Die Schleswig-Holsteinische Bibelgesellschaft wurde 1815 in Schleswig gegründet. Sie dient bis heute als Bibelgesellschaft im Bereich des Sprengels Schleswig und Holstein der Nordkirche nicht dem Druck eigener Bibeln, sondern vor allem der Verbreitung andernorts gedruckter Bibeln sowie bibelpädagogischen Aktionen. Sie war von 1980 bis 2012 Mitglied des Vereins „Nordelbische Bibelgesellschaften e. V.“. Sie ist an der Vollversammlung der Deutschen Bibelgesellschaft beteiligt.https://www.die-bibel.de/ueber-uns/regionale-bibelgesellschaften/

Vorgeschichte: Die Schleswiger Bibel

Die Herzogin-Witwe Maria Elisabeth von Schleswig-Holstein-Gottorf veranlasste 1664 den Druck einer Vollbibel in Schleswig. Die in nicht mehr als 100 Exemplaren gedruckte Lutherbibel erfreute sich besonderer Beliebtheit. Sie diente hauptsächlich den Mitgliedern und Gästen des Schlosses vor Husum, wohin sich Maria Elisabeth zurückgezogen hatte. Mehrere Exemplare gerieten aber auch in die evangelischen Kirchengemeinden Schleswig-Holsteins, waren doch aufgrund des leidigen Kriegswesens (Niedersächsisch-Dänischer Krieg 1625–1629; dänisch-schwedischer Krieg 1658–1660) viele Kirchen im Lande ihrer Bücher und besonders auch ihrer Bibel beraubt worden. Der Text der Bibel folgt der Lutherbibel von 1545 und wurde gedruckt von Johann Holwein, fürstlich bestallter Buchdrucker in Schleswig.

Geschichte Anfänge Den ersten Anstoß zur Gründung einer Schleswig-Holsteinischen Bibelgesellschaft gab der Besuch des Auslandssekretärs der British and Foreign Bible Society (BFBS), des Pfarrers Carl Friedrich Adolf Steinkopf (1773–1859), in Emkendorf. Krieg tobte auf dem europäischen Kontinent, als Pfarrer Steinkopf im Herbst 1812 seine erste Reise, von London kommend, auf das europäische Festland antrat. Napoleon war auf dem Marsch nach Moskau und hatte mit der Kontinentalsperre seit November 1806 die europäischen Häfen für alle Schiffe aus England gesperrt.

Um seine Mission für die Gründung von Bibelgesellschaften auf dem Kontinent ausführen zu können, reiste Steinkopf mit einem schwedischen Reisepass von Harwich nach Göteborg und dann durch Dänemark nach Deutschland. Sein Ziel war, die aktuelle Bibelnot zu lindern und an allen Orten Menschen zu gewinnen, die diese Not zu ihrer eigenen Sache machten. Als ehemaliger Sekretär der Basler Christentumsgesellschaft, die sich ebenfalls den rationalistischen Bestrebungen der Aufklärung entgegenstellte, kannte Pfarrer Steinkopf die Anschriften von Christen, die nicht nur seine Überzeugung, sondern auch seinen Auftrag mit Aufgeschlossenheit teilten.

Für die geistliche Grundlage und die personelle Basis des biblischen Anliegens in Schleswig-Holstein war die Begegnung Steinkopfs mit Fritz und Julia von Reventlow und dem Landgrafen Carl von Hessen von großer Bedeutung.

Gründungsjahre Die Jahre 1814 und 1815 spielen in der Gründungsgeschichte der norddeutschen Bibelgesellschaften eine bedeutende Rolle. Nachdem am 31. Mai 1814 durch die Verträge von Paris der Friede in Europa eingekehrt war und Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. nach London gereist waren, um England für die Hilfe zu danken, die es im Befreiungskampf geleistet hatte, ergaben sich auch für die Gründungen von Bibelgesellschaften neue Aspekte, besonders da sich die Herrscher mit den Vertretern der BFBS in England getroffen hatten. In Lübeck (1814), Hamburg-Altona (1814), Bremen (1815), Mecklenburg-Schwerin (9. Januar 1816) waren schon Bibelgesellschaften entstanden. Die letzte große Bibelgesellschaft, die 1815 gegründet wurde, war die in der Stadt Schleswig für die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein. Beide Herzogtümer wurden vom dänischen König in Personalunion als Herzog regiert, wobei Schleswig ein Reichs- und Königslehen Dänemarks und Holstein bis 1806 Lehen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen waren. Beide Territorien gehörten somit zum Machtbereich des dänischen Königs (Dänischer Gesamtstaat), waren staatsrechtlich aber unterschiedlich ausgerichtet. Sprachlich war Holstein deutschsprachig, während in Schleswig sowohl Deutsch, Dänisch als auch Nordfriesisch verbreitet war, wobei das Dänische und Friesische in großen Teilen des südlichen Schleswigs in der Neuzeit vom Deutschen als Umgangssprache abgelöst worden war.

