mini|Vitos Herborn, Verwaltungsgebäude

Vitos Herborn ist eine psychiatrische und psychosomatische Klinik in Herborn, die im Jahr 1911 als Landes-Heil- und Pflegeanstalt gegründet wurde. Die Anlage beherbergt das Klinikum, den begleitenden psychiatrischen Dienst, die Schule für Gesundheitsberufe Mittelhessen und ein Psychiatriemuseum. Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz.

Lage und Beschreibung Der Kern der Anlagen beschränkt sich auf das Gelände südlich der Straße Zum Rehberg und westlich der Austraße in Herborn. Es befindet sich auf dem Osthang des Rehbergs und zeigt sich entsprechend absteigend. Geprägt wird es von dem umfangreichen Baumbestand auf dem Gelände.

Als Sachgesamtheit steht die Bebauung des Areals unter Denkmalschutz.Austraße 40a. In: Baudenkmale in Hessen Lahn-Dill-Kreis I, Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Verlag Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig/Wiesbaden 1986, S. 254–255. Der Zugang zum Gelände liegt bei dem an der Austraße gelegenen Verwaltungsgebäude. Gekennzeichnet ist die Architektur der Gebäude durch die steilen Walmdächer, den Verzicht auf historistische Architekturformen, die Versuche, quasi ornamentale Gebäudeformen aus Details zu entwickeln (z. B. die in der Fassadenfront hervortretenden Treppenhäuser), und die konsequente freistehende Anordnung der Gebäude.

mini|hochkant|Tunnelanlage des Heizkraftwerks Verbunden werden die Gebäude durch Tunnel, die von dem alten Heizgebäude ausgehen. Bekannt ist, dass die Bewohner während Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg in diesen Schächten Schutz suchten.

Organisation Vitos Herborn ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die Trägergesellschaft von sechs Einrichtungen: Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Vitos Klinik für Psychosomatik Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Herborn Vitos begleitende psychiatrische Dienste Herborn Vitos Schule für Gesundheitsberufe Mittelhessen (Schulstandorte in Herborn und Hadamar)

Vitos Herborn ist eine Tochtergesellschaft der Vitos GmbH, deren Alleingesellschafter der Landeswohlfahrtsverband Hessen ist.

Geschichte Gründung als Landes-Heil- und Pflegeanstalt mini|Siegelmarke Landes-Heil- und Pflege-Anstalt Herborn Die Geschichte von Vitos Herborn beginnt mit der Gründung als Landes-Heil- und Pflegeanstalt im Jahr 1911. Sie war dem kontinuierlichen Anstieg der Zahl von Menschen geschuldet, die in psychiatrischen Anstalten untergebracht waren. Deren Zahl hatte sich in der reichsweiten Betrachtung von 40.375 im Jahr 1877 auf 120.872 im Jahr 1901 nahezu verdreifacht.Bastian Adam: Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Herborn 1911–1918. In: 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. S. 36. Vor diesem Hintergrund hatte der Bezirksverband Wiesbaden bereits 1903 eine Ausschreibung gestartet, die die Suche von Baugrund in der Größe von 100 bis 120 Morgen umfasste. Da für die Verwirklichung einer psychiatrischen Anstalt im modernen Pavillonstil, wie er in Deutschland erstmals bei den Anstalten in Marburg und Düsseldorf-Grafenberg realisiert worden war, mehr Grundfläche benötigt wurde, speziell um langfristig Wirtschaftlichkeit und Aufnahmekapazität zu sichern, folgte eine zweite Ausschreibung, die 400 bis 500 Morgen Land umfasste. Von zwanzig Gemeinden, die sich an der Ausschreibung beteiligten, kamen drei in die nähere Auswahl: Montabaur, Hadamar und Herborn. Maßgeblich hierfür waren viele Anforderungen, unter anderem eine gute Bahnanbindung, eine hohe Bodenqualität für die Landwirtschaft, sichere Wasserversorgung, aber auch die Zugänglichkeit höherer Schulen für die Kinder der Ärzte und des Direktors. Die Entscheidung fiel letztlich für Herborn, da die Stadt den Bau eines neuen Wasserwerks zusicherte und das Bauland teilweise kostenlos überließ.Bastian Adam: Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Herborn 1911–1918. In: 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. S. 38.

