Geschichte Tirschenreuths300px|Tirschenreuth 1806ZeitleisteErste Erwähnung 1134Verleihung des Marktrechtes 1306Verleihung der Stadtrechte 1364Ermordung Winsheims 1592Schwedischer Einfall 1648Stadtbrand 1814Zugehörigkeit15px Ortenburger (bis 1217)13px Kloster Waldsassen(1217–1583)15px Kurpfalz(1583–1623)15px Kurpfalz-Bayern(1623–1806)15px Königreich Bayern(1806–1918)15px Freistaat Bayern(seit 1918) Die Geschichte der Stadt Tirschenreuth lässt sich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen, als erste Spuren menschlichen Lebens in dem Gebiet auftauchten. Das erste Mal urkundlich erwähnt wurde der Ort als „Dursinrute“ im Jahr 1134 auf einer Schenkungsurkunde. Nachdem Tirschenreuth Anfang des 13. Jahrhunderts unter die Herrschaft des Klosters Waldsassen gekommen war, wurde der Ort kontinuierlich zum Zentrum des Stiftlandes ausgebaut und mit zwei großen Stadtteichen, die Tirschenreuth inselartig umgaben, befestigt. Mit der Erlangung der Stadtrechte 1364 wurde die Stellung als zentraler Ort der Region weiter gestärkt. Die Ermordung des Stiftshauptmannes Valentin Winsheim 1594 hatte für die Stadt eine Zeit der Rechtlosigkeit und Stagnation zur Folge, was durch den Dreißigjährigen Krieg noch erheblich verschlimmert wurde. Nach dem großen Stadtbrand von 1814 begann mit der Industrialisierung (Entwicklung der Porzellanindustrie) und der Eisenbahn eine rasante Entwicklung, die in den 1920er und 1930er Jahren ihren Höhepunkt hatte.

Erste Besiedlung bis zum 14. Jahrhundert Vorgeschichte und erste Erwähnung Die ersten Menschen, die im Gebiet des heutigen Tirschenreuths siedelten, waren vermutlich Slawen, die im 7. oder 8. Jahrhundert durch das Eger- und Wondrebtal kamen und sich dort niederließen. Die ersten Spuren menschlichen Lebens lassen sich erst für die Zeit von 938 bis 1057 nachweisen, als die Babenberger Markgrafen die Herrschaft über Bayern errungen hatten. Damals hatte Tirschenreuth eine große Bedeutung, von dort begann die deutsche Besiedlung des Egerlandes.Hans Muggenthaler: Kolonisatorische und wirtschaftliche Tätigkeit eines deutschen Zisterzienserklosters im XII. und XIII. Jahrhundert, München 1924, S. 8, 9 und 72. Die erste urkundliche Erwähnung Tirschenreuths war im Jahr 1134. In einer Pergament-Urkunde mit dem Siegel des Regensburger Bischofs Heinrich I. von Wolfratshausen steht geschrieben: mini|Urkunde von 1134

Der Ort befand sich 1138 im Besitz der Grafen von Leiningen, die ihn wahrscheinlich vom hohenstaufischen Herrscher Konrad III. als Lehen bekommen hatten. Anschließend kam Tirschenreuth in den Besitz der Herren von Hartenberg und später der Grafen von Ortenburg. Ende des 12. Jahrhunderts war die Gegend schon sehr belebt und um eine abwechslungsreiches Nahrungsangebot zu schaffen, wurde auf einer Fläche von 150 Tagwerk der obere Stadtteich zur Fischzucht angelegt.Brunner Johann, Gleißner Max: Geschichte der Stadt Tirschenreuth. 1933, 1982 neu aufgelegt, S. 14.

Tirschenreuth im Besitz des Klosters 1217 tauschte das Kloster Waldsassen das Gut Seebarn bei Rötz und zwei weitere Höfe, deren Überwachung und Verwaltung aufgrund der weiten Entfernung schwierig war, gegen den Gutsbezirk Tirschenreuth mit den Orten Großklenau, Höfen, Kleinklenau und Lohnsitz ein.Brunner Johann, Gleißner Max: Geschichte der Stadt Tirschenreuth. 1933, 1982 neu aufgelegt, S. 15. Unter der Herrschaft des Klosters entstand in den Jahren 1217 bis 1219 der untere Stadtteich auf Veranlassung von Abt Hermann, indem der Abfluss der Waldnaab bei der heutigen Sägmühle abgeriegelt wurde. Dadurch lag Tirschenreuth auf einer Insel, die von zwei großen Teichen umgeben war. Bis zum Jahr 1260 hatte sich das Dorf Tirschenreuth so weit entwickelt, dass es Sitz eines Richters war. Um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert wurde eine Stadtpfarrkirche an dem Platz erbaut, an dem noch heute die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt steht. König Albrecht I. verlieh auf Veranlassung des Abtes Udalrich dem Ort im Jahr 1306 das Recht zur Abhaltung eines Wochenmarktes an jedem Dienstag, wodurch Tirschenreuth ein Markt wurde und die Bewohner eine bürgerliche Gemeinschaft bildeten.

