Als Simferopol-Massaker (auch Weihnachts-Massaker oder Massenmord von Simferopol) wird der Massenmord an den aschkenasischen Juden, Krimtschaken (turksprachige Krim-Juden) und Roma bezeichnet, den das Sonderkommando 11b und die Stabseinheit der Einsatzgruppe D des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS mit Unterstützung der Wehrmacht im Dezember 1941 in Simferopol auf der besetzten Krim verübte. Dem Massenmord fielen ungefähr 13.000 Menschen zum Opfer, darunter wahrscheinlich etwa 10.600 Juden, 1.500 Krimtschaken und 600 bis 1.000 Roma. Das Massaker gilt als herausragendes Beispiel für die enge Zusammenarbeit zwischen militärischen Befehlshabern und Verantwortlichen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) beim Völkermord an Juden (Holocaust) und an „Zigeunern“ (Völkermord an den Sinti und Roma). Heute erinnert am Tatort eine Gedenkstätte an die Männer, Frauen und Kinder, die hier innerhalb weniger Tage ermordet wurden.
Geschichte des Massakers Militärverwaltung der Stadt und Massenerschießungen mini|Razzia durch deutsche Feldgendarmen und Soldaten in Simferopol, Januar 1942
Simferopol, die größte Stadt der Krim, war am 1. November 1941 von der 11. Armee, unter deren Oberbefehlshaber General Erich von Manstein, eingenommen worden. Sein Armeeoberkommando (AOK 11) nahm Quartier in der kleinen Ortschaft Sarabus, dem heutigen Hwardijske, russisch: Gwardeiskoje (Гвардейское), das ungefähr zehn Kilometer nördlich von Simferopol liegt. In der Stadt selbst, die als Hauptverkehrsknotenpunkt und Versorgungsbasis strategisch wichtig war, nahm am 5. November die Ortskommandantur Simferopol (OK I/853) die Arbeit auf.Manfred Oldenburg: Ideologie und militärisches Kalkül. Die Besatzungspolitik der Wehrmacht in der Sowjetunion 1942. Böhlau, Köln/Wien 2004, ISBN 3-412-14503-3, S. 189. Die Feld- und Ortskommandanturen waren nicht nur für die Betreuung durchziehender Truppen und die Bewachung kriegswichtiger Einrichtungen zuständig, sondern auch für die Erfassung, Verwaltung und Überwachung der Zivilbevölkerung. Die Zuständigkeit für die Ernährung der Bevölkerung, die Regelung von Handel und Gewerbe sowie den Arbeitseinsatz von Zivilisten lag bei der Abteilung Landwirtschaft des Wirtschaftskommandos Krim (Wi Kdo Krim) der Wirtschaftsorganisation Ost, die Hermann Göring unterstand. Die Kommandanturen der Krim berichteten an die rückwärtige Militärverwaltung der 11. Armee (Korück 553), deren Leiter, Generalleutnant Heinrich Doehla, direkt an von Manstein rapportierte. Die Alltagsgeschäfte der Korück 553 liefen über die Oberquartiermeisterabteilung der 11. Armee (AOK 11/OQu) von Oberst Friedrich Wilhelm Hauck. In taktischer Hinsicht unterstand Hauck auch die der 11. Armee zugeteilte motorisierte Feldgendarmerieabteilung (FGA 683). Das operative Personal der FGA, also die Militärpolizeitrupps, war teilweise auf die einzelnen Feld- und Ortskommandanturen verteilt und unterstand dann deren Kommandanten. Der Ortskommandant von Simferopol, Hauptmann Kleiner, musste (wie seine Kollegen auch) zur Wahrnehmung seiner umfangreichen Aufgaben einheimisches Verwaltungspersonal einsetzen und Hilfspolizisten und Milizmänner zur Verstärkung der Feldgendarmerie rekrutieren.
