mini|360px|Stand des Konflikts im Dezember 2011 mini|Von der Opposition verwendete Flagge der Syrischen Republik (1930–1963) Die Chronik des Bürgerkriegs in Syrien 2011 erfasst die Ereignisse des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011.
Januar/Februar Angesichts der Entwicklungen in Tunesien und Ägypten gab der syrische Präsident Baschar al-Assad am 31. Januar 2011 dem Wall Street Journal ein Interview, in dem er die Notwendigkeit von Reformen ansprach. Ein Übergreifen der Proteste auch auf Syrien sei jedoch unwahrscheinlich, da die Verhältnisse in Syrien anders lägen.
Am 4. und 5. Februar riefen Oppositionelle zu Protesten an einem „Tag des Zorns“ auf. Die Resonanz blieb jedoch weitgehend aus und es kam zu keinen größeren öffentlichen Protesten. Am besagten „Tag des Zorns“ am 11. März 2011 nahm nur eine überschaubare Anzahl an Demonstranten am Protest in Damaskus teil.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 63., ISBN 978-3-643-25119-0 Nach Berichten der Opposition verhafteten die syrischen Behörden im Nachgang aber zahlreiche politische Oppositionelle. Unter ihnen war auch der Führer der islamisch-demokratischen Bewegung Ghassan al-Nadschar.
Am 15. Februar sprühten einige Schulkinder zwei Graffiti auf eine Mauer in ihrem Schulhof in Darʿā, welche ins Deutsche übersetzt „Du bist dran, Doktor!“ und „Nieder mit dir Assad!“ bedeuteten. Mit Doktor war Assad gemeint, der vor seiner Präsidentschaft als Augenarzt gearbeitet hatte.Mark MacKinnon: Zeichen an der Wand. Wie ein paar jugendliche Sprayer den Bürgerkrieg in Syrien auslösten. In: Das Magazin Nr. 13 vom 1. April 2017. Nachdem der Schulleiter anderntags die Polizei informiert hatte, wurden einige Kinder verhört, um die Namen der Urheber der Graffiti in Erfahrung zu bringen, welche anschließend verhaftet und gefoltert wurden. Dies führte zu Protesten besorgter Eltern in Daraa.
März Ab Mitte März kam es zu mehreren kleinen Protesten in Damaskus und in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Qamischli. Es wurde dabei unter anderem die Entlassung von politisch Inhaftierten, größere Freiheit und der Beginn von Reformen gefordert. Die Demonstrationen wurden von Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst und mehrere Beteiligte festgenommen.„Menschenrechts-Demonstration mit Gewalt aufgelöst“ Der Standard online, Abruf: 22. März 2012, 16:57 Uhr.Syrien: Zaghafte Proteste am Tag der Wut. nah-ost.info online, Abruf: 23. März 2011, 21:39 Uhr. Anschließend demonstrierten Anhänger der Baath-Regierung.
Am 17. März kam es zu schweren Zusammenstößen in der südsyrischen Stadt Darʿā, bei denen mindestens fünf Menschen starben. Besonders Rami Machluf, Cousin von Präsident Baschar al-Assad und Symbolfigur der Korruption in Syrien, stand im Zentrum der Kritik. Bei den Protesten wurde die al-Omari-Moschee als Organisationsbasis für Demonstrationen benutzt.
Am 19. März kam es bei der Beisetzung von zuvor getöteten Demonstranten zu starken Demonstrationen. Nach Oppositionsangaben skandierten mehr als 10.000 Menschen Parolen gegen die Regierung. Die Demonstration wurde durch Polizeikräfte aufgelöst. Auch in den Folgetagen kam es trotz massiver Polizeipräsenz immer wieder zu Demonstrationen in Darʿā, die von der Polizei gewaltsam unterdrückt wurden. Dabei kamen wiederholt Menschen ums Leben. Am 20. März setzten Protestierende öffentliche Gebäude sowie Filialen des Mobilfunkbetreibers SyriaTel, der sich im Besitz von Rami Machluf befindet, in Brand. Der bisherige Gouverneur von Darʿā wurde entlassen.Assad entlässt Gouverneur der Unruheprovinz. Spiegel online, Abruf: 24. März 2011. Gegen den Chef der Abteilung für politische Sicherheit in Darʿā, Oberst Atef Najib, ein Cousin Bashars aus der Machluf-Familie, wurde eine interne Untersuchung eingeleitet.Aron Lund, The Ghost of Hama, Swedish International Liberal Center, Juni 2011, S. 19 (PDF; 3,6 MB).
