Die Ruine Wulp ist die Ruine einer Höhenburg im Küsnachter Tobel bei auf einem Geländesporn oberhalb Küsnacht am Zürichsee. Die Überreste der einstigen Burg Wulp stammen in ihrer jetzigen Form aus dem Hochmittelalter.
Name Erstmals taucht der Name in der um 1460 verfassten Klingenberg-Chronik auf: wurp by küssnacht. In der Brennwald-Chronik um 1520 wird die vesti Wulsch zuo Küsnach am Zürichsee erwähnt. Der Name «Wulp» in der heutigen Form erscheint erstmals 1548 in der Chronik von Brennwalds Schwiegersohn Johannes Stumpf. Heinrich Boxler deutet den Namen Wulp als Ableitung des althochdeutschen hwarb «Drehung» in der Bedeutung von «gedrehter Hügel», die in der stark erodierten Gegend des Küsnachter Tobels zahlreich sind. Die Lautverschiebung von r zu l sei nicht aussergewöhnlich.Heinrich Boxler: Burgnamengebung in der Nordostschweiz und in Graubünden. Verlag Huber, Frauenfeld 1976.
Im Steuerbuch der Stadt Zürich erscheint in der Zeit um 1400 mehrmals der Name einer Familie Wulper, die einen vermutlich zur Burg gehörigen Hof auf der heute noch so genannten Wulpwiese bewirtschaftete. So ist es denkbar, dass sich der Name vom Hof der Wulper auf der Wiese auf die Burg übertrug.
In der Kantonskarte von Jos Murer von 1566 sind oberhalb Küsnacht zwei Burgen eingetragen: die Balb und die Wurp, wobei der Platz mit der heutigen Ruine Wulp die Bezeichnung Balb trägt; mit Wurp war eine Stelle auf der anderen Seite des Tobels zwischen Itschnach und Zumikon bezeichnet. Erst in der Karte von Hans Conrad Gyger von 1667 ist die Wulp richtig eingetragen; die Balb zeichnete Gyger oberhalb Erlenbach ein – wobei unsicher ist, ob dort jemals eine Burg stand.
Denkbar ist, dass die urkundlich nachgewiesenen Herren von Balb vor der Zerstörung der Wulp 1267 selber dort sassen, sich dann aber einen eigenen Sitz mit eigenem Wappen errichteten, was bei Murer zur Verwechslung geführt haben könnte. 1692 erwähnt Hans Erhard Escher in seiner Beschreibung des Zürich Sees: Ob den Dorf […] sihet man / wo das schöne und veste Schloss Wurp / oder Wulp gestanden, so die von Balb von den Freyherren von Regensberg zu Lehen besessen …
mini|hochkant|Situation auf der Murerkarte von 1566mini|hochkant|Gygerkarte 1667
Wappen mini|Rechts das Wappen der Herren von Wulp, links das Wappen derer von Balb Im Wappenbuch von Gerold Edlibach findet sich ein Wappen der Herren von Wulp; ein mit einem Schnabelschuh bekleideter Fuss senkt sich aus den Wolken gegen die Erde. Murer und Gyger übernahmen das Wappen für ihre Karten; Murer zeichnete es seitenverkehrt.
Das Wappen geht auf eine Äusserung von Lütold von Regensberg zurück, der auf der Wulp von Rudolf von Habsburg belagert wurde: Hett ich ein fuoss in dem himel und den anderen uf der erden, so wolt ich den einen fuoss herab tun, unz (bis) ich gesech, ob die burg jemants gewunnen möcht.Johannes Dierauer (Hrsg.): Chronik der Stadt Zürich, (Quellen zur Schweizer Geschichte, Bd. 18); Basel 1900
Geschichte Urkundliche Erwähnungen mini|hochkant|Zeichnung von Johann Balthasar Bullinger Über die Entstehung Burg Wulp gibt es keine Unterlagen. In den Acta Murensia, der Chronik der Gründung des Klosters Muri aus dem 12. Jahrhundert, wird ein Eghardus de Chüsnach erwähnt, der um 1095 eine Burg in der Nähe des Zürichsees besessen haben soll. Ob damit die Burg Wulp gemeint war, ist unklar.
Deutlicher ist ein Besitzverzeichnis der Familie der Mülner aus dem Jahr 1336, in dem ein Burgguot ze Kusenach erwähnt wird. Ob damit die Wulp gemeint war, ist auch hier nicht eindeutig feststellbar; es könnte auch das Höchhus Küsnacht gemeint gewesen sein, das damals im Besitz der Mülner war.