links|mini|422x422px|Die erste Order des Ortskommandanten von Simferopol vom 5. November 1941 (Staatsarchiv der Republik Krim). Artikel 13 führt die Kennzeichnung und Registrierung von Juden ein, Artikel 17 der ehemaligen Soldaten der Roten Armee, Artikel 20 – der Rest der Bevölkerung Die Einwohnerzahl von Simferopol war von 156.000 im Jahr 1939 auf ca. 120.000 im November 1941 abgesunken.Manfred Oldenburg: Ideologie und militärisches Kalkül. Die Besatzungspolitik der Wehrmacht in der Sowjetunion 1942. Böhlau, Köln/Wien 2004, ISBN 3-412-14503-3, S. 59. Vor dem Krieg hatten mehr als 20.000 Juden, überwiegend Aschkenasim, in der Stadt gelebt. Beim Einmarsch der Deutschen gab es dort noch etwa 13.000 aschkenasische Juden sowie 1.500 Krimtschaken,EdH S. 1317–1318, Angehörige einer kleinen Volksgruppe mit einer tatarischen Sprache und jüdisch-rabbinischem Glauben, die von den Deutschen als „rassische“ Juden behandelt wurden. Nach langen bizarren Abklärungen zwischen dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMO) wurden die Karäer, eine ebenfalls tatarisch geprägte Volksgruppe, aber nicht-rabbinischen jüdischen Glaubens, als nicht von Juden, sondern von mongolischen Chasaren abstammend klassifiziert – und daher nicht verfolgt.Hannelore Müller-Sommerfeld: Gunst und Tragik einer Privilegierung – Karäer im Osten Europas im 20. Jahrhundert. In: Judaica, Beiträge zum Verstehen des Judentums. Zürich/Tübingen, 67. Jg., 2011, S. 48–96, speziell S. 84.Norbert Kunz: “The Jews are Completely Destroyed” – The Fate of Jewish Minorities in the Crimea in World War II. In: The Holocaust in Ukraine: New Sources and Perspectives. Conference Presentations, Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum 2013, S. 121–142. ushmm.org (PDF; 1,2 MB)Kiril Feferman: Nazi Germany and the Karaites in 1938–1944: between racial theory and Realpolitik, Nationalities Papers 2011, 39. Jg., Nr. 2, S. 277–294.
Schon in den ersten Novembertagen bereitete die Ortskommandantur Simferopol die „Lösung der Judenfrage“ vor:EdH, S. 1317–1318, Die Juden der Stadt wurden erfasst, durch Judensterne kenntlich gemacht und vom 9. bis 13. Dezember vom Sonderkommando Sk 11b der Einsatzgruppe D der Sicherheitspolizei und des SD ermordet. Die Wehrmacht steuerte dazu Personal der motorisierten Geheimen Feldpolizei (GFP 647), sowie der Feldgendarmerie bei. Die Juden wurden vom 11. bis 13. Dezember in der Stadt zusammengetrieben, auf LKWs geladen und ungefähr zehn Kilometer außerhalb von Simferopol in einem Panzergraben erschossen. Am 9. Dezember waren dort bereits die Krimtschaken der Stadt ermordet worden.EdH, S. 1318, Augenzeugenberichte über die Massenerschießungen, die als „Judenaktion“ oder auch in Tarnsprache als „Umsiedlung“ bezeichnet wurden, gibt es in Form von Vernehmungsprotokollen sowohl aus dem Nürnberger Einsatzgruppen-ProzessSS-Obersturmbannführer Dr. Werner Braune, Kommandant des Sonderkommandos SK 11b, Aussagen zu seinem Besuch zusammen mit SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf am Erschießungsort Simferopol, Abschnitt 3 auf S. 215 (englisch): mazal.orgSS-Hauptsturmführer Karl Jonas, Angehöriger des Sonderkommandos Sk 11b, Zeugenaussage zum Simferopol-Massaker (englisch): ns-archiv.de als auch aus den Ermittlungsakten bundesdeutscher Justizbehörden.Auszug aus der Vernehmungsprotokoll Kühn, vom 21. Juli 1964 (STA München, StAnw 21767/4, Bl. 750–753) zitiert von Friedrich Geiger: Quellenkritische Anmerkungen zum „Fall Eggebrecht“, Online-Publikation Hamburg 2010, URL: fbkultur.uni-hamburg.de, S. 11 und S. 13. (PDF; 2,1 MB) Eine Beschreibung der Massenerschießungen von Simferopol mit umfangreichen Quellenangaben hat der Historiker Andrej Angrick erstellt.Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943. Hamburg 2003, ISBN 3-930908-91-3, S. 335–345.