Allmählich entwickelte sich das Gewerbe, was auch durch die Lage des Ortes an der Kreuzung der Handelswege von Regensburg und Nürnberg nach Eger begünstigt wurde. Der Waldsassener Abt Johann IV. ließ um das Jahr 1330 ein burgähnliches Schloss in Tirschenreuth erbauen, das nicht mehr existiert. Die Ostseite der Stadt wurde durch eine Stadtmauer mit halbrunden Mauertürmen und zwei Stadttoren geschützt; in dieser Zeit entstand auch der Klettnersturm am südlichen Ende der Mauer. Unter dem Abt Johann V. wurde Tirschenreuth auf Bitten der Bürger 1364 das Stadtrecht verliehen, wodurch Bürgermeister und Rat die Gemeindeverhältnisse selbst ordnen durften, aber dennoch unter der Botmäßigkeit des Klosters standen.Brunner Johann, Gleißner Max: Geschichte der Stadt Tirschenreuth. 1933, 1982 neu aufgelegt, S. 27, 28. Erst im Jahre 1470 erlangte das Kloster die vollständige Herrschaft über sein Gebiet nach einem Vergleich wieder zurück und Abt Nikolaus IV. ließ die entstandenen Schäden, unter anderem am Tirschenreuther Schloss, ausbessern.

Vom Ende des Mittelalters bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts Hussitenkriege und Landshuter Erbfolgekrieg mini|hochkant|Der Klettnersturm wurde 1529 um zwei Stockwerke erhöht Nach dem Tod König Ruprechts III. wurde der Waldsassener Abt Konrad II. von ihm feindlich gesinnten Mönchen abgesetzt und von Bartholomäus Ermesreuther als Abt abgelöst. Konrad begab sich unter dem Schutz des Pfalzgrafen Johann auf die Burg Falkenberg, sein Widersacher Bartholomäus bat Friedrich VI. von Nürnberg um Schutz, der Tirschenreuth mit Truppen besetzen ließ. 1414 zog Pfalzgraf Johann mit Söldnern heran und belagerte die Stadt. Nach kurzer Zeit der Belagerung ließ der Pfalzgraf den Staudamm des unteren Stadtteiches abgraben und konnte so in den Ort eindringen und sämtliche Gegner gewaltsam vertreiben.Joseph Wilhelm Wittmann: Einige Notizen zur Geschichte der Stadt Tirschenreuth: Tirschenreuth im Wandel der Zeiten, 1855, 2006 neu aufgelegt, S. 30.

Die Hussitenkriege trafen auch das Kloster Waldsassen und das Stiftland schwer. Beim Einmarsch des Reichsheeres in Böhmen 1422 war Tirschenreuth Hauptquartier und Quartier für einen Teil der Streitkräfte und beim Einfall der Hussiten im Jahr 1428 wurden Tirschenreuth und viele Märkte und Dörfer überfallen, niedergebrannt und ausgeraubt. Bei einem erneuten böhmischen Einfall um das Jahr 1462 in das Gebiet Waldsassen erlitt Tirschenreuth erheblichen indirekten Schaden und wurde nach einem Hilferuf des Abtes an den Pfalzgrafen Otto II. und den bayerischen Herzog Ludwig IX. mit pfälzischen Truppen besetzt. Im Juli 1475 zerstörte der erste größere Brand die Hälfte der Stadt.