Generalsuperintendent Adler Was bewog den Generalsuperintendenten Adler, den Gedanken an eine Bibelgesellschaft im März 1815 zum Tragen zu bringen? Da die fremden Truppen bis zum endgültigen Friedensschluss mit Preußen und Russland, der erst am 8. Februar 1815 erfolgte, in Schleswig-Holstein blieben, hatten die Bewohner unter der Besatzung schwer zu leiden. Alle Erlebnisse der Kriegs- und Besatzungsjahre waren dazu angetan, die Missstimmung gegen Dänemark und die Hoffnung auf Deutschland zu nähren. Wie einst dem römisch-deutschen Reich, so gehörte Holstein seit 1815 dem Deutschen Bunde an, nicht aber Schleswig, das ein dänisches Lehen verblieb. Zweifellos diente die Schleswig-Holsteinische Bibelgesellschaft, wenn auch nicht ausdrücklich gewollt, dem national deutsch-orientierten schleswig-holsteinischen Gedanken, der in den Vorreden der ersten Jahresberichte auch immer wieder zum Ausdruck gelangte.

Die lutherische Geistlichkeit in den Herzogtümern war in zwei theologische Lager gespalten. Der pietistisch geprägten lutherischen Orthodoxie standen die Vertreter des Vernunftglaubens gegenüber. Das galt vor allem für den Schleswiger Generalsuperintendenten Adler, der von vielen als der Vater des Rationalismus im Lande angesehen wurde. Adler war Orientalist und Theologe. An der Universität Kopenhagen hatte er einen Lehrstuhl für die syrische Sprache gehabt, war dann deutscher Hofprediger in Kopenhagen geworden und schließlich Generalsuperintendent für Schleswig, 1806 auch für Holstein. Adler war sicherlich ein fortschrittlicher Theologe, aber keineswegs ein Revolutionär. Durch eine Veröffentlichung im Schleswiger Wochenblatt lud er zu einer Versammlung auf den Sonntag Lätare, den 5. März 1815, ein, um nach dem Muster der englischen Bibelgesellschaft und der beiden deutschen Gesellschaften in Lübeck und Hamburg eine Bibelgesellschaft zu gründen. Obwohl er die Dänische Bibelgesellschaft dabei nicht erwähnte, hat zweifellos die Tatsache, dass es bereits seit dem 22. Mai 1814 in Kopenhagen eine Bibelgesellschaft gab, eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, wollte man doch auch auf dem religiösen Gebiet eine gewisse Unabhängigkeit anstreben.

Die ersten Jahresberichte Aus dem ersten Jahresbericht von 1817:

Das Interesse an der Bibelgesellschaft wuchs, wie man aus den ständig ansteigenden Mitgliederzahlen erkennen kann. Als erste Mitglieder hatten sich der königliche Statthalter, der Landgraf Carl von Hessen, und die Landgräfin Louise eingetragen. Dazu gesellten sich „der damalige Prinz und jetzige Herzog von Holstein-Beck und seine Frau Gemahlin und die übrigen auf Gottorf und zu Schleswig anwesenden Mitglieder“. Im ersten Jahr konnte die Bibelgesellschaft 356 Mitglieder verzeichnen, unter ihnen viele Kirchenpröpste, Pastoren und die Mitglieder des Adels, wie die von Ahlefeld, von Baudissin, von Brockdorff, von Bülow, von Krogh, von Moltke, von Qualen, von Rantzau, von Rumohr. Unter den Pastoren erscheint auch der Name „Harms, Prediger in Kiel“.

Ihre primäre Aufgabe sah die Bibelgesellschaft in der Beschaffung und Verbreitung von preisgünstigen Bibeln und in der Unterstützung von örtlichen Hilfs-Bibelgesellschaften und Bibelvereinen, die in den Propsteien und Kirchengemeinden in den Herzogtümern gegründet wurden.