Hans Gloggner erwähnt seiner 1432 verfassten Chronik der Stadt Zürich, dass am 25. Mai 1267 Graf Rudolf von Habsburg zusammen mit der Stadt Zürich während der Regensberger Fehde eine Burg bei Küsnacht belagerte und eroberte. Hier ist anzunehmen, dass es sich dabei um die Wulp handelte, auch wenn der Name nicht genannt wird. Eine weitere Chronik aus dem Jahr 1466 bestätigt dies: Darnach laitend sich die von Zürich für die burg zu Küssnach uf dem Tobel. Die Zerstörung der Burg erwähnt auch Hans Erhard Escher: Schloss Wulp […], welches A. 1268 von den Züricheren / mit hilff Graf Rudolffen von Habspurg belegeret / eingenommen / und in den Grund zerstöhrtet worden.
Eine erste Beschreibung verfasste Johannes Stumpf in seiner Chronik von 1548: Nun erscheinet aber noch ein Schlosz ob den Dorff Küssznach im Wald / so man auff Guldinen oder gen Egk (Egg) hinüber wandlet / auf der rechten seyten neben dem Weg / werden noch gesehen die gräben vnd verfallenen Mauren einer grossen und herrlichen bevestigung / wie wirt in den alten Zürichercronicken genannt Wuolp oder Wuorp. mini|hochkant|Die Zerstörung der Wulp 1268. Zeichnung von Johann Melchior Füssli Die legendäre Zerstörung der Wulp regte im 18. Jahrhundert die Fantasie der Künstler an. Ein Beispiel dafür ist eine dramatische Darstellung von Johann Melchior Füssli, die am Neujahrstag 1717 erschien. Es zeigt die Wulp als grossen Gebäudekomplex, der soeben vom abziehenden Grafen Rudolf von Habsburg und seiner Mannschaft zerstört wurde. Der Titel lautete Das Schloss Wurp oder Wulp bey Itschnen in dem Küsnachter Berg dem Frei Herren von Regensberg zuständig ward von den Zürichere unter anführung Graaff Rodolph von Habsburg eingenommen und zerstört.
Nach ihrer Zerstörung oder Aufgabe um 1270 verfiel die Burg. Heinrich Zeller-Werdmüller berichtete 1895, dass er von der Burg nichts mehr gesehen habe, dass aber 50 Jahre zuvor noch ansehnliche Trümmer des Turmes zu sehen gewesen sein sollen.
Grabungen 1920–1923 mini|Plan der Anlage von 1921
Am 31. Januar 1918 schlug der Präsident des Verschönerungsvereins Küsnacht Jacques Bruppacher vor, die Ruinen der Burg Wulp im Tobel freizulegen. Um Kosten zu sparen, sollte jeweils am Samstagnachmittag freiwillige Fronarbeit durch die Mitglieder des Vereins geleistet werden. Am 30. August 1919 bewilligte die Holzkorporation Küsnacht als Eigentümerin des Hügels die Grabung und am Samstag, 8. Mai 1920 begannen die Grabungen. Als neben den Fundamentresten eines Turms auch eine mehrteilige Burganlage zum Vorschein kam, wurden die Arbeiten bis zum September 1923 fortgesetzt. Am 24. Mai 1924 wurden die Ruinen offiziell der Öffentlichkeit übergeben. An 106 Samstagnachmittagen wurde rund 2100 Stunden gearbeitet. Die Kosten von 6000 Franken wurden zum grössten Teil zur Sanierung der Mauern verwendet. Beiträge kamen von der Antiquarischen Gesellschaft Zürich, vom Kanton Zürich und vom Bund. 1923 wurde die Anlage unter Bundesschutz gestellt.
Ergebnisse mini|Grundrissplan von 1923 Nach Abschluss der Arbeiten wurde 1923 ein Grundrissplan erstellt, auf dem alle festgestellten Mauerzüge eingezeichnet waren. In einem kleinen Notizheft mit dem Titel «Wulpgrabungen» sind neben den Namen der Mitwirkenden stichwortartig auch die Fundgegenstände erwähnt; auch deren Fundorte wurden im Plan eingetragen. Die Notizen sind jedoch zu knapp, um Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Grabung ziehen zu können. Trotzdem geht aus ihnen hervor, dass es sich bei der Wulp um eine mehrteilige Anlage handelte, die in mindestens zwei Bauphasen erstellt wurde. Von der ersten Burg blieb an der höchsten Stelle des Hügels das Fundament des mächtigen Viereckturms erhalten, an den sich südlich und östlich weitere Mauern anschlossen. In den untersten Lagen betrug die Mauerdicke rund 3,2 Meter.
Die ältere Anlage wurde später abgebrochen und durch eine neue ersetzt. Eine weitläufige Ringmauer umgab die neue Anlage. Der Zugang erfolgte durch die Nordseite der Ringmauer.