Das Massaker von Simferopol war die größte unter den zahlreichen Mordaktionen der Einsatzgruppe D auf der Krim. Mit der Ereignismeldung EM 150 vom 2. Januar 1942 wurden Simferopol und andere Städte der Krim als „judenfrei“ gemeldet.Bundesarchiv Berlin BA R 58/219, S. 378. Eine Woche später präzisierte die Ereignismeldung EM 153 vom 9. Januar 1942, Simferopol sei frei von Juden und Krimtschaken.Bundesarchiv Berlin BA R58/220, S. 64. Allerdings waren untergetauchte Juden auch bei späteren Razzien in Simferopol im Visier, wie z. B. bei der großen „Aktion zur Erfassung unzuverlässiger Elemente“ am 11. Januar 1942, bei welcher das Sonderkommando Sk 11b des SD seitens der Armee von 20 Geheimen Feldpolizisten, 55 Feldgendarmen und 2.320 Soldaten unterstützt wurde und 1.250 verdächtige Zivilisten aufgriff.Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943. Hamburg 2003, ISBN 3-930908-91-3, S. 496f. Die Einsatzgruppe D rapportierte dazu in der Ereignismeldung EM 170 vom 19. Februar 1942,Bundesarchiv Berlin BA R58/220, S. 384. dass in Simferopol in der Zeit vom 9.1. – 15.2. über 300 Juden erfasst und exekutiert wurden; die Zahl der Exekutierten sei damit in Simferopol auf nahezu 10.000 Juden gestiegen.
Obwohl letztlich fast alle der auf der Krim verbliebenen ca. 35.000 aschkenasischen Juden, ca. 3.000 Krimtschaken und 114 Bergjuden von den Mordkommandos des SD getötet wurden, ist nicht ganz klar, wie viele Personen in Simferopol bei den Massenerschießungen in der ersten Dezemberhälfte 1941 umkamen. Die Annahme, dass alle jüdischen, krimtschakischen sowie 1.000 Roma-Bewohner von Simferopol während des Weihnachts-Massakers erschossen wurden, würde in einer Opferzahl von 15.500 Zivilisten resultieren. Der Historiker Israel Gutman nannte 2007 in seiner Enzyklopädie des Holocaust (EdH) als Opferzahlen 12.500 Juden und 1.500 Krimtschaken.EdH S. 1318, Das Landgericht München I sprach 1970 in seinem Urteil in der Strafsache gegen Paul Zapp und andereVerfahren 727, in C.F. Rüter und D.W. de Mildt (Herausgeber), Justiz und NS-Verbrechen Band XXXIII, Amsterdam University Press 2005, ISBN 90-5356-551-5, S. 449–450. – Zapp hatte als Leiter des Sonderkommandos 11a für das „Gruppenschiessen“ in Simferopol Personal beigesteuert – von „mindestens 5.000“ jüdischen Opfern. Der Historiker Norbert Kunz schrieb 2013, es seien der Großteil der Krimtschaken sowie etwa 5.000 aschkenasische Juden gewesen und diese Zahl habe sich bis Ende Februar verdoppelt.Norbert Kunz: „The Jews are Completely Destroyed“ – The Fate of Jewish Minorities in the Crimea in World War II. In: The Holocaust in Ukraine: New Sources and Perspectives. Conference Presentations, Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum 2013, S. 127/128 ushmm.org (PDF; 1,2 MB) Die sowjetische Außerordentliche Staatliche Kommission ermittelte 10.600 jüdische und 1.500 krimtschakische Opfer,Mikhail Tyaglyy: Места массового уничтожения евреев Крыма в период нацистской оккупации полуострова (1941–1944) (Sites of mass murder of the Crimean Jews during the Nazi occupation of the peninsula, 1941–1944), БЕЦ (Jüdisches Wohlfahrtszentrum) „Хесед Шимон“, Simferopol 2005, S. 63. was in der Summe den 12.000 „jüdischen“ Opfern in einem Bericht von Werner Otto von Hentig entspricht.Johannes Hürter: Nachrichten aus dem „Zweiten Krimkrieg“ (1941/42). Werner Otto von Hentig als Vertreter des Auswärtigen Amts bei der 11. Armee. In: Christian Hartmann, Johannes Hürter, Peter Lieb, Dieter Pohl: Der Deutsche Krieg im Osten 1941–1945, Facetten einer Grenzüberschreitung. Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59138-5, S. 385.