Das Hochwasser in Mitteleuropa von Ende Mai und Anfang Juni 2013 wurde durch tagelange Regenfälle infolge atmosphärischer Flüsse verursacht. Insgesamt kam es in sieben Ländern zu schweren Überflutungen.

Wetterlage mini|Niederschlagsmengen in 72 Stunden vom 31. Mai bis zum 2. Juni 2013

Der gesamte Frühling 2013 war in Zentraleuropa verregnet, und er hatte spät begonnen. Der Mai war gebietsweise der niederschlagreichste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen; es hatte schon Anfang Mai Hochwasser gegeben (z. B. Bad Ischl in Oberösterreich: 460 mm Niederschlag vom 3. Mai bis 3. Juni).Als höchster Monatsniederschlag in Österreich, das ist etwa ein Jahresniederschlag im Weinviertel. Angabe nach Marcus Wadsak, in Willkommen Österreich, ORF, 3. Juni 2013.

Ein Tiefdruckkomplex (Christoph /Dominik) hatte sich in der letzten Mai-Dekade über Mitteleuropa ausgebildet, unmittelbar gefolgt von Frederik/Günther im Rahmen eines abnormalen Mittelmeertiefs (Vb-Wetterlage) und in Kombination mit ausgeprägten Höhentiefkernen in den ersten Junitagen 2013. Sehr feuchte Luft floss in weitem Bogen über Schwarzes Meer und Zentralosteuropa von Nordosten nach Mitteleuropa. Tief Frederik, das für das Hauptereignis sorgte, hatte sich im östlichen Adriaraum entwickelt, war primär nordwärts gezogen und verharrte längere Zeit über den Ostalpen. Gegen Ende des Ereignisses kehrte es sogar seine Zugbahn um und wanderte entgegen dem Vb-Normalfall in den oberen Adriaraum zurück.vgl. vor Benennung des Tiefs in Vergleich zu , 31. Mai 2013 mit instabilen Kernen Frederik I und II, und , 2. Juni 2013, alle met.fu-berlin.de. Tief Günther, dann im nördlichen Karpatenbogen wetterbestimmend, bildete sich – ein seltener Fall – erst über Osteuropa. Blockiert wurde die Lage auch durch ein mächtiges Weißmeer-Hoch, das gleichzeitig in Nordskandinavien für eine Hitzewelle und Waldbrandwarnungen sorgte (33 °C Startbyn in Schweden am Polarkreis, 31 °C Helsinki, Finnland).

mini|hochkant=1.4|Druckanomalien Nordhalbkugel, 30. Mai 2013: Inverse Omegalage des Mittelmeer- bzw. Osteuropatiefs Frederik (unten) zwischen Atlantikhoch und Skandinavien- bzw. WeißmeerhochDie „eigentliche“ Omegalage bildet das Weißmeerhoch zwischen dem Osteuropatief und dem mächtigen Zentralasien-Tiefkomplex, der selbst durch ein kräftiges Hoch über Kamtschatka blockiert ist.Bild: NOAA NCEP CPC CDAS 5-Tage-geglättet, Basis der Anomalie Mittel 1979–95 Insgesamt herrschte – wie schon bei der Kältewelle und der sommerlichen Unwetterserie des Vorjahres – eine wenig dynamische Lage der Aktionszentren der Nordhalbkugel. Der Jetstream war zu der Zeit weiter im Süden als gewöhnlich. Die Folge war eine „umgekehrte Omega-Lage“: Die zwischen zwei stabilen Hochdruckgebieten – einem (Sabine) über Ostatlantik bzw. Westeuropa und demjenigen über dem Weißmeerraum – liegenden Tiefdruckgebiete konnten sich kaum verlagern. Diese meteorologische Konstellation bestimmte das Wetter schon seit Wochen. Über die atlantisch-polare Oszillation (NAO gegen +1 steigend, AO unter 0 fallend) kann über die globale Telekonnektion ein Zusammenhang mit der herrschenden post-La Niña-Phase (ENSO) hergestellt werden (Oceanic Niño Index schlägt um: ONI = −0.2 steigend für Mai).

mini|Ausuferung an der unteren Elbe: Im Vordergrund rechts ragt der linke Haveldeich aus der vor allem durch Rückstau überfluteten Havelniederung. In Bildmitte Havelberg mit seiner Altstadtinsel. In der dahinter liegenden Elbniederung rechts die um den Gnevsdorfer Vorfluter verlängerte Havelmündung, links der Mitte die Elbe, dazwischen als gerade Diagonale der Schleusenkanal

