mini|Rekonstruktionszeichnung Brigantiums nach Samuel Jenny, spätes 19. Jahrhundert mini|300px|Lage von Brigantium am DIR-Limes (Bodensee-Linie) miniatur|Das römische Bregenz mini|Denar: Münzbild des Augustus Brigantium ist der Sammelbegriff für mehrere römische Kastelle und die dazugehörige Zivilsiedlung auf dem Gebiet der Landeshauptstadt Bregenz, Bundesland Vorarlberg, Bezirk Bregenz in Österreich.

Nach der Okkupation der Bodenseeregion um 15 v. Chr. gründeten die Römer auf dem Areal eines keltischen Oppidums (Ölrainplateau) ein Holz-Erde-Lager mit dazugehörigem vicus. Es ist bislang das älteste römische Kastell, das in Österreich nachgewiesen werden konnte, seine Überreste stammen aus dem Jahr 5 n. Chr. Nach Auflassung dieses Kastells im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. bildete sich aus dem Lagerdorf eine stadtähnliche Siedlung, die bald zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt und Handelszentrum der Bodenseeregion avancierte. Am Steinbühel stand vermutlich im 1. Jahrhundert n. Chr. ein weiteres Kastell, das zum Schutz des Hafens diente. Auch eine Vielzahl ausgegrabener militärischer Ausrüstungsgegenstände bezeugt die Anwesenheit römischer Soldaten in Bregenz.

Im späten 3. Jahrhundert wurde der Ölrain aufgegeben und der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich auf den flächenmäßig kleineren, aber besser zu verteidigenden Hügel der heutigen Oberstadt (Altstadt). Nach Räumung des Obergermanisch-Rätischen Limes hatte die Stadt in der Spätantike – aufgrund ihrer strategischen und verkehrsgünstigen Lage – im römischen Grenzbefestigungssystem wieder eine Schlüsselposition inne. Das unter Valentinian I. errichtete Hafenkastell am Leutbühel, Brecantia, war als Bestandteil des spätantiken Donau-Iller-Rhein-Limes auch Stützpunkt einer Flotteneinheit der römischen Grenztruppen. Es war möglicherweise bis ins frühe 5. Jahrhundert n. Chr. mit regulären römischen Soldaten besetzt.

Erwähnenswert ist auch das große römische Gräberfeld am Ölrain, das vom 1. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. belegt wurde und Einblicke in den Wandel des Alltagslebens einer typischen römischen Provinzstadt über einen Zeitraum von fast 500 Jahren gewährt.

Name Der Ortsname wird auf keltisch oder ligurisch *brigant- ‚herausragend‘ zurückgeführt.Manfred Niemeyer (Hrsg.): Deutsches Ortsnamenbuch. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 89. Der früheste Beleg lautet Βριγάντιον (Brigántion) und wird um die Zeitenwende vom Geographen StrabonStrabon 4, 6, 8. überliefert. Er erscheint auch in der Tabula Peutingeriana, bei Claudius Ptolemäus, im Itinerarium Antonini278,3 ff und in der Vita des Heiligen Gallus von Walahfrid Strabo.Vita Sancti Galli, I/5

In der Vita des Missionars Columban von Luxeuil wird der Ort Bricantia genannt.Kapitel 27

Lage und Topographie mini|Blick auf die Bregenzer Bucht, Altstadthügel und den noch weitgehend unbebauten Ölrain, Postkarte von 1895 mini|Topographie Bregenz, von links nach rechts: Bregenzer Klause, Oberstadt, Ölrain, Gebhardsberg (Darstellung der Erstürmung der Stadt durch die Schweden 1646)

