Das Lehrgeschwader 1 war ein Verband der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Als Lehrgeschwader, ausgestattet mit Bombern, erst vom Typ Heinkel He 111 später mit der Junkers Ju 88, Sturzkampfbombern vom Typ Junkers Ju 87 und Zerstörerflugzeugen vom Typ Messerschmitt Bf 110 führte es Luftangriffe mit Bomben und Bordwaffen auf zugewiesene Ziele durch. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, dem Unternehmen Weserübung, dem Westfeldzug, der Luftschlacht um England, dem Luftlandeschlacht um Kreta, dem Deutsch-Sowjetischen Krieg, dem Afrikafeldzug und der Abwehr der alliierte Invasion in Nordfrankreich. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde es aufgelöst.

Aufstellung Das Lehrgeschwader 1 entstand im Rahmen der am 1. Juli 1938 gebildeten Luftwaffen-Lehr-Division am 1. November 1938 aus dem am 1. Oktober 1936 in Greifswald () aufgestellten Lehrgeschwader Greifswald. Aufgrund seiner Aufgabe als Lehrgeschwader hatten die Geschwadergruppen unterschiedliche Schwerpunkte, die sich in der Ausstattung niederschlugen. Die I. (Zerstörer-) Gruppe bildete sich aus der ehemaligen II./LG Greifswald. Sie flog mit Zerstörerflugzeugen vom Typ Messerschmitt Bf 110. Die II. (Kampf-) Gruppe war die ehemalige III./KG 152 und war in Schwerin () beheimatet. Die III. Gruppe war ebenfalls eine Kampfgruppe, die aus der III./LG Greifswald aufgestellt wurde. Beide Gruppen flogen anfangs mit der Heinkel He 111. Zum Jahreswechsel 1939/40 erhielten sie die Junkers Ju 88. Die IV. (Stuka-) Gruppe war die ehemalige IV./LG Greifswald. Sie war ausgestattet mit der Junkers Ju 87. Ihr Heimathorst war Barth (). Die V. (Zerstörer-) Gruppe in Jesau () war die am 8. Oktober 1939 umbenannte I. (Zerstörer-) Gruppe des Geschwaders. Gleichzeitig bildete sich eine neue I. (Kampf-) Gruppe mit der Heinkel He 111, die ab Januar 1941 die Junkers Ju 88 erhielt. Am 27. Januar 1942 verließ die IV. (Stuka-) Gruppe mit ihren Junkers Ju 87 das Geschwader und wechselte als I. Gruppe zum Sturzkampfgeschwader 5. Zuvor, am 1. Oktober 1940, war schon die V. (Zerstörer-) Gruppe als I. Gruppe zum Nachtjagdgeschwader 3 gewechselt. Die Geschwaderkennung war L1.

Gliederung Der Geschwaderstab führte die I. bis V. Gruppe die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. (Kampf-) Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. (Kampf-) Gruppe, die 7. bis 9. Staffel der III. (Kampf-) Gruppe, die 10. bis 12. Staffel der IV. (Stuka-) Gruppe und die 13. bis 15. Staffel der V. (Zerstörer-) Gruppe an. Jede Staffel führte ein Staffelkapitän und war in vier Ketten mit je drei Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Gruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + ein Flugzeug für den Gruppenkommandeur. Dies ergab bei fünf Bombergruppen eine Sollstärke von 185 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab. Daraus ergibt sich eine Sollstärke von 189 Flugzeugen. Zusätzlich wurde eine Ergänzungsgruppe gebildet, die in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teilnahm. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Darum hatte sie meist ihren Standort in der Heimatbasis des jeweiligen Geschwaders.

