mini|Klassische Deflationsspirale Deflationsspirale bezeichnet einen sich selbst verstärkenden konjunkturellen Abwärtstrend. Eine klassische Deflationsspirale wird aufgrund sinkender Preistendenz initiiert. Dieser Kausalzusammenhang ist allerdings stark vereinfacht und unvollständig, denn zuvor müssen bereits Ereignisse stattgefunden haben, die eine sinkende Preistendenz auslösen bzw. die die Erwartung einer sinkenden Preistendenz ausgelöst haben. Beispiele aus der Wirtschaftsgeschichte weisen auf unterschiedliche Auslöser hin.

Theoretische Herleitung Während eines Goldstandards war restriktive Geldpolitik notwendig, wenn Gold aufgrund von Leistungsbilanzdefiziten ins Ausland abfloss, um aufgrund eines sinkenden Geldangebots im Inland Kreditangebot, Geldmenge und Preise zu senken und aufgrund der gesunkenen Löhne und Preise die Handelsbilanz sowie Goldzufluss (aus dem Ausland) zu aktivieren. Hans Gestrich schrieb 1936: „Daß man durch Erhöhung oder Ermächtigung des Satzes, zu dem die Notenbank Wechsel diskontiert, das Preisniveau beeinflussen kann, ist eine Weisheit, die über hundert Jahre alt ist. Die traditionelle Kreditpolitik betrachtete diese Wirkung unter dem Gesichtspunkt des Währungsschutzes. Indem man durch Diskonterhöhung das Preisniveau drückt, wirkt man auf die Zahlungsbilanz im Sinne einer Aktivierung, ‚verbessert‘ den Wechselkurs und zieht – falls international das Goldwährungssystem vorherrscht – Geld aus dem Ausland heran. Die Erkenntnis dieses Zusammenhanges hat lange Zeit hindurch die Diskontpolitik zum klassischen Instrument der Notenbankpolitik gemacht. Dabei hat sich schon seit langem die Erkenntnis aufgedrängt, daß die Festsetzung des Diskonts unter dem Gesichtspunkt des ‚Schutzes der Währung‘ häufig genug mit den inneren Wirtschaftsbedürfnissen nicht im Einklang steht.“Hans Gestrich: Neue Kreditpolitik. Stuttgart und Berlin 1936. (PDF) S. 56.

Wilhelm Lautenbach schrieb 1937, dass sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sowie Produktivität der Unternehmen genau umgekehrt verhaltenWilhelm Lautenbach: Über Kredit und Produktion. Frankfurt 1937. S. 18:Wie funktioniert der Kreditapparat, wenn der Staat große Ausgaben durch Kredit finanziert? Woher kommen die Mittel?„Die meisten, die die Frage stellen, und es sind keineswegs nur Laien, haben dabei die Vorstellung, als gäbe es irgendeinen begrenzten Vorrat an Geld oder Kredit. Mit dieser Vorstellung verknüpft sich gewöhnlich die besorgte Frage, ob der Staat durch seine Kreditansprüche nicht der Wirtschaft den Kredit verknappe. In Wahrheit verhält es sich aber genau umgekehrt. Wenn der Staat in großem Stil Kredit nimmt, wird die ganze Kreditwirtschaft aufgelockert. Die Geld- und Kreditmärkte werden flüssig, die Unternehmer werden liquide, ihre Bankkredite nehmen ab, die Geschäftsdepositen steigen […].“. Volkswirtschaften, die über ein generelles Leistungsbilanzdefizit verfügen (und damit Leistungsbilanzüberschüsse anderer Staaten finanzieren) sowie deren kreditgewährende Institute unterliegen einem tendenziellen Liquiditätsproblem und sind insofern von ausländischem Kapital abhängigSachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 1966/67: Expansion und Stabilität (PDF; 6,9 MB) S. 87, Ziffer 154:„Wenn aus irgendwelchen Bereichen, und das gilt für alle Kredit- und Kapitalmärkte, Mittel abströmen (Defizitbereiche), so daß hier [zum Beispiel bei den inländischen Kreditinstituten] ein Finanzierungsbedarf entsteht, gibt es notwendig andere Bereiche oder Stellen denen diese Mittel zuströmen (Überschußbereiche); dabei decken die Mittel, die dem einen zuströmen, ihrem Betrag nach selbstverständlich stets genau den Finanzierungsbedarf der anderen. So kann die Entwicklung des Marktklimas (Zinssätze, sonstige Konditionen, Knappheitslagen) an allen Geld-, Kredit- und Kapitalmärkten, also auch am Bankengeldmarkt, nie allein aus der Entwicklung der Beträge und der Vorzeichen irgendwelcher Salden (Defizite, Überschüsse; Finanzierungsbedarf hier, Betrag anlagefähiger Mittel dort) hergeleitet oder erklärt werden. Entscheidend für das Finanzierungsklima ist vielmehr selbst nach Auftreten noch so großer Defizite ausschließlich, ob und zu welchen Konditionen die Überschußbereiche bereit und in der Lage sind, die ihnen zuströmenden Mittel den Defizitbereichen wieder zur Verfügung zu stellen.“. Um die Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern zu reduzieren, kann es insofern angebracht sein, zu drastischer Sparpolitik überzugehen (gerade dann, wenn Wechselkursabwertungen nicht gewünscht oder möglich sind), woraus üblich DeflationstendenzReuters, 13. Februar 2014: : „The threat of deflation across the euro zone is more serious than the European Central Bank claims, as austerity imposed on peripheral economies is already pushing prices lower.“ resultiert.