Der Kommunallandtag beschloss am 27. April 1906 den Bau der drittenEigentlich war es die vierte nach Weilmünster (eröffnet 1897), Eichberg (eröffnet 1903) und Hadamar (war 1906/07 gerade im Umbau). psychiatrischen Anstalt in Herborn. Als Architekten wurden die mit dem Krankenhausbau erfahrenen und national wie international angesehenen Berliner Architekten Heino Schmieden und Julius Boethke beauftragt. Die Baukonzession wurde im Januar 1908 erteilt. Nach dreijähriger Bauzeit fand am 1. März 1911 die offizielle Eröffnung statt. Bezogen wurden die Anstalt durch die ersten Kranken aber erst Ende Juni 1911. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings weite Teile der Anlage noch nicht fertiggestellt.

Erster Direktor wurde Richard Snell, der bis dahin die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster geleitet hatte. Das Personal kam überwiegend aus Bayern und Baden-Württemberg und musste in den ersten Monaten in den Patientensälen schlafen, da die Personalwohnungen noch nicht fertiggestellt waren. Die letzten Gebäude der Neubauphase, das Frauen-Halbruhigenhaus und das Männer-Unruhigenhaus, wurden 1914 fertiggestellt.Bastian Adam: Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Herborn 1911–1918. In: 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. S. 41.

Architektonische Konzeption Grundlage für das architektonische Konzept war der seinerzeit im Krankenhausbau moderne Pavillonstil. Die Anlage wurde für 1000 bis 1200 Kranke ausgelegt. Das Gelände war in Funktionszonen eingeteilt. Dies waren die Patientengebäude, die Personalwohngebäude, der Verwaltungsbereich, der Gutshof mit der Gärtnerei und das Heizwerk.

Die Unterbringung der Patienten in freistehenden Gebäuden auf dem parkartigen Gelände sowie die Schaffung eines zentralen Bereiches mit Festsaal ermöglicht Chancen zu Gemeinschaft wie auch zum gesellschaftlichen Rückzug.

Der Erste Weltkrieg Schon mit der Mobilmachung vor Kriegsbeginn kündigten sich gravierende Einschnitte an der Anstalt an. Diese ergaben sich aus den Einberufungen sowohl von Ärzten als auch von fast allen leistungsfähigen Pflegern. Mit Snell verblieben nur zwei weitere Ärzte, die zudem mit wachsenden Patientenzahlen konfrontiert waren. Den Ersatz bildeten vermehrt aufgrund von körperlichen Gebrechen vom Militärdienst zurückgestellte junge und auch wegen ihres Alters nicht mehr militärpflichtige Männer, die in aller Regel keine Erfahrung im Umgang mit Psychiatriepatienten aufwiesen. Zudem war die Fluktuation sehr hoch, da in den Rüstungsbetrieben deutlich bessere Gehälter gezahlt wurden.Bastian Adam: Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Herborn 1911–1918. In: 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. S. 46. Entsprechend eingeschränkt wurde der Pflegebetrieb.

Die zweite große Problematik während des Krieges war die angespannte Ernährungslage, die in einer Hungersituation an der Anstalt endete. Insgesamt war die Ernährungslage im gesamten Deutschen Reich schlecht; der Krieg wandelte sich schon bald von einem schnellen Bewegungskrieg in einen Stellungskrieg. Die militärische Führung hatte dabei die Kapazitäten der deutschen Landwirtschaft über- und die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten unterschätzt. Nahrungsmittel mussten rationiert werden, ein Zukauf auf dem freien Markt war aufgrund der stark gestiegenen Preise kaum möglich. Dabei standen Bewohner wie auch das Personal psychiatrischer Anstalten auf der Ernährungshierachie ganz unten. Zunächst wurden das Militär oder auch die Arbeiter in Rüstungsbetrieben versorgt.

