mini|hochkant|Cover der Ausgabe von 1999 aus dem Eichborn Verlag Das Schwarzbuch Kapitalismus (Untertitel: Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft) ist eine 1999 erschienene Monographie von Robert Kurz, die sich kritisch mit der Geschichte und der Zukunft des Kapitalismus auseinandersetzt. Es gilt als das Hauptwerk des der Wertkritik zuzurechnenden Autors und löste eine Debatte über die vorgenommene Beschreibung der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, seine Gegenwartsdiagnose sowie über die Folgen der Kritik an den herrschenden Verhältnissen aus.
Überblick Grundgedanken Im Zentrum des Schwarzbuches steht die „Soziale Frage“ der Gegenwart. Der Kapitalismus treibe gegenwärtig auf eine „ausweglose Situation“ zu; die Marktwirtschaft werde mit ihren Produktivitätssprüngen – Automatisierung und Globalisierung – nicht mehr fertig. Der Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten sinke, die Arbeitslosigkeit nehme zu und der Ausweg in die Dienstleistungsgesellschaft erweise sich als Illusion. Wenn der notwendige „Bewusstseinssprung“ unterbleibe, drohe letztlich eine „Wegrationalisierung“ des Menschen und eine zunehmende „Entzivilisierung der Welt“.
Kurz ist der Ansicht, dass der Kapitalismus bezüglich der Wohlfahrtssteigerung eine „verheerende“ Gesamtbilanz aufweise (S. 7).Zitiert wird nach der 2002 erschienenen Ullstein Taschenbuch-Ausgabe. Zwar beschleunige der Kapitalismus die Entwicklung der Produktivkräfte, eine Steigerung der Wohlfahrt aber sei damit jedoch „merkwürdigerweise immer nur zeitweilig verbunden“ gewesen, begrenzt auf „bestimmte soziale Segmente und Weltregionen“ (S. 7). Der Kapitalismus sei niemals imstande gewesen, die von ihm hervorgebrachten Potenzen für eine Verbesserung des Lebens aller Menschen anzuwenden.
Um eine neue, andere Alternative wieder denken zu können, müsse der als Naturfaktum auftretende, „scheinbar ahistorisch gewordene Kapitalismus“ historisiert werden (S. 5). Zu diesem Zweck analysiert Kurz die Geschichte des Kapitalismus von ihrem Beginn im 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Er geht von einer Prägung durch drei große industrielle Revolutionen aus: die Ersetzung der menschlichen Muskel- durch Maschinenkraft in der ersten, die Rationalisierung der menschlichen Arbeit in der zweiten und die Automatisierung, wodurch die menschliche Arbeitskraft überflüssig gemacht werde, in der dritten industriellen Revolution.
Der zentrale Motor der Geschichte war dabei für Kurz die Selbstunterwerfung des Menschen unter den ökonomischen Prozess der Geldvermehrung, was er mit dem von Adam Smith geprägten Bild der „schönen Maschine“ (S. 41) umschreibt. Deren „völlig unpersönlicher“ (S. 41) und „blinder Mechanismus“ werde als quasi „Naturgesetzlichkeit“ unreflektiert vorausgesetzt. Das einzige „Ziel“ der „schönen Maschine“ sei die „Verwertung des Werts“ (S. 85), die unaufhörliche Anhäufung von „Geld“ und „Quanten abstrakter Arbeit“ (S. 145). Mit diesem von Karl Marx übernommenen Begriff charakterisiert Kurz die Unterwerfung unter eine Form des Produzierens, die letztlich „sinnvergessen“ (S. 16) sei, da es nicht mehr auf ihre Inhalte ankomme, sondern nur noch um die „Verausgabung von Arbeitskraft schlechthin“, die Auslieferung an den „abstrakten Selbstzweck des Geldes“, um eine „fremdbestimmte, jenseits der eigenen Bedürfnisse und außerhalb der eigenen Kontrolle liegenden Tätigkeit“. Das Festhalten an diesem Prinzip der „abstrakten Arbeit“ bilde letztlich die große Gemeinsamkeit aller Gesellschaften und ihrer Kritiker seit Beginn der Neuzeit. Selbst die Vertreter der bürgerlichen Revolutionen und der Arbeiterbewegung hätten sich von diesem Paradigma nicht lösen können.
