Die Niʿmatullāhīya ist ein persischer Sufi-Orden, der nach dem Gründer des Ordens, Niʿmatullāh Walī, benannt ist. Er entstand im 14. Jahrhundert im Südosten Persiens und verbreitete sich bis nach Indien. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert bestand der Orden fast ausschließlich im indischen Dekkan weiter; erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde er wieder in Persien eingeführt. Der Orden, der schon früh in seiner Geschichte schiitisiert wurde, ist heute einer der weitverbreitetsten Sufi-Orden in IranHamid Algar, J. Burton-Page: Niʿmat-Allāhiyya In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. VIII, S. 44b–48a. und hat auch zahlreiche Anhänger in der westlichen Welt.
Geschichte mini|Mausoleum des Ordensgründers Schah Niʿmatullāh Walī in Mahan, Provinz Kerman, Iran (Nationales Denkmal)
Der Gründer Leben mini|Kenotaph von Niʿmatullāh Walī in Mahan Schah Niʿmatullāh Nūr ad-Dīn ibn ʿAbdallāh Walī (geb. 1329 oder 1330 in Aleppo) war ein sunnitischer Sufi und Poet.Graham: Shah Ni’metullah Wali. 1992, S. 173. Sein Vater Mīr ʿAbdallāh war einer der bedeutendsten Sufis seiner Zeit und ein Nachkomme des fünften Imams Muhammad al-Bāqir (gest. 732 oder 736).Trimingham: The Sufi Orders in Islam. 1971, S. 101. Seine Mutter stammte von den Schabankara-Herrschern von Fars ab.Graham: Shah Ni’metullah Wali. 1992, S. 173. Schon im Kindesalter wurde Niʿmatullāh von seinem Vater in den Sufismus eingeführt und von verschiedenen Gelehrten in Schiras in der islamischen Rechtslehre (fiqh), Theologie, Theosophie und Rhetorik ausgebildet.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 41. Auf der Suche nach einem Meister reiste er in seiner Jugend durch viele Länder und lernte unter zahlreichen Gelehrten.Graham: Shah Ni’metullah Wali. 1992, S. 176–178. Mit 24 Jahren lernte er auf der Pilgerfahrt in Mekka den Gelehrten und Sufi ʿAbdallāh al-Yāfiʿī (gest. 1367) kennen, blieb bis zu seinem Tod bei ihm und wurde sein Nachfolger.Trimingham: The Sufi Orders in Islam. 1971, S. 101. Anschließend reiste er erneut durch die Region und hielt sich unter anderem in Ägypten und später in Transoxanien auf, wo er zum ersten Mal als Vertreter eines neuen Ordens auftrat.Hamid Algar, J. Burton-Page: Niʿmat-Allāhiyya In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. VIII, S. 44b–48a. Vor allem während seines mehrjährigen Aufenthaltes in Shahrisabz in der Nähe von Samarkand konnte er eine große Anzahl von türkischstämmigen Nomaden an sich binden, was letztendlich dazu führte, dass Timur ihn aufforderte, die Region zu verlassen.Graham: Shah Ni’metullah Wali. 1992, S. 178–183. Von dort ging Niʿmatullāh nach Herat, wo er die Enkelin des Poeten Mīr Husainī Harawī (gest. ca. 1370) heiratete.Graham: Shah Ni’metullah Wali. 1992, S. 183–184. Nach einem kurzen Aufenthalt in Maschhad ließ er sich in Kuhbanan, Kerman und schließlich in Mahan nieder, wo er bis zu seinem Tod 1430/31 lebte und lehrte.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 46.