Geschichte Überfall auf Polen Als am 1. September 1939 der Überfall auf Polen begann, waren die einzelnen Gruppen des Lehrgeschwaders 1 auf verschiedene Kommandos aufgeteilt. Die I. Gruppe lag in Jesau (), die II. in Powunden () und die III. in Prowehren (); sie waren der Luftwaffen-Lehrdivision unter dem Kommando der Luftflotte 1 im Nordabschnitt zugeteilt. Der Stab, die II. und die III. (Kampf-) Gruppe flogen mit dem Bomber Heinkel He 111H, der mit zwei Motoren vom Typ Junkers Jumo 211, die jeweils 1000 PS erbrachten, eine Höchstgeschwindigkeit von 390 km/h und eine Bombenzuladung von 2000 kg erreichte. Die I. (Zerstörer-) Gruppe nutzte die Messerschmitt Bf 110B, die mit zwei Junkers Jumo 210 Motoren insgesamt 1460 PS Startleistung zur Verfügung hatte sowie die Version C, ausgerüstet mit Daimler-Benz DB 601 Motoren mit einer Startleistung von insgesamt 1980 PS. Dieser auch als schwerer Jäger bezeichnete Flugzeugtyp hatte vier 7,92-mm-MG 17 und zwei 20-mm-MG FF/M in der Nase und ein bewegliches 7,92-mm-MG 15 im Kanzelheck. Die IV. (Sturzkampf-) Gruppe in Stolp-Reitz () war der 1. Fliegerdivision unterstellt worden.Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 718–719. Sie verwendete den Sturzkampfbomber Junkers Ju 87B-1, dessen Junkers Jumo 211 Motor 1000 PS leistete und eine Höchstgeschwindigkeit von 390 km/h und eine Bombenlast von 500 kg ermöglichte. Die Junkers Ju 87 dieser Gruppe versenkten am 1. September das polnische Torpedoboot Mazur und das Taucherboot Nurek, die im Hafen Gdynia-Oksywie lagen. Am darauffolgenden Tag zerstörten sie in der Putziger Wiek, die Hilfsschiffe Gdynia (538 t) und Gdańsk (538 t). Am 25. September waren die I. und die IV. Gruppe dem Fliegerführer z.b.V. unterstellt und nahmen mit anderen Verbänden an einem Luftangriff auf Warschau teil.Bundesarchiv/Militärarchiv: Kriegstagebücher des Fliegerführers im Bundesarchiv Freiburg, Signatur RL 8/189 und RL 8/190

Unternehmen Weserübung mini|Die Dronning Maud in Flammen nach den Bombentreffern Am Unternehmen Weserübung, der Besetzung von Dänemark und Norwegen, beteiligten sich der Stab, die I. und II. Gruppe des Geschwaders vom Fliegerhorst Schleswig () aus. Sie flogen bewaffnete Aufklärung entlang der dänischen und norwegischen Nordseeküste bis zum Nordkap. Dabei attackierte eine Kette der II. Gruppe am 1. Mai das norwegische Passagierschiff Dronning Maud, das als Hospitalschiff mit einer Rotkreuzflagge gekennzeichnet war, als es gerade in Foldvik am Südufer des Gratangsfjords anlegte. Von zwei Bomben getroffen, geriet es in Brand und sank. () Dabei wurden 18 Zivilisten getötet und 31 verletzt.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 359

Westfeldzug Zu Beginn Westfeldzuges lagen die I. bis III. Gruppe in Delmenhorst-Adelheide (), in Hannover-Langenhagen () und in Plantlünne/Wesel () unter dem Kommando des IV. Fliegerkorps der Luftflotte 2. Währenddessen stand die IV. (Stuka-) Gruppe in Kirchhellen () in den Reihen des VIII. Fliegerkorps innerhalb der gleichen Luftflotte, das seinen Schwerpunkt in der Heeresunterstützung hatte. Die V. (Zerstörer-) Gruppe auf dem Fliegerhorst Mannheim-Sandhofen () war unterdessen dem V. Fliegerkorps der Luftflotte 3 unterstellt. Der Stab, die II. und die III. Gruppe waren inzwischen mit der Junkers Ju 88A-1 ausgestattet, einem Bomber dessen zwei Junkers-V12-Motoren Jumo 211 B-1 insgesamt 2350 PS Startleistung erbrachten, die eine Höchstgeschwindigkeit von 460 km/h und eine Bombenzuladung von 2400 kg ermöglichten.

Die I. Gruppe trat mit 30 Bombern, davon 22 einsatzbereit in die Kämpfe ein, während der II. Gruppe 26 (davon 18 einsatzbereit) zur Verfügung standen. Ein Schwerpunkt der Kämpfe des Geschwaders waren Luftangriffe zur Heeresunterstützung. So beteiligte sich die II. Gruppe an der Schlacht bei Hannut zur Unterstützung der Panzerverbände der Heeresgruppe A. Die I. Gruppe führte Luftangriffe auf Dünkirchen, auf Ostende und anderer Städte an der Kanalküste durch. Dabei fiel am 14. Juni der Gruppenkommandeur der IV. Gruppe, Oberleutnant Peter Kögl, als seine Junkers Ju 87B nahe Cappel von Artilleriefeuer getroffen wurde und abstürzte.