Während des Landshuter Erbfolgekrieges (1504/1505) stand das Stift Waldsassen und seine Besitzungen unter dem Schutz des Pfalzgrafen Ruprecht von der Pfalz und hatte somit nördlich und westlich seines Herrschaftsgebietes Feinde, die in das Stiftland einfielen, mordeten und plünderten. Als im Jahr 1504 der Hauptmann und Pfleger von Wunsiedel, Alexander von Lüchau, das Kloster in Waldsassen plünderte, floh der Abt Georg I. nach Tirschenreuth. Inwieweit die Stadt in dem Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist nicht bekannt. Nach einigen Jahren des Friedens entbrannte 1522 erneut ein Streit um die Schutzherrschaft des Klosters zwischen dem Pfalzgrafen und Kurfürsten Friedrich II. und den Äbten, was schließlich mit der Flucht des Abtes Nikolaus V. endete. Friedrich II. ließ seinen Amberger Landrichter mit Soldaten in Tirschenreuth einrücken und betraute eigene weltliche Personen mit der Verwaltung der Stadt; 1525 kam der Kurfürst selbst nach Tirschenreuth und ließ sich als Landesherr huldigen. Abt Nikolaus V., der mittlerweile wieder nach Waldsassen zurückgekehrt war, wandte sich an das kaiserliche Kammergericht in Esslingen am Neckar und bewirkte, dass die Herrschaft über das Stiftland wieder an das Kloster zurückgegeben werden musste.Joseph Wilhelm Wittmann: Einige Notizen zur Geschichte der Stadt Tirschenreuth: Tirschenreuth im Wandel der Zeiten, 1855, 2006 neu aufgelegt, S. 44. Die Herrschaft des Klosters währte allerdings nicht lange, denn schon 1543 besetzte Friedrich II. erneut das Kloster in Waldsassen und der neue Abt willigte gezwungenermaßen ein, ihn als Landesherrn anzuerkennen, die Selbstständigkeit des Stiftes endgültig aufzugeben und die evangelisch-lutherische Konfession anzunehmen. Während Friedrich II. noch keine gewaltsamen Eingriffe in die Religionsangelegenheiten der Bevölkerung des Stiftlandes vornahm, tat dies sein Nachfolger Ottheinrich umso eifriger. Kurze Zeit nach seinem Amtsantritt im Jahr 1556 schickte er den ersten protestantischen Prediger nach Waldsassen. So kam es, dass sich zum Zeitpunkt seines Todes 1559 bereits viele der Bürger zu der neuen Religion bekannten.Joseph Wilhelm Wittmann: Einige Notizen zur Geschichte der Stadt Tirschenreuth: Tirschenreuth im Wandel der Zeiten, 1855, 2006 neu aufgelegt, S. 50.

Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Waldsassen ließ sich der Herzog Reichard von Pfalz-Simmern in Tirschenreuth nieder, wo er im Fischhof wohnte, sorgte für eine Verbesserung der Straßen und Wege und verschaffte den Bürgern Vorteile im Handel, bevor er wieder in sein Fürstentum Simmern zurückkehrte.

Ermordung von Valentin Winsheim mini|hochkant|Bildnis von Valentin Winsheim nach seiner Ermordung durch die Bürger der Stadt Nachdem Pfalzgraf Friedrich IV. an die Macht gekommen war, bemühte er sich, seinen Untertanen, die erst vor einigen Jahrzehnten dem Katholizismus abschwören hatten müssen, den Calvinismus aufzuzwingen, was in der Bevölkerung auf erheblichen Widerstand stieß.Brunner Johann, Gleißner Max: Geschichte der Stadt Tirschenreuth. 1933, 1982 neu aufgelegt, S. 52. So schickte die Amberger Regierung den Oberamtmann Valentin Winsheim ins Stiftland, um die Beschlüsse und Anweisungen des Pfalzgrafen umzusetzen. Am Abend des 24. Februar 1592 spitzte sich der Konflikt zwischen den Bürgern der Stadt und dem pfälzischen Beamten Winsheim in dem Maße zu, dass er drohte, den Ort anzuzünden, wenn sie nicht seinen Anordnungen Folge leisten würden. Valentin Winsheim wurde schließlich von einem wütenden Mob auf dem Marktplatz mit Gewehren, Hellebarden und Spießen totgeschlagen.

Die Folgen dieses Mordes waren schwerwiegend für den Ort. Zunächst wurden die Bürgermeister und Räte abgesetzt, der Stadt alle Rechte entzogen und eine Untersuchungskommission zur Untersuchung des Tathergangs eingesetzt. Die Haupttäter flohen bereits kurz nach der Tat ins benachbarte Böhmen.

Zwei Jahre lang ruhten die Untersuchungen, bevor 1594 wieder eine Kommission eingesetzt wurde. Nach dem Verhör von mehr als hundert Zeugen wurden die Ergebnisse an die Regierung in Heidelberg gesandt, die sie zur Beurteilung an mehrere Universitäten weiterleitete. Die juristische Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg teilte mit, man solle sechs der Hauptbeteiligten mit dem Schwert töten. Aus Ingolstadt wurde empfohlen, einen der Täter zu rädern, vier durch das Schwert zu töten und einen an der Pranger zu stellen und ihn anschließend des Landes zu verweisen. Die Universität Altdorf entschied, man sollte fünf der Männer mit dem Schwert richten und einen mit Landesverweis bestrafen. Die Philipps-Universität Marburg kam zu dem Ergebnis, dass vier Männer gerädert und zwei durch das Schwert getötet werden sollten.Brunner Johann, Gleißner Max: Geschichte der Stadt Tirschenreuth. 1933, 1982 neu aufgelegt, S. 61. Die Regierung wartete aber nicht auf die Beurteilungen der Universitäten, sondern entschied selbst über die Strafen der Schuldigen.