Die Analytische Ontologie ist eine Teildisziplin innerhalb der Analytischen Philosophie. Wie die klassische Ontologie untersucht sie die allgemeinsten Merkmale und grundlegenden „Bestandteile“ der Wirklichkeit und wie diese „ineinander greifen“.Vgl. Keith Campbell: Abstract Particulars. Oxford 1990, S. 1. Sie fragt danach, was als fundamentale Arten des Seienden angenommen werden sollen (Dinge, Eigenschaften, Sachverhalte, Ereignisse, Prozesse etc.), wie diese zu verstehen sind und in welchen Abhängigkeitsbeziehungen sie zueinander stehen.

In der Analytischen Ontologie können naturalistische, phänomenologische und deskriptive Richtungen unterschieden werden. Das Gemeinsame der inhaltlich oft sehr unterschiedlichen Positionen stellt die Verwendung von formalen Hilfsmitteln dar; einige frühe Ansätze orientierten sich methodisch an einer Analyse sprachlicher Ausdrücke und Strukturen. Umstritten ist, ob so gefundene Grundstrukturen die Strukturen des Seienden an sich selbst widerspiegeln (realistischer Ansatz) oder primär Strukturen unseres Erkennens und Begreifens ausmachen, die auf ein erfahrungsunabhängig Seiendes nur projiziert werden (konstruktivistischer Ansatz).Vgl. Uwe Meixner: Einführung in die Ontologie. Darmstadt 2004, S. 11.

Die gegenwärtige Analytische Philosophie identifiziert in der Regel Ontologie mit Metaphysik. Sie beschäftigt sich mit fast dem gesamten Spektrum klassischer ontologischer Fragen, weswegen heute vielfach eine Gegenüberstellung von klassischer und analytischer Ontologie in Frage gestellt wird.Vgl. Meinard Kuhlmann: Artikel „Ontologie“, in: Hans Jörg Sandkühler u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Bd. 2, Meiner, Hamburg 2010.

Geschichte Der Beginn der Analytischen Philosophie war zunächst mit einer Ablehnung der Metaphysik bzw. Ontologie„Ontologie“ und „Metaphysik“ werden in der Analytischen Philosophie meist synonym gebraucht. Zum Wandel der Metaphysikauffassung in der Analytischen Philosophie vgl. Michael Loux und Dean Zimmerman: Introductions. In: Michael Loux, Dean Zimmerman (Hrsg.): The Oxford Handbook of Metaphysics. Oxford University Press, Oxford / New York 2003, S. 1–7; E. J. Lowe: Metaphysics. In: Dermot Moran (Hrsg.): The Routledge Companion to Twentieth-Century Philosophy. Routledge, London u. a. 2010, S. 440–468. verbunden. Diese richtete sich vor allem gegen idealistische Systeme wie die von Bernard Bosanquet und Francis Herbert Bradley. Die Elimination der Metaphysik wurde zu einem Grundanliegen der Analytischen Philosophie. Dennoch waren bereits in ihren Anfängen versteckt metaphysische Elemente enthalten wie etwa in den Bemühungen die philosophischen Probleme durch eine „Logische Syntax“ der Sprache (Rudolf Carnap) oder durch Begriffsanalyse zu lösen. Die wirkmächtigsten Strömungen dieser metaphysikkritischen Anfänge stellten dabei in den 1930er und 1940er Jahren der Logische Positivismus, nach dem Zweiten Weltkrieg die „Ordinary Language“-Philosophie in der Tradition des späten Wittgenstein dar.

Ab den frühen 1960er Jahren begannen sich die Vorurteile gegen die Metaphysik aufzuweichen und es entwickelte sich eine offenere Auseinandersetzung mit deren Fragestellungen. Am bedeutendsten waren dabei die Arbeiten von W.V.O. Quine und P.F. Strawson, die beide ihre Wurzeln in der antimetaphysischen Tradition hatten. Strawson, ein früherer Vertreter der „Ordinary Language“-Philosophie, entwickelte das Projekt einer deskriptiven Metaphysik, mit dem Ziel einer systematischen Charakterisierung der Strukturen und Begriffsschemata in unserer Sprache. Quine, der in der Tradition des Logischen Positivismus wurzelte, analysierte die „ontologischen Verpflichtungen“ (ontological commitments), die wir akzeptieren, wenn wir uns in bestimmten Diskursen bewegen. Strawsons Ansatz wurde vor allem in Großbritannien einflussreich, wo sich die Methode der Begriffsanalyse mit an Kant angelehnten Fragen nach den transzendentalen Bedingungen unseres Sprechens verband. Quines Ideen breiteten sich in Nordamerika aus, wo eine Debatte darüber entstand, zu welchen ontologischen Annahmen uns die Wissenschafts- und Alltagssprache verpflichten. Mit der Zeit erweiterten sich die Themenstellungen und es wurden schließlich alle klassischen Fragen der Tradition wieder aufgegriffen, wenngleich noch in punktueller und unsystematischer Form.