Enorme Niederschläge, örtlich bis zu 400 mm in vier Tagen (Aschau-Stein, Bayern, 30. Mai – 3. Juni 2013), gab es im Nordstau der Alpen und auch im Erzgebirge–Sudeten-Bogen. Die vollständig gesättigten Böden und die durchweg gefüllten Überflutungspuffer konnten kaum mehr Wasser aufnehmen. Auf ersteres weisen auch Mikrowellenradiometer-Bilder des Satelliten SMOS hin. Dämpfend wirkte sich nur die extrem niedrige Schneefallgrenze aus; sie war Ende Mai teils auf 1000 m gesunken (Brunnenkogel, Tirol, 24. Mai, 3440 m: −15,7 °C: Mariazell, Steiermark, 1000 m, 24. Mai: 0 °C), lag zum Höhepunkt des Niederschlagsereignisses im Alpenraum um 1500–1800 Meter und band einen Gutteil der Niederschläge. Laut Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes sind alleine in den betroffenen Bundesländern Bayern, Sachsen, Thüringen und Hessen in den vier Tagen des Starkregens zwischen 30. Mai und 2. Juni insgesamt 13,4 Milliarden Kubikmeter Niederschlag aufgezeichnet worden.

Abschätzung der Jährlichkeit Das Ereignis wird durchweg als hundertjährliches Extremereignis eingestuft, sowohl was die Niederschlagsintensität betrifft als auch die Abflussmenge (HQ100). Die Rekordwerte aus den Jahren 2002 und 2005 wurden im Alpen- und Donauraum an vielen Messstellen übertroffen, teils auch die des Donauhochwassers 1954, das als das schwerste des 20. Jahrhunderts gilt. Auch das Hochwasser im Elbegebiet 2002 wurde mindestens ab dem Pegel Dessau flussabwärts übertroffen.

Einen besonderen Spitzenwert erreichte das Hochwasser in Passau in Bayern. Dort wurde am Pegel Passau/Donau die 12,89-Meter-Marke erreicht, 69 cm höher als 1954 (12,20 m). Für das bisher höchste bekannte Hochwasser 1501 – allgemein für Mitteleuropa um HQ1000, teils noch deutlich höher geführt – wurde nach neueren Erkenntnissen bezogen auf den Donau-Pegel „Schanzlbrücke“ ein Wasserstand von ca. 13,2 m rekonstruiert. Damit liegt es dort im Bereich eines 500-jährlichen Ereignisses. Der Stand beim möglicherweise noch höheren Magdalenenhochwasser vom 22. Juli 1342 ist nicht überliefert. Halle meldete den höchsten Stand der Saale seit 400 Jahren (Pegel Trotha: 8,10 m, 3. Juni morgens), Zeitz an der Weißen Elster in derselben Größenordnung (6,45 m, 3. Juni).

Verlauf des Ereignisses Anm.: Die betroffenen Länder sind hier grob von Westen nach Osten verzeichnet, was weitgehend der Chronologie der Ereignisse und dem Fortschreiten der Niederschläge und Hochwasserkämme entspricht.

Schweiz In der Schweiz fielen die Folgen des Starkregens, der hauptsächlich Freitag, 31. Mai, bis Sonntag, 2. Juni, Schadwirkung hatte, vergleichsweise gering aus. Die Niederschläge konzentrierten sich auf ein Gebiet von der Zentralschweiz über die östlichen Voralpen bis zum Bodensee sowie auf Nordbünden. In Engelberg (OW) waren sie etwa 30–50-jährlich, in St. Gallen etwa 100-jährlich.

Es kam vereinzelt zu Murgängen, wodurch der Verkehr beeinträchtigt wurde. Wegen des durchnässten Bodens stürzten in Arth (Kanton Schwyz) 30 Kubikmeter Gestein auf Bahngleise. Die Strecke Immensee–Arth musste gesperrt werden. Ein 72-jähriger Mann, der in einen Bach stürzte, wird vermisst.

Der Rhein erreichte am Pegel Basel-Rheinhalle einen unkritischen Wert von 9,46 m. Es kam vereinzelt zu Überflutungen von Kellern und Uferwegen. Durch das Hochwasser der Birs kam es in Grellingen zu einem kurzzeitigen Stromausfall.

Die Gebäudeversicherung (GVZ) in Zürich erhielt nach eigenen Angaben rund 50 Schadenmeldungen, insgesamt werden 100 Schadenmeldungen erwartet. Die Höhe des Schadens dürfte insgesamt etwa 500.000 Franken betragen. Millionenhöhe erreicht aber nach Angaben der Schweizer Hagel der landwirtschaftliche Schaden.

Deutschland mini|Das Elbehochwasser beim niedersächsischen Bleckede. In Deutschland gab es Hochwasser vor allem in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Zahlreiche Flüsse traten über ihre Ufer und auch andere größere deutsche Flusssysteme führten Hochwasser. In 55 Landkreisen musste Katastrophenalarm ausgerufen werden, vor allem in Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt.Katastrophenalarm in Landkreise: Zählung nach Pressemitteilungen der Landkreisverwaltungen und sonstige Pressemeldungen. Detaillierte Quellen siehe Karte.