Am 3. Juni nahm das Geschwader am Unternehmen Paula teil, um die letzten noch vorhandenen Flugzeuge der Armée de l’Air und die Flugzeugindustrie zu zerstören.Robert Jackson: Air War Over France, 1939–1940. London: Ian Allan. ISBN 978-0-7110-0510-5, S. 81–83 Da die französische Luftwaffe allerdings vorgewarnt war, gelang es nicht, auf den angegriffenen 13 Flugplätzen nennenswerte Schäden anzurichten. Insgesamt wurden nur 16 Flugzeuge am Boden zerstört und 6 beschädigt. Von den angegriffenen 15 Fabriken wurden nur 3 erwähnenswert beschädigt. Dabei kamen 254 Zivilisten ums Leben und 652 wurden verletzt. Auf deutscher Seite gingen vier Bomber und sechs Jagdflugzeuge verloren. Der am 18. Juni mit seiner Ju 88A-1 westlich von Brest durch französische Luftabwehrgeschütze abgeschossene Geschwaderkommodore, Oberst Alfred Bülowius geriet schwerverletzt in französische Kriegsgefangenschaft. Er kehrte nach dem Waffenstillstand wieder zurück.

Insgesamt verlor das Geschwader vom 10. Mai bis zum 25. Juni 55 Flugzeuge, davon 50 durch Kampfhandlungen. Nach eigenen Angaben versenkte es 7 Schiffe, beschädigte weitere 23 und schoss 19 alliierte Flugzeuge ab.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 349

Luftschlacht um England mini|Junkers Ju 88 des Geschwaderkommodore In der anschließenden Luftschlacht um England blieb die I. bis III. Gruppe beim IV. Fliegerkorps, nun aber unter dem Kommando der Luftflotte 3. Sie waren am 13. August 1940 stationiert in Orléans-Bricy (I. und II.) () (anderen Quellen gemäß lag die II. in Ligescourt (Crécy) und in Châteaudun (). Die IV. Gruppe in Hesdin () wechselte zum II. Fliegerkorps der Luftflotte 2, während die V. Gruppe in Lessay () und Rocquancourt jetzt dem VIII. Fliegerkorps unterstand. Am 18. September geriet der Gruppenkommandeur der II. Gruppe, Major Heinz Kramer, in britische Gefangenschaft, als seine Ju 88A-1 (Geschwaderkennung L1+XC) bei einem Luftangriff auf Liverpool nahe Warminster durch eine Spitfire der 152 Squadron abgeschossen wurde. Am 25. September 1940 führte das Geschwader zusammen mit dem Kampfgeschwader 55 einen Luftangriff auf die Bristol Aeroplane Company in Filton durch. Dabei zerstörten oder beschädigten sie durch Bombenabwurf auf dem Flugplatz 80 Bristol Beaufort und Bristol Blenheim.Francis Mason: Battle Over Britain, McWhirter Twins, London. ISBN 978-0-901928-00-9, S. 411 Am 27. September fiel der Gruppenkommandeur der V. Gruppe, Hauptmann Horst Liensberger, als er mit seiner Messerschmitt Bf 110C-2 (Geschwaderkennung L1+XB), während eines Luftkampfes mit einem britischen Jäger der 249 Squadron kollidierte und bei Simmons Field abstürzte. Insgesamt verlor das Geschwader bis Dezember 1940 94 Flugzeuge, 119 gefallene und 138 vermisste oder in Gefangenschaft geratene Geschwaderangehörige.

Luftlandeschlacht um Kreta Bei Luftangriffen am 20. und 24. April auf den Hafen von Piräus versenkte die I. Gruppe die Frachter Ellenis und Pennland.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 354–355 Anschließend nahmen die I. bis III. Gruppe ab dem 20. Mai 1941 an der Luftlandeschlacht um Kreta teil. Dazu waren sie dem VIII. Fliegerkorps der Luftflotte 4 unterstellt. Im Rahmen dieser Operation versenkten sie mehrere Handelsschiffe und den Flakkreuzer Calcutta () und beschädigten die Schlachtschiffe Barham und Warspite sowie den leichte Kreuzer Ajax. An der Versenkung des Leichten Kreuzers Fiji () war die II./LG 1 beteiligt.

Deutsch-Sowjetischer Krieg Zu Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion war die IV.(Stuka-) Gruppe dem Fliegerführer Nord der Luftflotte 5 in Finnland unterstellt und nahm von ihrer Basis Rovaniemi () am Angriff auf die Sowjetunion teil. Als am 1. Juli 1941, aus dem Raum um Petsamo der deutsche Angriff des XIX. Gebirgs-Korps mit der 2. und der 3. Gebirgs-Division auf Murmansk begann, griff sie mit ihren Sturzkampfbombern vom Typ Junkers Ju 87B in die Kämpfe ein. Dabei versenkte sie am 20. Juli 1941 in der Kola-Bucht, unter dem Verlust von 121 Besatzungsmitgliedern, den sowjetischen Zerstörer Stremitenlnyi und das Wachschiff Shtil. Die Gruppe verließ zum 27. Januar 1942 den Geschwaderverband und wurde in I. Gruppe des Sturzkampfgeschwaders 5 umbenannt.