Am 22. März 2011 versammelten sich über 1000 Demonstranten und bildeten eine Menschenkette zum Schutz der al-Omari-Moschee. Am darauffolgenden Morgen stürmten die Sicherheitskräfte unter Einsatz von Tränengas und Heckenschützen die Moschee. Laut Angaben eines Krankenhausvertreters kamen dabei mindestens 37 Personen ums Leben, alle hatten Schusswunden. Die Regierung sprach von maximal 10 Toten und einem Einsatz gegen eine „bewaffnete Bande“, die zuvor einen Krankenwagen beschossen und dessen Besatzung getötet haben soll, und zeigte Bilder von Waffenfunden im Staatsfernsehen. Die Opposition und Menschenrechtsaktivisten sprachen von mindestens 80 Toten und veröffentlichten ein Video, in dem man sieht wie Demonstranten mit Tränengas attackiert werden und Schüsse zu hören sind.
In einer Fernsehansprache am 25. März kündigte Baschar al-Assad an, dass alle in den letzten Tagen festgenommenen Demonstranten freigelassen werden.
In Darʿā wurde eine Statue des früheren Präsidenten Hafiz al-Assad zerstört und Slogans gegen den Chef der Präsidentengarde, Maher al-Assad, gerufen. Es sollen mindestens 20 Menschen getötet worden sein.
Die syrische Regierung kündigte am 26. März die Aufhebung des seit 1963 geltenden Notstandsgesetzes an. Bei Protestkundgebungen in Latakia kamen bis zu sieben Menschen ums Leben.ORF: Aufhebung von Notstandsgesetz beschlossen 27. März 2011. Auch in Darʿā kam es immer wieder zu Schüssen auf Demonstranten. Es wurden Parolen gegen den Ausnahmezustand gerufen.
Der syrische Premierminister Muhammad Nadschi al-Utri trat am 29. März zusammen mit seinem Kabinett zurück.
April mini|Friedliche Demonstration für Assad in Duma am 8. April 2011 Es kam immer wieder zu großen Protesten mit mehreren 1000 Teilnehmern, darunter in Darʿā, Duma, Harasta, Qamischli, Hasakhe, Idlib, Baniyas, Hama und Homs. Dagegen berichtete das syrische Staatsfernsehen nur von mehreren kleineren Demonstrationen. Schwerpunkte der Proteste waren vor allem die Freitagsgebete und, mit der zunehmenden Anzahl von Todesopfern, Beisetzungen von Demonstranten. Menschen, die während der Proteste verhaftet wurden, berichteten, dass sie von Sicherheitskräften geschlagen, gedemütigt und als Verräter bezeichnet worden waren.
Mit dem Rücktritt des bisherigen Regierungschefs beauftragte Assad Adel Safar am 3. April mit der Bildung einer neuen Regierung.
Den Kurden in Nordsyrien wurde nach Demonstrationen der Bevölkerung von der Regierung zugesagt, allen syrischen Kurden die Staatsbürgerschaft zu erteilen.
mini|Demonstration für den Präsidenten Assad im April 2011 In Darʿā begannen am 8. April nach den Freitagsgebeten Protestzüge von drei Moscheen aus zu einem Gerichtsgebäude in der Stadt. An den Demonstrationen beteiligten sich mehrere zehntausend Menschen. Sie wurden von Sicherheitskräften angegriffen, nachdem aus den Reihen der Demonstranten das Feuer auf die Sicherheitskräfte eröffnet worden sein soll. Dabei seien 19 Staatsbeamte erschossen worden. Allein in Darʿā gab es mindestens 23 Tote. Darʿā wurde für mehrere Wochen zum Brennpunkt der Proteste. Insgesamt sollen in Syrien zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 100 Menschen im Zusammenhang mit den Protesten ums Leben gekommen sein.Bestürzung über Gewalt und Tote. faz online, Abruf: 11. April 2011, 7:55 Uhr.
In der Gegend von Baniyas sollen am 10. April Elektrizität, Telefon und Internetzugang unterbrochen worden sein. Zudem wurden Panzer aufgeboten, die zwei Tage später einen Vorort umstellt hatten.Drei Tote bei Protesten in Syrien. focus online, Abruf: 11. April 2011, 7:48 Uhr.Erneut Tote bei Protesten in Syrien. pr-online, Abruf: 11. April 2011, 7:50 Uhr. Auch in Latakia wurden Demonstranten von Sicherheitskräften mit scharfer Munition beschossen.
Am 13. April gab es nach Berichten von Aktivisten Demonstrationen an den Universitäten von Damaskus und Aleppo. Zwei Tage später demonstrierten in Damaskus mehrere zehntausend Menschen. Viele von ihnen forderten nicht mehr nur Reformen, sondern auch ein Ende der Assad-Regierung. Wieder gingen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen die Teilnehmer der Demonstration vor.