Die Bundeswehr war ab dem Morgen des 3. Juni 2013 an zahlreichen Orten mit über 19.000 Soldaten und Reservisten im Einsatz. Die Einsätze wurden durch das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr geleitet.

Die regionalen Feuerwehren entsandten in der ersten Juni-Woche knapp 43.500 Einsatzkräfte in die betroffenen Gemeinden, auch aus anderen Bundesländern kam diesen Gemeinden im größten Feuerwehreinsatz der Bundesrepublik Deutschland große Unterstützung entgegen. Bis zum 9. Juni 2013 wurden über 75.000 Feuerwehrleute eingesetzt. Auch das Technische Hilfswerk war in allen Hochwassergebieten zwischen Bayern und Mecklenburg-Vorpommern im Einsatz. Neben Deichsicherungsarbeiten und Sandsackverbau bildeten technische und logistische Unterstützungsleistungen den Schwerpunkt der Arbeit. Hier waren über 16.000 THW-Einsatzkräfte in sechs Wochen rund 1.600.000 Stunden im Einsatz. Von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) waren zu Spitzenzeiten über 1600 Einsatzkräfte alleine entlang der Elbe eingesetzt. In erster Linie wurden durch Spezialkräfte wie Tauchern, Strömungsrettern, Bootsführern und Luftrettern überschwemmte Bereiche evakuiert, Versorgung über das Wasser sichergestellt sowie Notfälle im Wasser abgearbeitet.

Baden-Württemberg mini|Nahe Freiberg am Neckar, 2. Juni 2013 mini|Bei Rastatt vom überfluteten Murg-Deich gespülter PKW mini|Abzweig des Renchflutkanal in Erlach bei Überflutung im Mai 2013 Dauerregen und Überschwemmungen im Bereich der Schwäbischen Alb hinterließen schwere Folgen.

Im Bereich Talheim (Landkreis Tübingen) brach an mehreren Stellen die Albkante ab; die Landstraße an der Talheimer Steige rutschte ab und war bis Jahresende gesperrt. Als Folge der starken Regenfälle brach in der Nacht zum Sonntag, dem 2. Juni 2013, bei Mössingen ein größerer Teil des Albtraufs ab. Wie schon beim Mössinger Bergrutsch 1983 rutschen seither noch weitere Hangbereiche samt Wald ab. An zahlreichen weiteren Stellen sind die Albhänge ebenfalls bereits gerutscht oder es drohten weitere Hangrutsche (Stand: 4. Juni 2013). Beispiele sind in der Nähe des Pfeffinger Skilifts, bei der Osterquelle zwischen Ebingen und Truchtelfingen nördlich des Klarahofs, im Bannwald Untereck bei Laufen sowie an der Zufahrt zum Tierberg in Lautlingen zu finden.

In Bad Urach (Landkreis Reutlingen) stürzte am 31. Mai ein Bauarbeiter bei Absicherungsarbeiten in die Elsach und starb; sein Leichnam wurde am 3. Juni 2013 zwischen Metzingen und Riederich gefunden.

Im Stadtgebiet von Reutlingen lief unter anderem eine Tiefgarage mit Wasser voll, mehrere Häuser mussten evakuiert werden. Im Reutlinger Teilort Gönningen überflutete die Wiesaz die Produktionsanlagen einer Firma, eine Schule und eine Turnhalle.

In Bad Überkingen (Landkreis Göppingen) drohte in der Nacht auf den 2. Juni 2013 der Bruch eines durchgeweichten Dammes, wodurch der gesamte Ortskern von Bad Überkingen durch die Fils überflutet worden wäre. Ein Altenheim sowie mehrere Wohngebäude wurden vorsorglich evakuiert. Durch den unermüdlichen Einsatz von mehreren hundert Einsatzkräften und durch den Verbau von etwa 35.000 Sandsäcken, die zum Teil aus den umliegenden Landkreisen herangeschafft wurden, konnte der Damm gehalten und die Gemeinde vor der Überflutung bewahrt werden.

Bei Kirchentellinsfurt (Landkreis Tübingen) erreichte der Neckar einen Wasserstand von 5,91 m, was den höchsten je gemessenen Wert darstellt.Schwäbisches Tagblatt vom 3. Juni 2013, S. 19, 20. An den Pegeln Gundelsheim und Heidelberg wurde jeweils ein gut zehnjährliches Hochwasser gemessen.

In Veringenstadt (Landkreis Sigmaringen) auf der Schwäbischen Alb flutete die Lauchert am 1. Juni 2013 Teile der Altstadt. Zur Gefahrenabwehr und zum Abpumpen der Straßenzüge wurde Großalarm ausgelöst: Feuerwehreinheiten und Kräfte des Technischen Hilfswerks aus der gesamten Region wurden zur Überlandhilfe in Bewegung gesetzt.