Einordnung Das Werk ist im Kontext des „Manifest gegen die Arbeit“„Gruppe Krisis“, diverse Autoren, Juni 1999: Manifest gegen Arbeit. und anderen Publikationen von Autoren der kapitalismuskritischen Zeitschrift Krisis zu sehen.Alfred Baumann: Ein Leichnam regiert die Gesellschaft. Telepolis, 8. Januar 2000
Es ist eingebettet in eine von Kurz vertretene Zusammenbruchstheorie.Zum folgenden vgl. Robert Kurz: Das Weltkapital, S. 7 f. Den Ausgangspunkt bildet seine Publikation Der Kollaps der Modernisierung (1991), in der Robert Kurz „den Zusammenbruch des Staatssozialismus und das Ende der traditionellen marxistischen Weltinterpretation“ untersucht. Das Schwarzbuch Kapitalismus ist hierbei Aufarbeitung der „kapitalistischen Geschichte“ als eine Abfolge von drei industriellen Revolutionen – mit dem Fokus auf die Darstellung der „Schübe der Produktivkräfte“ und der „Ideologiegeschichte“. Die Fortsetzung zum „Schwarzbuch“ stellt eine Trilogie zum Prozess der Globalisierung dar: „Weltordnungskrieg“ ist eine Aufarbeitung der „traditionellen Imperialismusdebatte“, „Das Weltkapital“ eine Analyse der Globalisierungsdebatte. Hinzu kommt eine – bisher unveröffentlichte – Darstellung der Rolle der USA in der Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg.
Rezeption Kurz’ Buch und seine grundlegende Kritik am Kapitalismus sind provokativ. Entsprechend kontrovers und teilweise polemisch fällt die Rezeption insbesondere der Presse aus. Von einigen wird das Schwarzbuch Kapitalismus als bedeutender Beitrag zur Zeitkritik aufgefasst und wegen seines historischen Detailreichtums sowie gerade aufgrund der umfassend historischen Herangehensweise gelobt. Kritisiert wird dagegen, dass Kurz den Begriff 'Kapitalismus’ unreflektiert verwende. Auch sei seine angestrebte Historisierung selektiv, teilweise verfälschend oder sogar überhaupt der falsche Ansatz. Seine Schlussfolgerungen stoßen ebenfalls auf Widerspruch. Trotz seiner grundlegenden und historischen Abrechnung gehe er die bestehenden Defizite des Kapitalismus nicht an. Seine Forderung nach einem Rätesystem sei problematisch, genauso wie die nach einer Systemverweigerung des Einzelnen. Wirklich praktische Konsequenzen ziehe Kurz aus seinen Erkenntnissen nicht.
Theorie und Inhalt Kulturgeschichtliche Grundlagen Geistesgeschichtliche Entwicklung Kurz beginnt seine historische Analyse des Kapitalismus mit dem Anfang des 17. Jahrhunderts, in dem sich ein Gesellschaftsmodell der „totalen Konkurrenz“ (S. 18) entwickelt habe. Dessen zugrunde liegendes Welt- und Menschenbild sei seiner Meinung nach „für das gesamte westliche Denken der Moderne bis zum heutigen Tag hegemonial“ geworden.
Das aufstrebende marktwirtschaftliche Unternehmertum habe sich eine starke gesellschaftliche Stellung gesichert. Gleichzeitig habe es sich jedoch „nicht mehr an die traditionelle Struktur der autoritären Hierarchie gebunden“ (S. 18) gefühlt und seine eigene „Herrschaftsideologie“ zur Legitimierung seiner spezifischen Interessen entwickelt.
mini|Titelbild von Hobbes’ Leviathan (1651) – Hobbes sah die menschliche Gesellschaft als eine „Gesellschaft von Ungeheuern“ Der „große Stammvater des Liberalismus“ (S. 18) ist für Kurz Thomas Hobbes. Da jener den Menschen als ein prinzipiell von Natur aus egoistisches Wesen auffasse, der sich natürlicherweise in einem „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes) (S. 20) befinde, bedürfe es laut Hobbes einer übergeordneten Macht, des Staates, der den „menschlichen Raubaffen zur negativen Gesellschaftlichkeit zähmen sollte“ (S. 21). Dieser Rechtfertigungsgedanke des „absoluten Staates“ finde sich laut Kurz bis heute (S. 22). „Freiheit“ bestehe für Hobbes vor allem darin, „zu kaufen und zu verkaufen und miteinander Handel zu treiben“ (S. 19), nicht etwa in der Möglichkeit, „sich nach eigenen Bedürfnissen und Vereinbarungen kooperativ zu verhalten“.
Die Wendung des Konkurrenzstrebens zu einer positiven Eigenschaft – was Kurz als „Umwertung aller Werte“ (S. 25) bezeichnet – sei durch Bernard Mandeville vorgenommen worden. Durch gegenseitige Konkurrenz könnte der naturgemäß faule, egoistische und geldgierige Mensch eine Gesellschaft im Endresultat zu einer „blühenden Gemeinschaft“ (S. 25) machen. Dabei wird das „Mit-Fühlen und Mit-Leiden bei Unglück und Elend anderer“ zu einem Gefühl der „schwächlichsten Gemüter“ erklärt, dem die „Männer des Marktes“ nicht nachgeben dürften (S. 27).