Lehren und Werke Niʿmatullāh betrachtete den Sufismus nicht als ein Privileg, das nur bestimmten Menschen zugänglich war, sondern als den Weg der Liebe und somit als ein Bedürfnis aller Menschen. Deshalb akzeptierte er alle Schüler, die aufrichtig von ihm lernen wollten.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 50f. Er beschäftigte sich selbst mit Landwirtschaft und motivierte seine Anhänger ebenfalls dazu, einer Beschäftigung nachzugehen. Faulheit und Rückzug führten seiner Meinung nach zu Depressionen, während Arbeit und der Dienst für die Menschen die Seele stärkten. Vor allem der Dienst für andere Menschen und Nettigkeit seien der beste Weg, um das eigene Herz zu reinigen. Im Gegensatz zu anderen Sufi-Orden, die den Rückzug aus der Gesellschaft propagierten, rief Niʿmatullāh zu einer „Einsamkeit unter Menschen“ auf. Er verbot seinen Anhängern das Konsumieren von Haschisch und Opium, was zu seiner Zeit relativ üblich war, und auch das Tragen von kennzeichnender sufischer Kleidung, da der spirituelle Zustand nicht zur Schau gestellt werden sollte.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 48–50. Außerdem war er der Ansicht, dass die Vorschriften des Islam streng eingehalten werden müssen, weil nur eine Kombination aus Scharia und Tarīqa zur Wahrheit führen könnten.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 50. Niʿmatullāh trat an allen Orten, an die er reiste, mit anderen Gelehrten in Kontakt und tauschte sich mit ihnen aus.Mahmut Erol Kılıç: Art. „Niʿmetullāh-I Velī“ in: TDV İslâm Ansiklopedisi. (Online) Seine Lehren entstanden also unter dem Einfluss vieler Gelehrter und Orden. Schon früh in seiner Ausbildung beschäftigte er sich ausgiebig mit den Lehren und Werken des andalusischen Sufis und Philosophen Ibn Arabi und integrierte diese in seine eigenen.Mahmut Erol Kılıç: Art. „Niʿmetullāh-I Velī“ in: TDV İslâm Ansiklopedisi. (Online)
Nachdem er 60 Jahre alt geworden war, fing er an zu dichten.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 52. Er erlangte mit seinen Gedichten schon zu Lebzeiten einen weiten Ruhm. Seine Dichtung war meist in der Form des Ghasels geschrieben und beschäftigte sich unter anderem mit der wahdat al-wudschūd-Lehre.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 53f. Später wurden seine Gedichte sogar als Vorhersagen wichtiger historischer Ereignisse aufgefasst und interpretiert.Vgl. Naim: „’Prophecies’ in South Asian Muslim Political Discourse: The Poems of Shah Ni’matullah Wali.“ 2011, S. 49–58. Sein Diwan bildet eines seiner wichtigsten Werke. Insgesamt verfasste er mehrere hundert Werke, die von kürzeren exegetischen Essays über den Koran bis zu Abhandlungen über die Lehren des Ibn Arabi reichen.Hamid Algar, J. Burton-Page: Niʿmat-Allāhiyya. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. VIII, S. 44b–48a.
Verlagerung nach Indien Niʿmatullāh Walīs Ruf verbreitete sich schon zu seinen Lebzeiten in ganz Persien und auch in Indien.Nurbaksh: Masters of the Path. 1980, S. 46. Der bahmanidische König von Dekkan, Ahmad Schah I. (reg. 1422–36), lud ihn nach Bidar an seinen Hof ein, er jedoch verblieb in Mahan und schickte stattdessen seinen Enkel Nūrullāh und einen Brief, in dem er dem Herrscher den Beinamen Walī gab. Ahmad Schah Walī begrüßte Nūrullāh mit großer Freude und gab ihm seine Tochter zur Frau.Graham: The Ni’matullāhī Order Under Safavid Suppression and Indian Exile. 1999, S. 170. Nach Niʿmatullāh Walīs Tod lud der Herrscher diesmal seinen Sohn und Nachfolger Burhān ad-Dīn Chalīlullāh (1374–1460)Abdus Subhan: K̲h̲alīl Allāh But-S̲h̲ikan. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. IV, S. 961b–962a. ein, der dieser Einladung schließlich folgte. Chalīlullāh, seine Nachfolger und die Anhänger des Ordens hatten jahrelang eine gute Beziehung zum Bahmaniden-Hof, gingen Ehen mit dem Herrscherhaus ein und bekamen politische Posten. Sie hatten jedoch religiös und spirituell keinen großen Einfluss in der Gesellschaft.Graham: The Ni’matullāhī Order Under Safavid Suppression and Indian Exile. 1999, S. 174–176.