Seit Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich durch eine neue Generation analytischer Philosophen ein zunehmend unverkrampfterer Umgang mit metaphysischen Fragestellungen. Es entstanden umfangreichere systematische Arbeiten über metaphysische Themen wie die von Roderick Chisholm, David Armstrong und David Lewis. Chisholm und später Lewis entfernten sich dabei vom Vorbild Quines und sahen nun in der Tradition von G.E. Moore die mit der Alltagssprache aufgestellten ontologischen Verpflichtungen als gleichberechtigt zu denen der Wissenschaftssprache an. Großen Einfluss erlangte auch der australische Philosoph David Armstrong, dessen Arbeiten über das Universalien-Problem den vorherrschenden nominalistischen Konsens zurückdrängten und einen Neubeginn des metaphysischen Realismus ermöglichten.

Grundrichtungen Naturalistische Richtungen Die naturalistische Richtung der Analytischen Ontologie, zu denen u. a. Willard Van Orman Quine und Donald Davidson zu zählen sind, wurde entscheidend von der Metaphysikkritik des „Wiener Kreises“, insbesondere von Rudolf Carnap geprägt.Einen Überblick über die Grundströmungen der Analytischen Ontologie gibt: Edmund Runggaldier, Christian Kanzian: Grundprobleme der analytischen Ontologie, S. 17–52. Ausgangspunkt Quines ist die von Carnap übernommene These, dass das entscheidende Mittel zur Beantwortung ontologischer Fragestellungen die Wahl eines passenden Begriffsschemas (conceptual scheme) darstellt.Vgl. dazu die kritischen Überlegungen Davidsons in: On the Very Idea of a Conceptual Scheme. In: Proceedings and Addresses of the American Philosophical Association 47 (1973/74), S. 5–20; dazu: Jennifer Case: On the Right Idea of a Conceptual Scheme. In: The Southern Journal of Philosophy 35/1 (1997), S. 1–19.

Für Quine ist das Ziel der Ontologie die Klärung der Frage, was es gibt („What there is“).W. v. O. Quine: On What There Is (PDF; 2,0 MB), In: Review of Metaphysics. 2 (1948), S. 21–38, auch in: Ders.: From a Logical Point of View. 9 Logico-Philosophical Essays. Cambridge (Mass.)/London 1953, 2. Auflage. 1980, S. 1. (; PDF; 186 kB). Den grundlegenden begrifflichen Rahmen zu dieser Klärung gibt für ihn die physikalische Sprache ab. Sie bezieht sich auf physikalische Gegenstände (physical objects), die die fundamentalen Bestandteile der Wirklichkeit darstellen. Physikalische Gegenstände sind durch ihre räumlich-zeitliche Anordnung gekennzeichnet. Zu ihnen zählen sowohl die alltäglichen Dinge (physical things, bodies) als auch Ereignisse (events). Da für Quine sämtliche anderen Redeweisen in die physikalische Sprache übersetzt werden können, sind letztlich auch alle anderen Arten von Entitäten auf die grundlegende Kategorie der „physical objects“ rückführbar.

Phänomenologische Richtungen Die vielfältigen phänomenologischen Richtungen der Analytischen Ontologie gehen zurück auf die Philosophie von Franz Brentano und Edmund Husserl. Grundsätzlich stehen sie den Bestrebungen naturalistischer Strömungen, alle Kategorien auf eine Grundkategorie (Physisches bzw. physikalisch Beschreibbares) zurückführen zu wollen, kritisch gegenüber.