Schon im ersten Jahr vertrieb die Bibelgesellschaft 3.266 Schriften, deutsche und dänische Hausbibeln, deutsche Schulbibeln und 215 Exemplare des Jesus Sirach, einer apokryphen Schrift, die für mehrere Jahre im schleswig-holsteinischen Raum sich einer gewissen Beliebtheit erfreute.Hermann Barth: Freude verlängert Leben. Nützlich, lustig, geistreich: Die Weisheit des Jesus Sirach. (Texte für die Seele, edition chrismon), Hansisches Druck- und Verlagshaus, Frankfurt am Main 2010, S. 56–63, 199–203.

Im August 1818 erteilte Frederik VI. dem 1810 von Kiel nach Schleswig-Friedrichsberg verlegten Taubstummeninstitut Georg Wilhelm Pfingstens das Privileg für eine Druckerei. Es erhielt ausdrücklich die Erlaubnis zum Druck „einer deutschen Lutherischen Bibel ohne Anmerkungen mit Stereotypplatten“.

Inzwischen war nach einem Jahr die Zahl der Mitglieder der Bibelgesellschaft auf 415 gewachsen, und die 85 Bibelvereine und elf Hilfsbibelgesellschaften in den beiden Herzogtümern meldeten regelmäßig nach Schleswig ihre beträchtlichen Bibelumsätze. Von der Cansteinschen Bibelanstalt erhielt man aufgrund der Nachfrage fast genauso viele Ausgaben des apokryphen Jesus Sirach (612) wie Neue Testamente (620). Auch sollten nach dem Wunsch der Schleswig-Holsteiner die Sprüche Salomos mit dem Jesus Sirach als Anhang zum Neuen Testament geliefert werden. Waren jene biblischen Kombinationen möglicherweise ein Spiegelbild der aufklärerischen Frömmigkeit, wie sie besonders in den norddeutschen Städten verbreitet war?

Schon vier Jahre nach der Gründung stellte der Verwaltungsausschuss fest, dass die Schleswig-Holsteinische Landesbibelgesellschaft so bedeutend an Festigkeit gewonnen hatte, dass „der Bibelfreund sich getrost der Hoffnung überlassen darf, sie werde, so Gott will, nicht nur nicht leicht jemals wieder zu Grunde gehen, sondern sie werde auch durch das bereits durch sie Bewirkte für eine lange Folgezeit unserm Vaterlande in mehr als einer Rücksicht Heil bringen“.

Ziele Für die Schleswig-Holsteinische Bibelgesellschaft, dem englischen Beispiel folgend, ergab sich „ein dreyfaches Ziel“, nämlich die Befriedigung des Ortsbedürfnisses, des Landesbedürfnisses und des Weltbedürfnisses. Hier finden wir die ersten Ansätze für eine „Weltbibelhilfe“, war es doch auch jene Epoche, die in Europa von einem missionarischen Eifer geprägt war. Allein 1.000 Bibeln wurden an die Russische Bibelgesellschaft nach St. Petersburg geschickt. Wie der Bibelbestand der Bibliothek ausweist, existierten sehr gute Beziehungen zu der vom Zaren geförderten Russischen Bibelgesellschaft (1813 bis 1826), die 1820 allein 289 Bibelgesellschaften umfasste und die Bibel in 41 Sprachen für den Vielvölkerstaat Russland verbreitete.

In den ersten sechs Jahren wurden 24.123 Bibeln und Testamente verbreitet. Bibelsendungen nach Philadelphia, Pennsylvanien, gingen an jene deutschen Glaubensbrüder, deren Vorfahren 1683 die erste deutsche Stadt in Nordamerika, Germantown, vor den Toren Philadelphias gegründet und sich dem Pietismus verschrieben hatten.

Eine wesentliche Aufgabe der Landesbibelgesellschaft war die Betreuung von Hilfsbibelgesellschaften, die zum Teil schon älter waren als die Landesbibelgesellschaft. Diese sollten das Bedürfnis nach Bibeln feststellen und befriedigen. Eine Reihe von ihnen gab jährlich gedruckte Berichte ihrer Tätigkeit heraus. Auffallend dabei ist, dass Orte, die später von großer Bedeutung für die Landeskirche wurden, wie Breklum, Kropp, Hademarschen, schon damals eine besondere Lebendigkeit zeigten; ein Zeichen, dass spätere Gründernaturen wie Christian Jensen (Mission) und Johannes Paulsen (Diakonie) schon mit einer mitarbeitenden Gemeinde rechnen konnten.

Jubiläum und Streit