Der Standort vereinte die Vorzüge einer natürlichen Festung und als Knotenpunkt zweier Fernwege von der heutigen Schweiz in den Osten und von der Donau das Rheintal aufwärts bis nach Italien und als Seehafen. Diese mehrfache Rolle im Durchgangsverkehr zeichnete den Ort schon seit vorrömischer Zeit aus, wie diverse Funde beweisen. Bregenz befindet sich am östlichen Ufer (Nordostbucht) des Bodensees, direkt an den Abhängen des 1063 m hohen Bergmassivs des Pfänders. Die topographischen Gegebenheiten boten die besten Voraussetzungen für die Anlage einer großflächigen Siedlung in erhöhter Lage. Nördlich der Stadt reicht der Pfänder bis fast an das Seeufer (schmalste Stelle ist die sogenannte Bregenzer Klause) heran und schirmte so die antike Siedlung nach Norden ab. Im Süden sicherten die Sümpfe an den Ufern der Rheinmündung bei Rheineck/Altenrhein und die Wildwasser der Bregenzer Ach die Siedlung vor feindlichen Angriffen. Der See reichte in der Antike noch bis nahe an die Abhänge des Ölrains heran, was eine großflächige Besiedlung der Uferlagen erheblich erschwerte bzw. unmöglich machte.

Die Lage des von Strabon genannten spätkeltischen Oppidums ist noch unbekannt. Es wird auf einem Geländesporn nördlich des Altstadthügels vermutet. Die römische Siedlungstätigkeit konzentrierte sich an drei Punkten:

Zu Anfang wurde die fast ebene Ölrainterrasse von ca. 50 ha besiedelt, die sich ca. 34 m über dem See erhebt. Sie bildete sich während des Abschmelzens der Eiszeitgletscher zwischen dem Grundgebirge am Gebhardsberg, dem nördlich des Inselberges Riederstein gelegenen Rest des Rheingletschers und einer größeren Eismasse im heutigen Feldmoos. Diese Zone wurde im Laufe der Jahrtausende durch Schotter- und Sandablagerungen der Bregenzer Ach aufgefüllt. Im Norden und Osten fällt die Terrasse steil zum Seeufer hin ab. Im Süden läuft sie flach bis zu den Pfänderabhängen aus. Im Westen begrenzen die Ausläufer von Gebhardsberg, Rieder Sporn und das Flussbett der Bregenzer Ach den Ölrain. Auf dem Vorstoßschotter des jüngsten Rheingletschers, dessen Nordkante relativ steil rund 34 m zum Bodenseeufer hin abbricht, befinden sich ca. 430 m ü. M. die frühkaiserzeitlichen Militäranlagen, die zugehörigen vici, das kaiserzeitliche Brigantium und das große Gräberfeld.

Der spätantike Siedlungsplatz, ein östlich von der Oberstadt gelegener, abgetrennter 1,2 ha große Moränenhügel, beherrscht noch heute das Stadtbild. Er wurde einst durch Ausspülung von Gletscherschmelzwasser vom Pfändermassiv separiert und bildet so eine markante Erhebung in der Landschaft. Im Westen umfließt ihn der Thalbach, im Osten der Weißenreutebach. An den Westhängen und am Fuß des Plateaus wurden weitere spätantike Gebäude und das valentinianische Hafenkastell freigelegt.Michaela Konrad: 1997, S. 19–20.

Das antike Hafenviertel befand sich am sogenannten Leutbühel, dem heutigen Stadtzentrum am Fuß der Oberstadt.

Zum Stadtterritorium des spätantiken Brigantium zählten das Gebiet westlich des Arlbergs bis zum Bodensee und einige daran angrenzende Gebiete im Norden. Der südliche Bodenseeraum gehörte zur im 1. Jahrhundert n. Chr. eingerichteten Provinz Raetia, ab dem 4. Jahrhundert wurde sie administrativ in zwei Hälften (Raetia prima und Raetia secunda) geteilt. Die Region um Bregenz fiel vermutlich an die Raetia prima mit ihrer Hauptstadt Curia. Diese war Teil der Diözese Italia Annonaria, Präfektur Italia.

Straßenverbindungen mini|Etappenstation Brigantio auf der Tabula Peutingeriana

Brigantium nahm in den ursprünglich nach militärischen und strategischen Erfordernissen angelegten Straßentrassen als Nord/Süd- bzw. Ost/West-Verkehrsknotenpunkt Innerrätiens und Verbindungsglied zwischen Italien, dem linksrheinischen Germanien, Gallien und den Donauprovinzen eine bedeutende Position ein.

