österreich und der Schweiz nicht der Fall. Das Wort ist zwar überall bekannt, erscheint aber nicht in den österreichischen und Schweizer Kodizes und wird von vielen Befragten als bundesdeutsch eingeordnet. Die entsprechenden Bezeichnungen dafür sind übrigens Schuhbänder (österreichisch) bzw. Schuhbändel (schweizerdeutsch und im südlichen Deutschland).

Die implizite Behauptung der Dudenredaktion, Teutonismen gebe es nur nach Geltung und nicht nach Geltung und Bekanntheit, wird von Christa Dürscheid und Martin Businger angegriffen.

Vor allem in der Deutschschweiz und in Österreich sind manche bundesdeutschen Wörter entweder unbekannt oder werden zwar verstanden, aber nicht aktiv gebraucht, oder sind signifikant seltener als in der Bundesrepublik Deutschland und haben keine Geltung oder haben nicht dieselbe Bedeutung wie in Deutschland.