In Herborn konnte die Situation durch den angegliederten Gutshof etwas entspannt werden, dessen Erträge für die Versorgung der Patienten verwendet wurden. Durch verschiedene Maßnahmen versuchte die Anstaltsleitung in Herborn den Auswirkungen der Unterversorgung zu begegnen, wie durch die Einführung fleischloser Tage oder die Herabsetzung der Brot- und Kartoffelzuweisungen. Ab 1916 war die Ernährungslage aber schon so schlecht, dass Löwenzahn, Komfrey und Runkelrüben zur Versorgung der Patienten herangezogen wurden, um zumindest eine weitere Gewichtsabnahme der Menschen zu verhindern. Die katastrophale Ernährungslage gipfelte reichsweit im Steckrübenwinter 1916/17. Während 1914 bei einem Patientenbestand von 448 Menschen 63 Todesfälle registriert wurden, waren dies bei 1917 bei einem Bestand von 428 Menschen 170 Tote.Bastian Adam: Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Herborn 1911–1918. In: 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. S. 44, 52. Dramatisiert wurde die Situation durch das Auftreten der Spanischen Grippe, die in ihren drei Wellen auch die Anstalt Herborn traf. In ihrem durch die Mangelernährung geschwächten Zustand traf diese Grippe die Bewohner besonders, so dass auch 1918 nochmals 89 Todesfälle notiert wurden, bei einem deutlich zurückgegangenen Patientenbestand von lediglich 299 Menschen.

Eine besondere Beachtung verdient in der Zeit des Krieges auch die Aufnahme – wenn auch nur weniger – psychisch geschädigter Soldaten. Der Umgang mit diesen Menschen stand dabei im Widerspruch zu vielen zeitgenössischen Ansichten. Die Soldaten wurden in Herborn nicht – wie in der weltweiten Psychologie vielfach üblich – als Simulanten, Drückeberger oder Homosexuelle behandelt oder sogar bestraft. Eine Stigmatisierung der Soldaten erfolgte in Herborn nicht, meist wurde das Krankheitsbild als Kriegsneurose bezeichnet. Man behandelte die Soldaten mit dem Ziel, diese möglichst schnell wieder als kriegstauglich zu entlassen.Bastian Adam: Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Herborn 1911–1918. In: 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. S. 53. Dabei beschränkte man sich in Herborn darauf, die betroffenen Soldaten von allem, was an den Krieg erinnerte, fernzuhalten. Sie wurden zwischen zivilen Patienten untergebracht, um zu verhindern, dass die Soldaten untereinander über Kriegserinnerungen sprachen.

Zeit des Nationalsozialismus Der Träger der Anstalt, der Bezirksverband des Regierungsbezirks Wiesbaden, war schon seit den 1920er Jahren parteipolitisch bestimmt. Er wirkte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten maßgeblich daran mit, die menschenverachtende NS-Ideologie in allen Einrichtungen umzusetzen.Peter Sandner: Der Bezirksverband Nassau und seine Anstalt Herborn in der Zeit des Nationalsozialismus. In: 100 Jahre Psychiatrie in Herborn. S. 100. Entsprechend einfach gestaltete sich auch die Integration der Anstalt Herborn. Hinzu kam, dass 1932 Paul Schiese den Direktorenposten von dem in Rente gegangenen Richard Snell übernommen hatte.

Zwangssterilisationen Zum 1. Januar 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GezVeN) vom 14. Juli 1933 in Kraft. Es diente im nationalsozialistischen Deutschen Reich der sogenannten Rassenhygiene.

1934 wurde in Herborn, wie auch in der Anstalt Eichberg, nach entsprechender Genehmigung durch das Innenministerium eine Operationsabteilung unter Leitung von Wilhelm Stemmler eingerichtet. Von Dezember 1934 an wurden in Herborn an Patienten aus den vier Landesheilanstalten (Eichberg, Weilmünster, Hadamar und Herborn) wie auch weiteren Anstalten Zwangssterilisationen durchgeführt. Dabei fanden in Herborn besonders häufig die zugehörigen Operationen statt. Dies ist zum einen auf die geographische Lage von Herborn zurückzuführen, da Herborn aus Hadamar und Weilmünster günstiger zu erreichen war als die Anstalt Eichberg. Zum anderen standen in Herborn aber auch deutlich mehr Räumlichkeiten für die Nachbehandlung der geschädigten Menschen zur Verfügung. Speziell zwangssterilisierte Frauen mussten zur Wundheilung einige Wochen in Herborn bleiben. Um der Masse an Zwangssterilisationen zu begegnen, war schon im Laufe des Jahres 1934 zusätzliches Stationspersonal speziell für die Sterilisationsabteilung eingestellt worden.

Die Abteilung bestand bis August 1939. Insgesamt wurden 1188 Menschen in Herborn durch Zwangssterilisationen geschädigt. Stemmler verließ die Anstalt; er war zur Wehrmacht einberufen worden.

Zwischenanstalt mini|Gekrat-Bus