Dies wird auch durch seine Erwähnung in der Tabula Peutingeriana an der Route Mailand/Mediolanum – Chur/Curia – Clunia/Feldkirch – Kempten/Cambodunum – Augsburg/Augusta Vindelicorum unterstrichen.In Segmentum II/5 in Großbuchstaben geschrieben und als Doppelturm dargestellt, in der Tabula Peutingeriana das Symbol für Herberge (Mansio).

Die Straße zweigte hier ins Alpenvorland, in Richtung Westen, nach Arbon/Arbor Felix – Pfyn/Ad Fines – Kaiseraugst/Augusta Raurica – Windisch/Vindonissa und Südgallien ab.Helmut Swozilek: 2007, S. 116. In severischer Zeit (um 201) erfolgte dann der Vollausbau der Straßenverbindung Augsburg–Bregenz.

Forschungsgeschichte mini|Beispiel eines freigelegten römischen Mosaikfußboden (Begehungshorizont, ad litteram) aus Wohnhäusern und Villen in und um Brigantium, 2.–3. Jh. n. Chr. (Vorarlberger Landesmuseum, Bregenz) Ungefähr seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist bekannt, dass das Ölrainplateau einst Standort einer Römerstadt war. Im Zuge der Errichtung von Wohnhäusern und Villen veranlassten wohlhabende Hausbesitzer die ersten Grabungen zur Aufdeckung römischer Baureste. Ab 1864 wurden das damals noch weitgehend unverbaute Plateau und einige Bereiche in der Oberstadt von dem – ursprünglich aus der Schweiz stammenden – Textilfabrikanten Samuel Jenny erstmals nach archäologischen Gesichtspunkten untersucht. Bei diesen für die damals üblichen Methoden bzw. Wissensstand sehr sorgfältig durchgeführten Grabungen kamen die Reste von drei antiken Steingebäuden sowie einzelne Abschnitte der römischen Trasse der Alpenrheintalstraße zum Vorschein. Jenny, ab 1875 auch Konservator der k.k. Central-Commission für Denkmalpflege und von 1877 bis zu seinem Tod 1901 Museumsvereinsobmann, konnte auf Grund der dabei erzielten Ergebnisse schon bald die ersten zusammenfassenden Aufsätze zur Topographie Brigantiums vorlegen. Auch später in diesem Bereich tätige Forscher griffen auf seine Arbeiten zurück. John Sholto Douglass, 15. Laird of Tilquhillie (1870) und der 1858 gegründete Landesmuseumsverein machten sich um die Katalogisierung und ordnungsgemäßen Verwahrung der Grabungsfunde verdient. Nach Jennys Tod setzte Karl von Schwerzenbach seine Arbeit fort. Ihm gelang von 1911 bis 1913 erstmals die Aufdeckung römischer Holz-Erde-Konstruktionen aus der frühesten römischen Besiedlungsphase. Er untersuchte auch das Gräberfeld und gab die Inventarisierung des Museumsbestandes in Auftrag. Seine Inventarverzeichnisse machten es später möglich, die Funde aus dem Gräberfeld seit dem Jahr 1847 zu 90 % zu erfassen.

Nach dem Ersten Weltkrieg führte Adolf Hild, der seit 1907 in Bregenz als Museumskustos tätig war, Untersuchungen am Ölrain durch. 1925 konnte beim Bau eines Bankgebäudes in der Anton-Schneider-Straße unter anderem der Verlauf des antiken Seeufers rekonstruiert werden. Schwerzenbach starb 1926 und Gero Merhart von Bernegg übernahm nun die Leitung der Grabungen. Ab 1940 wurde er wieder von Adolf Hild abgelöst, auf sein Betreiben wurden die Grabungen am Ölrain und in der Oberstadt wegen der rasch voranschreitenden Überbauung weiter intensiviert. Besonders wertvoll sind seine Tagebuchaufzeichnungen, in denen er äußerst detailliert Befundzusammenhänge notierte. Er war es auch, der 1929 den ersten Übersichtsplan des Gräberfeldes erstellte. 1927 wurden in der Kaspar-Schoch-Straße ein breiter Graben freigelegt, der wohl ein Teil umfangreicher – die Ausgräber gingen von ca. 5,4 ha aus – militärischer Anlagen aus augusteischer bis frühclaudischer Zeit gewesen sein dürfte.