mini|Armenier in der Türkischen Nationalbewegung Die Armenier in der Türkei (, , auch , beides bedeutet „Türkische Armenier“) sind zum größten Teil die Überlebenden des osmanischen Völkermords an den christlichen Armeniern 1915–1917. Gezählt werden Armenier, die seit der Gründung des türkischen Staates 1923 durch Mustafa Kemal Atatürk im Land leben.

Während sie vor dem Völkermord in ganz Anatolien verteilt lebten, leben heute nur noch geschätzt 45.000 Angehörige in Istanbul (ungefähr 75 % der türkisch-armenischen Bevölkerung),. Today’s Zaman, 29. September 2008. sowie vereinzelt in anderen Städten. Von der ursprünglich starken armenischen Besiedlung auf dem Land sind nur noch einzelne Reste verblieben. Das letzte noch armenisch besiedelte Dorf der Türkei ist Vakif nahe Antakya, wo Überlebende des Musa Dagh verblieben. Weiter nördlich, auf der Insel Aghtamar im Van-See nahe der Stadt Van, steht die heute in Staatsbesitz befindliche Kirche von Aghtamar, einst eines der spirituellen Zentren des historischen Armenien. In dieser Region, aber auch in der Zentraltürkei – vorwiegend in den Provinzen Van und Kayseri – lebt eine unbekannte Anzahl so genannter Kryptoarmenier, die sich nicht nach außen als Armenier zu erkennen geben. Mit diesen dürfen nicht die Hemşinli verwechselt werden – Armenier, die in der Zeit des Osmanischen Reiches zum Islam übertraten und heute muslimisch leben, vorwiegend in der Provinz Rize. In der Vergangenheit lebten über 1,5 Millionen Armenier auf dem Gebiet der heutigen Türkei, vor allem im Osten des Landes, doch heute beträgt ihre Zahl insgesamt etwa 60.000, davon nur wenige außerhalb der Region Istanbul. Landesweit stehen nur noch 22 Geistliche zur Verfügung. Während es in Istanbul 33 armenisch-apostolische, 12 armenisch-katholische und 3 armenisch-evangelische Kirchen gibt, sind in der restlichen Türkei nur noch vier armenisch-apostolische Kirchen mit einem Status als solche verblieben: in Kayseri (Sankt-Gregor-der-Erleuchter-Kirche), Diyarbakır (St.-Giragos-Kathedrale), İskenderun und dem Dorf Vakıflı in der Provinz Hatay.

mini|Die Armenier von Anatolien im Jahre 1910, in blau.

Geschichte mini|Ani: die Kathedrale der Heiligen Muttergottes, im Hintergrund die Erlöserkirche

Das armenische Volk lebt möglicherweise seit dem 15. Jahrhundert vor Christus im armenischen Hochland. Der armenische König Trdat III. (ca. 286–344) wurde vermutlich im Jahr 314 Christ und machte im selben Jahr das Christentum zur Staatsreligion.Robert W. Thomson: Mission, Conversion, and Christianization: The Armenian Example. In: Harvard Ukrainian Studies, Bd. 12/13 (Proceedings of the International Congress Commemorating the Millennium of Christianity in Rus'-Ukraine) 1988/1989, S. 28–45, hier S. 45

Lange Zeit wurde das armenische Hochland in Westarmenien (zum Osmanischen Reich gehörend) und Ostarmenien (zu Persien, später zu Russland gehörend) unterteilt, doch wird es seit dem Völkermord an den Armeniern zur Vermeidung des Begriffsteils „armenisch“ bzw. „Armenien“ den Regionen Ostanatolien beziehungsweise Transkaukasien (südliches Kaukasusgebiet) zugeordnet. Heute gehören ganz Westarmenien sowie Teile Ostarmeniens (Kars, Ardahan, Igdir) zur Türkei, während das übrige Ostarmenien die Republik Armenien und Teile Aserbaidschans sowie auch Bergkarabach (Arzach) bildet.Tessa Hofmann: Zwischen Ararat und Kaukasus. Porträt eines kleinen Landes in fünf Stichworten. In: Huberta von Voss: Porträt einer Hoffnung. Die Armenier. Lebensbilder aus aller Welt. S. 24. Hans Schiler Verlag, Berlin 2004. ISBN 978-3-89930-087-1.