Nach mehrmaligen Ankündigungen hob Assad am 21. April den seit 48 Jahren geltenden Ausnahmezustand auf, womit eine der Hauptforderungen der Protestbewegung erfüllt wurde. Auch die berüchtigten Staatssicherheitsgerichte sollten aufgelöst werden. Der Ausnahmezustand war am 8. März 1963 verhängt worden, als sich die arabisch-nationalistische Baath-Partei an die Macht geputscht hatte. Er schränkte maßgebliche Bürgerrechte stark ein, ermöglichte willkürliche Verhaftungen und politisch motivierte Prozesse vor Staatssicherheitsgerichten, zu welchen oft unter Folter erpresste Geständnisse genutzt wurden.Neue Zürcher Zeitung vom 20. April 2011: Asad und seine Versprechen. Oppositionelle erachteten diese Maßnahme als unzureichend, da sich Angehörige der Staatsmacht nicht an die Gesetze hielten.Focus vom 21. April 2011: Syrien: Präsident hebt Ausnahmezustand auf.
Im ganzen Land gab es am 22. April nach den Freitagsgebeten die bisher größten Demonstrationen seit Beginn der Proteste. Die Rufe nach einem Rücktritt Assads wurden lauter. Zwischen 75 und 100 Menschen wurden dabei getötet, so viele wie noch an keinem anderen Tag der Proteste. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA sprach von 10 Toten.'Deadliest day' in Syria uprising. Todesopfer gab es unter anderem in den Städten Damaskus, Homs, Darʿā und Moadamia und Asraa. In der Folgezeit wurde die 700.000 Einwohner zählende Stadt Homs abgeriegelt und von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten.
Ab dem 24. April griffen mehrere 1000 Sicherheitskräfte mit Unterstützung von Panzern Darʿā an und führten Razzien durch. Die Stadt wurde von der Außenwelt abgeschnitten. Ein Sprecher der syrischen Armee erklärte, Bürger der Stadt hätten die Armee zum Eingreifen aufgerufen, um Angriffen durch extremistische terroristische Gruppen ein Ende zu bereiten. sana.sy, 25. April 2011, zuletzt abgerufen am 21. Oktober 2012 (englisch). Mehrere Menschen starben auch in anderen Städten des Landes. Als Regierungstruppen sich vor der Stadt Nawa sammelten, formierte sich bewaffneter Widerstand.Syriens Oppositionelle greifen zu Waffen. Wiener Zeitung, 25. April 2011, zuletzt abgerufen am 20. November 2013. Auch der Damaszener Vorort Duma wurde durch Armeepanzer und 2000 Sicherheitskräfte abgeriegelt.
Aus Protest gegen die Militäraktionen traten 200 aus der Gegend von Darʿā und 28 aus Banias stammende Mitglieder aus der regierenden Baath-Partei aus. In den nächsten Tagen folgten weitere Austritte.
Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen verurteilte in Genf die brutale Gewalt gegen Demonstranten und setzte eine Untersuchung zu den Todesfällen und anderer Verbrechen ein. US-Präsident Barack Obama setzte Sanktionen gegen syrische Regierungsmitglieder in Kraft. Erstmals riefen auch Vertreter der von Assad unerbittlich verfolgten Muslimbruderschaft aus dem Exil zur Beteiligung an den Demonstrationen auf.
Bis Ende April wurden etwa 500 Demonstranten getötet.
Mai 2. Mai In der Stadt Darʿā verhafteten Sicherheitskräfte 499 Personen und töteten nach eigenen Angaben zehn Personen. Die Sicherheitskräfte gingen dabei von Haus zu Haus; die Verhafteten waren männliche Personen im Alter ab 15 Jahren und wurden mit verbundenen Händen und Augen abgeführt. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur hätten Armeeeinheiten terroristische Gruppen gesucht, während ein Rechtsanwalt aus Darʿā sagte, die Sicherheitskräfte hätten aus Rache gehandelt.
In Damaskus fand erneut eine Demonstration von Frauen zur Unterstützung Darʿās statt, die wiederum gewaltsam aufgelöst wurde. Im Damaszener Vorort Harasta wurde ebenfalls eine Demonstration gewaltsam aufgelöst. In der Nähe von Qamischli nahmen 2000 Menschen an einer Trauerfeier für einen wehrpflichtigen Soldaten teil, der nach Angaben des Vaters von Sicherheitskräften getötet wurde.
3./4. Mai