Das Platzen von (zumeist kreditfinanzierten) Spekulationsblasen (Vermögensdeflation) entwickelt insbesondere dann bedrohliche Tendenz (siehe auch Bilanzrezession), wenn sowohl GeldpolitikHans Gestrich: Kredit und Sparen. Jena 1944. (PDF; 66,9 MB) S. 98:„Wenn die Kreditpolitik nun nicht eingreift, indem sie durch Senkung des Geldzinses die Kreditbeananspruchung für Investitionen anregt, so beginnt der WICKSELLsche Prozeß nach unten.“ als auch Fiskalpolitik es versäumen abmildernd (ausgleichend expansiv) einzugreifenSachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2012/13: Stabile Architektur für Europa – Handlungsbedarf im Inland (PDF; 4,9 MB) S. 93, Ziffer 148:„Zu einer solchen Konstellation kann es vor allem nach einer Finanzkrise kommen, wenn die Banken im Rahmen des Deleveraging nicht in der Lage sind, in größerem Umfang Kredite zu vergeben und der Privatsektor bestrebt ist, seine Bilanzen durch Geldersparnis zu reparieren. Diese Pläne lassen sich im Aggregat jedoch nur dann realisieren, wenn der Staat bereit ist, die dazu erforderliche Gegenposition als Schuldner einzunehmen.“Hans Gestrich: Kredit und Sparen. Jena 1944. S. 100: „Der Staat selbst muß Kredit nehmen, um zusätzliche Ausgaben zu finanzieren und auf diese Weise den Weg anzubahnen, der zum Ausgleich des Ungleichgewichtes zwischen Sparen und Kredit führt.“.

Die Schuldendeflation wurde als eigentliche Ursache der Deflationsspirale zuerst 1933 von Irving Fisher beschrieben und 1983 von Ben Bernanke vertieft. Demnach führt ein Preisverfall (Deflation) zu sinkenden Nominaleinkommen. Da die nominale Höhe der Schulden und der geschuldeten Zinsen unverändert bleibt, führt die Schuldendeflation zu einer Erhöhung der realen Schuldenlast. Dies kann zu einer Deflationsspirale führen: die Erhöhung der realen Schuldenlast verursacht eine Kreditklemme und die Insolvenz einiger Schuldner. Dies führt zu einer Verringerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und somit zu einer weiteren Verringerung der Preise (Verschärfung der Deflation). Dies wiederum führt zu noch weiter fallendem Nominaleinkommen und damit zu einer noch stärkeren Erhöhung der realen Schuldenlast. Dies führt zu weiteren Insolvenzen und so weiter.Randall E. Parker: Reflections on the Great Depression. Edward Elgar Publishing, 2003, ISBN 978-1-84376-550-9, S. 14. Es gibt eine starke empirische Validität, dass die Schuldendeflation eine wesentliche Ursache der Weltwirtschaftskrise war.Randall E. Parker: Reflections on the Great Depression. Edward Elgar Publishing, 2003, ISBN 978-1-84376-550-9, S. 15.