mini|Erlöserkirche von Ani (erbaut um 1035, eingestürzt 1957), 2011 Vergleichsweise kurze Phasen der staatlichen Selbständigkeit der Armenier wechselten mit Fremdherrschaft unter anderem der Perser und der Römer beziehungsweise des Oströmischen Reiches ab. Die armenische-Bagratiden-Metropole Ani wurde 1045 von oströmischen Truppen besetzt und nach der Eroberung durch die türkischen Seldschuken unter Alp Arslan am 16. August 1064 samt ihrer Bevölkerung ausgelöscht. Nach dem Sieg des Sultans Alp Arslan über das Heer des oströmischen Kaisers Romanos IV. in der Schlacht bei Manzikert 1071 war der Weg für die türkische Landnahme in Kleinasien frei. Armenische Flüchtlinge aus dem unterworfenen Mutterland gründeten 1080 in Kilikien an der Mittelmeerküste unter den Rubeniden das Königreich Kleinarmenien, das durch Unterstützung der Kreuzfahrer seine Unabhängigkeit bis ins 14. Jahrhundert wahren konnte und wo sich nunmehr auch der Sitz des Katholikos Aller Armenier befand. Hier entstand so ein neues Siedlungsgebiet der Armenier. Die kilikische Hauptstadt Sis wurde 1293 Sitz des Katholikats von Kilikien und blieb dies auch nach der türkischen Eroberung bis zum Völkermord 1915. 1375 nahmen die Mamluken Sis ein, und 1515 wurde das ehemalige Kleinarmenien Teil des Osmanischen Reiches.Mihran Dabag: Die armenische Gemeinschaft in der Türkei. Bundeszentrale für politische Bildung, 9. April 2014.

mini|links|Insel Aghtamar im Van-See mit Heiligkreuzkirche (früher war hier ein weitaus größerer Klosterkomplex) Zu einer Spaltung der Armenischen Apostolischen Kirche in Kilikien kam es 1113, woraufhin ein Teil der Geistlichkeit in Opposition zum Katholikos Gregor III. Pahlawuni (1113–1166) seinen Sitz in das alte Kloster von Aghtamar mit der Heiligkreuzkirche (Surb Chatsch) verlegte, David I. Thornikian als Gegen-Katholikos einsetzte und so das Katholikat von Aghtamar begründete, das bis 1915 bestand. Auf Grund seiner großen Nähe zu den Hauptsiedlungsgebieten der Armenier um Wan, Bagesch und Musch hatte es auf diese einen größeren Einfluss als Sis.

mini|hochkant|Marienkirche (Surp Asdvadzadzin), Patriarchat von Konstantinopel 1453 fiel mit der Metropole Konstantinopel der letzte Rest des oströmischen Reiches. Bereits kurz nach der Eroberung veranlasste 1461 der osmanische Sultan Mehmet II. (1432–1481) den armenischen Bischof von Bursa, Howakim, die Leitung der armenischen Kirchengemeinde in der Stadt zu übernehmen. Hiermit wurde das Patriarchat von Konstantinopel der Armenischen Apostolischen Kirche begründet.

Durch die Islamisierung unter der türkischen Herrschaft wie auch durch Auswanderung zunächst nach Kilikien und später nach Europa wurden die Armenier in ihren alten Siedlungsgebieten zu einer Minderheit. Dennoch bildeten sie bis zum Großen Völkermord in vielen Städten eine bedeutende Minderheit und mancherorts lokal auch eine Mehrheit, und es gab zahlreiche armenische Dörfer.

Im Rahmen des Millet-Systems waren die armenisch-apostolischen Christen als eine von drei nicht-muslimischen Glaubensgemeinschaften (milletler, Einzahl millet) neben der orthodoxen Glaubensnation unter dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel (insbesondere die osmanischen Griechen) sowie der jüdischen Glaubensnation anerkannt. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien wurde lange der armenischen Millet zugeordnet und erst 1873 als eigene Glaubensnation anerkannt, während dies den Syrischen Katholiken bereits 1829 und den Chaldäern 1846 zugestanden wurde. Auf Grundlage der Scharia waren die „Buchreligionen“ geschützt, unterlagen aber Diskriminierungen. Dies betraf beispielsweise den Wert von Zeugenaussagen vor Gericht und das Erbrecht, aber auch das Verbot, Waffen zu tragen. Für den Status als Schutzbefohlene (zimmi) war eine Kopfsteuer (cizye) zu entrichten.

mini|hochkant|Armenischer Beamter im Osmanischen Reich Die Armenier hatten im Osmanischen Reich den Ruf als „treue Glaubensnation“ (millet-i sadika), was vielen den Aufstieg in hohe Positionen ermöglichte. So entstammten die Architekten sowohl des Dolmabahçe-Palastes der osmanischen Sultane als auch der Ortaköy-Moschee aus den 1850er Jahren der angesehenen armenischen Familie Balyan.

Neben dem armenischen Städtchen Zeytun galt die abgelegene Region von Sasun im Sandschak Musch im Vilâyet Bitlis hinsichtlich der Möglichkeiten der einheimischen Armenier, sich eine relative Autonomie zu erhalten, als Ausnahme. Die als Sasunzi (, Mehrzahl Sasunziner ) bezeichneten Bewohner der etwa 40 armenischen Dörfer standen wirtschaftlich auf eigenen Beinen und stellten auch ihre Waffen – entgegen dem theoretischen Verbot – selbst her und wehrten sich gegen Überfälle benachbarter kurdischer Steuereintreiber. Aus dieser Gegend stammt auch das armenische Nationalepos David von Sasun, das 1873 vom Bischof Garegin Srvandztiants aufgezeichnet wurde. Die Autonomie endete Ende des 19. Jahrhunderts, als auch die kurdischen Nachbarn unter die Kontrolle der Regierung gezwungen wurden.Robert H. Hewsen: Armenia: A Historical Atlas. University of Chicago Press, 2001. S. 167, 206. Mit dem zunehmenden Machtverlust des Osmanischen Reiches wurden Autonomiebestrebungen der Armenier als Bedrohung angesehen. Die Weigerung der Sasunziner, doppelte Steuern an Türken und Kurden zu zahlen, nahm die Regierung 1894 zum Anlass, durch kurdische Freiwillige unterstütztes Militär aufmarschieren und auf die Armenier schießen zu lassen, wogegen die Bauern von Sasun bewaffneten Widerstand leisteten. Gleichzeitig organisierten auch die Armenier in Zeytun ihren Selbstschutz. Den folgenden Massakern an den Armeniern 1894–1896 durch Kurden und Türken fielen mehrere tausend Armenier in Sasun und über zwanzig Dörfer zum Opfer. Insgesamt starben durch die Massaker unter dem von 1876 bis 1909 regierenden Abdülhamid II. etwa 200.000 Armenier, während andere in großen Zahlen das Land verließen. 1904 wurde in Sasun erneut der armenische Widerstand gegen Steuererhebung mit Waffengewalt gebrochen. Auch nach Abdülhamids Sturz kam es nochmal 1908 zum Massaker von Adana, das sich als Adanayi voghperk in das kollektive Gedächtnis der armenischen Gemeinden auf der ganzen Welt einbrannte.Wolfgang Gust: Der Völkermord an den Armeniern. Die Tragödie des ältesten Christenvolkes der Welt. München / Wien 1993, S. 102–105, 121f.

1867 gab die osmanische Regierung auf Grund in den Jahren zuvor selbst durchgeführter Erhebungen die Zahl der Armenier im Osmanischen Reich mit etwa 2,4 Millionen an.Raymond Kévorkian: Les Armeniens dans l'empire Ottoman à la veille du génocide. Éditions d'Art et d'Histoire, Paris 1992. S. 53–56. Die Volkszählung am Vorabend des Ersten Weltkrieges 1914 ergab dagegen nur noch 1.225.422 Armenier, aber 13,4 Millionen Muslime bei insgesamt rund 20 Millionen Einwohnern.Stanford Jay Shaw, Ezel Kural Shaw: History of the Ottoman Empire and Modern Turkey, Vol. 2: Reform, Revolution, and Republic. The Rise of Modern Turkey, 1808–1975. Cambridge 1988, S. 239–241. (Volkszählungsstatistiken 1914, PDF, Herausgeber: Generalstab der Türkei, S. 609.) Das Armenischen Patriarchat von Konstantinopel ermittelte auf Grundlage seiner Kirchenbücher und Taufregister 1913 eine Anzahl von 1.914.620 Angehörigen der Armenischen Apostolischen Kirche, also Armeniern, im Osmanischen Reich.Hilmar Kaiser: Genocide at the Twilight of the Ottoman Empire. In: Donald Bloxham, A. Dirk Moses: The Oxford Handbook of Genocide Studies. Oxford University Press, New York 2010. S: 382.

mini|Daschnag-Gründer Stepan Zorian, Kristapor Miaeljan und Simon Sawarjan, 1890 Von den 1890er Jahren bis 1915 waren insbesondere drei armenische Parteien im politischen Leben des Osmanischen Reiches wichtig: die Armenische Revolutionäre Föderation (ARF, Daschnag), die Sozialdemokratische Huntschak-Partei (Huntschak) und die Partei Armenakan, später Demokratisch-Liberale Partei (Ramgawar). Nach der Vernichtung der armenischen Gemeinschaft des Osmanischen Reiches setzten diese Parteien ihre Aktivität in der armenischen Diaspora fort und spielten besonders in der armenischen Gemeinschaft im Libanon, heute aber auch in Armenien und der Republik Arzach eine wichtige Rolle. In der heutigen Republik Türkei ist dagegen die Gründung ethnisch basierter Parteien nicht gestattet.