Bei seinem Auszug aus Persien zwischen 1433 und 1435 überließ Burhān ad-Dīn Chalīlullāh Mahan seinem Sohn Mīr Schams ad-Dīn (gest. ca. 1450).Graham: The Ni’matullāhī Order Under Safavid Suppression and Indian Exile. 1999, S. 173. Nach dessen Tod hatte der Orden keinen einflussreichen spirituellen Anführer mehr im Iran.Graham: The Ni’matullāhī Order Under Safavid Suppression and Indian Exile. 1999, S. 178f. Als Schah Ismail I. 1501 den Safawiden-Staat gründete und die Zwölfer-Schia zur offiziellen Staatsreligion machte, mussten alle Sufi-Orden, die nicht schiitisch waren, das Land verlassen oder wurden in Randregionen gedrängt.Graham: The Ni’matullāhī Order Under Safavid Suppression and Indian Exile. 1999, S. 165. In dieser Zeit entwickelte sich die Niʿmatullāhīya zu einem offiziell schiitischen Orden.Graham: The Ni’matullāhī Order Under Safavid Suppression and Indian Exile. 1999, S. 167. Das Zentrum wurde nach Yazd verlegt und die Mitglieder des Ordens hatten zunächst eine gute Beziehung zum Safawiden-Hof, heirateten in den Hof ein und bekamen politische Posten.Hamid Algar, J. Burton-Page: Niʿmat-Allāhiyya In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. VIII, S. 44b–48a. Als jedoch ein Familienmitglied, Amīr Ghiyāth ad-Dīn Mīrmīrān, zur Zeit von Schah Abbas I. (reg. 1587–1629) in einen Aufstand verwickelt war, verfiel der Orden in Ungnade.Hamid Algar, J. Burton-Page: Niʿmat-Allāhiyya In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. VIII, S. 44b-48a. Mit der Zeit verschwand die Niʿmatullāhīya zum großen Teil aus Persien, auch wenn die Familie bis ca. 1671–72 in Yazd Posten behielt.Hamid Algar, J. Burton-Page: Niʿmat-Allāhiyya In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. VIII, S. 46a.
Rückverlagerung nach Persien Im Jahr 1770 schickte der 13. Nachfolger von Niʿmatullāh Walī, Ridā ʿAlī Schāh Dakkanī (gest. 1799), der sich in Indien aufhielt, auf Anfrage der verbliebenen Anhänger im Iran seinen Schüler Maʿsūm ʿAlī Schāh nach Persien. Maʿsūm wurde in der Bevölkerung mit einer großen Begeisterung empfangen und konnte schnell viele Anhänger gewinnen. In Schiras traf er auf Faiz ʿAlī Schāh, seinen Sohn Nūr ʿAlī Schāh (gest. 1797) und Muschtāq ʿAlī Schāh (gest. 1792), die sich ihm anschlossen.Scharbrodt: “The quṭb as Special Representative of the Hidden Imam.” 2010, S. 37–38. Sie hatten zunächst eine gute Beziehung zum dortigen Zand-Herrscher Karim Khan-e Zand (gest. 1779), mussten aber schon bald aufgrund von Konflikten die Stadt verlassen.Scharbrodt: “The quṭb as Special Representative of the Hidden Imam.” 2010, S. 38. Ein anderer Zand-Herrscher, ʿAlī Murād Chān (gest. 1785) in Isfahan, bot ihnen Zuflucht. Durch seine Unterstützung konnte sich der Orden in dieser Zeit sehr gut entfalten. Jedoch kam es auch mit ʿAlī Murād Chān zu Streitigkeiten, da die Niʿmatullāhī-Anführer seinen ausschweifenden Lebensstil für seine militärischen Misserfolge verantwortlich machten und auch die Gelehrsamkeit in Isfahan sich gegen die Sufis aussprach, da sie den steigenden Einfluss der Niʿmatullāhīs als eine Bedrohung empfanden.Scharbrodt: The quṭb as Special Representative of the Hidden Imam. 2010, S. 38. Nach Faiz ʿAlī Schāhs Tod wurden sie verfolgt und mussten fliehen. Auf der Flucht wurden Maʿsūm ʿAlī Schāh und Nūr ʿAlī Schāh sogar die Ohren von Soldaten ʿAlī Murād Chāns abgeschnitten.Scharbrodt: The quṭb as Special Representative of the Hidden Imam. 2010, S. 39.