Auslöser/Verstärker Sinkende Nettokreditaufnahme öffentlicher Haushalte (komplementäre Sektoren erhalten daraus weniger Einnahmen).Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy: Angewandte Makroökonomie. Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen. 5. Auflage. München 2013. (online) S. 324: „Der Staat trägt sogar zu einer Deflation bei, wenn er durch Sparmaßnahmen seine Nachfrage stark einschränken muss.“Wolfgang Stützel: Zum Einfluß der öffentlichen Verschuldung auf den Kapitalmarktzins. In: Staatsverschuldung Kontrovers. Köln, 1981, S. 50–51: „Im Zuge jeder Erhöhung der staatlichen Nettokreditaufnahme, d. h. erhöhter staatlicher Ausgabenüberschüsse (verglichen mit dem vorangegangenen Zeitraum oder mit vorher bestehenden Plänen), erhöht sich also der Einnahmeüberschuß der Gesamtheit aller übrigen Wirtschaftssubjekte in genau dem gleichen Maße; bei einigen von ihnen spiegelt sich dies in Form höherer Einnahmeüberschüsse, bei anderen in Form niedrigerer Ausgabenüberschüsse wider.“ Ausgabenzurückhaltung der privaten Haushalte (Schuldner) bzw. Erhöhung des Sparaufkommens (Erhöhung der Sparquote: Erhöhung der Transaktions- sowie der Vorsichtskasse) an liquiden Mitteln der privaten Haushalte.Wolfgang Stützel (Hrsg.), Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. Tübingen 1952. S. 91: „Da es nun aber beobachtungs- und erfahrungsgemäß genau umgekehrt ist, da die Ersparnisse von Nichtunternehmern insgesamt noch wachsen, so ist von dieser Seite her nur noch eine weitere Illiquidisierung der Wirtschaft zu erwarten.“ Rückzug der Privaten aus weniger liquiden Veranlagungsformen (siehe auch Liquiditätsfalle), typischerweise auch aus Unternehmensanleihen (erhöhte Konsolidierungsprobleme der Unternehmen).Vgl. Hans Gestrich: Kredit und Sparen. Jena 1944. Investitionszurückhaltung der UnternehmenWilhelm Lautenbach, 16. September 1931 auf der Geheimkonferenz in Berlin. In: Wirtschaftspolitik in der Krise. Die (Geheim-)Konferenz der Friedrich List-Gesellschaft im September 1931 über Möglichkeiten und Folgen einer Kreditausweitung. (Hrsg. Knut Borchardt, Hans Otto Schötz) Baden-Baden 1991. S. 231 f : „Heute haben Sie die Tatsache, daß alle deutschen Unternehmungen sämtlichen Ersatzbedarf beinahe gestoppt haben.“ (bemerktes und weiterhin erwartetes Nachlassen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage sowie vorsichtshalber Ausgabenzurückhaltung und Personalabbau,Deutsche Bundesbank, 19. Dezember 2013: : „Während die Unternehmen nunmehr weniger und zu niedrigeren Preisen absetzen, bleiben die Kosten für Löhne und Gehälter, weil sie vertraglich vereinbart sind, zunächst stabil. Dies führt zu einem Rückgang der Unternehmensgewinne. Die Unternehmen fahren ihre Produktion weiter zurück, auf neue Investitionen wird verzichtet und Mitarbeiter werden entlassen. Manche Unternehmen müssen sogar Insolvenz anmelden. Schließlich werden die Löhne und Gehälter an die neuen Bedingungen angepasst und gesenkt. Sinkende Einkommen und steigende Arbeitslosigkeit lassen die Nachfrage der privaten Haushalte noch weiter fallen. Die Wirtschaft verliert damit immer mehr an Kraft, ein sich selbst verstärkender Abschwung kann die Folge sein.“ sinkende Produktion, vorsichtshalber Bemühungen der Unternehmen um Erhöhung ihrer Liquidität – erhöhte KreditrückleistungsbemühungenSachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 1967/68. (PDF; 5,6 MB) S. 98, Ziffer 191:„Ähnliches gilt für die Unternehmen. Die Finanzierungsschwierigkeiten des Jahres 1966 haben sie zwar veranlaßt, Investitionsvorhaben zu vertagen und Läger abzubauen, aber reichlicheres Geldangebot allein hat sie 1967 nicht bewegen können, wieder mehr zu investieren. Waren 1966 finanzielle Erwägungen ausschlaggebend, so 1967 die Absatz- und Gewinnaussichten. Und wo Finanzierungserwägungen nach wie vor im Vordergrund standen, wie bei Unternehmern, denen die Rezession die Risiken hoher Verschuldung drastisch vor Augen führte, wirkte das reichliche Angebot von Leihgeldern vielfach nicht als Anreiz für zusätzliche Sachinvestitionen, sondern als willkommene Möglichkeit, die bestehende Verschuldung zu konsolidieren.“ – sinkende Nettokreditaufnahme des Unternehmenssektors).Carl Föhl: Geldschöpfung und Wirtschaftskreislauf. München und Leipzig 1937. S. 329: