mini|hochkant=1.3|Georg Mühlberg: Cantus (um 1900): Verbindungsstudenten beim Singen auf einer Kneipe Ein Studentenlied ist ein Lied, das traditionell hauptsächlich oder ausschließlich von Studenten bei studentischen Freizeitveranstaltungen – manchmal mit Instrumentalbegleitung – gemeinschaftlich gesungen wurde und wird. Im deutschsprachigen Raum werden traditionelle Studentenlieder heute überwiegend bei Veranstaltungen von Studentenverbindungen gesungen.

Näheres Obwohl Textspuren von Studentenliedern bis ins Mittelalter zurückgehen, erschien erst im Jahre 1781 die erste deutsche Studentenliedersammlung im Druck. Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr Studenten-Liederbücher veröffentlicht, was eine Standardisierung und Kanonisierung bewirkte. Es entstanden spezielle Liederbuch-Ausgaben, als Textvorlage für das Singen am Biertisch geeignet, die so genannten Kommersbücher.

In dieser Zeit wurde das Studentenlied auch zum Erkennungsmerkmal der seit 1800 neu entstehenden Studentenverbindungen, die eine Liedtradition aufbauten, entwickelten und bewahrten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts strahlte diese Liedkultur auch in benachbarte Länder aus, vor allem in den Benelux-Raum, nach Osteuropa und nach Skandinavien. Um das Jahr 1900 war die Entstehung des festgefügten Corpus von Studentenliedern für den deutschsprachigen Raum im Wesentlichen abgeschlossen.

Auch die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild der Studentenverbindungen gegründeten Schülerverbindungen nahmen die Studentenlieder für sich an und pflegen sie bis heute.

Traditionell behandeln die Studentenlieder vor allem Themen, die junge Leute interessieren, die fern der Heimat, der Aufsicht der Eltern und anderer Autoritätspersonen zumindest für eine gewisse Zeit entkommen sind: Feiern, Trinken, Wandern und andere Freizeitvergnügen spielen die Hauptrolle, aber auch ernstere Themen kommen im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend zur Geltung.

Heute gelten diese traditionellen Studentenlieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz als Kulturgut fast ausschließlich der Studentenverbindungen, denen in Deutschland zwei bis drei Prozent aller Studenten angehören.

Geschichte und Überlieferung mini|links|Studentenlieder – Titelblatt des ersten gedruckten Studentenliederbuchs Deutschlands von 1781 Ursprünge europäischer Studentenlieder waren eine Zahl von lateinischen Gedichten und Liedern, die wohl von akademisch gebildeten Menschen in Klöstern oder an Bischofshöfen verfasst wurden und die durch die in ihnen zum Ausdruck gebrachte Lebensfreude thematisch den Studentenliedern nahestehen.

Im 18. Jahrhundert wurden in Deutschland Studentenlieder als solche greifbar. Dabei wurden auch alte lateinische Textspuren aus dem Mittelalter wieder sichtbar. Diese frühen, meist mündlich überlieferten und oft improvisierten Lieder haben einfache Texte und eingängige Melodien.

1781 gab Christian Wilhelm Kindleben sein Buch Studentenlieder – Aus den hinterlassenen Papieren eines unglücklichen Philosophen, Florido genannt, gesammlet und verbessert von C. W. K. heraus. Es enthält 64 Lieder, von denen die meisten heute vergessen sind. Kindleben hatte diese Lieder gesammelt, bearbeitet und kommentiert. In diesem Buch veröffentlichte er auch die heute gebräuchliche Fassung von Gaudeamus igitur. Dieses Lied ist heute international verbreitet und gilt als das älteste und bekannteste Studentenlied der Welt.

Im 19. Jahrhundert setzte eine neue Phase ein. Anerkannte, aber auch weitgehend unbekannte Autoren verfassten Lieder zu studentischen Themen, allerdings meist im höheren Alter in einer Art Rückblick auf ihre Jugendzeit. Texte und Melodien wurden kunstvoller, aber auch künstlicher. Der Trend ging dahin, das Studentenleben in den Liedertexten zu romantisieren, die positiven Seiten hervorzuheben und dadurch die selektive Erinnerung der ehemaligen Studenten an die „schöne Jugendzeit“ zu unterstützen.

Zum praktischen Gebrauch als Textvorlage zum Singen auf der Kneipe entwickelte sich ein besonderer Typ von Liederbuch. Das Format wurde klein und handlich, der Buchdeckel fest in Leder gebunden und besetzt mit den so genannten Biernägeln, die das Papier vor eventuell auf dem Tisch verschüttetem Bier schützen sollen. Dieses Format hat sich bis heute erhalten.

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich auch Lieder mit politischem Inhalt. Das offene Bekenntnis zu studentischen Sitten und Gebräuchen, die damals noch als jugendliche Unsitten betrachtet wurden, galt jedoch als unschicklich und wenig karrierefördernd, so dass anonyme Veröffentlichungen die Regel waren.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann auch die Entwicklung der Studentenverbindungen in der für den deutschsprachigen Raum typischen Ausprägung. Im Rahmen der allgemeinpolitischen Situation während der napoleonischen Zeit und nach dem Wiener Kongress entstand eine spezifische akademische Kultur, die auch im Bereich des Liedes eine besondere Entwicklung nahm. Die studentischen Verbindungen entwickelten eine zunehmende Verbindlichkeit, auch über das Studium hinaus. Sie übernahmen Sitten und Gebräuche sowie Identitätssymbole (Couleur, Mensur, Kneipe, Studentenwappen etc.) aus dem 18. Jahrhundert in einer ganz bestimmten Auswahl, standardisierten sie und behielten sie bei. Ehemalige Studenten trugen die studentische Kultur in das bürgerliche Leben hinein und spiegelten sie wieder zurück, indem sie ihre Söhne auf die Universität vorbereiteten. Das studentische Lied war Teil dieser Kultur, wurde ebenfalls standardisiert und dadurch traditionell.

International strahlte diese Kultur vor allem in den niederländischen Bereich (Niederlande, Flandern), in die Schweiz, nach Skandinavien und in das östliche Europa (Polen, Baltikum) aus. Viele Spuren dieser Ausstrahlung sind noch heute (Stand 2005) sichtbar. So enthält der Studentencodex, das in mehreren, regional verschiedenen Ausgaben vorliegende flämische Liederbuch der belgischen Studentenverbindungen, mehrere deutsche Studentenlieder in deutscher Sprache. In Schweden ist eine landessprachliche Übersetzung des deutschen Liedes O alte Burschenherrlichkeit bis heute populär. Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen haben sich auch hier erneut Korporationen gebildet, die wieder den Kontakt zu deutschen Studentenverbindungen suchen. Es gibt ein polnisches Projekt zur Erstellung eines deutsch-polnischen Kommersbuches, in dem gezielt alte deutsch-schlesische Studentenlieder aus Breslau, die in heutigen Auflagen deutscher Kommersbücher nicht mehr vorkommen, wiederbelebt und mit polnischen Studentenliedern gemeinsam publiziert werden sollen. Schließlich ist Kindlebens Fassung von Gaudeamus igitur im angelsächsischen Sprachraum bis hin nach Amerika sehr verbreitet und gilt dort als das traditionelle Studentenlied überhaupt.

Das metternichische Unterdrückungssystem verhinderte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine Ausbreitung der studentischen Liedkultur in die deutschsprachigen Universitäten der Habsburgermonarchie. Die teilweise jahrhundertealten studentischen Kulturen des Mittelmeerraumes (Italien, Spanien) zeigten keine wesentlichen Einflüsse aus Mitteleuropa.

Nach Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse 1848 etablierten sich die Studentenverbindungen als gesellschaftlich anerkannte außerfachliche Erziehungseinrichtungen an den Universitäten. Anerkannte Dichter und Komponisten konnten sich jetzt mit dem Thema beschäftigen und sich durch die Schaffung von studentischem Liedgut profilieren, was auch geschah. Spätestens ab 1859 blühte die (Lied-)Kultur der Studentenverbindungen auch auf den Universitäten der Donaumonarchie auf, so in Wien, Innsbruck, Graz, Prag, Brünn und Czernowitz.

mini|Titelblatt des Allgemeinen Deutschen Kommersbuches von 1858 Das Allgemeine Deutsche Kommersbuch wurde 1858 zum ersten Mal herausgegeben und erlebte im Januar 2021 die 167. Auflage. Mit diesem Buch wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine verbindliche und standardisierte Sammlung von Studentenliedern geschaffen, deren Definition des Studentenlieds bis heute Gültigkeit hat.

Eine ganze Industrie für studentische und akademische Memorabilia (Andenken) entstand im gesamten deutschsprachigen Raum. Grafiken, Kunstpostkarten und Romane beschäftigten sich mit der (verbindungs)studentischen Kultur, wobei nicht selten auf das Studentenlied als Stichwortgeber zurückgegriffen wurde. Studentenlieder lieferten sehr häufig die Titel von Bildern und Büchern, ab den 1920er bis in die 1950er Jahre auch von Kinofilmen.

Während der sowjetischen Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg und den Anfängen der kommunistischen Herrschaft in der entstehenden DDR wurden die traditionellen Studentenverbindungen zusammen mit ihrem traditionellen Liedgut aus dem öffentlichen Leben verbannt und dem Vergessen anheimgegeben. Sie galten als kulturelles Merkmal des Bürgertums, dessen Herrschaft durch den Sozialismus überwunden werden sollte. Die Verbindungen mussten ihren Betrieb einstellen und verlegten sich in den Westen.

In den 1960er Jahren erwachte aber auch in der DDR bei den Studenten das Interesse an den Traditionen, das sich zuerst in der Pflege des alten Liedgutes zeigte. Kommersbücher waren kaum zu bekommen und mussten von Dachböden zusammengesammelt und zur Vervielfältigung von Hand abgeschrieben werden. Auch wurde altes studentisches Couleur zusammengesucht oder laienhaft nachgefertigt. Damit wurden die ersten Versuche unternommen, die Traditionen wohl mehr nachzuspielen als zu pflegen. Aber auch das musste heimlich geschehen, denn die staatlichen Stellen duldeten keinen Rückgriff auf vorsozialistische Traditionen oder die Bildung von staatlich nicht kontrollierten Organisationen. Ein Rückzugsgebiet bildeten hier die evangelischen und katholischen Studentengemeinden, in denen unbehelligt von staatlichen Stellen vorsozialistische Lieder gesungen werden konnten.

Zu Beginn der 1980er Jahre bildeten sich – ohne Kontakte und zuerst noch ohne Beeinflussung aus dem Westen – neue Studentenverbindungen in der DDR, für die das studentische Couleur und das Studentenlied wichtige Identitätsmerkmale wurden. Die Macht der Kommunisten war zu dem Zeitpunkt bereits so geschwächt, dass ab 1987 erste öffentliche Auftritte in Couleur und das Singen von traditionellen Studentenliedern bei mehr oder weniger offiziellen Anlässen möglich wurden. Einer der letzten Versuche der DDR-Führung, die Entwicklung zu kontrollieren, lag darin, die Aktivitäten zur studentischen Traditionspflege den Organisationen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zu unterstellen, was aber nur teilweise und kurzfristig gelang.

So versuchte die FDJ 1987 aus Anlass des 170. Jubiläums des Wartburgfestes, an die Tradition des Studentenliedes anzuknüpfen, und gab aus diesem Anlass ein Liederbuch heraus, das traditionelle Studentenlieder mit Liedern der FDJ verband. In den letzten Jahren der DDR wurden auch Liederbücher und Schallplatten mit traditionellen Studentenliedern herausgegeben. Kompromisse wie diese konnten aber den Niedergang der DDR nicht aufhalten. Heute bilden die neu gegründeten Studentenverbindungen mit den aus dem Westen zurückgekehrten eine neue studentische Verbindungsszene, zu der auch das Studentenlied gehört.

Die heute von Studentenverbindungen verwendeten Kommersbücher beinhalten hauptsächlich Lieder, die im 19. Jahrhundert oder dem ausgehenden Kaiserreich entstanden sind, einige wenige stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Lieder aus den späteren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben bisher keine Aufnahme in den traditionellen Kanon der Kommersbücher gefunden.