1961–1962 Nach 40 Jahren unter freiem Himmel drohten die Mauerkronen und Mauerreste wieder zu zerfallen. Der Küsnachter Architekt Christian Frutiger schlug deshalb vor, die Mauern erneut zu sichern und sie zudem durch seitliche Erdanschüttungen vor Frost und Nässe zu schützen. Zudem sollten die 1922/23 gefundenen Mauerreste erneut ausgegraben werden, um sie genauer untersuchen zu können. So begann im Sommer 1961 eine Gruppe von Pfadfindern unter der Leitung Frutigers mit den Freilegungsarbeiten, die bis im November dauerten. Die Sanierungsarbeiten an den Mauern nahmen Arbeiter der Baufirma C. Sander aus Küsnacht vor. Sie sicherten die Mauerkronen mit modernem Mörtel und entfernten den Schutt aus dem Sodbrunnen. Mit der wissenschaftlichen Leitung wurde der Burgenforscher Karl Heid aus Dietikon betraut.
Ergebnisse Die Grabungen ergaben, dass es zwischen den bereits bekannten Anlagen eine dritte Bauphase gegeben haben muss. Die älteste Burg bestand aus wenigen an der Ringmauer angelehnten Steingebäuden. Eine zeitliche Zuordnung ist ungewiss. Zur zweiten Phase gehört der massive Viereckturm sowie vermutlich die Zisterne und ein Gebäude in der Nordwestecke. Zeitlich wird diese Anlage um 1200 datiert. Während der dritten Bauphase wurde der Turm bis auf die Fundamente abgebrochen. Über die Ringmauer wurde auf der Ostseite rittlings ein Rundturm aufgesetzt. Der von der Mauer umschlossenen Raum wurde in der Mitte durch eine Quermauer geteilt: im Osten lag der überbaute Teil mit Palas und weiteren Räumen, im Westen die abgesehen von einem Gebäude in der Nordwestecke unbewohnte Vorburg.
Nach wie vor galt als sicher, dass die Burg 1267 durch Rudolf von Habsburg gestürmt und zerstört wurde, obwohl die archäologischen Befunde kein eindeutiges Bild einer gewaltsamen Zerstörung ergaben.
1978 mini|Ruine Wulp Um die Bäume im Westen des Areals zu schonen, hatte man dort bei der letzten Sanierung auf Sicherungsarbeiten verzichtet. Eingedrungenes Wurzelwerk hatte jedoch im Laufe der Jahrzehnte zu Schäden an den Mauern geführt, die einzustürzen drohten und saniert werden mussten. Das Sanierungsprogramm erarbeitete wiederum Christian Frutiger. Auch diesmal wurde mit Hilfe von Pfadfindern gearbeitet, die am Fuss des Burghügels die heruntergefallenen Steine einsammelten und hochtrugen.
Das Fundament der äussern Umfassungsmauer wurde freigelegt und stabilisiert. Eingestürzte Mauern wurden mit Bollensteinen neu aufgemauert, der Kern wurde mit Beton gefüllt.
Ergebnisse Es zeigte sich, dass für den Bau der Ringmauer zahlreiche Steine aus dem alten Turm im Zentrum der Anlage sowie Steine von Fenster- und Türgewänden verwendet worden waren; die Ringmauer musste also nachträglich aus Bausteinen einer älteren Burg errichtet worden sein.
Ein Rätsel bot der ovale Turm mit gerader Prallkante, der im Osten auf die Ringmauer gesetzt wurde; aus der schweizerischen Burgengeschichte ist aus jener Zeit kein weiteres Beispiel eines derartigen Turmes bekannt. Da Prallkanten mit dem Aufkommen von Feuerwaffen begründet wurden, schloss Frutiger, der Turm und damit die Anlage müssten nach der Zerstörung von 1267 wieder aufgebaut worden sein. Als Bauherren bezeichnete er die Ritter Mülner von Zürich. Heute sprechen andere baugeschichtliche Beobachtungen für eine Erbauung nach der Mitte des 13. Jahrhunderts. Möglicherweise handelt es sich um das früheste Beispiel einer Rundturmes mit Prallkante in der schweizerischen Burgengeschichte.
1980–1982 Da die Grabungen von 1962 keine aufschlussreichen Funde erbracht hatten, entschloss sich der Verschönerungsverein Küsnacht 1979, im westlichen Teil des Areals eine erneute Grabung in Auftrag zu geben. Im Sommer 1980 wurde das Gebiet in 11 Flächen von 4 × 4 Metern aufgeteilt, jeweils durch einen rund 1,5 Meter breiten Steg getrennt. In den Sommern 1981 und 1982 wurden die Arbeiten nach einem vereinfachten Prinzip inner- und ausserhalb des Areals mit Sondiergräben fortgesetzt.
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