Übertroffen, so Kurz, werde dieser Zynismus von Marquis de Sade, der die Ideologie vom „Recht des Stärkeren“ in einer radikalisierten Gestalt bis hin zum Mord vertritt (S. 31). Jegliches soziale Mitleid werde von De Sade als eine negative „Natureigenschaft“ der Frauen gebrandmarkt (S. 32). Durch die Reduzierung der Sexualität auf die Verrichtung des Koitus verwandele er sie „gewissermaßen in einen (analog zum kapitalistischen Produktionsprozess) maschinellen Vollzug“ (S. 34).
Nach Kurz stellten die Ansichten von Immanuel Kant insofern eine weitere Steigerung dar, als bei diesem die Konkurrenz egoistischer Einzelner als Entwicklungsgesetz der Menschheit schlechthin unterstellt werde. Kant betrachte den Mechanismus des weltumspannenden Kapitals „als ein Werk der ‚Hand Gottes‘“, als „Resultat eines von göttlicher Vorsehung bestimmten Gesamtzusammenhangs, einer ‚höheren Natur‘ des Systems“ (S. 38).
Dieser Gedanke des „weisen Schöpfers“ führe dann zu der „unsichtbaren Hand“ der Theorie von Adam Smith. Dieses Sinnbild zeige nach Kurz auf, „wie das Weltbild der modernen Ökonomie systematisch auf dem der mechanischen Physik aufbaut“. Smith beteuere, dass „durch den besessenen Aktivismus der kapitalistischen ‚Macher‘ die größtmögliche Verbesserung und die bestmögliche Verteilung“ erzielt werde, so dass sich jede Kritik erübrige. Dabei werde die „unabhängige und für sich seiende ‚Schönheit der Ordnung‘ und den Glanz der ökonomischen ‚Maschine‘, der regelmäßigen und harmonischen Bewegung des Systems‘“ verherrlicht. Smith entwickelte das Weltbild der modernen Ökonomie, das letztlich auf dem der mechanischen Physik aufbaue. Die Tätigkeit dieser neuen „Nationalökonomie“ besteht für Kurz darin, die kapitalistische Ökonomie mit dem Anspruch der Naturwissenschaft zu erforschen und gleichzeitig ihre eigene Existenznotwendigkeit stets aufs Neue zu „beweisen“.
Das ethische Prinzip des „größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl“ von Jeremy Bentham propagiere eine Gesellschaft, „die jedem Menschen das Recht gibt bzw. geben sollte, ‚sein Glück zu machen‘“ wie es auch in der Formel des pursuit of happiness in die Unabhängigkeitserklärung der USA Eingang gefunden habe. Der objektive Maßstab für Glück sei letztlich das Geld, wobei nach Bentham das Eigentumsrecht in keiner Weise angetastet werden dürfe.
Biologistischer Unterbau Eine zentrale Entwicklung im 19. Jahrhundert ist für Kurz der Darwinismus, der einen für die moderne Naturwissenschaft typischen Charakter aufweise:
„Eine wirkliche große Entdeckung verschmolz vollständig mit einem irrationalen ideologischen Impuls und unreflektierten Interessen des kapitalistischen Fetisch-Systems, um sich schließlich mit einer enormen Zerstörungskraft aufzuladen“ (S. 154).
Kurz sieht Darwin in der Tradition der Aufklärung und ihrem Programm der „Vernaturwissenschaftlichung“ der Welt (S. 155). Die Freigeister hätten jedoch keine echte Aufklärung im Sinn gehabt: die scheinbare Aufhebung der Religion durch die Naturwissenschaften sei nur der intellektuellen Elite vorbehalten gewesen bzw. habe doch nur einer raffinierteren Form der Gängelung und Selbst-Disziplinierung der Massen gedient.
Darwin habe geglaubt, den Mechanismus für die Evolution, d. h. die allmähliche Veränderung und Höherentwicklung der Lebewesen, im ‚Kampf ums Dasein‘, d. h. in der Selektion gefunden zu haben. Die Rückprojektion dieser Lehre auf die Gesellschaft sei eine willkommene ‚naturwissenschaftliche‘ Rechtfertigung für das kapitalistische Konkurrenzkonzept gewesen. Der sogenannte „Sozialdarwinismus“ sei dann schon bald von „imperialistischen Ideologen wie Friedrich Naumann, Walther Rathenau oder Max Weber“ zur Formulierung deutscher Weltmachtansprüche verwendet worden.