Einen besonderen Stellenwert in ihren Untersuchungen nimmt die Intentionalität des Bewusstseins ein (Peter Geach, Elizabeth Anscombe, Roderick Chisholm). Gemäß dieser Teilrichtung stellt dabei der Ausgangspunkt philosophischen Denkens die Reflexion auf das denkende Subjekt dar. Wenn wir allgemeine Strukturen der Wirklichkeit aufweisen und verstehen wollen, müssen wir uns fragen, wie wir als denkende Subjekte auf diese Strukturen Bezug nehmen. Chisholm spricht dabei vom „Primat des Intentionalen“; ohne die Bezugnahme auf intentionale Vermögen könne der Gegenstandbezug sprachlicher Ausdrücke letztlich gar nicht erklärt werden.Roderick Chisholm: On Metaphysics, Minneapolis 1989, S. 129.

Ein weiteres wichtiges Themengebiet der phänomenologischen Richtung stellt die Mereologie dar (Kevin Mulligan, Peter Simons, Barry Smith). In ihr wird im Anschluss an Anfänge bei Brentano und Husserl und den Arbeiten polnischer Logiker (Stanisław Leśniewski) die Theorie der Teil-Ganzes-Relation weiterentwickelt.

Ein drittes Anliegen ist die Erstellung „kategorialer“ Ontologien (Gustav Bergmann, Reinhardt Grossmann, Erwin Tegtmeier).

Deskriptive Richtungen Die deskriptive Richtung der Analytischen Ontologie, auch deskriptive Metaphysik genannt, ist eng mit dem Werk Peter F. Strawsons verbunden, der in seinen Arbeiten an die deskriptiven Ansätze von Aristoteles und Kant anschließt.P.F. Strawson: Individuals: An Essay in Descriptive Metaphysics. Methuen, London 1959. Strawson unterscheidet zwischen „deskriptiver“ und „revisionärer“ Metaphysik. Die deskriptive Metaphysik stellt die tatsächliche begriffliche Struktur dar, mit der wir die Welt erfassen, die revisionäre Metaphysik will sie durch eine bessere ersetzen. Ziel der deskriptiven Metaphysik ist es, den sprachinvarianten und zeitlosen Kern unseres Denkens zu beschreiben.Vgl. P. F. Strawson: Einzelding und logisches Subjekt (dt. von F. Scholz), Stuttgart 1972, S. 11. Dieser liegt als „Kern für das begriffliche Rüstzeug“ jedem Sprachgebrauch zugrunde.„The structure […] does not readily display itself on the surface of language, but lies submerged“ (Peter F. Strawson: Individuals, London 1959, S. 10) Die Frage nach den grundlegenden Strukturen unseres Begriffssystems ist dabei für Strawson untrennbar mit der nach den grundlegenden Strukturen der Wirklichkeit verbunden. Wesentliche Kategorien unserer Denkstruktur treten nicht schon durch die bloße Beschreibung des tatsächlichen Wortgebrauchs zutage, sondern erfordern transzendentale Analyse.

Fragestellungen Erkenntnistheoretische Probleme Linguistische Relativität und Unterbestimmtheit Eine grundlegende Fragestellung in der Ontologie betrifft das Verhältnis zwischen Ontologie und Sprache. Während in einem realistischen Ansatz (z. B. Armstrong) davon ausgegangen wird, dass das Seiende und seine Grundstrukturen an sich gegeben sind und sich mittelbar z. B. auch in Grundstrukturen der Sprache spiegeln, geht man in einem konstruktivistischen Ansatz (z. B. Strawson) davon aus, dass Grundstrukturen des Seienden an sich selbst nicht objektiv erfassbar sind, sondern lediglich die Strukturen beschreibbar sind, welche wir für entsprechende Projektionen gebrauchen. Ein solcher konstruktivistische Ansatz wird manchmal mit der These von der linguistischen Relativität verbunden, wonach verschiedene Sprachen auch verschiedene Ontologien implizieren.Vgl. Franz von Kutschera: Einführung in die Sprachphilosophie. 2. Auflage. Fink, München 1975, S. 289–344. In Hinblick auf den erkenntnistheoretischen Gehalt einer Ontologie ist zu unterscheiden zwischen dem Geltungsanspruch des Erkannten und dem Inhalt der Ontologie. Der Inhalt der Ontologie kann aus realistischer oder konstruktivistischer Perspektive gleich sein. Ein Realist vertritt dabei eher die Position, dass der Inhalt auch erkannt werden kann, während eine konstruktivistische Position sich eher auf eine intersubjektive Übereinstimmung abstützt.Vgl. Uwe Meixner: Einführung in die Ontologie. Darmstadt 2004, S. 12.